Mit Plüsch und Trash ins finstere Herz des Krieges

von Klaus M. Schmidt

Düsseldorf, 25. September 2010. Da tanzen sie und lachen ausgelassen. Die Jüdin Raquel (Viola Pobitschka) ist schwanger von ihrem Liebhaber, König Alfonso von Kastilien. Und in der Feierstimmung über die bevorstehende Niederkunft herrscht kurz Schrankenlosigkeit und Toleranz. Roderique, der christliche Domherr, Musa, der muslimische Gelehrte, und der jüdische Geschäftsmann Jehuda Ibn Esra (Guntram Battria), Raquels Vater, tauschen im Freudenrausch ihre die Religionen symbolisierenden Kopfbedeckungen. Doch der Spaß hat schnell ein Ende. Alfonso will, dass Raquel sich taufen lässt und erst recht soll sein Kind christlich werden. Schon auf einen Namen für den gemeinsamen Sohn werden sie sich nicht mehr einigen.

Spanien im 12. Jahrhundert

Lion Feuchtwangers Roman "Die Jüdin von Toledo", den Regisseur Rafael Sanchez zusammen mit Eberhard Petschinka für diese Koproduktion des Züricher Theaters am Neumarkt mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus dramatisiert hat, führt in die Zeit der Reconquista. Das Bühnenbild von Thomas Dreißigacker aber ist eine Kombination aus Künstlergarderobe, Studierzimmer und Herrenclub mit Umkleidekabinen. Ein schwerer roter Teppich sorgt für Plüschatmosphäre. Der wilde Kostümmix von Tina Kloempken, der zwischen historisierend und heutig schwankt, und manche Jargon-Anachronismen von "Tschüss" bis "zacki, zacki" sorgen dann für eine Prise Trash im Plüsch.

Sanchez und sein Team haben dem historischen Roman ein postdramatisches Röckchen übergestreift, überspitzen vieles, aber verwenden die grotesken und verfremdenden Mittel nicht so zügellos, als dass ihnen die Dramatik des Geschehens aus dem Blick geriete. Die verwickelte Handlung hält vor allem für Jehuda Wechselfälle bereit. Er siedelt vom muslimischen Teil Spaniens in den christlichen über, er soll im Auftrag König Alfonsos die Finanzgeschäfte Kastiliens führen.

Anfangs reicht die Toleranz noch weit

Guntram Brattia stattet seinen Jehuda zunächst mit der Weltläufigkeit und Gelassenheit des Erfolgreichen aus. Er kuscht nicht vor Alfonso, und ist ihm ein weiser Ratgeber. Er saniert den Staat und schiebt durch kluge Diplomatie den Krieg mit den Muslimen hinaus, nicht zuletzt, weil er weiß, dass Kastilien allein unterginge. Sein Judentum ist dem cleveren Jehuda zwar ein wenig abhanden gekommen. Er hat es aber in einer Schachtel konserviert, aus der er bei Bedarf Thora und siebenarmigen Leuchter hervorkramt. Auf harte Probe stellt ihn, dass Alfonso seine Tochter Raquel zur Geliebten machen will. Aber er lässt Raquel selbst entscheiden, so weit reicht seine Toleranz. Und Raquel will, denn sie fühlt sich durch den hehren Ritter Alfonso angezogen.

Es ist nur ein kleines Manko der Inszenierung, dass man Thomas Müllers König Alfonso den hehren Ritter zu keinem Zeitpunkt abnimmt. Er ist nur ein in seine Posen verliebter Geck, aber eben einer mit Macht, und diese lässt ihn glaubhaft gefährlich werden. Mit einem "Weil ich es will" setzt er sich zur Not durch, da ist es dann auch egal, dass ihm dabei die Perücke verrutscht. Friedvoll bleibt es in und um Kastilien, solange sich Alfonso mit Raquel auf ein Lustschloss zurückzieht - angeblich sieben Jahre lang. Die Glaubensgegensätze, die zwischen Alfonso und Raquel bei ihrer Schwangerschaft aufbrechen, sind es dann nicht allein, die sie entzweien.

Druck von außen und der Selbstbehauptungszwang

Jerusalem ist in muslimische Hand gefallen, der Kreuzzug ist ausgerufen. Und da ist ja auch noch Alfonsos legitime Gattin, Königin Leonor (Yvon Jansen). Die Betrogene hat im Hintergrund intrigiert und schafft es, Alfonso in den Krieg zu hetzen. Dass er sich darin kopfloser stürzt, als es nötig wäre, entspringt seiner ritterlichen Dummheit.

Jehuda hat seinen Enkel wegen der Wirren außer Landes bringen lassen. Das verzeiht Alfonso ihm und Raquel nicht. Ohne seinen Schutz werden Jehuda und Raquel Opfer eines Pogroms, das Leonor angezettelt hat, um dem Volk für eine verlorene Schlacht gegen die Muslime Sündenböcke zu präsentieren.

Die große Politik deformiert in Zeiten des Krieges die Beziehungen im Kleinen. Regisseur Sanchez zieht klugerweise keine Parallelen zwischen Reconquista und dem heutigen "Kampf der Kulturen". Aber er zeigt mit seiner ganz heutigen Inszenierung des historischen Stoffs, dass äußerer Druck die Menschen in Selbstbehauptungszwänge stürzt. Und dann kann Religion mindestens die Munition zu aggressiver Abgrenzung liefern - wenn nicht sogar das Morden und Brennen anheizen.

Die Jüdin von Toledo
von Rafael Sanchez und Eberhard Petschinka, nach dem Roman von Lion Feuchtwanger
Regie: Rafael Sanchez, Bühne: Thomas Dreißigacker, Kostüme: Tina Kloempken, Musik: Pupe (Elisabeth Putz & Petschinka), Dramaturgie: Christina Zintl.
Mit: Nicolaus Benda, Guntram Brattia, Gunther Eckes, Anke Hartwig, Yvon Jansen, Winfried Küppers, Thomas Müller, Viola Pobitschka, Pierre Siegentaler, Jakob Leo Stark.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de
www.theaterneumarkt.ch


Jüngst inszenierte Stephan Kimmig Die Jüdin von Toledo nach Grillparzer am Burgtheater Wien. Mehr zum Regisseur Rafael Sanchez gibt es im nachtkritik-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"Insgesamt dominieren in dem waghalsigen Theater-Projekt Plüsch, Trash, Comedy und manchmal Klamauk", schreibt auf dem Portal Der Westen (27.9.2010) entweder Gudrun Norbisrath oder Michael-Georg Müller (man findet online beide Namen). Damit begegneten "die Schweizer Theatermacher Feuchtwangers Parforceritt durch die weitverzweigte Kreuzfahrer-Geschichte und verzichten auf Bezüge zum aktuellen 'Kulturen-Kampf'. Zahlreiche Geschichts-Slapsticks sorgen für Unterhaltung und lassen die dreieinviertel Stunden wie im Flug vorüberziehen. Doch geht in dem feuchtfröhlichen Getümmel mit Schaumkronen die große Roman-Idee streckenweise baden."

Das dreistündige Stück werde "spannend nach der Pause", schreibt Werner Schwerter in der Rheinischen Post (27.9.2010). Da wandle "sich die Groteske in großes Drama. Liebe verkommt zur Vergewaltigung. Kostümball und Verfremdung, Historismus und Desillusionierung, Politik und Privates halten sich verwirrend die Waage, bis alles blutig endet und schmerzhaft deutlich wird: Durch Wahnsinn wird hier ein Mensch drei Mal ermordet, als Jude, Muslim und Christ. Großes Schauspielerfest mit allen Mitwirkenden."

"Lion-Feuchtwanger-Liebhaber sollten das Düsselsdorfer Schauspielhaus meiden", empfiehlt Hans-Christoph Zimmermann in der Westdeutschen Zeitung (27.9.2010). Rafael Sanchez planiere in der "Jüdin von Toledo" nämlich "alles, was an ausgefeilter Konfliktkonstruktion und psychologischer Feinzeichnung vorhanden war". Atemlos hake die Inszenierung die Romanstationen ab, sie gebe sich "mit einfachsten Lösungen zufrieden". Rästselhaft bleibe, was Raquel an Alfonso finde, den Thomas Müller als "kindische selbstverliebte Knallcharge" gebe. "Leidenschaft auf Sparflämmchen."

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Die Jüdin von Toledo D'dorf: fein gezeichnet & bildreichKarl Hero 2010-09-27 02:00
Es war ein in der Tat sehr sehenswerter Abend. Ich möchte der obigen Kritik noch hinzufügen, dass beeindruckend starke, spielfreudige und überzeugende Schauspieler auf der Bühne standen. Sowohl Thomas Müller als König Alfonso überzeugte mich restlos, wie auch Viola Pobitschka als Raquel und Guntram Brattia als Jehuda. Alle anderen sorgten in Ihren wechselnden Rollen für eine fein gezeichnete und bilderreiche Entourage. So entstand eine reichhaltige, der großartigen Romanvorlage Feuchtwangers gerecht werdende Inszenierung.
#2 Die Jüdin von Toledo D'dorf: nichts wird ernst genommenKarl Davids 2010-09-29 13:54
Recht gelungen? (...) Es war nut getrasht! Nichts wird ernst genommen. Der Regisseur interessiert sich nicht für die Figuren und betrachtet sie alle nur als Popanze. Feuchtwanger als Alfred Jarry. Lächerlich. Noch schlimmer: langweilig.
#3 Die Jüdin von Toledo D'dorf: beängstigende ParallelenKarl Hero 2010-09-30 03:48
"Lächerlich" ist ein Attribut, dass wir sehr gerne heutigen, mächtigen Menschen verleihen. So z.B. Edmund Stoiber, Mahmud Ahmadinedschad, oder George W. Bush. Letzterer verfolgte eine (Außen)politik, die mit Menschenverstand nicht zu erklären war; eher schon mit seinem kindischen, eitlen, egozentrischen und jähzornigen Wesen. Dies kostete (und kostet noch) hunderttausenden unschuldigen Menschen das Leben. Eine Tragödie immensen Ausmaßes. Ganz ähnlich verhielt es sich mit König Alfonso VIII, der völlig überhastet in eine Schlacht zog, weil es seine Laune war. Die Folgen (in seinem Fall für sein eigenes Land) waren auf Jahrzehnte, wenn nicht gar auf Jahrhunderte verheerend. Ein unbeherrschter, ergo nicht weiser, also dummer Mensch, der sich zurecht gefallen lassen muss, der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden.
Sämtliche Menschen um Alfonso herum -Jehuda Ibn Esra immerhin mit pazifistischer Note- taten das, was Politiker bis heute tun: ihre persönlichen Interessen vertreten und sie als die Interessen des Landes darstellen. Stichwort Vetternwirtschaft und Lobbyismus. Die Figurenführung in Rafael Sanchez' Inszenierung lieferte mir in all ihrer Komik beängstigende Parallelen zu heutigen Machthabern, Demagogen, oder Religionsführern.
#4 Jüdin von Toledo in D'dorf: Castorf-AbklatschKarl Davids 2010-09-30 15:14
Das Problem, lieber Karl Hero, ist: wir müssen Machtfiguren wie George Bush ernst nehmen, um sie lächerlich zu finden. Wenn wir sie als lächerlich darstellen, dan nehmen wir sie nicht mehr enrst. Und das tut Rafael Sanchez nicht. Ihm interessiert scheinbar, nur seine eigene trashige Einfälle, und sie sind nicht mehr als ein (alt)modischer Abklatsch von Castorf.
#5 Jüdin von Toledo, Düsseldorf: großes SchauspielerfestRainer Hofmann 2011-04-27 23:51
Ich möchte mich für den tollen Theaterabend gestern am Schauspielhaus Düsseldorf bedanken. „Die Jüdin von Toledo“ von Rafael Sanchez ist ein grosses Schauspielerfest. Vor allem der Darsteller von König Alfonso, Thomas Müller ist ein Ereignis. Wie er diesen Despoten zwischen Verücktheit und Brutalität zeigt, ist mutig und faszinierend. Ein richtiger Spielteufel. Er hat keine Hemmungen, stösst mit kindischen Albernheiten den Zuschauer vor den Kopf, man schwankt immer zwischen Ablehnung und Faszination. Aber immer wieder blitzt die „wahnsinnige“ Brutalität auf, die unter dieser Oberfläche ständig schlummert. Es schiessen einem unweigerlich Bilder von Gaddhafi und Co durch den Kopf.
Grosses Kompliment.

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