Eins, uneins, zerrissen, geeint?

von Georg Kasch

21. Dezember 2020. In diesem merkwürdigen Corona-Jahr ist so manches Jubiläum untergegangen, das mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Die Wiedervereinigung zum Beispiel. Hatte überhaupt jemand Lust aufs Feiern? Die Wessis rollen die Augen über die undankbaren Rebellen, all die Pegidisten, AfD-Wähler, Rundfunkgebührenhöhungs-Verhinderer, Corona-Leugner Ost – und fühlen sich von den explodierenden Infektionszahlen in Sachsen vermutlich bestätigt. Genau diese Arroganz bringt viele Ossis wiederum auf die Palme. Wiedervereinigung? Das soll man feiern?

Magdeburg: Abwicklung der Industrie

Die Spannbreite der Emotionen hat das Theater indes in diesem Jubiläumsjahr gut auf den Punkt gebracht. In Magdeburg etwa mit der Stückentwicklung "Tod der Treuhand": Regisseurin Carolin Millner erzählt anhand des Magdeburger Kombinats SKET, dem größten Schwermaschinenbau-Unternehmen der DDR, von der wirtschaftlichen Abwicklung eines ganzen Landes. Anfangs, vor dem Mauerfall, beschwert sich die SKET-Kulturbeauftragte noch darüber, wie schwer es ist, die Werktätigen statt in Rudi-Strahl-Komödien auch mal in einen Heiner-Müller-Abend zu schicken. Später versucht sie, im Westen Kultur zu machen. Nur hat da niemand auf sie gewartet. Außer jenem Manager, der Insider-Infos braucht, um die SKET im Auftrag der Treuhand kapitalismusfähig zu machen.

07 Philipp Heimke Christoph Foerster Treuhand c Nilz Boehme uDer Wessi (Philipp Heimke) und der Abgebaute (Christoph Foerster) in "Tod der Treuhand" © Nilz Boehme

Natürlich endet das wie so oft in der Abwicklung des Unternehmens. Millner hält sich nie mit inszenierten Wikipedia-Weisheiten auf, sondern bleibt immer konkret. In Dialogszenen bringt sie uns die vielen sozialen Zerreißproben nahe, zeigt diejenigen, die bis zuletzt an den Betrieb und seine Stärken glauben, an Zusammenhalt und Eigenverantwortung. Und jene, die den Absprung schaffen – manche in die Selbstständigkeit (in der sie dann die Ahnungslosigkeit der anderen Ossis ausbeuten), manche ins Nichts. Spürbar wird, dass die Wiedervereinigung und ihre wirtschaftlichen Folgen mit Arbeitslosigkeit, Prekarisierung, Identitätsverlust für viele Ostdeutsche ein traumatisches Erlebnis war, das bis heute nicht aufgearbeitet ist.

Millner verlegt die Handlung in ein Wasserbecken, durch das die Ossis als Meerfrauen und -männer waten. Wie die kleine Meerjungfrau, die an Land scheitert, straucheln auch sie unter den neuen Umständen. Wem es gelingt, der oder die macht im Anzug weiter. Das zielt sehr genau auf die Brüche und Wunden 1990ff., ohne simpel, karikaturhaft, witzig zu werden, wie es sonst oft geschieht. Manchmal wenden sich die Spieler*innen, die stets leise bleiben, verhalten, innerlich, einzeln oder chorisch ans Publikum, selbst dann noch nachdenklich. Man versteht intuitiv den Ost-Frust, der bis zu AfD und Corona-Leugnung führt, wenn eine inmitten des SKET-Ausverkaufs über die "Scheiß-Demokratie" stöhnt.

Cottbus: Diagnose "autoritärer Charakter"

Allerdings wird erst mit Ines Geipels Buch "Umkämpfte Zone" ein umfassendes Bild draus. Ihre These: Dass heute die Hälfte der Ostler fremdenfeindlich ist und in etlichen Regionen die AfD stärkste politische Kraft, habe mit den Kontinuitäten zweier Diktaturen hintereinander zu tun. Treffend zeichnet sie nach, wie sehr die DDR das Nationale betonte, wie das Fremde – jenseits der eher formelhaften deutsch-sowjetischen Freundschaft – meist das Böse war (man schaue sich nur diese Folge der von mir als Kind sehr geliebten Spielhaus-Kindersendung an, in der der brasilianische Gast, ein Papagei, alle Hausbewohner*innen gegeneinander aufhetzt). Geipels Diagnose der Ost-Gesellschaft: "autoritärer Charakter". Das Buch geht mit vielen Lebenslügen der DDR, mit mangelnder Aufarbeitung und dem Durchkommen der einstigen Täter hart ins Gericht.

umkaempfte zone 17 1000 Marlies Kroos freiGeister der Vergangenheit: "Umkämpfte Zone" in Cottbus © Marlies Kroos

Armin Petras hat das in Cottbus, wie berichtet, mit ein bisschen zu vielen Trostpflastern inszeniert, was verständlich ist, der Wucht des Textes aber nur bedingt bekommt. Dennoch ist die Inszenierung eine wichtige Position in der Aufarbeitung der DDR-Geschichte – und zur Nachahmung empfohlen.

Schwerin: Leben im Widerspruch

Gibt es eine Mitte, eine Versöhnung zwischen Ostverständnis und Ostschelte? Vielleicht in der Figur Gerhard Gundermanns, des durch Andreas Dresens hinreißendes Biopic und Alexander Scheers lässige Performance längst bundesweit berühmt gewordenen Sängers und Baggerfahrers. Gleich drei Abende widmeten sich im Herbst seinem Leben und seiner Musik, neben Magdeburg und Dresden auch Schwerin. Dort inszenierte Patrick Wengenroth mit Gundermann – Männer, Frauen und Maschinen keinen dieser typischen Liederabende, die entweder die Lebensstationen durchhasten oder die Texte nur dazu nutzen, um Best-Of-Songs aneinanderzureihen. Die Texte stammen von Wengenroth, der leitenden Dramaturgin (und zukünftigen Spartenchefin) Nina Steinhilber und dem Ensemble. Wengenroth ballt Gundermann- (und Weggefährt*innen-)Zitate so, dass sie die Themen – Kommunismus, Arbeit, Kunst, Stasi – umkreisen, sich ihnen annähern, die Zerrissenheit dieses Typen eher an- als ausdeuten. Gundermanns Lieder werden von der Band um Matze Kloppe oft nur angespielt, sind dramaturgisch genau gesetzt.

Gundermann1 560 SilkeWinkler u(K)Ein Liederabend vor den Resten der Arbeiterkultur: "Gundermann" in Schwerin © Silke Winkler

Auch die Inszenierung setzt auf das Raue, Unfertige. Anfangs klafft die Bühne offen bis in die Unterbühne und hinten ins Magazin hinein. Später türmen sich ein Strommast und ein Haufen Bauhelme vor den Musiker-Podesten. Für eine Wengenroth-Inszenierung ist der Abend erstaunlich ernst, konzentriert, klamaukarm – und das Schweriner Ensemble beweist ein weiteres Mal seine Qualität. Der Abend berührt, weil er ein Leben im Widerspruch zeigt, wie es für so viele Biografien steht. Ein Leben, das trotz Haltung, Kunst, Entschiedenheit gebrochen bleibt – und die zarte Poesie der daraus entstandenen Lieder doch nicht schmälert.

Theater vor Ort für die Menschen vor Ort

Auch wir erinnerten in den letzten Wochen mit einer Textreihe an die Wiedervereinigung. Intendant Christian Holtzhauer schreibt darin über die Bedeutung der Herkunft: "Womöglich ist es meine eigene Differenzerfahrung – die Erfahrung, eben anders geprägt worden zu sein als die Mehrzahl der Menschen um mich herum –, die mich antreibt, nach dem zu suchen, was uns zu dem gemacht hat, wer oder was wir sind, und nach dem, was uns künftig verbinden könnte." Nachtkritikerin Frauke Adrians beobachtet einen bis heute geteilten Humor. Und Regisseurin Juliane Kann befürchtet nach ihrer jüngsten Inszenierung in Meiningen, ein kosmopolitisiertes, an die Verhältnisse vor Ort kaum mehr anknüpfendes Theater zu machen: "Ich frage mich, ob bei unserem Vorgehen nicht genau das passiert: das Entstehen eines weiteren Echoraums, bei dem egal ist, wo wir Theater machen."

Bundesarchiv Bild 183 1989 1118 018 Berlin Grenzübergang Bornholmer Straße RobertRoeske uBerlin 1989: Grenzübergang Bornholmer Straße – mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung änderte sich für Westdeutsche wenig, für Ostdeutsche alles © Robert Roeske, Bundesarchiv Bild 183 1989 1118 018

Das ist in keiner der drei genannten Inszenierungen passiert. Sie alle zeigen exemplarisch, wie wichtig Theater vor Ort ist, wenn es denn Theater für die Menschen vor Ort macht. Das ihre Geschichten erzählt, ohne sich inhaltlich oder ästhetisch anzubiedern. Und dass es dann vielleicht auch egal ist, ob Regisseur*innen und Schauspieler*innen eine Ost- oder Westbiografie haben: Millner stammt aus Halle/Saale, Wengenroth ist gebürtiger Hamburger, Petras wurde im Sauerland geboren, wuchs aber in Ost-Berlin auf – ein Grenzgänger bis heute.

Allerdings fällt auch auf, dass es vornehmlich der Osten ist, der sich der Wiedervereinigung als Thema annimmt, wie schon Thomas Irmer in seinem Beitrag anmerkte. Klar, für Westdeutsche hat sich mit 1990 wenig geändert, für Ostdeutsche praktisch alles. Das spiegelt sich auch in den Texten wider, die wir für unsere Reihe 30 Jahre Wiedervereinigung angefragt haben. Dabei wäre ein weitergehendes Interesse füreinander, ein echter Austausch so wichtig! Denn es stimmt ja, dass der Osten ein größeres Nazi-Problem hat als der Westen. Und ja, vermutlich hat Geipel mit ihrer These recht, dass die DDR mit ihrer verfehlten Aufarbeitung der NS-Diktatur daran nicht unschuldig ist. Die Tendenz wäre aber vermutlich weniger ausgeprägt, wenn der Strukturwandel nach 1990 nicht so gravierend gewesen wäre und Akademiker*innen, Fachkräfte und junge Leute deshalb nicht in Scharen in die alten Bundesländer abgewandert wären. In der Soziologie wird die Umbruchsphase nach 1989 auch als Kolonialisierungserfahrung des Ostens angesprochen.

Heimat und Nicht-Heimat

Das entschuldigt nichts, auch nicht solche Entgleisungen wie jüngst in Zinnowitz auf Usedom, wo man es in Ordnung fand, dass Schüler*innen beim Wandertag Modelle von V2-Raketen aus dem Zweiten Weltkrieg unter anderem mit Hakenkreuzen verzierten. Museumspädagoge, Lehrerin, Journalistin – niemand schritt ein. Bekannt wurde der Fall nur, weil das Theater Vorpommern offen dagegen protestierte. Was einmal mehr die Wichtigkeit von Theater mit Haltung zeigt.

Was in diesem Theater mit Haltung aber auch im Osten immer noch zu wenig vorkommt, sind Perspektiven von Menschen, die zu oft nicht in erster Linie als Ost- oder Westdeutsche, sondern als Fremde wahrgenommen werden. In unserer Text-Reihe haben mich die autobiografischen Schlaglichter des Regisseurs und Bühnenbildners Atif Mohammed Nour Hussein besonders berührt, weil da ein Ostjunge über andauernde Fremdheitserfahrungen hüben wie drüben schreibt. Ich erinnere mich an 1990, als die Lehrlinge aus den "sozialistischen Bruderstaaten" wie Benin und Mosambik, die im Nachbardorf in einem ehemaligen Gutshaus untergebracht waren, plötzlich allein gelassen wurden. Niemanden schien im Taumel von Mauerfall und Wiedervereinigung zu interessieren, was aus ihnen wird.

Thomas Köck, ein gebürtiger Österreicher, hat aus der Situation der Vertragsarbeiter*innen aus Vietnam, die plötzlich ähnlich zwischen die Welten gerieten, sein Stück atlas gemacht, das Philipp Preuss, ebenfalls gebürtiger Österreicher, im Wendejubiläumsjahr 2019 in Leipzig mit beeindruckender Formstrenge uraufführte. Das Stück gewann den Mülheimer Dramatikerpreis – einer der seltenen Momente in den letzten Jahren, wo ein Thema der Wendezeit in die Mitte des nachwendedeutschen Diskurses rückte.

"Der Osten war Heimat mit seinen Theatern", endet Husseins Text: "Berlin ist immer noch Heimat. Deutschland – eins? uneins? zerrissen? geeint? – ist es nicht. Mit seinen Theatern? Vielleicht. Irgendwann." Wäre schön, wenn die Theater am Trauma Wiedervereinigung dranblieben, aber dabei auch von denjenigen erzählen würden, deren Geschichten viel zu selten gehört werden.

 

Alle Beiträge der Serie: 

Einführung ins Thema von Georg Kasch – Die Nackten, die Westler und der Osten
Teil 1 – Wie der Westler Christoph Nix ans (Ost)Berliner Ensemble kam
Teil 2 – Der Theaterkritiker Thomas Irmer über den Ost-West-Riss
Teil 3 – Reinhard Göber über das legendäre Parchimer Theater der Wendezeit
Teil 4 – Ist das Theater gentrifiziert? fragt Dramatikerin + Regisseurin Juliane Kann
Teil 5 – Kann der Intendant nur DDR? von Christian Holtzhauer, Intendant in Mannheim
Teil 6 – Warum Ost und West im Theater kaum noch zu unterscheiden sind, beim Lachen aber sehr wohl
Teil 7 – Atif Mohammed Nour Hussein über Erinnerungsspuren einer (Nicht-)Heimat

 
Kommentar schreiben