Aus einem Land vor unserer Zeit

von Matthias Schmidt

Dresden, 25. September 2010. Den ersten Szenenapplaus gab es nach weniger als einer Minute. Das gesamte Ensemble hatte sich, als Chor der Turmbewohner vor dem Eisernen Vorhang stehend, genau die eigentümliche Kopfbedeckung aufgezogen, mit der Uwe Tellkamp 2008 den "Deutschen Buchpreis" für seinen Roman "Der Turm" entgegen nahm. Es sei dies, so Tellkamp damals vor der erstaunten Presse, eine Winzer-Mütze, die vom Elbhang stamme, wie er selbst auch.

In Dresden vermeldete die "Sächsische Zeitung" kurz darauf, so eine "Winzer-Mütze" sei dem einheimischen "Winzer des Vertrauens" nicht bekannt, dafür aber von der Moderedakteurin für "modisch" befunden worden. So kann es gehen mit der Heimatliebe und der Heimatkenntnis, und Regisseur Wolfgang Engel wusste, worauf er sich mit der Uraufführung des in Dresden ebenso geliebten wie skeptisch auf seinen Wahrheitsgehalt abgeklopften 1000-Seiten-Romans einließ.

Keine lokalpatriotische Saga
Der Beginn des Abends mit der Mützen-Nummer zeigt, wie er damit umgeht: mit dem gebotenen Abstand und einem deutlich wahrnehmbaren Augenzwinkern. Vor allem die direkt auf Dresdens Eigenheiten anspielenden Sätze des Textes erzielen fast kabarettistische Effekte – die in Dresden so ausgeprägte Sehnsucht nach dem "Früher" etwa, die "Süße Krankheit Gestern", und natürlich das mal liebenswert und mal leicht zwanghaft wirkende Dresdner Bildungsbürgerstreben.

Überhaupt geht es zunächst erstaunlich heiter und volksnah zu in der von Jens Groß und Armin Petras auf dreieinhalb Theaterstunden reduzierten Fassung des Romans. Auf Richard Hoffmanns Geburtstagsfeier, einer Art erstem Akt, erzählen sich die Gäste DDR-Witze. Im Zuschauerraum wird teilweise heftig gelacht. Schon zuvor, als Christian Hoffmann, der Protagonist des Romans, die Fahrt mit der Standseilbahn in den Stadtteil "Weißer Hirsch" schildert, gibt er der Inszenierung mehr als nur den Ort des Geschehens und den blumig erzählenden Grundton Tellkamps mit auf den Weg. Er fordert das Publikum zum Mitmachen auf, lässt es den Namen eines stadtbekannten alten Restaurants ergänzen: "Luisenhof". Im Roman, korrigiert Christian sogleich, heiße es aber "Sibyllenhof". Womit das geklärt wäre: "Der Turm" ist überall und keine lokalpatriotische Dresden-Saga.

Kaum Requisiten, wenig Klischees
Es ist das letzte Jahrzehnt der DDR, das Tellkamp anhand seines eigenen Erfahrungshorizonts in zahlreichen, sich immer wieder kreuzenden Handlungssträngen des Buches erzählt. Die Geschichten aus der weit verzweigten Familie Christians, die über seinen Onkel, den Lektor Meno Rohde, daran angedockten Geschichten aus der Welt der DDR-Literatur, die Welt der Wissenschaftler, Ärzte, Funktionäre, die der Armee, der Chemieindustrie. Das ist auf einer Bühne schlicht unabbildbar, und die Dresdner Lösung des Problems ist so simpel wie schlüssig: Olaf Altmann hat einen Bühnen-"Turm" entworfen, der in drei Stockwerken mit jeweils drei Balkonen ausreichend Spielflächen bietet: eine erstaunlich gute Ersatz-DDR.

Man sieht das Oben und Unten, das Aufsteigen und Fallen, die Ortswechsel. Es gibt kaum Requisiten, vor allem glücklicherweise keine Bananen, FDJ-Hemden und DDR-Markenartikel. Ein paar Klischees werden freilich bedient: die als dümmlich-penetrante Partei- und Stasidiener auftretenden Kaminski-Zwillinge beispielsweise sind als komische Nummer konzipiert, die grenzwertig ist. Viel mehr davon hätte es nicht sein dürfen, und es wäre eine künstlerisch wertvolle Ostalgie-Show geworden.

Momentaufnahmen, exemplarische Geschichten
Ist es aber nicht, und das liegt vor allem daran, dass Wolfgang Engel ansonsten völlig dem Text vertraut hat. Die Gespräche der Turmbewohner verdichten sich mit zunehmender Dauer zu einer Collage aus Momentaufnahmen, die es tatsächlich schafft, dieses seltsame Land auferstehen zu lassen. Dann wird aus den Dresdner Turm-Geschichten exemplarische Geschichte. Diese so schwer zu beschreibende Mischung aus dem so genannten normalen Leben – Christians erster Liebe, seinen Träumen – und den aus heutiger Sicht kaum mehr nachvollziehbaren Schikanen und Boshaftigkeiten des Systems.

Phasenweise wirkt der Abend wie ein Sog: Man gerät immer tiefer hinein in diesen Irrsinn, der so viele schöne und so viele schlimme Seiten hatte. Schritt für Schritt läuft alles folgerichtig auf das Scheitern der einzelnen Figuren und damit auf das Ende der DDR hinaus. Christian Hoffmann wird von dem zerstörerischen Armeealltag gebrochen, sein Vater Richard von der Stasi mit seiner Geliebten und ihrem gemeinsamen Kind erpresst. Chefarzt Müller erhängt sich, Dichter Altberg verzweifelt, weil er zum zweiten Mal ein System scheitern sieht, an das er glaubte. Die Schriftstellerin Judith Schevola und ihr Lektor Meno reiben sich auf und ersticken förmlich in der geistigen Enge des Landes – dank der großartigen Präsenz von Christine Hoppe und Benjamin Höppner sind ihre Schicksale deutlich nachvollziehbarer als die der meisten anderen Turmbewohner.

Kostümfest und gequält fröhliches Showdown
Und Engel lässt den herausragenden Dialogen des Buches Raum, manche bringt erst die Bühnenfassung so richtig ans Licht. Die Wortgefechte zwischen dem Dichter Eschschloraque und seinem Sohn Albin haben beinahe shakespearesche Qualitäten.

Kurzum: Die Inszenierung erreicht mit so einfachen Mitteln wie dem geschickten Kombinieren von verschiedenen Dialogen viel: Sie interpretiert nicht, sie fügt nichts hinzu, sie verzichtet auf alles, was als aufgesetzter Regie-Effekt oder kurzlebige Theatermode wahrgenommen werden könnte. Stattdessen berührt sie, weckt Erinnerungen, vielleicht auch Widersprüche. Schön, dass das Theater manchmal auch so direkt wirken kann.

Nur am Ende, dem klassischen "Tanz auf dem Vulkan" des untergehenden Landes, gibt Engel dem Affen Zucker: Die Türmer feiern ihr Kostümfest, ein Showdown mit gequälter Fröhlichkeit, überdimensionalen Parteiabzeichen und wirklich lächerlichen Posen und Parolen. Danach wird am Dresdner Hauptbahnhof demonstriert, und Christian Hoffmann steht als Soldat auf der falschen Seite, seine Mutter auf der anderen. Schluss mit lustig und Schluss mit DDR.

Zum Schlussapplaus holt Regisseur Wolfgang Engel den Autor Uwe Tellkamp auf die Bühne. Fast ein wenig schüchtern stellt er sich dem Jubel, der zu einem großen Teil ihm gilt. Die Inszenierung ist eine Hommage an seinen Roman, und das wird hier zu Recht euphorisch gefeiert. Die Winzer-Mütze trägt Tellkamp übrigens seit einiger Zeit nicht mehr.


Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land
von Uwe Tellkamp
Bühnenfassung von Jens Groß und Armin Petras
Regie: Wolfgang Engel, Dramaturgie: Jens Groß, Bühne: Olaf Altmann, Kostüm: Ines Nadler, Musik: Thomas Hertel, Licht: Michael Gööck.
Mit: Holger Hübner, Hannelore Koch, Benjamin Pauquet, Henner Momann, Benjamin Höppner, Bernd Lange, Anna-Katharina Muck, Ina Piontek, Eike Weinreich, Philipp Lux, Werner Rehm, Lars Jung, Christine Hoppe, Matthias Reichwald, Hanns-Jörn Weber, Helga Werner, Rafael Klitzing.

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Der Regisseur Wolfgang Engel, 1943 in Schwerin geboren, war Sebastian Hartmanns Vorgänger als Intendant des Leipziger Theaters. Seit 2008 arbeitet er als freier Regisseur, unter anderem auch in Düsseldorf, wo er im Februar 2009 eine Dramatisierung von Thomas Manns Monumentalroman Joseph und seine Brüder inszenierte.

Weitere Inszenierungen von Uwe Tellkamps Roman Der Turm: Tilman Gersch hat im November 2010 die Fassung von John von Düffel in Wiesbaden inszeniert, Tobias Wellemeyer hat dieselbe Fassung für seine Potsdamer Inszenierung, ebenfalls im November 2010,  die Fassung von John von Düffel verwendet.


Kritikenrundschau

Hartmut Krug im Deutschlandfunk (25.9.2010) findet, es sei klug von Wolfgang Engel, der Gefahr, dass "das kennerhafte Publikum die Vergangenheit direkt wieder gespiegelt haben will", mit einem "Verzicht auf jede äußerliche Rekonstruktion von DDR-Realität" zu begegnen. Man sehe keine "DDR-Retroshow", sondern eine "Auseinandersetzung mit individuellen und gesellschaftlichen Haltungen einer Schicht von Menschen (...), die zu DDR-Zeiten über der Elbe im Stadtteil Weißer Hirsch lebten". Das "funktionale Bühnenbild" von Olaf Altmann, in dem "die Menschen miteinander reden, miteinander verflochten sind, sich wahrnehmen, beobachten oder belauschen", ergebe ein "wunderbares Bild vom gesellschaftlichen und politischen Beziehungsgeflecht". Die Textfassung von Armin Petras und Jens Groß bewahre Tellkamps "weit gefächertes Figurenpanorama" und zeige die "individuell unterschiedlichen Strategien der Figuren, mit der Gesellschaft und ihren Zwängen zu leben". In Engels "schnörkelloser Inszenierung" erschienen die Menschen als "suchende Haltungsträger", gezeigt würden "Familiengeschichten als Gesellschaftsgeschichte". Ein "souveränes Schauspielertheater" in einer, mit wenigen Abstrichen, "beeindruckenden und eindrücklichen Inszenierung".

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.9.2010) schreibt Andreas Platthaus: An diesem Abend werde in Dresden "Dresden ausgetrieben". Keine "verwunschene Zauberwelt" habe Olaf Altmann auf die Bühne gesetzt, sondern das "Segment eines Hochhauses im Rohbau", skelettiert wie die tausendseitige Romanvorlage. Kein Problem für das Kulturbürgertum im Saal, "einen abgebrochenen Satz zu vervollständigen: 'Oben, neben dem zweiten Tunnel der Standseilbahn, kommt das schon vor mehreren Jahren geschlossenen Restaurant . . .' Der Saal ruft (...): 'Luisenhof!' In Heimatkunde Note eins, Alt-Dresden eben." Indes: alles Theatralische an Tellkamps Text, habe Wolfgang Engel " vernachlässigt" genauso wie die "eigene Biographie", sei Engel doch just in der Zeit als Regisseur am Dresdner Theater engagiert gewesen, in welcher "Der Turm" spielt. Was Engel zeige, könne "überall handeln und zu jeder Zeit - ein böses Spiel von Menschen mit Menschen". Man verstehe: die "süße Krankheit Gestern" solle auf der Bühne "keine Verheerungen anrichten". Auch fehlte "die Wende als Schlusspunkt", es gebe kein "gutes Ende", die "konkrete Geschichte der Einzelnen" sei "weg", vom epischen Roman seien nur Thesen geblieben. Trotz einzelner feiner Schauspielerleistungen biete Engel "meist Archetypen statt lebender Figuren." Selbst das Potential das diese Adaption biete, sei nur angedeutet worden. Ausdeuten müssten es andere Bühnen. Gefallen habe es dem Publikum trotzdem.

In der Frankfurter Rundschau (27.9.2010) schreibt Dirk Pilz: "Der Turm" in "Dräaasdn", wie "sie auf der Bühne selbstironisch sagen" – eigentlich könne das nur schief gehen. Es sei aber nicht schief gegangen, Engel zeige eine "erstaunlich ordentliche, feinfingrige Inszenierung". Um allerdings "das Unabgegoltene, (...) das Drohende des Gestern ins Bewusstsein zu rücken", bräuchte es eine "bösere Ästhetik", findet Pilz, und "auch eine andere Vorlage." Engel lasse "die Romanmenschen erzählen", lasse sie ihre "Geschichten, Ängste und Freuden durchspielen". Er hole das Buch "vom hohen Sockel der Staatserinnerungsunkunst auf den Boden der gebrochenen Biografien". Dadurch gewinne die Inszenierung einerseits "an exemplarischem Charakter". Andererseits verwische das Bühnenbild von Olaf Altmann die Situation. "Wer wann was mithört und beobachtet, hat kaum Folgen für die Figuren, die Charaktere, die Konflikte." Inszenierung und Buch träfen sich hier: "Beide schwelgen in der 'süßen Krankheit Gestern'." Vielleicht deshalb spiele bei Engel die Musik die Hauptrolle. "Mal schwappt Schubert durch den Saal, dann Simon & Garfunkel, alles im Dienste der Wiederherstellung von Atmosphäre. Es geht um ein bestimmtes Lebensgefühlgemisch, das Zugleich von Resignation und Nischenhoffnungen, von Trotz und Tollkühnheit." "Der Turm" in Dresden rieche wie der "heimelige Weihnachtsschmuck vom Dachboden".

"Statt einer vielleicht erwarteten Provokation gab es also eine Art Lehr- oder Leitstück auf dem Weg zur eigenen Lebensweisheit", bemerkt Tomas Petzold in den Dresdner Neuesten Nachrichten (27.9.2010). "Auch der anwesende Autor schien mit der doch etwas anderen Sicht auf sein Werk zufrieden." Engel nehme alle Figuren gleich ernst und widme ihnen inszenatorische Sorgfalt. Abgesehen "von einigen plakativen Überzeichnungen" suche Engel "im Ganzen eher einen trockenen Ton" - was Petzold sehr zusagt.

Einen "bemerkenswert puren Theaterabend" hat Johanna Lemke von der Sächsischen Zeitung (27.9.2010) erlebt. Der Abend ächze zwar gelegentlich darunter, dass viele Stränge parallel passieren. "Doch die kaleidoskopartigen Schlaglichter auf die unterschiedlichsten Spielorte haben keinen geringeren als einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Wolfgang Engel behauptet mit dieser Inszenierung ganz unbescheiden: So ist es nicht überall passiert. Doch es hätte überall passieren können. Es ist eine Fiktion, doch dies und jenes ist andernorts geschehen.“

Auf Welt online (27.9.2010) gibt Elmar Krekeler zu erkennen, dass er ziemlich gelitten hat
unter dem "nüchternen, nackten, ziemlich skelettierten Abend". "Unfassbar viele Szenen flittern vorbei, (...) kaum bewegt einen was". Wie "im Zeitraffer" ginge es durch einen Roman, der "eigentlich ein einziger Zeitstillstand" sei, der "vom schleichenden Ablaufen der Lebensuhr eines verkommenen Landes" erzähle. Davon, "was das System mit seinen Insassen machte", erzähle der Abend noch einmal. "Vom roten Adel. Vom fatalen Glauben an den Sieg des Sozialismus bis zum Schluss. Alles drin." Die "Perspektiven und Erzählhaltungen" wechselten, es gebe "Ansprachen, Selbstbezichtigungen, Dialoge, Gruppenszenen, Botenberichte", Handlung werde "erzählt", es gebe "große Chöre" - Das Publikum lache an "den richtigen Stellen" und die Sitznachbarin stöhne auf, "wenn sie wieder ins Systemsprech fallen". Aber die Reflektionen über die eigene Biografie gehen Krekeler nichts an. "Mich lässt das draußen." Seltsam, dass auf der Bühne immer alles vor allen stattfinde. "Es gibt kein Innen, nur außen (was im Roman sehr anders war). Jeder weiß Bescheid über das Leben der anderen." Und: plötzlich erscheint der Roman selber nackt. "Hatte man das tatsächlich überlesen, dass es fast peinlich wird, wenn es im "Turm" persönlich wird?" War "alles überwuchert von Verzierungen, übertönt vom großen Orchester des Uwe Tellkamp"? Jetzt ist "der Erzählefeu weg. Und die Geschichte ist nackt. Und man ist, nun ja, ernüchtert".

In der Süddeutschen Zeitung (27.9.2010) erinnert Florian Kessler an die Resolution "Wir treten aus unseren Rollen heraus", die am 6. Oktober 1989 im Dresdner Theater verlesen wurde. Wolfgang Engel "war einer der Väter der Resolution". Seine "Turm"-Aufführung habe keine eindeutige Aussage, das mache sie so gut. Ihr "einziger kleiner Maßstab" sei das "menschliche Miteinander". Petras und Groß setzten ganz auf die "Vielstimmigkeit des Buches". So "gut zugehört und so wenig kategorisiert" hätte selten einer, wenn vom "Turm" die Rede sei. Petras und Groß schlügen die Überfülle der Details wie Stuck von der Decke. Diese Romanadaption sei eine Ensembleleistung, und dadurch akzentuiere sie genau eine der Möglichkeiten der Textgrundlage. Selbst der "scheuklappige Modrow-Funktionär Barsano (Bernd Lange)" oder der "seine Zynismen großartig säuselnden Hacks-Verschnitt Eschloraque (Lars Jung)" seien keine Typen, sondern Figuren voller Widersprüche, und niemand bleibe jemals ohne Widerspruch von außen. "Ineinander verschliffen, kommentieren sich die zahlreichen Handlungsstränge zwischen Familienalltag und Spitzeltum, DDR-Literatur und Bildungshuberei, Armee und Berufsmilieus wie von selbst." Was könnte dem Erinnerungsort Dresden besseres geschehen als "derart freischwingende Arbeit am Mythos"? Gesetzt werde hier auf "eine Theaterästhetik der DDR, die pur nur auf Sprache vertraute, nach einer schönen Losung: Hör du nur für dich zu. Denk mit. Der Rest ist deine Sache".

In der tageszeitung (29.9.2010) lobt Kathrin Bettina Müller die Textfassung als "ein vielfiguriges, dialogreiches Panorama, das fast alles, was Tellkamp im Gestus der Erinnerung erzählt, wieder Gegenwart werden lässt", also "mehr als bebildertes Hörspiel" sei. Mit Engels Regie geht sie härter ins Gericht: "Was fehlt, ist eine Perspektive, die kritisch auf den Erfolg des Romans und seine Sehnsucht nach einem Bildungsbürgertum schaut, das, anders als in der Erzählzeit des Romans, in der Phase seiner Rezeption wieder an Boden und Ansprüchen gewonnen hat. Im Roman ist es nur ein machtloser Sehnsuchtsort, dessen Rückeroberung utopisch bleibt. Dass die Wiederbesetzung des Ortes aber mit neuen Methoden von Einschluss und Ausschluss einhergeht und Verdrängung jetzt wieder ganze Klassen trifft, kommt nicht in den Blick."


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