Wenn die Geister des Regenwaldes sich erheben

Zürich, 28. Oktober 2021. Sie schänden die Natur, sie schinden die Menschen – die Machthaber in Brasilien. Aber die Geister der Toten werden es ihnen nicht vergessen. Christiane Jatahy überträgt mit "Before the Sky Falls" Shakespeares "Macbeth" auf die heutigen Verhältnisse am Amazonas. Ein Meisterwerk.

Von Valeria Heintges

Wenn die Geister des Regenwaldes sich erheben

von Valeria Heintges

Zürich, 27. Oktober 2021. Was ist hier Schein, was Sein? Eine Raucherlounge mit ein paar Stühlen. Ein riesiger Spiegel, in dem sich der obere Rang des Zürcher Pfauen spiegelt, inklusive Publikum und Kronleuchter. Links und rechts je zwei Türen, mal mit Treppenhaus, mal ohne. Und je ein Bild, alte Schinken: Jan Vermeers "Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster" rechts, eine dunkelhäutige Frau mit Totenkopf links. Immer wieder schauen Kinder durch eine Tür, nur schemenhaft im Milchglas zu sehen, oder kommen Schatten die Treppe hinab. Irgendwas ist komisch – aber was?

Plötzlich merkt man es, auch wissend, wie das ist in Inszenierungen der brasilianischen Regisseurin Christiane Jatahy: Türen und Gemälde sind nur Schein, nur Video (Video: Julio Parente, Bühne: Thomas Walgrave). Wiebke Mollenhauer liest am Fenster, ganz leicht flattert der Brief zuweilen. Tititlayo Adebayo ruht auf einem roten Tuch, und auch die Türen und Treppenszenen sind gefilmt.

Toxische Rohstoffhändler um Macbeth

Dann erscheinen vier Männer, purzeln im Video die Treppe herunter, erscheinen dann auf der Bühne, beschwingt vom großen Geschäft, das sie gerade abgeschlossen haben. "Drei Milliarden", schwärmen sie immer wieder. Ein Landgeschäft mit Rohstoffen wie Holz und Gold, die im Boden schlummern. Sie sind völlig elektrisiert und euphorisiert und reichlich alkoholisiert. Perfekt bringen Daniel Lommatzsch als Macbeth, Benjamin Lillie als Malcolm, Matthias Neukirch als Macduff und Lukas Vögler als Seyton diese vibrierende Mischung von Alkohol, Machtrausch und Aggressivität, kurz: die ganze toxische Männlichkeit auf die Bühne. Innerhalb von Sekunden kippt die Euphorie in Aggression, wenn ein falsches Wort fällt, das dem neuen König nicht gefällt. Vor ihm müssen sich alle in Acht nehmen. Denn seine Wut – und sein Messer – können auch sie jeden Moment treffen. Und töten.

BeforetheSkyFalls1 Diana Pfammatter uParty bei den Militärs: im Vordergrund Matthias Neukirch als Macduff © Diana Pfammatter

Wer ist aber dieser fünfte Mann, der sich schweigend durch die Szenerie bewegt? Es ist Kay Kysela als Banquo, besser: als dessen Geist. Einer von vielen Geistern, die sich an diesem Abend eingefunden haben. Denn "Before the Sky Falls" basiert nicht nur auf Shakespeares "Macbeth" und Auszügen von Aufnahmen einer Versammlung zwischen dem brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro und seinen Ministern in Brasilia im April 2020. Sondern auch auf Davi Kopenawas Buch "The Falling Sky". Der Yanomani Kopenawa beschreibt darin die Philosophie seines indigenen Volkes, das sich eine von Geistern beseelte Natur vorstellt, die die Menschen umgibt und schützt – wenn sie nicht erzürnt wird.

Die verstummten Frauen

Macbeths Hexen und Lady Macbeth erscheinen als Geist. Auch die Damen aus den Bildern beginnen sich zu bewegen, legen den Brief aufs Bett und den Totenkopf auf den Boden. Und werden schließlich von Blut überschüttet. Denn Frauen sind in dieser Welt nur Mittel und Zweck. Zu Wort kommen sie nicht.

"Before the Sky Falls" heißt Jatahys Werk über toxischen Machismo, das sie nun endlich in Zürich zur Premiere bringen konnte. Es ist Teil 2 einer Trilogie des Horrors, die sie mit "Dogville" nach dem Film von Lars von Trier über Mechanismen des Faschismus begann und mit Sklaverei und strukturellem Rassismus in "After the Silence" abschließen will.

Jair Bolsonaro, der Ex-Militär, wütet in Brasilien wie ein Berserker, kümmert sich nicht um Hunderttausende Corona-Tote, lässt den Regenwald immer weiter abholzen, gefährdet die Schutzgebiete der indigenen Völker, umgibt sich mit korrupten Familien- und Regierungsmitgliedern und hat die Unterstützung für Künstler auf ein Minimum zusammengestrichen. Am Tag der Premiere empfahl der Corona-Untersuchungsausschuss des Senats ihn unter anderem wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuklagen.

Jair Bolsonaros Wüten gegen Natur und Menschlichkeit

Bolsonaros Wüten ist das große Thema von Jatahys Abend: sein Raubbau an Umwelt, Menschen und Menschlichkeit. Die Zerstörung des Lebensraumes der Kultur der Yanomani durch die Goldsucher, die den Wald abholzen und die Flüsse mit Quecksilber vergiften. Wie, fragt Jatahy, müssen Männer ticken, dass ihnen all die Folgen ihrer Unternehmungen so egal sind, dass sie sie achselzuckend in Kauf nehmen? "Und wir lassen uns auch nicht von einem verfickten Kothaufen irgendeines Indio abhalten", sagen die Militärs und klopfen sich auf die Schulter. Immer wilder treibt der Tanz auf dem Vulkan dem Höhepunkt zu.

BeforetheSkyFalls3 Diana Pfammatter uMacbeths Vertrauter und Opfer: Kay Kysela (rechts) spielt Banquo © Diana Pfammatter

Der Wald, die in ihm lebenden Indigenen, werden zum Palast kommen. Im Video erscheinen die Töpfe schlagenden brasilianischen Demonstranten. Und Kinder, die für ihre Zukunft kämpfen und die die demonstrierenden Brasilianer mühelos mit den "Fridays for Future"-Demos verbinden. Da rastet Macbeth aus, reißt die grauen Stellwände ein (der ganze schöne Schein – nur sechs Stellwände), sitzt in der Stille. Und dröselt gemeinsam mit Kay Kyselas Banquo noch einmal auf, wie es so weit kommen konnte.

Ganz innig verbindet sich der Yanomani-Text mit "Macbeth", Kodderschnauzen-Alltagsgerede mit Shakespeare, zuweilen eingeführt mit Quellenangabe: "Das sagst du im 3. Akt, 5. Szene". Alles mischt sich in diesem phänomenalen Abend: Video und Live-Performance, historisches und gegenwärtiges Drama. Mischt sich zur großen, wütenden Anklage gegen Populisten wie Bolsonaro und die globalisierte Wirtschaft, die im Regenwald unter zerstörerischsten Umständen Gold scheffelt. Und richtet sich auch gegen den Rohstoffhandelsplatz Schweiz, in dem Gold damals wie heute vom Dreck seiner Geschichte gereinigt wird.

Before the Sky Falls
nach "Macbeth" von William Shakespeare
unter Verwendung der Übersetzung von Angela Schanelec und dem Buch "The Falling Sky" von Davi Kopenawa und Bruce Albert
Inszenierung: Christiane Jatahy, Künstlerische Mitarbeit, Bühne und Lichtdesign: Thomas Walgrave, Kostüm: Paula Henrike Hermann, Musik: Domenico Lancellotti, Kamera: Paulo Camacho, Video: Julio Parente, Technische Entwicklung: Marcelo Lipiani, Lichtmeister: Frank Bittermann, Produktionsleitung: Henrique Mariano, Dramaturgie: Bendix Fesefeldt.
Mit: Daniel Lommatzsch, Kay Kysela, Matthias Neukirch, Benjamin Lillie, Lukas Vögler, im Video: Lian Gaia, Titilayo Adebayo, Wiebke Mollenhauer.
Premiere am 27. Oktober 2021
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

"Das Eigengewicht von 'Macbeth' ist letztlich viel zu gross, neben dem ausgeklügelten Plot über legitime und illegitime Macht wirken Kopenawas Worte und Warnungen unbeholfen und geradezu naiv. So naiv wie Christiane Jatahys Versuch, 'Macbeth' in den Dienst ihrer ökologischen Anliegen zu stellen. Die Absicht mag respektabel sein, allein es fehlt an Plausibilität", schreibt Ueli Bernays von der Neuen Zürcher Zeitung (Online: 28.10.2021).

"Grandios gelingt Jatahy der Zugriff mit Shakespeare auf die brasilianische Gegenwart", jubelt Michael Laages auf Deutschlandfunk Kultur (27.10.2021). "Was für ein zeitgenössischer Shakespeare da zu sehen ist! Nichts ist hier modisch und beliebig wie sonst derzeit so oft bei ‚Überschreibungen‘, alles folgt kraftvoll-politischer Konzeption. Der auch ästhetisch fremde, unverstellte Blick ist hier geschärft wie selten."

Alexandra Kedves vom Tagesanzeiger (29.10.2021) lobt die "umwerfenden Schauspielerleistungen". Dennoch fragt sie sich: "Wurde das unsterbliche Drama krass zusammengestrichen, um eine Agenda oder, schlimmer, Politpop zu bedienen?" Die Schauspielenden würden zwar offensiv die eigene Performance hinterfragen, aber im Schauspielschulmodus Textstellen zu repetieren und zu kommentieren, Akt- und Szenenangaben vorzulesen, sei oft auch eine Strategie, um Virtuosität auszustellen. "Und ja, gelegentlich hangelte der Zuschauer sich hier durch Längen – blieb jedoch trotzdem begeistert."

Andreas Klaeui von SRF2 Kultur (28.10.2021) findet die Konfrontation mit dem Kosmos der Yanomami sehr interessant, aber dieser Komplex werde nur angetippt, man bleibe hungrig zurück. "Und von Shakespeares Macbeth bekommt man Brocken zugeworfen, mit denen man wohl nicht sehr viel anfangen kann, wenn man das Stück nicht à fond kennt, so dass sich keine rechte Spannung aufbauen kann." In der Zeichnung der Männerfiguren bleibe Christiane Jatahy sehr oberflächlich. "Vieles zerfasert auch im Spiel und wirkt unkonzentriert. Aber bis zu einem gewissen Grad lässt sich die Arbeit ästhetisch schwer beurteilen, weil halt die Message so im Zentrum steht, gegen die man ja kaum was haben kann."

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