Wir graben Ihrer Zukunft ein Zuhause

von Esther Slevogt

Berlin, 16. Oktober 2009. Der Anfang ist stark, die Szenerie unübersichtlich. Das fahle Licht Dutzender von Glühbirnen an meterlangen Kabeln dringt durch Nebelschwaden, aus denen sich bald ein junger Mann mit E-Gitarre an die Rampe drängt. Er singt im rauen Sehnsuchtston von der Jagd nach Glück und Ruhm, von der Jagd nach dem Goldenen Vließ. Dann hören wir vom Mord am Griechen Phryxus, der hier auf Kolchis jenes Vließes wegen ermordet wurde. Und bereits nach wenigen intensiven Minuten sind wir beim zweiten Teil von Franz Grillparzers monumentaler Trilogie "Das Goldene Vließ" angelangt.

"Die Ar-go-nau-ten", nölt Tino Mewes alias Absyrtus mit existenzialistischem Rockschmelz ins Mikroport und setzt satt vibrierende Töne auf der E-Gitarre nach. Singt von seiner Schwester Medea, die einem Fremdling verfiel, mit dem sie nun auch noch mitgehen will. Medea, ich liebe dich so, brüllt er herzzerreißend, fällt dabei auf die Knie und schmiert sich rotes Theaterblut ins Gesicht. Kenner von Grillparzers Original ahnen: Dies muss die Stelle sein, an der sich Medeas Bruder Absyrtus von der kolchischen Klippe stürzt, als Jason, der Verführer seiner Schwester, mit ihr flüchten will und ihn zuvor als Geisel nimmt.

Selbstironische Entsorgungsarbeit

Blutverschmiert steht Absyrtus noch einmal auf, um auch den Fluch seines Vaters Aietes über Medea ins Publikum zu werfen. Und dann wieder im Nebel zu verschwinden, aus dem er kam – von wo er im Laufe des Abends immer mal wieder auftaucht, um aus dem Jenseits der abtrünnigen wie unglücklichen Schwester ins Gewissen zu reden, als sich der väterliche Fluch bereits erfüllt hat.

So weit, so cool. Und auch höchst selbstironische Entsorgungsarbeit am Grillparzer-Pathos, dessen erste beide Trilogie-Teile nach, sagen wir sieben Minuten abgehandelt und auf den Sperrmüll verfrachtet worden sind. Allerdings fragt man sich, als sich die Nebel gelichtet haben, ob dies wirklich eine richtige Entscheidung war. Wir sind unversehens bei Teil drei der Trilogie, bei "Medea" angelangt: eine weiße, endzeitige Sperrmüllandschaft mit Plastikstühlen, weiß gestrichenen Bierkisten, Bildschirmen und Möbelfragmenten, in denen drei überlebensgroße Bambi-Figuren stehen, die aussehen, als stammten sie aus einem alten Märchenpark.

Mittendrin in diesem Drehbühnenchaos ein Paar, dessen Körpersprache sofort unmissverständlich klar macht, dass es sich nichts mehr zu sagen hat – Jason und Medea, gewandet in eine Prekariatsuniform: sie mit Blümchenunterrock, er mit schlabbriger Cargohose. Die beiden sprechen von Flucht und dass sie nirgends Aufnahme finden. Allerdings weiß man nach dem lockeren Vorspiel nicht wirklich, wovor sie eigentlich fliehen. Und auch nicht, worin das Verhängnis oder gar die Verwerfungen bestehen, die hier offensichtlich zu einem enormen sozialen Absturz geführt haben. Jason will es nun bei König Kreon versuchen, allerdings fürchtet er, dass der nur ihm selbst und den Kindern, nicht aber ihr, der Barbarin, Zuflucht gewähren wird. Und kann dann doch auch für sie Asyl erwirken, wenn auch nur kurz.

Das Tragische lässt sich nicht herunterrechnen

Der einunddreißigjährige Regisseur David Bösch hat in seiner ersten Berliner Regiearbeit das Stück im Kontext der Spielzeitauseinandersetzung des Deutschen Theaters mit dem Fremden inszeniert und das Fremde nicht ethnisch, sondern sozial interpretiert. Seine Medea (Katrin Wichmann) ist, wie es scheint, ein komplexes Unterschichtskind, das nun dem Gatten (Alexander Khuon) die Rückkehr in den Mittelstand unmöglich macht; der dann kaum, dass er sich zur Entscheidung durchgerungen hat, Medea zu verlassen, die schmuddeligen Cargohosen in spießiges Flanell eintauscht. König Kreon (Sven Lehmann) ist ein aasiger Unternehmertyp, der sich anfangs nur schwer dazu durchringen kann, den verlorenen Sohn seines einstigen Geschäftspartners wieder aufzunehmen. Dann aber doch das adrette Töchterchen Kreusa (Claudia Eisinger) mit ihm verheiraten will.

Aber all das wird nicht sehr plausibel, denn die Figuren sprechen, wenn auch radikal gekürzt, immer noch den Text von Grillparzer, der vom Fremdsein, der Gier nach Glück, Schuld und Verhängnis, von Königen und Königreichen handelt, nicht von Unternehmern und ihren abtrünnigen Söhnen. Vom Goldenen Vließ und nicht von einem Bausparvertrag. Das Drama von 1821 lässt sich auch in seiner Rumpffassung nicht einfach auf das Format einer Beziehungsgeschichte zwischen Strindberg und Vorabendserie herunterrechnen. Weil den Figuren mit dieser Umwidmung die Fallhöhe abhanden kommt, aus der die tragischen Konflikte resultieren.

Klassische Theaterzimmerschlacht

Die Beziehungsgeschichte ist allerdings packend und voller Empathie für beide Figuren, für Jason und Medea, inszeniert und wird von Khuon und Wichmann mit großem emotionalen Einsatz gespielt – eine klassische Theaterzimmerschlacht mit hochkarätigen Boulevardtönen: wenn das Paar im Ehekrieg unvermittelt von der physischen Aggression in den Austausch alter Zärtlichkeit verfällt, weil sich ihre Körper erinnern, dass sie sich einst liebten. Wie Alexander Khuon seinen Jason als Zerrissenen zwischen den wilden Jugendträumen von einst, für die noch Medea steht, und seiner Sehnsucht nach dem Establishment, einem anständigen Job und geregeltem Einkommen spielt. Und Katrin Wichmann die Medea als gnadenlos verzweifelte, aber auch hilflose Frau, die sich schließlich der männlichen Macht fügt.

Selbst dem Schluss kann man etwas abgewinnen. Dass Bösch offen lässt, ob Medea die Kinder wirklich ermordet und nicht nur in ihrer Phantasie mit diesem mörderischen Gedanken gespielt hat, ist in seinem Realismus fast berührender, als der Schrecken der Tragödie es gewesen wäre: Medea, die am Ende resigniert vor dem Fernseher hängen bleibt, während Jason mit zwei Koffern und zwei Paar Stiefeln kommt – offenbar gewillt, der Ex nun doch beide Kinder statt nur eins zu überlassen. Trotzdem bleibt der Versuch, dem schwerblütigen Grillparzer-Drama nicht nur den Grillparzer sondern auch die mythische Wucht auszutreiben, ein Verlust.

 

Das Goldene Vließ
von Franz Grillparzer
Regie: David Bösch, Bühne, Patrick Bannwart, Kostüme: Falko Herold, Musik: Karsten Riedel, Dramaturgie: John von Düffel. Mit: Katrin Wichmann, Alexander Khuon, Tino Mewes, Sven Lehmann, Claudia Eisinger, Stephan Richter.

www.deutschestheater.de

 

Weitere Inszenierungen der Grillparzer-Trilogie Das Goldene Vlies (manchmal mit "s", manchmal mit "ß" geschrieben) hatten unter der Regie von Karin Beier im Mai 2008 in Köln und unter der von Robert Schuster im Mai 2007 in Leipzig Premiere.

 

Kritikenrundschau

Mit Franz Grillparzers "Das Goldene Vließ" habe es gegolten, das Deutsche Theater in Berlin zu erobern, schreibt Ulrich Weinzierl in der Welt (19.10.2009) und vermeldet ernüchtert: "Der Angriff ist fehlgeschlagen, und zwar auf denkbar läppische Weise." Da radikal gestrichen worden sei – "ratz-fatz: alles hin" – benötige Regissuer David Bösch lediglich eineinhalb Stunden: "Leider wirkt selbst das zu lang." Im "kruden Vernichtungsdrama" um Medea stecke "unbändige, abgründige Gewalt – und dank Grillparzer, der ein literarischer Vorläufer Sigmund Freuds war, verblüffend genaue Seelenanalyse. Durch sie, eine Art poetischer Gerechtigkeit, wird selbst das Unfassbare erschreckend begreiflich. Nichts davon bei David Bösch. Katrin Wichmann ist, vom Bloßfuß bis zum Blondschopf, keine Medea. Die Wildheit der Fremden zeigt sich einzig und allein daran, dass sie ihre hausfraulichen Pflichten vernachlässigt, die Wäsche schlampig aufhängt." Diese "sterbensmatte Produktion" sei "nicht Hauptstadttheater, eher tiefste Provinz".

Die im "Goldenen Vließ" eingesetzten DT-Schauspieler haben bei Irene Bazinger (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2009) "hauptsächlich Mitleid" erregt, "weil David Bösch mit ihnen und Grillparzers Stücken offensichtlich rein gar nichts anzufangen wusste. Medea und Jason ziehen sich – ratlos, heillos, mutlos – auf den kleinsten Nenner ihrer großen Leidenschaftstragödie zurück: Sie küssen und sie schlagen sich ein bisschen, und dann zanken sie um die Kinder. Das wirkt, als wäre eine moderne Durchschnittsfamilie in die Krise geraten, die Suppe versalzen und das Konto gesperrt." Katrin Wichmann als Medea gelängen "mitunter Momente nüchterner Härte, in denen die Erinnerung an das vergangene Glück mitschwingt", Alexander Khuon als Jason sei dagegen "von Anfang an ein Waschlappen, dem niemand den kühnen Abenteurer glaubt, der in der Ferne das goldene Vließ geraubt hat".

Das Bühnenbild von Patrick Bannwart sei wunderbar, konzediert Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (19.10.2009): "eine Schutt- und Staublandschaft mit Plastikstühlen, Staubsauger, Kühlschrank, alles weißlich überzogen. Hervorragend würde es sich zum Beispiel für ein post-realistisches Stück wie Sarah Kanes 'Zerbombt' eignen. Hier aber ist es die Kulisse für die verstiegene Behauptung einer Tragödie. Denn Bösch lässt seine Darsteller zwar den Grillparzer-Text aufsagen, lässt sie also Worte wie 'Frevel', 'Bann', 'Götter' sprechen, aber sie klingen bei ihnen wie 'Mutti', 'Aua' und 'Hallöchen'." Die Schauspieler seien in einem Dauerdilemma: "Sie müssen hochtrabende Worte abwickeln, jede Fallhöhe ist ihnen aber genommen. Die Folge ist hohles, ratloses Illustrieren: Geht die Stimme in die Höh', werden die Arme in die Luft gestreckt, ist von Leid die Rede, werden die Schulten eingezogen." Überhaupt sei die ganze Inszenierung "ein einziges Achselzucken vor dem Stück, dem Fremden, den Figuren." Der Abend habe "keine Bilder, keine szenische oder psychologische Logik, keine in welche Richtung auch immer weisende künstlerische Dimension".

In David Böschs Inszenierung sei Medea "viel mehr zermürbte Ehefrau als dämonische Fremde", schreibt Simone Kaempf in der Berlin-Ausgabe der tageszeitung (19.10.2009). "Verletzt von ihrem Schicksal in der Vergangenheit und jetzt vor allem von ihrem Mann Jason, der Belehrungen parat hat, aber keine Gefühle mehr hegt. Alexander Khuon spielt ihn voller Zerrissenheit, halbherzig ringt er sich zur Trennung durch, die im Stil einer klassischen Wohnzimmerschlacht ausgetragen wird. (...) Aus den Liebenden sind Hassende geworden, und wie Khuon und Wichmann das spielen, ohne Overacting, mit nach innen gerichteten Gefühlen, erwecken sie die Schmerzen dieser Trennung eindringlich zum Leben." Das Drama der Entzweiung mache "die Qualität von Böschs Inszenierung aus", es überdecke "allerdings auch Medeas und Jasons Vergangenheit, in der ihre Trennung doch erst begründet liegt".

Ein "Abend der leeren Begierden" schreibt Patrick Wildermann im Berliner Tagesspiegel (18.10.2009)
. Bösch zeige eine Paarbeziehung in der Krise, nicht den Clash der Kulturen, auf den in Grillparzer-Deutungen gern abgehoben werde. Aus gutem Grund gelte Bösch als Regisseur, der sich auf große Emotionen verstehe und weder Kitsch noch Pathos fürchte. Hier aber vermittelt er "kaum ein Gefühl für die Tragik der beiden, weil ihre Fremdheit in der Fremde keine Restvertrautheit spüren lässt". Die stärksten Szenen gehören aus seiner Sicht "der hervorragenden Katrin Wichmann als Medea, der Jasons Jugendliebe Kreusa als Nebenbuhlerin vorgesetzt wird (zum netten Mädchen verharmlost: Claudia Eisinger), die von König Kreon verleumdet wird (eine Karikatur der Machtarroganz: Sven Lehmann), und die schließlich isoliert und abgeschoben von der duldsamen Strickjackenmutti zur tödlich Verletzten wächst." Nur bleibe sie damit in jeder Hinsicht einsam. Es ist ein Abend der leeren Begierden, so ungreifbar wie das titelgebende Vlies."


Angesichts der pathetischen Möglichkeiten des Stoffs zeigt sich Daniel Stender in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (18.10.2009) grundsätzlich dankbar, dass David Bösch und sein Dramaturg John von Düffel auf das volle Grillparzer-Programm verzichtet haben und sich ganz auf die Trennung von Medea und Jason konzentrierten – "auf ein zeitloses Scheidungsdrama mit griechischen Vornamen also." Medeas und Jasons scheiternde Ehe wirke "ganz gegenwärtig als große Koalition der Gefühle: Keiner ist ganz böse, keiner ist ganz gut, jede Seite hat solide Gründe für ihre Verzweiflung. Auch bei letzten Fragen ("Wer bekommt die Kinder?") könnte ein gütiger Scheidungsrichter sicher eine Einigung erzielen, wenn es nicht Grillparzers Stück wäre, das hier gespielt werden muss."

Jürgen Otten, in der Frankfurter Rundschau (20.10.2009) enthält sich einer deutlichen Wertung. Er schreibt: Bösch interessiere sich vor allem dafür, wie "die Liebe, die zunächst als Monument erscheint, zerfällt". Die Blicke, die Katrin Wichmann und Alexander Khuon "mehr aneinander vorbei werfen denn füreinander übrig haben", seien "anämisch und grauweiß wie das Interieur" der Bühne. Es handele sich um ein "bürgerliches Trauerspiel", in das Sven Lehmann als Kreon hineintrete, "ohne auch nur den Hauch an Verständnis, geschweige denn Sentimentalität mitzubringen". Seine "verrucht-knarzige Stimme" schneide in die "karstige Szene hinein wie ein Schwert. Noch schlimmer aber ist sein mokantes Schmunzeln. Das vernichtet alles und jeden." Lehmann spiele mit "einer Kaltblütigkeit, die nicht anders als grandios zu nennen" sei. Es verwundere wenig, dass Medea angesichts diverser "Demütigungen" zu einem "wilden Tier" werde. Und je länger je stärker wachse die Gewissheit, dass Jason ein "mediokrer Feigling" sei.

 

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