Schlittern auf schiefer Ebene

26. März 2022. Alle reden von Freiheit und vom Willen des Volkes. Was aber genau Freiheit ist und was genau das Volk will, kann sich schnell ändern. Zumindest in Dagmar Schlingmanns Bühnenexperiment, wo Schillers Herrscherinnen zwischen Intrigen und Schnuffeldecken ihre Fehde austragen. Aber da ist auch ein Hauch von etwas anderem.

Von Jan Fischer

26. März 2022. Am Ende bleibt nichts. Traurig zieht da die einst stolze Königin Elisabeth ihre rosa Schnuffeldecke hinter sich her, vorbei an der Leiche ihrer einstigen Widersacherin Maria Stuart, während draußen das Volk Parolen skandiert. Denn die schiefe Ebene ist tückisch: Einmal beschritten geht es nur nach unten, und zwar immer schneller. Maria Stuart und Königin Elisabeth wissen das. Einmal, als sie sich treffen, vor dem Ende, die eine ist noch stolz und die andere nicht tot, treffen sie sich und schreiten sie – zwei Königinnen unter sich – Hand in Hand herab.

Ein Experiment

Intendantin Dagmar Schlingmann inszeniert Schillers Trauerspiel am Staatstheater in Braunschweig sehr zurückgenommen, fast wie ein Experiment. Vor jedem neuen Aufzug wird seine Nummer – 1 bis 5 – in großer, roter, säuberlich-serifenloser Schrift auf die wallenden, weißen Stoffbahnen projiziert. Diese Stoffbahnen, mal labyrinthisch arrangiert, mal in unsichtbarem Wind wehend, sind dann auch mehr oder weniger das gesamte Bühnenbild. Der Rest: ein Boxsack, der von der Decke baumelt und eine Art Reling, die von vorne nach hinten über die Bühnen läuft. Herzstück des Experiments ist sowieso die schiefe Ebene, die vom vorderen Bühnenrand an ansteigt, und über die beide Königinnen und ihre zahlreichen vor sich hin intrigierenden Berater:innen, Liebhaber:innen Freund:innen und Bekannte durch reichlich Bühnennebel dem unvermeidlichen bösen Ende entgegen schlittern.

MariaStuart4 Björn Hickmann uZwei Königinnen unter sich © Björn Hickmann

"Maria Stuart" lebt – meistens – von seinem Könginnenduo, den zwei Frauen, die das alles eigentlich nicht gewollt haben. In Braunschweig sind das Saskia Petzold, die als unnahbare Elisabeth mit feuerroten Haaren und ebensolchem Kleid ein wenig an die Herzkönigin aus Alice im Wunderland erinnert. Ihre Gegenspielerin, Maria Stuart, ist Saskia Taeger, die ihre Rolle verträumt-hemdsärmelig interpretiert.

Die Verbindung von Macht und Gewalt

Schlingmanns Experiment ist eines, in dem es um Macht geht. Darum, wie schnell sie in Gewalt umschlagen kann, und wie untrennbar beides miteinander verwoben ist. Die beiden Königinnen wollen den Thron von England. Ihre jeweiligen businessbeanzugten Entouragen, in ihre fragilen Allianzen eingebettet, wollen sie ebenfalls – entweder behalten, meistens aber mehr davon. Und schrecken dabei nicht vor Manipulation zurück, und am Ende noch nicht einmal vor Mord. Schließlich ist es nur Maria, die sich vom Machtstreben lossagt und um Vergebung bittet. Aber da liegt ihr Kopf schon auf dem Schafott, es ist zu spät und sie wird ein Opfer des Machtstrebens anderer Leute.

Parolen vor Palasttoren

Inmitten dieser cleanen Versuchsanordnung – die ein wenig an ein Klamottengeschäft erinnert, das nicht so tun muss, als seien die Klamotten teuer, weil sie es tatsächlich sind – wird dann auch die Wahrheit Opfer dieser Gewalt. Zwar reden alle ständig von Freiheit und vom Willen des Volkes, was aber genau Freiheit ist und was genau das Volk will, ändert sich recht schnell, je nachdem, welche Person spricht und auf welche Art sie sich erhofft, näher ans Zentrum der Macht zu rücken. Den beiden Königinnen gerät ihre Fehde auf der schiefen Ebene immer schneller und schneller außer Kontrolle und die Folgen sind durch die nur halb durchsichtigen Stoffbahnen und den dichten Nebel auf der Bühne kaum absehbar. Wahrheit jedenfalls gibt es nicht, nur Narrative, die immer irgendwem nützlich sind.

MariaStuart5 Björn Hickmann uIm Nebel des Machtstrebens © Björn Hickmann

Damit wird Schlingmanns Experiment der schiefen Ebene zu einer bitteren politischen Analyse dieser Gemengelage aus Macht, Gewalt, Lüge und egozentrischem Selbstzweck, in der es am Ende um eine Sache ganz bestimmt nicht geht: Das, was die Menschen auf der anderen Seite der Palasttore eigentlich wollen. Am Ende aber durchweht doch ein kleiner Hauch von Optimismus die Geschichte: Denn die Macht, in Form einer gebrochenen Elisabeth mit ihrer Schnuffeldecke, ist allein. Und die Menschen vor den Toren werden zusammen immer lauter. Ob das dann wirklich eine gute Sache ist, dazu schweigt "Maria Stuart".

 

Maria Stuart
von Friedrich Schiller
Regie: Dagmar Schlingmann, Bühne: Sabine Mader, Kostüme: Inge Medert, Musik: Alexandra Holtsch, Dramaturgie: Ursula Thinnes.
Mit: Saskia Petzold, Saskia Taeger, Georg Mitterstieler, Götz van Ooyen, Klaus Meininger, Heiner Take, Valentin Fruntke, Mattias Schamberger.
Premiere am 25. März 2022
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.staatstheater-braunschweig.de

 
Kritikenrundschau

Ein unförmiges Trumm aus Leder hänge auf der Bühne. "Die schottische Maria beweist in einer Situation, in der sie sich in ihrer Empörung mal wieder abreagieren muss, dass sie offenbar eine durchaus geübte Kickboxerin
ist", schreibt Martin Jasper in der Braunschweiger Zeitung (28.3.2022). Später werde sie daran Reckturnerin oder auch mal ein nasses Betttuch aufhängen. Saskia Taeger spielt eine "eine sehr agile, fitte, impulsive, jäh-
zornige, emotional wild schwankende, herrische, um nicht zu sagen herrschsüchtige Königin". Sie sei das paradoxerweise viel mehr als die Rivalin. "Im Spiel von Saskia Petzold ist in der mächtigen Elisabeth viel mehr Verletzlichkeit spürbar." Die Inszenierung von Dagmar Schlingmann bleibe dem Schillerschen Stück treu, so der Kritiker, und bringe keine eigenwilligen Regie-Impulse ein, abgesehen vom Boxsack. "Das Trauerspiel ist aber so spannungsvoll gestrafft, so unsentimental und gedankenscharf konzentriert auf die verzehrende Kraft, welche diese Frauen geradezu körperlich spürbar auf ihr Schattenboxen Nebel verwenden, dass es einen packt." 

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