Denn sie wissen nicht, was sie glauben

von Dirk Pilz

Berlin, 12. September 2009. Diesem Abend gehört ein besonderes Kapitel in der Theatergeschichte. Denn ihm ist die Erfindung eines neuen Figurentypus zu verdanken: der Hopser.

Der Hopser ist an seinem eigentümlichen Geisteszustand zu erkennen, ein Zustand extremer Sprunghaftigkeit, der alles erfasst: das Denken, die Gefühle, die Sprache. Vom Pathos zur Schnoddrigkeit, vom Edelmut zur Emotionsschlamperei ist es für ihn nur – genau: ein Hopser. Und weil Geisteszustände sich immer körperlich niederschlagen, ist dieser Figurentypus auch an seinem Gang abzulesen, einem tänzelnden, schwebend lässigen Dahin- und über alle Unterschiede Hinweggleiten.

Lässige Überspanntheit, eifrige Seelensprudelei
Der Hopser kennt weder Tragik noch Heiterkeit, alles liegt für ihn derart dicht beieinander, dass nichts mehr Verbindlichkeit beanspruchen kann. So gesehen hat er es gut: Nichts kann ihn treffen, berühren, aufwühlen. Was immer auch geschehen mag, er hopst einfach weiter. Dies' Bühnenwesen ist damit der treffliche Vertreter einer prominenten Denkungsart, die sich zum Vorteil rechnen darf, eine neidenswerte Unbedarftheit bewahrt zu haben.

In Barbara Webers Inszenierung der "Wahlverwandtschaften" zur Gorki-Saisoneröffnung ist der neuen Figurentypus in überwältigender Reinkultur zu erleben. Deshalb gilt ihr Respekt und Dankbarkeit: Das Hopsertum mag sich anderswo schon angedeutet haben, hier aber kommt es zu sich selbst.

Im Grunde ist es überflüssig, dass Britta Hammelstein in einer bezeichnenden Szene "hops, hops, hops" ruft, während sie treppab, treppauf die Bühne abmisst. Denn der Hopser in seinem Sein und Wesen war bereits mit dem ersten Auftritt der tapferen Schauspielerschar nicht zu übersehen.

Anja Schneider zum Beispiel räkelt sich an der Balustrade, schwingt das Bein und wippt die Worte, als hätte sie nie Figuren anderen Schlages ihr Können gewidmet. Wilhelm Eilers sitzt derweil auf einem kleinen grünen Stühlchen, was wir bedauern, denn wenn er an die Rampe schwebt, ist er als Meister im Hopserfach zu erleben. Barsch sind die Wechsel von lässiger Unterspanntheit zu eifriger Seelensprudelei, unvermittelt der Übergang vom hohen Gefühl zu bittrer Niedertracht. Schön die Musik zu alledem: ein laues Pop-Plätschern im Hintergrund. Passend auch die Bühne: ein schickes Sommerhaus mit Balustrade, Kamin und Eisbärenfell.

Bonbons im Mund
Wirklich störend ist nur die Textvorlage: Goethes 200 Jahre alter Roman über das traute Glück von Eduard und Charlotte, das zunichte wird, weil erst ein Hauptmann und dann Ottilie zum Sommerhausglück hinzustoßen – Eduard verliebt sich in Ottilie, Charlotte in den Hauptmann, und vorüber ist des Glückes holde Eintracht; am Ende sind Eduard und Ottilie tot.

Störend ist diese Geschichte für Webers Abend, weil Goethe mit einer Kategorie arbeitet, die sie ihre Figuren um des Hopsertums willen konsequent verneinen lässt: dem Schicksal. Bei Goethe ist es so, dass für die Figuren das Schicksal eine reale Macht darstellt, weshalb sie mit diesem auch zu kämpfen vermögen. Goethes Protagonisten sind aufgeklärte Schicksalsgläubige – sie wissen, woran sie da glauben.

Webers Figuren dagegen glauben qua Hopsertum an nichts, wissen also auch nicht, wovon sie reden, wenn sie vom Schicksal sprechen, was sie an diesem Abend viel und gern tun. Sie stehen deshalb dumm und stumpf vor einer Macht, mit der sie nicht ringen können, weil sie von ihr überrollt werden, wie Kinder, die erstmals Menschen in einer Fremdsprache auf sich einreden hören.

Sie sprechen auch so. Alle nehmen die Goethe-Worte wie exotische, unheimliche Bonbons aus unerforschten Weltbezirken in den Mund. Warum sie diese überhaupt lutschen, wissen sie selbst nicht so recht. Kinder eben. Sie führen kein Leben, sie verhopsen es. Das ist ihre Tragik; sie ahnen nur nichts davon.

Jenseits von Wut und Wille
Also ist es auch gleich, ob hier wer stirbt am Ende oder nicht. Also wechseln sie immerfort die Kleider und Stimmungen. Anja Schneiders Charlotte spitzt gern die Lippen, Britta Hammelstein darf als Ottilie in einer hübschen Nummer laut keifen, Wilhelm Eilers lässt seinen Eduard viel ins Weite dösen. Mal erzählen sie, was sie gerade tun, mal ironisiert es der Erzähler Johann Jürgens. Das Schöne ist – es spielt alles keine Rolle, weil diesen Figuren nichts von Belang ist. Frühere Zeiten nannten das Nihilismus, wir nennen es Hopsertum.

Denn Nihilisten zürnen den göttlichen Mächten, Hopsern ist aller Zorn, alles Wüten und Wollen unbegreiflich. Ottilie sagt bei Goethe: "Ich bin aus meiner Bahn geschritten, und ich soll nicht wieder hinein. Ein feindseliger Dämon, der Macht über mich gewonnen, scheint mich von außen zu hindern." Davon kann die Ottilie im Zeitalter der Hopser nur träumen: Sie hatte nie eine Bahn, aus der sie geworfen werden könnte.

P.S.: Sebastian Schipper hat "Die Wahlverwandtschaften" kürzlich verfilmt, unter dem Titel "Mitte Ende August". Ein schöner Film, frei nach Goethe. Der Film kam Ende Juli 2009 in die deutschen Kinos, das war vor der Erfindung des Hopsertums.

 

Die Wahlverwandtschaften
nach Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Barbara Weber, Bühne: Alexander Wolf, Kostüme: Sara Giancane, Musik: Michael Haves, Dramaturgie: Ludwig Haugk.
Mit: Anja Schneider, Wilhelm Eilers, Britta Hammelstein, Jürgen Lingmann, Johann Jürgens, Ruth Reinecke, Ulrich Anschütz.

www.gorki.de


Mehr lesen zu Barbara Weber? Im März 2009 brachte die vierunddreissigjährige Schweizer Regisseurin am Zürcher Neumarkt Theater eine ebenso präzise wie fröhlich-verzweifelte Theaterfassung von Lew Tolstois Anna Karenina heraus, die dem heutigen Glücksanspruch auf den Zahn fühlte. Ihr Projekt Die Lears kam im Juni 2008 den Wiener Festwochen heraus.

Mehr Wahlverwandtschaften? Martin Nimz hat den Roman im August 2007 in Frankfurt/Main inszeniert, Christoph Roos in Dresden und Hannes Rudolph in Mainz – beide im März 2008.

 

Kritikenrundschau

In Barbara Webers Inszenierung haben wir es nicht mit Menschen zu tun, sondern mit Karikaturen des Uneigentlichen, schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (14.9.). Wilhelm Eilers' Eduard ist ein "geistreichelnd-vertrottelter Egoist mit blondem Mittelscheitel und festgefrorenem Grinsen in den Wohlstandshängebäckchen. Er macht beim Dilettieren auf der Blockflöte dasselbe Gesicht wie bei den Küssen, die ihm Charlotte (Anja Schneider) mit musterschülerisch aufgeheizter Libido zu paartherapeutischen Zwecken aufdrückt." Das sei phasenweise ganz amüsant, "schneidet aber nirgends ins Leben." Nicht nur Treue werde als Witzbild aufgefasst, sondern auch die Liebe. Die Vorkrisen-Gegenwart, deren bürgerlicher Eskapismus in dem Roman ja durchaus scharf gespiegelt werde, "tritt nur in Gestalt eines 'Pianisten' auf: Johann Jürgens trägt Sonnenbrille und Bademantel und nutzt die schiefe Idylle als Wellness-Absteige." Fazit: "Ein gutes Leben zu führen heißt nicht nur Seen anzulegen und Ufer zu bepflanzen, sondern auch mal baden zu gehen. So viel kann man dem Abend immerhin entnehmen."

Die Regisseurin Barbara Weber scheine sich bei den "Wahlverwandtschaften" gefragt zu haben, ob man das ungestraft ernst nehmen darf oder ironisieren sollte - "und konnte bis zur Premiere leider keine Antwort finden", so Christine Wahl im Tagesspiegel (14.9.). "In frappierender Positionslosigkeit dümpelt der Abend vor sich hin: Da wird hier ein bisschen ironisiert, da ein wenig Bedeutsamkeit behauptet, dort ein Goethe-Häppchen weggenölt und hier wieder halbherzig aus der Rolle gefallen." Die Schauspieler hätten keine Chance. Nebenstränge und -personen wurde mit chirurgischer Sauberkeit eliminiert. "Man konnte Barbara Webers bisherigen Regiearbeiten einiges vorwerfen. Dass sie keine Perspektive auf ihren Stoff gefunden hätten, gehörte bislang nicht dazu. Insofern lässt einen die Ratlosigkeit dieser Inszenierung umso ratloser zurück."

"Goethe war gut" ist Jörg Sundermeiers Kritik im Berlinteil der taz (14.9.) übertitelt. Barbara Weber war es nicht, kann man schnell daraus schließen. "Goethe zeigt Respekt vor der Liebe, verhöhnt aber den Willen zur Romantik, der die Liebenden mehr beherrscht als ihre Liebe. Goethe zeigt, wohin, um es mit Haugk zu sagen, der "Vorgang des Verlierens der Beherrschung" führt." Das, so Sundermeier, könne man kritisieren, ignorieren kann man es nicht. "Weber aber ist alles suspekt, sie mag nicht den Gartenbau, die Landidylle, das Paarleben. Da sie jedoch diesen Text machen muss (wer zwingt sie?), lässt sie die Schauspieler alles veralbern; der gepflegte Spaziergang wird zum Gehopse, das gemeinsame Musizieren wird zum Individualgezappel, das ernste Gespräch zum neurotischen Geschrei."

Und Eva Behrendt schreibt in der Frankfurter Rundschau (14.9.): "Dass es hier aber um existenzielle Konflikte geht, die immerhin drei Menschenleben kosten, ist der mehr fleißigen als inspierierten Inszenierung ebenso wenig anzumerken wie ein näheres Interesse an den und Motiven der Figuren." Daran ändere auch der Kälteschock nichts, den Weber mit der beiläufigen Kindstötungsszene beabsichtigt haben mag, oder das zynische Schlussbild, in dem Lebende wie Tote zu einem dämonisch-harmonischen Gruppenbild gefrieren. "Vor den brodelnden Gefühlen davor und darunter hat sie sich - durchaus: mit Goethe - gedrückt."

"Regisseurin Barbara Weber muss Inhalt und Ton von Goethes spätem Roman so derartig gehasst haben, dass völlig unverständlich ist, warum sie ihn überhaupt zu Ende gelesen, in einen Theatertext umgeschrieben und inszeniert hat", meint Till Briegleb (Süddeutsche Zeitung, 15.9.). Zunächst tue sie "wirklich alles, um die berühmte Vierecksgeschichte wurzeltief lächerlich zu machen". Die Texte werden "von vier Schablonen neureicher Hohlheit entweder im tonlosen Akkord oder im süffisanten Affektgedudel gesprochen, während man dazu Blumen umtopft und Champagner süffelt". Auf der Hälfte der Strecke müsse ihr dann der Dramaturg, "der das Programmheft mit literaturwissenschaftlichen Analysen der politischen und gesellschaftlichen Aktualität des Stoffes vollgeschrieben hat", gesagt haben, dass das so nun doch nicht gehe, "weswegen die zweite Hälfte des Stückes zur Lächerlichmachung noch Monologe über den Sinn der Figuren enthält, die das Buch komplett an die Idiotie verraten".

 
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