Warum geht er nicht an die Börse?

von Andreas Klaeui

Zürich, 1. November 2008. "Das ist aber ein schwieriges Stück. Ich bin mir nicht sicher, ob du das auch verstehen wirst", warnte mich eine respektlose Freundin. "Andorra", das Schweizer Lehrstück par excellence – durchgespielt und ausinterpretiert. Seit der Uraufführung 1961 am Zürcher Schauspielhaus war es auch an dieser Bühne manches Mal zu sehen, und es gibt kaum eine Schulklasse, die es nicht von der ersten bis zur letzten Szene durchgeackert und analysiert hätte.

Entrinnen nicht möglich

Es bietet sich dafür an, weil es selbst von pädagogischem Eros getragen und so modellhaft konstruiert ist. "Andorra ist der Name für ein Modell", erklärt Max Frisch in der Präambel zum Stück (weil man sonst darauf nicht gekommen wäre, würde meine respektlose Freundin anfügen). Ein gefundenes Fressen für Deutschlehrer.

In einer klaren Lehrmodellanlage inszeniert es Matthias Fontheim in Zürich. Ausstatter Johannes Schütz hat ein Huis-clos auf die Pfauenbühne gebaut. Ein U aus hohen Wänden, aus dem es kein Entrinnen gibt außer über die Rampe, und den Auftritt auch nur aus dem Zuschauerraum. Alle Requisiten liegen da schon bereit, alle Schauspieler sind in jeder Szene anwesend. Ein silbergraues Gefängnis, das Barblin (Lisa Mies) zum Sankt-Georgs-Tag weißzumalen sich anschickt, wie es der Brauch ist in Andorra - und die erste deutliche Metapher im Stück.

Der Jud, der keiner ist

Es hat wohl leider nichts an Aktualität eingebüßt in seiner Analyse von Ausgrenzung und Intoleranz, vom unterschwelligen oder nicht gar so unterschwelligen Antisemitismus – in der Parabel von Andri, dem Andern, der so anders und zum Juden erst wird, weil alle ihn als dies sehen und mit ihrem Blick dazu machen. Bis er sich in einem Acte authentique die fremde Identität aneignet. Daraus lassen sich auch heute noch prima Lehren ziehen. Und wenn der Tischler Andri rät, weil das Tischlern "so einem" ja nicht "im Blut" liegen kann, ganz im Gegensatz zu Geldgeschäften: "Warum geht er nicht zur Börse?", dann bekommt die antisemitische Pointe in unsern Tagen einen Mehrwert, der Max Frisch vermutlich einigermaßen amüsiert hätte.

Siggi Schwientek ist ein klasse Tischler, ganz der Typ geradliniger Handwerker, so geradlinig, dass er kein Jota vom einmal gefassten Vorurteil abweicht. Überhaupt hat Fontheim ein hervorragendes Ensemble: Stefan Walz als der Lehrer (es tragen ja nur Andri und Barblin Namen in diesem Stück, alle andern sind mit ihren Funktionen bezeichnet) – ein cholerischer, gebrochener Rebell; Marcus Kiepe, der Pater, ein feiger Gutmensch; die Mutter (Jessica Früh), der Wirt (Tomas Flachs Nóbrega), der Doktor (Willem Menne): alle machen sehr schön die ambivalenten Motivationen ihrer Figuren deutlich.

Ewiges Modell für Ausgrenzung

Einzig Fabian Krüger als der Soldat zieht einmal mehr die übliche blasierte komische Nummer ab. Es ist ja ein Jammer mit diesem so begabten Schauspieler! Warum nur kann er nicht mal wieder etwas anderes spielen? Der junge Stefan Graf als Andri wächst im Lauf des Abends vom schüchternen Jungen zur willensstarken Persönlichkeit. Da schaut man gerne zu. Außerdem kann er so niedlich ins Publikum strahlen, dass ihm die Teenagerherzen (aller Altersklassen) ohnehin zufliegen werden.

Aber immer, wenn in einer Szene der Theaterfunke endlich springen möchte, holt den Text dann doch wieder sein Modellcharakter ein. Daran kann auch dies Ensemble, kann Matthias Fontheims sorgfältige Inszenierung nichts ändern. Sie machen das Beste draus – konfrontieren die Figuren mit viel Spannung, bleiben auch im Hintergrund äußerst präsent, holen ein Maximum an Beklemmung aus dem Showdown. Schulklassen und Lehrpersonen werden ihnen dafür dankbar sein.

 

Andorra
von Max Frisch
Regie: Matthias Fontheim, Bühne und Kostüme: Johannes Schütz, Licht: Markus Keusch.
Mit: Stefan Graf, Lisa Mies, Stefan Walz, Jessica Früh, Verena Buss, Marcus Kiepe, Fabian Krüger, Tomas Flachs Nóbrega, Siggi Schwientek, Willem Menne, André Meyer, Ludwig Boettger.

www.schauspielhaus.ch


Mehr lesen über Matthias Fontheim: Im September 2008 brachte er Reiz und Schmerz von Bruce Norris in Mainz zur deutschsprachigen Erstaufführung. Im November 2007 fügte er, ebenfalls in Mainz, seiner Reihe von Simon-Stephens-Inszenierungen Christmas hinzu.

 

Kritikenrundschau

"Frischs perfekt gebautes Stück, so plakativ es wirken mag, könnte nach wie vor durchaus zünden", schreibt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (3.11.2008) über "Andorra". Doch der Inszenierung Matthias Fontheims am Schauspielhaus Zürich fehle grundsätzlich "Dringlichkeit und Nachdruck, sprich: eine koordinierte Regie." Sie illustriere den Text, "indem sie ihn brav nachbuchstabiert, mit mutloser Zaghaftigkeit. Das reicht nicht für ein Stück, dessen moralische Message nach klarer innerer Haltung verlangt." Stefan Grafs Andri werfe "viel zu wenig Lebendgewicht in die Waagschale der Ungerechtigkeit"; und während bei Frisch "Charaktertypen ... dem kleinkarierten Mikrokosmos Kontur" gäben, biete die Zürcher Aufführung "summa summarum eine Abziehbilder-Serie". Und auch "die Idee des Regisseurs ..., den leeren Raum zu kultivieren", komme "weniger originell als defensiv daher".

Über weite Strecken gehe es "ruhig und geordnet" zu in Fontheims "Andorra"-Inszenierung, meint Charlotte Staehelin im Tages-Anzeiger (3.11.2008). Fontheim arbeite, "im Gegensatz etwa zur Inszenierung von Samuel Schwarz von 400asa vor drei Jahren in Basel ... dezidiert unpolitisch. Sein 'Andorra' ist das alte allgemeingültige Modell in dezenter neuer Gewandung." Man fühle sich "wiederholt an eine Familienaufstellung oder ein Psychologie-Seminar erinnert, wo Verhaltensmuster nachgestellt und analysiert werden. Die Metaphorik ist klar gesetzt." Und doch hinterlasse die Aufführung "einen schalen Nachgeschmack. Denn diese Inszenierung eckt zwar nirgends an, engt aber ein. Sie lässt den Schauspielern zu wenig Raum, um spannende Figuren zu entwickeln" und nehme "zugleich dem Publikum das Vergnügen, den Stoff neu zu überdenken".

 
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