Kleiner Mann, was nun?

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 3. Mai 2009. Woyzeck schaut müde aus seinem Parka. Wie irgendeiner von Millionen. Drei Jobs täglich machen ihn allmählich fertig. Marie, seine Frau, sieht Woyzeck kaum noch. "Geld oder Liebe", sagt sie ihm einmal, bevor sie beim Tanz Trost sucht, eine Warnung, die Woyzeck nicht annimmt.

Am Tag fährt er Päckchen aus, trägt sie in mausgrauen Wohnsilos von Tür zu Tür. Zwischendurch schneidet er die Zehennägel seines aufgequollenen Hauptmanns, der nur so heißt und eigentlich ein reiches, in einer Badewanne liegendes Ekel ist. Dann, am Abend oder nachts, löst er Andres Tambour ab, übernimmt dessen Schicht und verwandelt sich in einen Wachmann, der etwas inspiziert, das eine Firma sein könnte, ein toter Termitenbau oder sein eigenes Hirn: gespenstische Gänge mit einer verlassenen Schaltzentrale. In der Mitte des Labyrinths entdeckt der Suchende nicht den Minotaurus, sondern ein anderes Ungeheuer: sich selbst. Als Woyzeck erkennt, dass er betrogen wird, von der Firma, von seiner Frau und dem Kollegen, kommt der feine Schnitt durch Maries Kehle, der Filmriss. Woyzeck knallt durch.

Das Theater wird zum Kino. Der Kurzfilm um einen scheiternden Päckchenträger entstand in Zusammenarbeit mit der Filmakademie Ludwigsburg unter der Regie von Michael Baumann. Bei ihm schrumpft Büchners Woyzeck auf überschaubare menschliche Dimensionen im Hier und Jetzt: Bijan Zamani taucht in einen unterkühlten realistischen Bilderkosmos ein, in eine urbane Hölle kalten Feuers.

Durchdrehendes Hamsterrad
Die erste Szene: Schnee. Die letzte: eisiges Flusswasser. Dazwischen endlose Häusergänge, Tunnelröhren, Treppenaufgänge, Betonschluchten – M. C. Escher hätte seine Freude gehabt. Zielgerichtet taumelt Woyzeck auf seinen Untergang zu, und weil Zamani ein guter Theaterschauspieler ist, der auch mit wenigen Gesten mindestens eine verkorkste Geschichte und ein unrettbares Wesen offenbaren kann, bleibt dem Zuschauer im Kammertheater des Stuttgarter Staatsschauspiels ebenfalls kein Ausweg, als dem Hamster beim Durchdrehen im Rad beizuwohnen.

Die Frage, ob dieser Woyzeck, der ja einer von uns ist, halbwegs intelligent scheint und keine medizinischen Experimente durchleben muss wie seine Büchnersche Vorlage, nicht auch eine Alternative gehabt hätte, wird nie gestellt. Ja, es gibt den Hauptmann und den Doktor, die Ausbeuter, die Menschenschinder. Doch dieser Woyzeck wirkt eher wie einer, der an sich selbst leidet, Stimmen hört, ein heimlich Arroganter, der sich einbildet, irgendwie talentierter zu sein als die anderen, als Andres Tambour (ein wundersamer Sebastian Röhrle) etwa, der das Denken meidet und die Floskeln wie die Frauen liebt.

Und dennoch schreitet Woyzeck nicht zur großen Tat, er will eine liebe Familie, Kinder und ein selbstbestimmtes Leben, einen kreativen Beruf, schöneres Großstadtwetter und wahrscheinlich auch noch eine hübsche Fünfzimmer-Altbauwohnung fern aller Betonsilos und das befreiende Parka-Gefühl einer mutlosen Generation, die alles gleichzeitig will: Geld – und Liebe.

Opferlamm, Schlächter – und Jungspießer
Woyzeck als gehemmten, depressiven Jungspießer zu entlarven, ist möglicherweise ein unbeabsichtigter Mehrwert des filmischen Beitrags. Denn im Theater, unter der großen Leinwand, wo im Wechsel mit dem Film die Woyzeck-Geschichte erzählt wird, entfernt sich der Regisseur Eike Hannemann nicht so sehr von Büchner und versucht, die schicksalhafte Besonderheit dieses Anti-Helden zwischen Opferlamm und Schlächter auszuloten. Wo der Film Woyzeck auf ein Symptom reduziert, erhebt das Schauspiel den vermeintlichen Typus zum Individuum.

Auch hier wieder die selben Akteure: Bijan Zamani als Woyzeck, Nadja Stübinger in der Rolle einer ungeahnt kräftigen und mächtigen Marie. Die Bühne versinkt in einem glitzernden Meer aus leeren Plastikflaschen, ein poetischer Recyclinghof des Unnützen, jeder Schritt, jeder Fall erzeugt einen schmerzenden Laut, ein Knarzen und Quietschen wie im Kopf von Woyzeck.

Dort überlagern sich die Geräusche mit den Einflüsterungen des Hauptmanns (Peter Loth) und des Doktors (Rainer Philippi), welche manipulieren und stimulieren. Eine dauererigierte, unbefriedigte Gesellschaft, in der Woyzeck gestoßen, fallen gelassen, bedrängt wird. Er rasiert den Hauptmann, dem dabei die Hose schwillt. Er muss auf Kommando Natursekt produzieren und kann nicht. Er soll auf einen Rave mit seiner pinkschwarzen Lederlady Marie, die sich aber lieber von Andres Tambour schubsen lässt.

Leere Flasche Woyzeck
Am Ende stirbt sie qualvoll, geschächtet mit der Rasierklinge, die eigentlich einem anderen Hals galt, während auf der Leinwand in einer Parallelszene ein langer, nicht endender Kuss zwischen Marie und Woyzeck immerhin noch eine allerletzte Hoffnung aufscheinen lässt, bevor auch dort das Blut alles übertüncht. Das Experiment, Woyzeck den Trieb auszutreiben, den Willen abzuerkennen, misslingt und gelingt auf perfide Weise. Woyzeck hat endlich Ruhe, befriedigt treibt er mit einer Leiche auf einem Totenfluss, auf einem Kissenboot aus leeren Flaschen.

Die doppelte Buchführung wiederum, diese Collage aus Film und Theater, hinterlässt Lücken. Unruhe. Und ein Gefühl, dass man als Zuschauer um mindestens eine Geschichte betrogen wurde: um den Woyzeck im Theater, der mit dieser gewaltigen Marie an seiner Seite ein Großer hätte werden können.

Nicht einmal 90 Minuten dauert das Projekt, wobei die Kurzfilmer ihr Ding machen, klar, aber auch plakativ sagten, was sie sagen wollten, ihren Normalo-Woyzeck wie eine PET-Flasche aussoffen und auf die Bühne warfen, wo die Geduld fehlte, die Leere mit Tragik zu füllen. Zeit, einem zuzuschauen, der mehr ist als nur irgendein winziges Rädchen in einem Konzept.


Woyzeck
nach Georg Büchner
Regie (Film): Michael Baumann, Regie (Theater): Eike Hannemann, Dramaturgie (Film und Theater): Frederik Zeugke. Mit: Bijan Zamani, Nadja Stübiger, Peter Loth, Sebastian Röhrle, Rainer Philippi; weitere Rollen im Film: Stephanie Schönfeld, Jonas Fürstenau, Bernhard Baier, Gabriele Hintermaier.

www.staatstheater.stuttgart.de
www.filmakademie.de

Andere Woyzeck-Inszenierungen stammen von Martin Kušej (Juni 2007 in München), David Bösch (Oktober 2007 in Essen) und Volker Lösch (Oktober 2007 in Dresden).

Kritikenrundschau

Die Kollegin Nicole Golombek schreibt in den Stuttgarter Nachrichten (5.5.) unter der Überschrift "Mach dich doch mal locker, Junge!": Eine "Woyzeck"-Premiere sei angekündigt gewesen, zu sehen gewesen seien zwei. Ein Film, ein Theaterstück. "Jede der beiden Arbeiten überzeugt"; der Film mehr noch als die Bühnenarbeit. Im Bühnen-Woyzeck bewege sich nichts außer den Recyclingplastikflaschen, "dominantes Bild für eine Gesellschaft, die ständige Bereitschaft zur Veränderung fordert". Sie dienten "als Waffe, als Stuhl, als Schmuck". Der Bühnen-Woyzeck sei von Anfang an "in einer allerdings stark inszenierten, surrealen Welt verloren". Baumanns Film-Woyzeck hingegen dürfe sich entwickeln. Immer häufiger streite er mit Marie, zunehmend werde er von Visionen heimgesucht. "Hier zeigen die Schauspieler, dass sie auf der Leinwand mindestens so lustvoll spielen wie auf der Bühne". "Und doch ist eine Chance vertan, die Medien spielen nicht miteinander". Werde "simultan agiert", ginge die Zusammenarbeit "selten über überflüssige Kommentare hinaus". Es fehle der "Raum für Fantasie". Man erlebe "zwei räumlich übereinander gestapelte Arbeiten. Was als Kooperation von Staatstheater und der Ludwigsburger Filmakademie angekündigt war, erweist sich als Nebeneinander mit gelegentlichen Verdopplungen, Zitaten."

In der Stuttgarter Zeitung (5.5.) fragt Adrienne Braun: "Wie lässt sich ein Theaterstück, das fast zweihundert Jahre auf dem Buckel hat, modernisieren?" Im Falle von Georg Büchners "Woyzeck" seien zahlreiche Textpassagen gestrichen und dafür Sätze eingeschoben worden wie "Alles eine Frage von Change und Challenge" oder "mach dich mal locker". Das Bühnengeschehen wechsele zwischen realen Szenen und Filmsequenzen, die Michael Baumann gedreht hat. Doch die Spieler auf der Bühne täten sich schwer, weil Ausstatter Matthias Koch den Boden mit leeren Plastikflaschen übersät habe. Optisch mache das "viel her", die Flaschen ließen sich "imposant illuminieren". Statt der Ohrringe halte sich Nadja Stübiger als Marie zwei PET-Flaschen an die Ohren, die im Inneren leuchten. Die Filmsequenzen seien "deutlich präsenter" als die Szenen auf der Bühne. "Lange Kamerafahrten durch Stuttgarter Tunnel" symbolisierten die "panischen Zustände Woyzecks", mit seinen Päckchen hetze er durch "endlose Treppenhäuser". Auf der Bühne dagegen begnüge sich Regisseur Eike Hannemann damit, die Schauspieler durch die Plastikflaschen toben und tollen zu lassen, "ein billiger Effekt, der schnell penetrant wird, zumal man die Schauspieler bei dem Krach kaum noch versteht". Dieses "multimediale Spektakel" interessiere sich nicht für die "Abgründe und Deformationen der Büchner'schen Figuren, sondern allein für Effekte". Viel Aufwand könne eben nicht verbergen, "dass man wenig zu sagen hat".

 

 
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