Arbeitslos und Spaß dabei

22. April 2022. Oliver Haffner hat das Drehbuch seines Kinofilms "Ein Geschenk der Götter" fürs Theater umgeschrieben: Eine Gruppe Arbeitsloser wird vom Amt zu einem Schauspielkurs verdonnert. Der Frust ist groß, doch dann zieht die Bühne sie in ihren Bann.

Von Verena Großkreutz

22. April 2022. Das ist wahrlich keine ungewöhnliche Situation für Theater-Schauspielerinnen: die Nichtverlängerung ihres Vertrags. Vor allem, wenn frau schwanger wird. Oder wenn sie langsam auf die 40 zugeht. Wie die Schauspielerin Anna in Oliver Haffners Film-Komödie "Ein Geschenk der Götter" von 2014. Für das Theater Pforzheim hat Haffner jetzt sein Drehbuch umgeschrieben. Frank Matthus hat’s inszeniert.

Eine starke Szene, wenn Anna erstmals aufs Arbeitsamt muss: Von oben wirft eine Neonleuchte ihr kaltes Licht, unten auf nackter Bühne steht Anna, einsam und verloren. Über ihr auf erhöhtem Podest, vorm PC, hockt der Jobcenter-Sachbearbeiter, der gelangweilt seine Jobcenter-Fragen fragt. Ein treffliches Bild für die Macht- und Hilflosigkeit Annas, und dafür, was das System mit einem macht. Es ist im besonderen Maße die raffiniert minimalistische Ausstattung von Anne Weiler, die der Komödie von Oliver Haffner in Pforzheim ein wenig ihre Freundlichkeit austreibt.

Die Geschichte ist eigentlich gut. Die entlassene Schauspielerin Anna wird von einer theaterbegeisterten Jobcenter-Angestellten dazu genötigt, einer Gruppe von acht Langzeitarbeitslosen einen Schauspielkurs zu geben – als Ersatz für eine ausgefallene Computerschulung. Erst gibt’s Widerstände der Betroffenen gegen diese verpflichtende Fortbildungsmaßnahme. Und auch Anna findet es demütigend, sich um Laien kümmern zu müssen. Aber wie es in Komödien dieser Art eben so ist: Wenn der Funke zündet, dann läuft’s. Im Laufe der Probenarbeit zu Sophokles’ "Antigone" verbünden sich all die unterschiedlichen Einzelkämpfer*innen auf emotionale Weise zur eingeschworenen Truppe. Und am Ende gibt’s sogar einen bejubelten Auftritt im Stadttheater.

EinGeschenk1 Martin Sigmund uMit Elan zur Maßnahme © Martin Sigmund

In solchem Stoff steckt satirisches Potential. Erstens: hinsichtlich der arbeitsrechtlichen Situation an Theatern, was Machtmissbrauch, sexuelle Übergriffe, Rassismus, Altersdiskriminierung, Geschlechterungerechtigkeit angeht. Zweitens: was all die Kunstprojekte betrifft, in die sozial Schwache eingebunden werden und mit denen sich die bürgerliche Repräsentationskultur so gerne schmückt. Da singen, tanzen, spielen verhaltensauffällige Jugendliche oder Geflüchtete. Und was passiert danach? Und wer bekommt für seinen Auftritt eine Gage? Wer verdient daran eigentlich? Egal.

Aber das alles reflektiert Haffner in seiner Komödie nicht wirklich. Er will niemandem weh tun. Zwar sammeln sich in Annas Truppe allerlei Lebensdramen: etwa die im Friseursalon ausgebeutete Praktikantin Linda, Friederike, die Mutter zweier Kinder, die zuhause auch noch einen psychisch kranken Mann zu versorgen hat, Max, der Schulabbrecher und Analphabet oder der gebildete, aber arbeitslose Bibliothekar Alfred. Aber am Ende löst sich alles in Wohlgefallen auf, ohne dass die Probleme der Betroffenen auch nur annähernd gelöst wären. Egal.

Im Mittelpunkt steht die unreflektierte Idee eines Theaters, das per se gemeinschaftsstiftend ist. Selbst als das Arbeitsamt die Mittel für diese Art der Förderung und damit auch die Räumlichkeiten streicht: Sie machen trotzdem weiter. Der Schreiner im Team richtets, stellt seine alte Werkstatt zur Verfügung für die Proben, baut gar einen Thespiskarren! Und, oh Wunder, seine Probleme lösen sich. Aber nicht etwa dadurch, dass er eine neue, bezahlte Arbeit findet. Nein: Seine Frau, die ihn verließ, weil er sie geschlagen hatte, kehrt zu ihm zurück. Hmmm. Da beißt sich die unkritische Katze in den Schwanz.

Schlag auf Schlag

Aber langweilig ist der Abend beileibe nicht. Erstens: Weil es Schlag auf Schlag geht. Die erheiternden Auseinandersetzungen, die dieses so diverse Team während seiner Proben zu meistern hat, wechseln ab mit Blitzlichtern ins Vorleben der Protagonist*innen – szenisch hervorragend gelöst: Etwa, wenn sich flugs ein kleines Kreuz samt Grablicht in den leeren Raum schiebt. Davor mit gesenktem Haupt Hubert, der als Fahrlehrer arbeitslos wurde, weil er ein kleines Mädchen überfahren hat.

Zweitens: Weil es riesigen Spaß macht, dem Ensemble bei seiner Arbeit zuzuschauen. Michaela Fent spielt Anna absolut glaubwürdig: diese Wandlung von der gedemütigten und frustrierten Selbstdarstellerin zur energisch und engagiert zupackenden Pädagogin. Oder Leslie Roehm als Betty: Sehr authentisch in ihrer Verzweiflung gibt sie die ehemalige Kinderkrankenschwester, die durch ihren Beruf nach 30 Jahren körperlich am Ende ist. Und herrlich: wie Timon Schleheck den Dimitri, den Lebenskünstler griechischer Herkunft, spielt: diesen charismatischen Macho mit weichen Seiten. Wunderbar, wie er den Kreon gibt, mit pathetisch vibrierender, lautstarker Stimme und rollendem Akzent, fast keine Luft mehr kriegend vor lauter Engagement, und humpelnd, "weil ich’n Held bin?! Ich war im Krieg und jetzt bin ich König".

Anna, die entlassene Schauspielerin, landet am Ende in Athen, in Dimitris Armen. Und die anderen … ach … naja, ist doch egal.
 

Ein Geschenk der Götter
von Oliver Haffner nach seinem gleichnamigen Kinofilm (Uraufführung)
Regie: Frank Matthus, Ausstattung: Anne Weiler, Dramaturgie: Peter Oppermann.
Mit: Peter Donath, Michaela Fent, Kai Friebus, Anne-Kathrin Lipps, Markus Löchner, Bernhard Meindl, David Meyer, Johanna Miller, Leslie Roehm, Myriam Rossbach, Timon Schleheck, Nika Wanderer.
Premiere (UA) am 21. April 2022

Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater-pforzheim.de

 

Kritikenrundschau

Von einem "heiter-melancholischen Abend" und vor allem einem "Erfolg" spricht Nikolaus Schmidt in den Badischen Neuesten Nachrichten (22.4.2022), auch wenn er auf manche Szene wegen der Überlänge des Abends gern verzichtet hätte. Doch gelinge dem Regisseur Frank Matthus "unter Einsatz von Vorder- und Hebebühnen" mit Oliver Haffners Theaterfassung seiner gleichnamigen Filmkomödie ein "fließender Wechsel der Bilder, aus denen er liebevolle kleine Spielminiaturen stanzt."

 

 

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