Das Piaf-Material

von Regine Müller

Düsseldorf, 13. Dezember 2008. Da ist sie wieder, die alte Frage: Ist die Kunst vom Leben des Künstlers streng zu trennen oder wird sie erst durch dessen Biographie schlüssig? Die Trennung von Leben und Werk fällt ja vor allem da schwer, wo sich privates Schicksal als verstärkender Zusammenhang geradezu aufdrängt. Wie etwa im Fall der kleinen, großen Edith Piaf, deren wüstes Leben Legende ist. Ihren Status als französisches Nationalheiligtum hat das nicht im Mindesten gestört, im Gegenteil. Dennoch standen lange Zeit ihre unverwechselbare, penetrante und zu Herzen gehende Stimme und ihre verzweifelt lebens- und liebeswütigen Chansons im Vordergrund, Chansons, die längst unsterblich sind. Ihr Leben war Mythos, blieb Gerücht.

In letzter Zeit hat die Piaf jedoch auch als Person wieder Konjunktur. In diesem Jahr kassierte Marion Cotillard mit ihrer ans Mirakulöse grenzenden Anverwandlung an die Piaf in dem Film "La Vie en Rose" den Oscar als beste Schauspielerin. In Olivier Dahans nicht eben kitschfreiem Biopic zeigte Cotillard den "Spatz von Paris" als lebenshungrige, rabiate Person, die der eigenen Zerbrechlichkeit mit zäher Bockigkeit begegnete. Cotillards Piaf verzehrte sich vor Leidenschaft und war zugleich eine ewig zeternde Nervensäge, eitel verliebt ins hausgemachte Chaos, ein egozentrisch sentimentales Gossenweib und alles andere als eine Märtyrerin.

Das mäandert so vor sich hin

Nun hat die blutjunge und bereits vielfach ausgezeichnete Autorin Juliane Kann den Versuch unternommen, das Leben der Piaf auf die Theaterbühne zu hieven. Kanns Text versteht sich als "Material" und kombiniert lakonisch knappe Dialoge zwischen der Hauptfigur und zahlreichen Weggefährten mit ausufernden Reflexionen über das Phänomen Piaf, die keiner näher bezeichneten Person, sondern wohl eher einer Stimme aus dem Off zuzuordnen sind.

Diese Einschübe sollen die Dialoge überhöhen und die ansonsten karge Sprache mit Poesie anreichern. Tatsächlich bleiben sie fremd im Stück und spekulieren mäandernd vor sich hin. Die Dramatikerin Kann, die sonst eher mit sozialkritischen Jugendthemen reüssierte, hat vorab zu Protokoll gegeben, sie wolle kein allzu positives Bild der Sängerin zeichnen. So muss die arme Edith sich mit nur dürftigem Text begnügen und zum Zeichen ihrer prekären Herkunft beständig "Scheiße!" rufen.

Und sie singt doch!

Verwegener wird es freilich nicht. Und leider auch nicht differenzierter. Susanne Tremper als Piaf merkt man die Verzagtheit ob der dürren Vorlage an. Sie verlegt sich daher kurzerhand darauf, ihre kurzen Sätze mit verengter Stimme zu bellen und sich auf ihre Chansons zu freuen. Denn obwohl diese im Stück eigentlich gar nicht vorgesehen waren, spielen dann doch "La vie en rose", "Padam, Padam", "Sous le ciel de Paris" und "Non, je ne regrette rien" die eigentliche Hauptrolle des Abends.

Da hat die Uraufführungsregisseurin Daniela Löffners dem puren Text offenbar nicht getraut. Susanne Tremper singt die Evergreens mit treffsicherer Geste und intensivem Ton, die existentielle Hitze des Originals erreicht sie freilich nicht. Die locker verbundenen Szenen webt Daniela Löffners Regie mal grob, mal elegant zusammen und bleibt insgesamt unentschlossen, ob sie nun ein Musical oder ein existentialistisches Drama erzählen will.

In zahllosen undankbaren Rollen, stets durch Perückenwechsel angezeigt, sekundieren höchst achtbar Denis und Nadine Geyersbach, Milian Zerzawy und Christoph Müller. Doch der Abend zerfasert und dümpelt in flachem Gewässer vor sich hin, einzig belebt von den gegen Ende in hoher Schlagzahl folgenden Chansons. Da wurde offenbar in letzter Minute noch scharf eingekürzt. So dass schließlich doch bloß ein Liederabend übrig blieb.


Piaf. Keine Tränen (UA)
von Juliane Kann
Regie: Daniela Löffner, Bühne und Kostüme: Claudia Kalinski, Dramaturgie: Christina Zintl, Musikalische Leitung: Henning Brand, Licht: Hans-Joachim Börensen. Mit: Denis Geyersbach, Nadine Geyersbach, Christoph Müller, Susanne Tremper, Milian Zerzawy.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Zuletzt sahen wir am Düsseldorfer Schauspielhaus Heinrich von Kleists Familie Schroffenstein und Der Fall der Götter.

Mehr zu Juliane Kann: The Kids are all right im Februar 2008 in Stuttgart, für Birds gewann sie im Juni bei den 8. Hamburger Autorentheatertagen den Autorenpreis der Thalia Freunde.

 

Kritikenrundschau

Juliane Kann montiere in "Piaf. Keine Tränen" "kurze, manchmal lakonische Dialoge zwischen der Hauptfigur und ihren Liebhabern, Agenten, Sekretärin und Freundinnen mit Reflexionen über das Phänomen Piaf", schreibt Michael-Georg Müller in der Neuen Rhein Zeitung (15.12.2008). Dabei verstehe sie ihr Stück "nur als 'Material'", als welches es die Regisseurin Daniela Löffner auch nehme, die die Vorlage kürze und auch "mehr der Sogkraft der zehn Welthits" vertraue. Wenig erfahre man da noch "von der Abgründigkeit, Verkommenheit und dem Faszinosum" Piafs – bloß "ein bisschen Trauer und Melancholie hier, aufgekratzter Galgenhumor dort". Alle Emotionen mündeten in zehn Chansons, "die fast jeder Zuschauer mitsummen kann" und ohne die der Abend auseinanderfallen würde. Zwar klinge Susanne Tremper, "die mit sicherer Geste die Evergreens" zelebriere, als Piaf "verblüffend echt". Jedoch bleibt das alles für den Kritiker letztlich dann eben auch nicht mehr als ein Liederabend "im Mantel eines existenziellen Dramas".

 

 
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