Denn sie wissen nicht, wer sie sind

von Ralph Gambihler

Leipzig, 7. November 2009. Gut möglich, dass man den Anfang nur halb verstünde, würde die Inszenierung in deutscher Sprache gegeben. Auf der Bühne sitzen die versammelten "Hamlet"-Darsteller in der Maske, hinter den Kulissen ist wieder mal vor den Kulissen. Wahrscheinlich werden sie sich gleich die Tragödie abschminken, irgendwann ist eben auch bei Shakespeare Schluss. Andererseits sieht es genau danach nicht aus. Schulter an Schulter sitzen sie also vor uns und noch mehr vor sich, mit dem Rücken zum Publikum, die Blicke viel zu lange in die eigenen Spiegelbilder versenkt. Ratlosigkeit allenthalben, Verlorenheit, Verzweiflung.

Dann setzt kollektives Geflüster ein, das sich allmählich erhebt, zum Stimmengewirr wird, schließlich im Stimmentumult gipfelt. In Gänze ist dieses babylonische Tutti beim besten Willen nicht zu verstehen, nicht einmal für Litauer. Der Sprachbarriere sei dank, steht nun aber alles klar und deutlich auf der Anzeigetafel für die Übersetzung. Was den seltsamen Effekt hat, dass einem die Technik enthüllt, wo die Regie noch mit Andeutungen arbeitet. "Wer bist du?", ist während der ganzen Eingangsszene auf dem Display zu lesen. Etwas anderes flüstern, sagen, schreien sie nicht. Martyrium einer Frage.

Die Nebel der Entfremdung
Oskaras Koršunovas ist kein Unbekannter bei der Leipziger euro-scene, zu deren Eigenheiten es gehört, in den Randbereichen von Tanz und Sprechtheater immer auch Richtung Osteuropa zu schauen. Schon 1997 hatte der damals 30jährige Regisseur beim Leipziger Festival gastiert, vorerst noch mit dem Akademischen Theater Litauen und einem Stück nach Daniil Charms und Alexander Wedenski, das "The Old Woman" hieß. Vier Jahre später war er zum zweiten Mal da, nun mit eigener Kompagnie. Er zeigte Shakespeares "Mitsommernachtstraum" als kraftstrotzendes, elementar berückendes Bildertheater.

Nun kehrt er mit "Hamletas" wieder, nicht weniger bildkräftig und elementar, allerdings rätselhafter, verhangener, philosophischer. Die Spiegel an den zehn beweglichen Maskentischen, in die immer wieder so unfroh geblickt und gestarrt wird, sind Koršunovas' zentrale Metapher. Durch die Rätsel der visuellen Doppelung ist seine geraffte, weitgehend texttreue Hamlet-Version entstanden.

Im süßen Tran der zerdehnten Jugend
Im Grunde haben wir es mit einem Hamlet-Syndrom zu tun, das ansteckend ist. Auch andere Figuren sind befallen und nicht ganz bei sich. Selbst die Oberhofschranze Polonius kommt nicht recht in die Puschen ihrer kalkulierten Devotheit und erlebt sogar ihren Tod mit Verspätung. Wenn die Regie mit Shakespeare die Nebel der Selbstzweifel und Entfremdung betritt, dann blickt sie auch auf den Zeitgeist und seine Identitätsdramen. Dergleichen wird aber eher angedeutet als ausbuchstabiert.

Man muss schon in den Begleittexten nachlesen, um zu begreifen, dass es vor allem die eigene Generation ist, die der entrückt und wuchtig inszenierende Bilderzauberer Koršunovas im Auge hat: postsowjetische Großstadtbewohner um die 40, die im süßen Tran ihrer zerdehnten Jugend und in den längst bezogenen Kammern der Konformität unfähig sind, die Wirklichkeit zu erkennen und entsprechend zu handeln: Denn sie wissen nicht, wer sie sind!

Das Bühnenbild ist schlicht und effektvoll. Es feiert den Spiegel und überhöht sein ästhetisches Geheimnis in immer neuen Variationen. Die Maskentische werden dazu szenenweise einfach umgruppiert. Sie bilden einen Raum oder stehen einzeln herum. Sie dienen als Trennwand, Mauer, Versteck. Irgendwo dazwischen hat das Kapitalverbrechen von Claudius und Gertrud eine Chance, derweil sich Rosenkranz und Güldenstern als aufgetakeltes Transenduo ganz trendy finden.

Im Spiegelkabinett des Lebenstheaters
Albern und dialektisch gespreizt, aber nicht weiter tragisch für diesen hellsichtigen, gut austarierten, am Schluss überaus beifällig aufgenommen Abend wirkt der Einfall, dem Stück ein metaphorisches Maskottchen unterzujubeln: eine menschengroße Riesenmaus geistert szenenweise durch die Kulisse. Folgt man dem spacigen Soundtrack, muss das Tier der "Mausefalle" entkommen sein, der berühmten Theater-im-Theater-Szene, die den ruchlosen Königsmörder enttarnt, derweil die Menschlein am Hof von Helsingör tatgehemmt in die Falle ihres Ich-Verlustes tappen. Nun ja.

Den Hamlet von Darius Meškauskas muss man sich als tendenziell Tobenden vorstellen. Er trägt eines von diesen schwarzen Kapuzenblousons der Metropolen-Hipster, das die Mode dem Underground abgeschaut hat. In Schwermut und intellektuellem Übermaß will dieser nicht mehr strahlend junge Wüterich am Rande des Wahnsinns jedenfalls nicht vergehen. Rasa Samuolytės Ophelia ist daneben ein eher harmloses Fräulein, das auf Kommando sanftmütig und tugendsam wird. Irgendwie wirken sie alle sehr verloren in diesem Spiegelkabinett des Lebenstheaters.


Hamletas
von William Shakespeare
Inszenierung: Oskaras Koršunovas, Musik: Antanas Jasenka, Bühnenbild: Oskaras Koršunovas, Agnė Kuzmickaitė, Kostüme: Agnė Kuzmickaitė, Lichtdesign: Eugenijus Sabaliauskas.
Mit: Rasa Samuolytė, Nelė Savičenko, Dainius Gavenonis, Darius Gumauskas, Vaidotas Martinaitis, Darius Meškauskas, Giedrius Savickas, Jonas Verseckas, Tomas Žaibus, Julius Žalakevičius.

www.euro-scene.de
www.okt.lt

 

Mehr zu Theater in Litauen im nachtkritik-Archiv: beim Theater der Welt war 2008 einer der bedeutendsten Regisseure Litauens, Eimuntas Nekrošius zu Gast, Nekrošius, siebzehn Jahre älter als der 1969 geborene Oskaras Koršunovas, zeigte in Halle seine am Nationaltheater in Vilnius entstandene Goethe-Inszenierung Faustas.

 

Kritikenrundschau

Für Nina May in der Leipziger Volkszeitung (9.11.) war das Originellste an dieser Inszenierung, dass die Sitzreihen eins und drei vertauscht gewesen waren. Die "politische Anklage" hingegen, die sich "laut Programmheft" in der Inszenierung verberge, eine Anklage "gegen die Passivität einer im Sicherheitsbedürfnis erstarrten Gesellschaft", erschloss sich ihr nicht. Immerhin hätte Oskaras Koršunovas mit einer "intensiven Farbästhetik" aufgewartet: weißes Blumenmeer, schwarze Kleidung, roter Taschentuchwirbel. Durchaus gelängen schöne Bilder, wenn die Schauspieler etwa zu Beginn vor Schminktischen mit Spiegeln säßen oder sich immer mal wieder jemand das Gesicht weiß male und eine Clownsnase aufsetze. Und "das herbe Litauisch" verleihe den altbekannten Worten "neue Kraft". Aber Darius Meškauskas, der Darsteller des Hamletas, sei blass, an ihm "könne man sich nicht reiben".

 

 
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