Dem schönen Schein den Schleier herunterreißen!

von Dirk Pilz

Wien, 20. September 2007. Der Anfang zum Beispiel. Rechts eine Schar hübsch berockter Männer um ein Lagerfeuer, links eine Burgruine im Nebel. Nachtblau der Hintergrund, erdbedeckt der Boden. Und aus dem Himmel fällt ein sanftes Licht. Caspar David Friedrich hätte es schöner nicht malen können. Das Herz wird einem warm und schwer, dann schreien sie auf der Bühne. Hüpfen und hampeln, zücken die Degen und schwingen zwei Riesenschwerter bis die Funken schlagen. Und aus den Boxen filmmusikreifes Gesäusel.

Oder diese Szene: Romeo und Julia stehen splitterfasernackt unter einem riesigen Holzportal, herzen und küssen sich, kosen und scherzen, während über diesem neidenswerten Glücke ein friedlicher Sternenhimmel samt Sternschnuppe blinkt. Und er trägt sie auf seinen starken Armen ins Dunkle, wie man die Geliebte in Hollywood über die Leinwand trägt. Das Herz wird einem sehnsuchtsprall, bis das junge Paar händchenhaltend an der Rampe steht, heult und sich verbeugt, das Publikum beklatscht und auch verhöhnt, auf dass man sich seiner seichten Sehnsucht überführt fühle. Aus den Boxen seufzende Geigen.

Kämpfer wider den schönen Schein

Oder auch: Blutige Rümpfe fallen aus dem Schnürboden, wenn es für Julia in die Todesgruft geht, aus der sie nicht wieder erstehen wird. Aus dem Boden steigen nackte, dürre Leiber empor, verkrampfen sich im schrillen Schrei und waten über Leichen und stummes Leid, auf dass man glaube, Goya habe dies Schreckensgemälde entworfen. Danach aber ersteht ein Engel aus dem Untergrund, seine Riesenflügel dienen als Projektionsfläche für einen Film, der Passanten zeigt, in deren Gewusel Romeo und Julia verschwinden, wenn sie schon tot, aber noch zusammen sind. Und aus den Boxen leise Abschiedsklänge.

Sebastian Hartmann hat am Wiener Burgtheater mit Shakespeares "Romeo und Julia" ein Bilderbuch der Liebesvorstellungen entworfen. Binnen dreier Stunden wird hier die Geschichte der nicht erfüllten Liebe nur deshalb erzählt, um derlei Gefühlswallungen als verkitschte und verlogene Konstrukte auszustellen. Liebes-, Sehnsuchts- und Glücksszenen sind folglich so arrangiert, dass sie besonders effektvoll zerbröselt werden können. Denn Hartmann will dem schönen Schein den Schleier herunterreißen; er will uns lehren: Liebe, Sehnsucht, Glück etc. gibt es nicht – es gibt nur kulturell hergestellte und also auch immer nur bedingt haltbare Liebes-, Sehnsuchts- und Glückskonstrukte. Nichts ist echt, alles ist gemacht. Bei Goya wie in Hollywood.

Poltern im quasiphilosophischen Überbau

Abgesehen davon, dass diese vermeintliche Einsicht in den Konstruktionscharakter auch der Gefühle und ureigensten Gedanken an diesem Abend wie eine Lektion in Sachen postmodernem Konstruktivismus auf Volkshochschulniveau ausschaut, hat sie die Darsteller zum Chargentum verurteilt: Man sieht keine Schauspieler, sondern ein polterndes Personal, das an der kurzen Leine eines dürren Regiekonzepts gehalten wird. Lauter blutleere Hampelmenschen, die nie glaubwürdig sind, weil sie gemäß des quasiphilosophischen Überbaus nicht glaubwürdig sein sollen, die aber auch keine Ahnung zu haben scheinen, was sie sonst sein, also darzustellen haben. Will sagen: ein derart hilfloses Ensemble ist selten zu bedauern. Sven Dolinski als Romeo muss zum Oberhampelmeister werden, Julia Hartmann ihrer Julia ein naives Engelsstimmchen verleihen; Martin Schwab als Papi Capulet ist eine unfreiwillige Dauerwitzfigur, Kirsten Dene als Amme gern burschikos. Müde, blasse Konzeptherunterspieler.

Geheimnisumwittertes Schreiten

Dabei wusste Hartmann zunächst durchaus zu überraschen: Er hat das Geschehen ins 13. Jahrhundert, also zurück ins Zeitalter des historischen Stoffes verlagert – mit dem einzigen Effekt allerdings, dass man an diesem Abend den Reichtum des Fundus bestaunen darf. Und er führt als Zusatzfigur einen Geist ein, der Doppelgänger, Erzähler und Kommentator ist, mit Julia genauso gut wie mit Romeo im Chor spricht, sich zwischen die beiden schiebt, sie beäugt und belauert, schreit und gern geheimnisumwittert schreitet, was er nicht bräuchte, weil sein Regieauftrag überdeutlich ist: Er, der Geist, soll uns die Figuren als wandelnde Zitate zeigen, die für uns – glaubt man dem Regisseur – längst nicht mehr einfach nur Liebende, sondern eben zu Kitsch- und Stereotypenfiguren geworden sind. Nichts scheint Hartmann mehr zu befürchten als den Vorwurf, er reproduziere die gängigen Vorstellungen. Seltsam nur: Er flüchtet das Klischee und wird von ihm dauernd eingeholt.

Das Anfangsbild aber ist wirklich schön.

P.S.

Thomas Lawinky ist übrigens auch dabei, als Bruder Lorenzo mit heiserer Stimme. Es ist das erste Mal, dass er wieder mit Hartmann gearbeitet hat, nachdem Lawinky einem Frankfurter Kritiker den Spiralblock entrissen hatte. Jetzt scheint ihn Hartmann einzig aus Gründen der Solidarität engagiert zu haben. Ach, und Julia Hartmann ist die Halbschwester des Regisseurs. Nur zur Information.

 

Romeo und Julia
von William Shakespeare
Regie: Sebastian Hartmann, Bühne: Jürgen Bäckmann, Kostüme: Moritz Müller.
Mit: Mareike Sedl, Sven Dolinski, Julia Hartmann, Thomas Lawinky, Markus Meyer, David Oberkogler, Patrick O. Beck, Martin Schwab, Myriam Schröder, Roland Kenda, Johannes Terne, Kirsten Dene, Karim Chéríf, Gerrit Jansen, Charles Maxwell.

www.burgtheater.at

Kritikenrundschau

"Unter allen gegenwärtigen Theaterträumern ist Hartmann vielleicht der grobschlächtigste Abrissunternehmer, schreibt Ronald Pohl im österreichischen Standard (22./23.9.2007). Im Umfeld einer "herbeischwadronierten Früh-Renaissance" habe er die Liebestragödie endzeitlich ver"nuschelt". Jeder kommentiere hier jeden, und alles "lügt und schreit und rennt hier blindlings durcheinander". "Hier münden die Ausläufer der geläufigsten Kapitalismuskritik in ein Destillierbad der ranzigsten Bilderfindung."

Auch Norbert Mayer in der Presse (22.9.2007) schüttelt den Kopf: "Hartmanns Interpretation war der bisherige Tiefpunkt des Shakespeare-Zyklus im Burgtheater." Dabei habe er – was strafverschärfend hinzukommt – "doch so viel gewollt!" Indes, wo "der Respekt vor dem Text" fehle, fehlt es bald an allem. Die Inszenierung "wird zum Ego-Trip eines Interpreten, der sich mit der Keule durch die Kulturgeschichte schlägt." Julia Hartmann sei "überfordert", und auch renommierte Darsteller würden "zwei Etagen unter Niveau" spielen. Bleibt nur die Diskussion der Nackten: "Burgtheater-Durchschnitt, fast schon Josefstadt, konnte man in der Pause Größenvergleiche aufschnappen."

In der deutschen Welt (22.9.2007) urteilt Ulrich Weinzierl in vergleichbarer Weise über die "Schrecken" der Inszenierung des "Castorf-Schülers" Hartmann. Der hinzu erfundene "Geist der Geschichte" sei "ergreifend überflüssig". Gespielt werde "meist miserabel". "Die einzigen, die diese Produktion unbeschadet überstehen, sind Markus Meyers Mercutio und die königliche Amme der Kirsten Dene. Sie allein, Zauber der Sprachkunst, wird übrigens der ausgezeichneten Übersetzung von Thomas Brasch gerecht." Der Rest ungefähr siehe oben, nicht ganz so zornig vielleicht.

Aus Zürich und von der NZZ (22.9.2007) ist Barbara Villiger Heilig nach Wien gereist und musste feststellen: "Schauspielerisch herrscht der spastisch-hysterische Ausdruck vor: Geschrei und Gerenne." Anders als beim "Massakerspiel" in Frankfurt/Main (Die Spiralblock-Affäre!), würde allerdings weder mit Vögeln noch mit Sonstigem geworfen: "Nein, die Interaktion mit den Theatergästen bleibt diesmal aus, es sei denn, man interpretiere deren Gähnen als solche. Oder die lauten Buhrufe am Schluss." Die Inszenierung im Ganzen: "Abstrusitäten eines regieführenden Wirrkopfs."


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