Indianer gibt es immer wieder

von Joachim Lange

Leipzig, 16. November 2009. Am Anfang sieht es erst einmal ganz anders aus. Weder die Prärie, noch ein Pferd sind zu sehen. Weder eine Rothaut, noch ein Bleichgesicht tauchen auf. Stattdessen stehen nur fünf Tische mit Mikrophon an der Rampe. Dann tauchen vier Männer und eine Frau auf, die in Strickklamotten und mit einer Montagmorgen-Miene für Beamte erst einmal ihre Zigaretten auspacken und sich dann über die Akten beugen. Und auch wenn sie synchron die Ordner mit dem Manuskript zu "Winnetou" aufschlagen, die vor ihnen liegen, und alle plötzlich in einer gewaltigen Staubwolke verschwinden, meint man noch, das Gespann Marthaler - Viebrock wäre über das Centraltheater gekommen und nicht Rainald Grebe mit seinen "Karl-May-Festspielen Leipzig".

 

Am Ende, nach über zwei Stunden, hatte es dann aber doch alles gegeben, was das Indianer- und Cowboyherz der großen Jungs und Mädels im Publikum begehrt. Die haben heutzutage allerdings wohl eher die cineastischen Folgen von Karl Mays erdichteter Wildwestromantik, als dessen Bücher vor Augen. Mit dem Abstand der Jahrzehnte verwischen obendrein die Grenzen zwischen den westlichen Indiander-Filmen mit Pierre Brice und den dann folgenden östlichen mit Gojko Mitic auf dem hohen Ross des Edelmutes.

Als der Westen noch wild war
Bei Grebe, seinem Bühnenbildner Jürgen Lier und der Kostümbildnerin Kirstin Hassel sahen Old Shatterhand (Manuel Harder), Apachen-Häuptling Winnetou (Martin Brauer) und seine liebliche Schwester (Anita Vulesica) am Ende dann tatsächlich so aus, wie es sich gehört. Da war dann auch die triste Holzwand verschwunden und gab den Blick auf einen grandiosen Bühnen-Felsen frei.

Von dem gibt es dann ein filmreifes Abstürzen des goldgierigen, Indianer mordenden Bleichgesichtes mit dem Cowboyhut und ein pathetisches Racheschwören des roten Supermannes Winnetou nach dem Tod der Schwester. Auch ein leibhaftiges Pferd tritt auf, nebst einem zünftigen Tanz des beleibten Reiters. Und atemberaubend über den Felsen wirbelnde zirkusreife Rothäute. Das Schlusswort gehört allerdings 19 echten Leipziger Statisten, die immer noch gerne Indianer spielen. Die sagten, was sie sonst so machen und dazu noch, was sie wollten.

Brutale Wirklichkeit jugoslawischer Kulissen
Da war dann zwischen dem Gruß an die Freundin und dem Wunsch nach Weltfrieden so ziemlich alles dabei. Für das, was mit einer Lesung begann, erst zum Winnetou-Hörspiel mit allen selbstgemachten Geräuschen und dann zum handgreiflichen Spiel wurde, lieferten die Manuskript-Kapitel sozusagen das Gerüst, und die filmischen Recherchen und Berichte zu den Orten der Indianer-Verehrung hierzulande wiederum den Kontrast.

Manchmal auch mit einer Fallhöhe, die in einer ziemlich rauen Wirklichkeit landete. Wenn etwa vor der originalen kroatischen Naturkulisse der Indianerfilme Anita Vulesica davon erzählt, was an genau diesem Ort während des Jugoslawienkrieges passiert ist und wie da ihr Großvater vorsichtig über ein Minenfeld gegangen ist, um verstecktes Geld aus dem abgebrannten Haus zu holen, da überholt die Realität für einen Moment jedes Spiel.

Diese Fallhöhe ist bei Grebe aber wohltuend dosiert und artet nie ins Didaktische oder Denunzierende aus. Es ist sogar höchst amüsant, wenn Anita Vulesica mit einem Mal aus ihrer Rolle aussteigt, gegen Mays Frauenbild loswettert und geht. Der sich im Osten Deutschlands offenbar irgendwie heimisch fühlende Liedermacher Grebe aus Köln, hatte dem nicht immer ganz einfachen Neustart von Sebastian Hartmann am Leipziger Schauspiel mit seiner Umweltrevue "Alle reden vom Wetter" in der vorigen Spielzeit viele, obendrein kassenwirksame, Sympathiepunkte eingetragen. Weil er eine Botschaft hat und sie unterhaltsam zu verpacken versteht.

Auch Karl May kam nie über Sachsen hinaus
Obwohl man das Folgeprojekt eigentlich zum Thema Wendejubiläum machen wollte und nun ausgerechnet bei Karl-May gelandet ist, hat das Ergebnis irgendwie doch wieder mit der ursprünglichen Absicht zu tun. Als Grebe nämlich auf dem Recherchepfad zu Karl-May und seinen Folgen in der DDR wandelte, da landete er unversehens bei den DDR-Indianern. Die kamen, wie ihr Landsmann Karl May, auch nicht wirklich über Sachsen hinaus, sondern träumten sich, wie er, in die Große Freiheit des Wilden Westens der Neuen Welt. Karl May wollte es so, sie hatten keine andere Wahl.

Auch davon berichtet Grebe mit kurzen, eingespielten Filmen. Und er befragt den von der Glasknochenkrankheit gezeichneten Klaus-Dieter Werner nach seiner Potlatsch-Erfahrung in Pasewalk. Dass man bei diesem Ritual damals wertvolle Dinge vernichtete, war in der Mangelgesellschaft bei weitem nicht so obszön wie die große Geldvernichtung heutzutage.

Noch 1989 waren sogar einmal alle 50 Häuptlinge der praktizierenden DDR-Indianer in der Fernsehshow "Wenn schon - denn schon" eingeladen. Jeder nannte dort seinen "Stamm" und das, was er im richtigen Leben machte. Wobei für manchen von ihnen wohl das erfundene das richtige Leben war. Selbst wenn man kein Fan von Karl May-Romanen ist, kann man an diesem Abend gar nicht anders, als sich gut unterhalten zu fühlen. Außerdem lernt man tatsächlich etwas über Indianer. Wenn auch nur über die in Sachsen.

Karl-May-Festspiele Leipzig (UA)
von Rainald Grebe
Regie: Rainald Grebe, Bühne: Jürgen Lier, Kostüme: Kirstin Hassel.
Mit: Martin Brauer, Rainald Grebe, Manuel Harder, Hagen Oechel, Holger Stockhaus, Jens-Karsten Stoll, Anita Vulesica, Klaus-Dieter Werner u.a.

www.schauspiel-leipzig.de


Mehr zu Rainald Grebe im nachtkritik-Archiv: Im November 2008 inszenierte er in Leipzig den Abend Alle reden vom Wetter, eine "Klimarevue", in der er die Gase des Bösen bewitzelte.

 

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