Lockvögel im Web-All

von Otto Paul Burkhardt

Aalen, 24. Oktober 2009. Es geht um Chatrooms, doch die Bühne kommt ohne Computer und digitales Optik-Gedöns aus. Das ist schon mal ein gutes Zeichen: Denn Internet-Dramen drehen sich um alles Mögliche, nur nicht um Rechner, Flatscreens und Tastaturen.

Aber erstmal vorab: am Theater Aalen, das sich gern trotzig als kleinste Sprechbühne der Republik bezeichnet, sind in beharrlicher Regelmäßigkeit Uraufführungen von Autoren wie Lisa Stadler, Jan Neumann und Philipp Löhle zu sehen. Stücke mit Langzeit- und Tiefenwirkung, keine übers Knie gebrochenen, krakeeligen Instant-Dramolettchen: dafür sorgt Intendantin Katharina Kreuzhage.

Jonglieren mit wechselnden Identitäten
Auch die neueste Aalener Entdeckung, eine deutschsprachige Erstaufführung, ist bei einem Lese-Suchlauf aus 350 Texten ausgewählt worden – "Dark Play", 2007 in Louisville (USA) uraufgeführt, von Carlos Murillo (Jahrgang 1971), einem Autor, der seine Kindheit in Südamerika verbrachte und heute an der DePaul University in Chicago lehrt.

Das Stück erzählt von Sexualsehnsüchten in Chatrooms, vom Jonglieren mit wechselnden Identitäten und zeigt, wie dieses Spiel schnell zum absoluten Horror werden kann. Murillo kann schreiben – wenn er schildert, wie seine Hauptfigur Nick im Cyberspace gutgläubige Opfer quält und manipuliert, kommt das hart, direkt und schonungslos rüber. Collegestudent Nick denkt sich nun mal gern Sachen aus. Und weil ihn seine Freundin fragt, warum er so "rosa Bodenwellen" auf dem Bauch hat, fabuliert er einfach drauf los. Ob wahr oder nicht, egal.

Nick erzählt eine aberwitzige Geschichte, wie er als 14-Jähriger zum Spaß im Internet blöde, naive Jungs beim Chatten an der Nase herumgeführt hat. Ein gewisser Adam bot sich als Opfer an, weil er so doof war, Sätze wie "ich will mich verlieben" zu posten, und dann auch noch treuherzig schreibt: "Habe Fußball gespielt, möchte meinen Horizont aber erweitern."

Archaische Hilferufe ins nächtliche Netz
Als Lockvogel für Adam erfindet Nick eine Traummaid namens Rachel – insgesamt nicht zu edel oder modelmäßig, damit dem begriffsstutzigen Adam, der sich prompt in diese gefakte Rachel verlieben wird, auch ja nichts auffällt. Als Adam schließlich Rachel real treffen will, verheddert sich Nick in immer neue Identitäten. Virtuelle und reale Welt prallen aufeinander. Nick rettet sich von Lüge zu Lüge und will doch selbst auch nur eins: Liebe. Bis das Spiel scheinbar tödlich endet.

Wie das inszenieren? Katharina Kreuzhage hat den Text gerafft und lässt ihn eher andeutend und leicht abstrahiert spielen. Kein schwüler Sex mit Internetpartnern, kein dumpfiger Hose-Runter-Naturalismus. Der Cyberspace ist hier eine leere Spielfläche, umgeben von schwarzen Tafeln. Die Chatteilnehmer schreiben darauf ihre Botschaften, die von unbekannten Anderen erhört werden sollen – womit die Regie auch das Archaische dieser Hilferufe anklingen lässt, die da ins nächtliche Web-All gesendet werden.

Gregor Weisgerbers Nick ist ein cleverer, fixer Junge. Mehr noch: ein Spiel-Macher, ein Figuren-Erfinder, ein böser Manipulator, ein Cyber-Mephisto – aber ohne mephistophelisches Gehabe. Aber auch einer, der selbst geliebt werden will. Wenn er am Ende den schnurgeraden Adam mit perfiden Lügen dazu bringt, ihn, Nick, zu töten, inszeniert er diesen Selbstmord auf Bestellung als ekstatischen Liebesmoment.

Die Verkommenheit der Seele erkennen
Rachel ist bei Claudia Sutter ganz und gar Nicks Schöpfung, ein von ihm gelenktes Püppchen, nur dazu da, um den notgeilen Adam kirre zu machen. Den karikiert Mike Langhans eben nicht als debilen Vollpfosten. Nein, er gibt dem Genasführten so etwas wie Würde.

Dass Murillo mit biblischen Namen (Adam, Rachel), mit Hamlet-Motiven und mit Theatertheorie jongliert (in gutem, also gefährlichem Theater, doziert eine Lehrerin, könne man "die Verkommenheit der eigenen Seele erkennen"), macht den Plot noch bezugsreicher, ohne dass er zum Besinnungsaufsatz-Drama erstarrt.

Zwischendurch führen sich die Chat-Wesen auf wie eine Horde Affen, und am Ende prangt das Wort "Finsternis" wie ein Menetekel an den Wandtafeln. Doch daneben stehen die Worte "Spiel" und "Verlieben". So hält es auch die Regie: Trotz aller Abgründigkeit dämonisiert sie nicht pauschal, sondern wahrt immer auch den Charme einer spielerischen Liebes-Versuchsanordnung. Ob Nick in seinen Identitäten nun schwul ist oder nicht, ist Nebensache.

Die vielschichtige Regie macht das Jugend-Cyber-Drama universell lesbar, jenseits von Geschlecht und Alter. Nicks Freundin hat also auf ihre Frage nach den "rosa Bodenwellen" auf seinem Bauch eine ziemlich lange, verrückte Antwort erhalten. Adam? Rachel? Stichwunden? Sie glaubt ihm kein Wort und gähnt nur gelangweilt.

 

Dark Play (DSE)
von Carlos Murillo
Inszenierung: Katharina Kreuzhage, Bühne: Ariane Scherpf. Mit: Gregor Weisgerber, Mike Langhans, Claudia Sutter, Kirsten Potthoff.

www.theateraalen.de

 

Mehr lesen? Im Januar 2009 inszenierte Katharina Kreuzhage am Theater Baden-Baden die Uraufführung von Philipp Löhles Morgen ist auch noch ein Tag. Am Theater Aalen setzte Jan Neumann im Mai 2008 die Uraufführung seines Stückes Am Ende der Glut in Szene.

 

Kritikenrundschau

Es sei vor allem ein Kunstgriff, der Katharina Kreuzhages Inszenierung von Carlos Murillos Stück "Dark Play" über weite Strecken trage, meint Wolfgang Nussbaumer in der Schwäbischen Post (26.10.2009): Sie stelle die von der Hauptfigur Nick "im 'Chatroom' platzierten Gestalten real auf die Bühne. Erweckt sie zum Leben wie Nick seine Kunstgestalten, die Avatare." Habe man sich jedoch "zunächst noch an der Symbolkraft maskierter Tiermonster, des Maskenspiels und an der konsequenten Verleugnung der greifbaren Wirklichkeit erfreut (...), kippt das Internetdrama vom üblen Vertrauensmissbrauch um in eine Farce." Und zuletzt würde man "grübeln, ob nicht alles Fiktion war, ob Nick nicht selbst ein Avatar von Carlos Murillo war. Quasi eine fiktionale Fiktion. Das wäre zwar eine auf den ersten Blick pfiffige Quintessenz des Nachdenkens über das Theater und seine Möglichkeiten. Tatsächlich wünschten wir uns jedoch auf bedrängende Fragen nach den Gefahren, die im Cyberspace lauern, eine seriöse Ratlosigkeit. Sonst bleibt der Denkanstoß im Unverbindlichen stecken."

Carlos Murillo zeige in "Dark Play", wie sich "die Cyberkids voll kruder Naivität im dunklen Spiel verstricken – manche wissen, dass sie an einem Spiel teilnehmen, während andere völlig im Dunkeln bleiben", schreibt Herbert Kullmann in der Schwäbischen Zeitung (25.10.2009). Und auch "wenn so manches in Murillos Geschichte abstrus anmutet und allzu viel nicht hineininterpretiert werden sollte, wirkt die Geschichte dennoch verstörend, gerade wegen der grenzenlosen Dummheit und Niedertracht der Figuren." Die Aalener Theaterintendantin Katharina Kreuzhage habe "einer anbiedernd modernistischen Inszenierung mit viel Technik-Klamauk" widerstanden: "Weder PC noch Beamer sind zu sehen. Murillos Cyber-Bettkantengeschichte wird vielmehr in klassischer Theatermanier auf die Bühne gebracht." Immerhin habe Kreuzhage "keine 'knäckebrottrockene' Inszenierung" versprochen, und "die Premiere am Samstag gab ihr Recht".

 

 

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