Tochtersprachen

12. Dezember 2021. Oma, Mutter, Kind – und allesamt wie Freundinnen? Ein intergenerationeller Mädelsabend also? Vielleicht – wenn nicht alles doch ganz anders wäre in Sasha Marianna Salzmanns Stück "Muttersprache Mameloschn". Nämlich traurig. Lustig. Aufgewühlt. Und ein bisschen tragisch.

Von Erich Nyffenegger

12. Dezember 2021. Das ist schon ein hartes Programm, das da die drei Bühnenfrauen im Konstanzer Spiegelsaal zu bewältigen haben: Holocaust, Identitätskrise, Ich-Suche, Ironie, sexuelle Selbstfindung, Antisemitismus in der DDR, Entfremdung, die Trauer um einen verlorenen Sohn, der zwar noch lebt, aber trotzdem unwiederbringlich weg ist. Und natürlich der Zwist zwischen den Generationen, wie er in den besten Familien vorkommt. Abnabelungs-Schmerzen. Eingedampft auf ein Trio aus Großmutter, Mutter und Tochter. Geworfen in collagierte Dialoge, die mal Briefwechsel, mal Telefonat oder mal unmittelbares Zwiegespräch sind. Manchmal mit leichtfüßig tänzelnden Erinnerungen, wenn die Oma sich in glorreiche Momente einer vermeintlich guten alten Zeit zurücksingt. Dann im Vakuum einer unerträglichen Gegenwart, in der keine der Protagonistinnen sich selbst geschweige denn die anderen noch erträgt.

Hässliche Flecken

Und die Zukunft? Ungewiss. Und verschachtelt, wie das intelligente Bühnenbild von Vincent Mesnaritsch als wild übereinander gestapelte Landschaft aus Kartonagen. Die auf jedem Quadratzentimeter nach Aufbruch schreit. Und dabei klotzig genug ist, um den drei Frauenfiguren die Perspektive zu verstellen, während sie sich selbst und ihren Gefühlen im Weg stehen.

Muttersprache Mameloschn 805 Will man da wirklich reingucken? Vergangenheit in Kisten © Bjørn Jansen

Die Großmutter Lin hält der Glaube am Leben, als überzeugte Kommunistin nach der Befreiung aus dem KZ in den besseren weil vermeintlich antifaschistischen Teil Deutschlands gegangen zu sein und damit das Richtige getan zu haben. Doch dieses Selbstbild bekommt hässliche Flecken. Einerseits, weil Lin in der DDR etwas erlebt hat, was es dort gar nicht hätte geben dürfen – und offiziell auch nie gab: Antisemitismus. Andererseits fällt ihr das Leben als Vorzeige-Jüdin, die sogar ins Ausland reisen und dort singen durfte, vor die Füße. Weil ihre Tochter Clara, mit der sie nun im fortgeschrittenen Alter zusammenlebt, als Kind den Preis dafür zahlen musste. Weil Mama nie da war. Und jetzt in der Gegenwartsebene des Stücks zu sehr da ist und Clara von ihr nicht loskommt. Weil zu Vieles unausgesprochen ist. Und der Versuch, es doch in Worte zu fassen, Schmerz bedeutet und aufbrechende alte Wunden.

Muttersprache Mameloschn 805 2Sabine Martin und Katrin Huke als belastetes Mutter-Tochter-Gespann © Bjørn Jansen

Die dritte Generation – Tochter und Enkelin Rahel – läuft dabei mit der ganzen Last eines jüdischen Erbes herum, das Mutter Clara erfolglos abzustoßen und abzutöten versucht. Und das sie ihrer Mutter Lin diffus vorwirft. Sodass das Stück auch davon handelt, was es heißt, als letztes Glied in der Kette dreier Generationen jüdisch zu sein im Hier und Heute. Und dass es für die junge Rachel, die zum Studium ins ferne New York aufbricht, schwer wird, all das hinter sich zu lassen. Besonders bildhaft wird das in der Szene, als Rachel eine in Aussicht gestellte Wohnung nur bekommt, wenn sie die Küche koscher hält. Und sie Oma Lin um Rat fragt, wie das zu bewerkstelligen sei. Und ihre eigene Mutter Clara dazwischen grätscht und faucht: "Willst Du Dir nicht lieber eine Wohnung suchen, wo Du einfach Du sein darfst?"

Regisseur Abdullah Kenan Karaca, der einen Salzmann-Text bereits am Münchner Volkstheater inszeniert hat, gelingt es über weite Strecken, die verschiedenen in sich greifenden Dialog- und Zeitebenen in der Übersicht zu halten. Damit die Zuschauer einerseits begreifen, was jetzt und damals war, was Brief und was direkter Dialog. Allerdings schränkt die Collage das Erleben eines Spannungsbogens deutlich ein. Was weniger an Karaca als am sprunghaften Text liegt.

Vergangenheit verschachtelt

Dafür stellen die Schauspielerinnen mit phasenweise ungemein starker Präsenz immer wieder den Kontakt zur Gefühlslage ihrer Figuren her. Um damit nicht nur sich selbst besser greifbar zu machen, sondern auch dem Publikum über Emotion Zugang zu verschaffen. Am besten gelingt das Katrin Huke als Clara, die genau zwischen den Stühlen von Großmutter und Enkelin sitzt. Ihre Zerrissenheit wirkt im Spektrum von Sarkasmus, Trauer, Angst, Resignation und verzweifelter Liebe zum Kind und der Wut auf die eigene Mutter nie aufgesetzt. Sabine Martin als Lin hat immer dann starke Momente, wenn Niedergeschlagenheit und Angst sie fortreißen. Als lebenslustige Seniorin, die altklug und kokett die beiden Jüngeren aufmischt, wirkt sie indes manieriert.

Pauline Werner in der Rolle der Enkelin Rahel hält die Balance zwischen freudiger Erwartung im Aufbruch und einer großen, fragenden Naivität. Sie ist damit vielleicht die echteste der drei Figuren, die einem tragischen Finale zusteuern, an dem nicht alles – wie dem gesamten Mädelsabend – ganz koscher ist. Was nichts daran ändert, dass "Muttersprache Mameloschn" in der Konstanzer Inszenierung ohne Anspruch auf Offenbarungen durchaus sehenswert ist.

Muttersprache Mameloschn
von Sasha Marianna Salzmann
Inszenierung: Abdullah Kenan Karaca, Bühne: Vincent Mesnaritsch, Kostüme: Elke Gattinger, Dramaturgie: Meike Sasse.
Mit: Sabine Martin, Katrin Huke, Pauline Werner.
Premiere am 11. Dezember 2021
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause.

www.theaterkonstanz.de

In der Reihe "Neue Dramatik in 12 Positionen" Sasha Marianna Salzmann auch über ihr Stück "Muttersprache Mameloschn". 

Kritikenrundschau

Julia Nehmitz schreibt St. Galler Tagblatt (13.12.2021) über Autor:in Salzmann: "Mit Humor und präziser Sprache seziert sie Sprachlosigkeit. Und verwebt Geschichte und Politik mitten hinein ins Private." Im "Erinnerungshaufen" und "Schachtelgebirge" entstünden "bedrückend starke Bilder". Aber: "Der Humor, der in Salzmanns Vorlage drinsteckt, er darf ab und an gegen die Schwere der Inszenierung aufblitzen."

"Was hier verhandelt wird, ist pure Gegenwart. Und die ist ätzend!" - das schreibt Manfred Jahnke in Die Deutsche Bühne (12.12.2021). Und meint dies durchaus lobend: "Es gibt Stücke, die kann man gar nicht oft genug spielen. Dazu gehört "Muttersprache Mameloschn" von Sasha Marianna Salzmann: ein verqueres Stück zur deutschen Identität." Im Bühnenbild aus "Kartonlandschaften" rücke der Regisseur das "Zwischen" ins Zentrum, "ein bisschen mehr Tiefenbohrung" hätte dabei aber gut getan, meint der Kritiker. "Salzmann schreibt wunderbare Dialoge. Sie verschweigen mehr, als sie aussagen, sie funktionieren quasi auf zwei Ebenen. Karaca ist dabei leider eher auf der Oberfläche geblieben."

 

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