Rutschen um die Poleposition

6. März 2022. Wer das Pech hat, sich auf den (Miet-)Wohnungsmarkt begeben zu müssen, tritt in einen gefühlt aussichtslosen Konkurrenzkampf ein. Aus den Verrenkungen, die Thomas Melle an den Bewerber:innen beobachtet hat, machen Elina Finkel und Anja Kożik einen Abend, der vom krachenden Boulevard ins Düstere gleitet.

Von Georg Kasch

6. März 2022. Eine Mietwohnung zu suchen, gleicht meist einer Lotterie: Man investiert in Schufa, Selbstauskunft, Bürgschaft, frisiert die eigenen Lebens- und Einkommensverhältnisse, wirft sich in Schale und alles in den großen Topf – und muss hoffen, trotz der Konkurrenz gezogen zu werden. Hundert Bewerber:innen pro Besichtigung sind in den großen Städten heute keine Seltenheit, da wird der Kampf um die vier Wände zum Survival of the fittest: Wer nicht doppelt verdient und ohne Kinder ist, hat schlechte Karten.

Eine Situation, die danach schreit, auf eine Theaterbühne zu kommen. Thomas Melle hat mit "Die Lage" 2020 das Stück zum Mietmarkt geschrieben. Vier Akte, die eher Variationen sind über das Thema Mieten und Kaufen: Was bedeutet es für uns Menschen, für das Grundbedürfnis Wohnen durchleuchtet und bewertet zu werden, um dann, wenn die eigenen Ellenbogen spitz genug waren, entsetzlich viel Geld für etwas zu zahlen, das eigentlich ein Menschenrecht sein sollte?

Die Maklerin als Animateurin und Popstar

Nach der Uraufführung in Stuttgart hat jetzt das Hans Otto Theater Potsdam Melles Stück auf den Plan gesetzt – die Mietsituation ist hier nicht viel besser als in Berlin nebenan. Entsprechend wissend klingen die Lacher im Publikum, wenn Melle und mit ihm die Regie die Boulevard-Maschinerie anschmeißen: Drei kinderlose Paare rangeln sich um die Poleposition, wenn Franziska Melzers aalglatte Maklerin im weißen Anzug als eine Mischung aus Animateurin und Popstar über die Bühne schwebt und die Daten der Wohnung anpreist wie in einer Erotikshow. Nur sieht man hier nicht die bei Melle bestaunten Altbauten mit Stuckdecken, sondern eine Schräge aus grob verfugten und glattgeschliffenen Rigipsplatten.

Glatt deshalb, weil diese von Ric Schachtebeck entworfene abschüssige Rampe natürlich ein reichlich eindeutiges, aber nicht minder wirkungsvolles Bild ist für die Lage der Bewerber:innen, die sich um die Wohnungen in bester Lage balgen: Oben steht die Maklerkönigin, eine Circe, die Menschen in gierige Tiere zu verwandeln weiß. Unten treten die Paare gegeneinander an, rennen, kraxeln, kriechen hinauf zur Entscheiderin, nur um im nächsten Moment abzurutschen.

Die Lagevon Thomas Melle Regie: Elina FinkelCo-Regie & Choreografie: Anja KożikBühne & Kostüm: Ric SchachtebeckDramaturgie: Alexandra Engelmann Auf dem BildPhilipp Mauritz, Franziska Melzer, Henning Strübbe, Charlott Lehmann, Janine Kreß, Hannes Schumacher, Mascha Schneider Foto: Thomas M. Jauk honorarfrei bei Nennung des Copyrights Balgen um Wohnungen in bester Lage: Das Ensemble des Hans Otto Theaters Potsdam © Thomas M. Jauk

Dass das ziemlich gut aussieht, liegt an Choreografin Anja Kożik – wenn sich das Wuseln ins Synchrone wendet oder aus dem Getrappel der Schritte ein Rhythmus herausschält, fehlt manchmal nur noch die Musik zum Musical. Zusammen mit Dramaturgin Alexandra Engelmann hat Kożik die Produktion auch zu Ende geprobt, nachdem Elina Finkel die Regie krankheitsbedingt abgeben musste.

Exkurse zu Toilettenschüsseln

Von Finkel dürfte das Konzept stammen, den Abend in 70 Minuten vom krachenden Boulevard allmählich ins Düstere gleiten zu lassen. Melle täuscht ja die verschiedensten Gattungen und Tonlagen an, lässt auch immer wieder Figuren entstehen, die zwar keine Namen und klaren Rollenzuweisungen haben, aber in der jeweiligen Situation doch Kontur gewinnen. Schon mit Janine Kreß' Vormieterin, die aus ihrer Bodenluke kriecht und den Besichtigenden verklickert, dass diese Wohnung eine Vorgeschichte hat und sie selbst raussaniert wurde, kommt ein anderer Ton ins Spiel. Später hackt eine Frau ihrem Mann aus Versehen mit dem Stöckelschuh ein Auge aus (ein Symbol, das seltsam in der Luft hängt). Am Ende, da wurde Wohnen längst zur sozialen Frage unserer Zeit erklärt, mündet der Abend in Bilder aus dem Untergrund, verzerrt auf die Schräge projiziert: "Die Räume werden immer kleiner / Und größer zugleich / Aber nicht für mich".

Das Problem dieses mitunter ziemlich lustigen, manchmal auch etwas auf der Stelle tretenden Abends ist, dass Melles Stück als Satire zündet, seine poetischen Betrachtungen zum Thema Wohnen aber seltsam luftleer klingen. Er umtänzelt die Problemlage eher, als dass er sie beim Schopfe packt, verheddert sich zum Beispiel in Exkursen zu Toilettenschüsseln.

Angeklebte Sozialkritik

Niemand erwartet von einem dramatischen Text politische Lösungen (die mit Erbschaftssteuer sowie sozialem Wohnungsbau und Rekommunalisierung längst auf der Hand liegen). Aber das bisschen Sozialkritik wirkt hier wie angeklebt. Auch, weil Menschen, die wirklich keine Chance auf dem Mietmarkt haben, Alleinerziehende etwa oder solche, deren Namen oder Aussehen als "fremd" wahrgenommen werden, als Figuren nicht vorkommen. Wie existenzbedrohend die Entmietung, wie ungerecht das Erben für sie ist, haben She She Pop in Oratorium einst wesentlich unverkrampfter spürbar gemacht. In Potsdam endet der Abend im Boykott: Niemand rührt sich, als die Maklerin ein letztes Mal aufgekratzt über die Bühne läuft. Das mag sie mal kurz aus dem Konzept bringen. Nur die Lage auf dem Wohnungsmarkt ändert sich so nicht.

 

Die Lage
von Thomas Melle
Regie: Elina Finkel, Co-Regie und Choreografie: Anja Kożik, Bühne und Kostüm: Ric Schachtebeck, Dramaturgie: Alexandra Engelmann.
Mit: Janine Kreß, Charlott Lehmann, Philipp Mauritz, Franziska Melzer, Mascha Schneider, Hannes Schumacher, Henning Strübbe.
Premiere am 5. März 2022
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.hansottotheater.de 

 

Kritikenrundschau

Angespannt sei nicht die Lage auf dem Wohnungsmarkt, sondern die Menschen, die ihr ausgesetzt sind: das wird in der ersten Szene von "Die Lage" für Lena Schneider von den Potsdamer Neuesten Nachrichten (7.3.2022) sehr deutlich. Krampfiges Lächeln, ungeduldiges Fingertrommeln – der Wohnungsmarkt mache die Bequemlichkeit gewohnten Angehörigen der Mittelschicht in Melles Text "zu brutalen Einzelkämpfern". Die Maklerin – gazellengleich: Franziska Melzer – halte ihr Casting im "Wohnungsdschungel-Camp" ab und lasse sich von einem Paar gar die Lautstärke von dessen Sex-Gestöhne vorführen. "Ihr Stöhnen geht über in ein Schluchzen", notiert Lena Schneider. "Immer wieder kippt der nur gut einstündige Abend vom überhöht Komödiantischen ins Existenzielle." Das liege einerseits "an der Wucht und spürbaren Wut" von Melles Text. Und kauere die Vormieterin auf einer Matratze in ihrer ehemaligen Wohnung, dann werde die Not von wegen Eigenbedarf gekündigten Mietern "schauerlich konkret".

In Kampfausrüstung kämen die Wohnungsbewerber:innen noch während des Einlasses als Kombattanten auf die Bühne, schreibt Frank Starke in der Märkischen Allgemeinen (7.3.2022). Lasziv ziehe oben auf der Schräge die Maklerin die Strippen, nach wenigen Informationen zur Wohnung begännen die "Scharmützel". Autor Thomas Melle verzichte anfangs auf eine detaillierte Figurenzeichnung und betone mit dem Chorischen das Allgemeine des Themas. Seine Überzeichnungen greife die Regie "mit Verve" auf und verleihe der Inszenierung, bis auf wenige Momente, etwas Leichtes, Boulevardeskes. Gehe es nach drei Wohnungsbesichtigungen ums Bauen, Kaufen, Erben, gerate Melle "ins Monologisieren und Moralisieren". Auch die Versuche der Regie mit Videoüberblendungen könnten nicht überdecken, dass das Theaterstück hier zum "wohlmeinenden Essay" werde.

 

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