Zehn Perlen für Neukölln

von Anne Peter

Berlin, Oktober 2009. "Performance, dit is wenn man'n Fernseher hinstellt, und einer fährt immer mit'n Fahrrad drum rum", Bardame Marianne kennt sich aus mit dem Theater. "Ick dachte, dit wär' so mit Blut und Sperma", wirft Jule ein. Miezeken zwirbelt bloß aufmerksam ihren Staubwedel. "Jedenfalls tragen die im Publikum oft Brille, und meistens schreibt jemand 'ne Diplomarbeit drüber." Und während die drei rotzig schlagfertigen Damen aus dem Kneipen-, Dirnen- und Putzgewerbe noch darüber streiten, was Theater nun eigentlich ist, befinden sie sich schon mitten drin. In der Gassenhauer-Revue "Die Rixdorfer Perlen" werden nicht nur freche Alt-Berliner Lieder zum Besten gegeben werden, sondern auch nach Frauenherzenslust gefrozelt, gekalauert und gelästert, bevorzugt über Steglitz oder "die Intellektuellen". Zwischendrin wird mit vereinten Publikumskräften "Bolle" geschmettert, und am Ende hat man sich ganz köstlich amüsiert.

Charmantes Sprücheklopfen

Diese wegen ihrer schonungslosen Selbstironie überaus charmante Sprücheklopf-Show mit kabarettistischen Einsprengseln ist eines der Erfolgsstücke am Heimathafen Neukölln. Im April 2009 hat der sein neues Quartier bezogen, im geschichtsträchtigen Saalbau in der Karl-Marx-Straße. 1876 als Teil eines Dorfgasthauses vor den Toren Berlins erbaut, entstand hier 1904 eines der ersten subventionierten Theater Preußens. In den Zwanziger Jahren erlebte das Parkett wilde Tanzpartys gefeiert, nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Stuck-verzierte Ballsaal mit Bühne und Empore zum Kino umfunktioniert und 1942 von den Nazis als Sammelstelle für die Güter jüdischer Bürger benutzt. 1968 mussten die Bühnen wegen ungünstiger Stadtrandlage zumachen, in den Achtzigern wollte man sie sogar abreißen. Auch neuerlich wurde die Kulturstätte aus Spargründen wieder geschlossen – bis im April der Heimathafen Neukölln einzog.

Die seit zwei Jahren umtriebige Theatergruppe hat in der leer stehenden Alten Post ebenso Theater gemacht wie in einer Eckkneipe nahe dem Richardplatz, wo die "Rixdorfer Perlen" entstanden sind. Den Saalbau hat die aus zehn Frauen bestehende Heimathafen-Crew bekommen, weil ihr Konzept am besten auf die Ausschreibung für "niedrigschwelliges" Theater passte. "Berlin hat wieder Volkstheater!" lautet ihr selbstbewusster Slogan. "Wir wollen Theater für das ganze Volk machen, nicht nur für eine Zielgruppe", sagt Geschäftsführerin Carolin Huder. "Und wir wollen auf jeden Fall den Berlin-Bezug", ergänzt Julia von Schacky, die den "Perlen"-Abend inszeniert hat.

Mädelsmannschaft und Mäzene

Die Schauspielerin Inka Löwendorf erzählt begeistert von der Unmenge an Alt-Berliner Volksstücken heute unbekannter Autoren, die sie und ihre Kolleginnen in Bibliotheken aufgestöbert haben. Sie wohnt selbst in Neukölln und ist hauptberuflich Ensemble-Mitglied der Volksbühne. Entsprechend hatte die 31jährige seit Monaten keinen freien Tag mehr, doch der Enthusiasmus für das Projekt ist trotz Doppeljob nicht verraucht. Genauso wenig wie beim Rest der Mädelsmannschaft. Fast alle sind zwischen 30 und 35 Jahre alt, mehrere haben Kinder. Dass keine Männer dabei sind, ist übrigens kein feministischer Wille, sondern hat sich so ergeben. Einige sind seit der Schule befreundet, andere kennen sich von der Assistentinnenzeit am Düsseldorfer Schauspielhaus, zwei sind Schwestern.

Auch finanziell ist die Theater-GmbH durch Engagement aus dem Familien- und Bekanntenkreis getragen. Neben Geschäftsführerin Huder, bis 2007 Managerin von Max Raabe, sind zwei Gesellschafter beteiligt. Die Frauen sprechen von ihnen als ihren "Mäzenen": Kunst-Auktionator Bernd Schultz und Steuerberater Hans-Georg Oelmann. Langfristig soll sich die Unternehmung selbst tragen, man hofft auch auf öffentliche Fördergelder.

Von der Straße auf die Bühne

Die Schirmherrschaft hat der bekennende Neuköllner und Comedy-Star Kurt Krömer übernommen, zusammen mit der Autorin Güner Yasemin Balci, die früher Sozialarbeiterin im Rollbergviertel war. Ihre Erfahrungen hat sie in den Roman "Arabboy" einfließen lassen, den die Regisseurin Nicole Oder im Mai 2009 für die Bühne adaptierte. Die Hauptrolle des libanesisch stämmigen Neuköllners Rashid, der langsam auf die schiefe Bahn gerät, spielt der 18jährige Hüseyin Ekici. Er ist selbst in der Gegend aufgewachsen und sagt: "Von der Straße auf die Bühne – das ist mein Motto!" Sein großes Ziel ist die Aufnahme an der Ernst-Busch-Schauspielschule, gerade arbeitet er hart an seiner Sprache. Dabei kommt ihm die Slang-Färbung in seiner derzeitigen Rolle, die er mit 150% Energie und mutmaßlich ebensoviel Herzblut auflädt, nur zugute.

In Rashids Kiez-Karriere ist nichts ausgelassen: Schlägereien, Vergewaltigung, Drogen, Knast, Abschiebung. Und doch wird in den nicht chronologisch montierten Szenen, in denen Inka Löwendorf und Sinan Al-Kuri virtuos in verschiedene Rollen schlüpfen, ein differenziertes und berührendes Porträt gezeichnet, das nicht bei den Klischees verharrt, sondern zeigt, wo sie ihren Anfang nehmen – auch ein Spiel über Posen und Rollenbilder.

I love NK

So knüpft man im Heimathafen nicht nur an glorreiche alte Zeiten an, sondern sucht genauso den engen Bezug zum heutigen Leben im Bezirk. Dessen Besonderheiten nimmt man liebevoll bis rauherzig in den Blick – und betreibt damit auch Selbstverständigung und Identitätsbildung, ja so etwas wie Heimatliebe, die auf T-Shirts mit "I love NK"-Aufdruck oder dem trendigen Theater-Logo offensiv zur Schau getragen wird.

Die Um- und Aufwertung des Viertels ist erklärtes Ziel der Heimathafen-Damen. Was es einst in Verruf brachte – die Ansiedelung diverser Theater, Varietés und zwielichtiger Etablissements – wird positiv gewendet: Aus Rixdorf soll wieder ein Vergnügungsviertel werden. Ausgerechnet der vermeintliche Problemkiez, der bis vor kurzem vielen nur aus Negativschlagzeilen bekannt war. Doch zusammen mit der benachbarten Neuköllner Oper hat der Heimathafen inmitten von Billig-Läden, Nagelstudios, Döner-Imbissen und Eckkneipen tatsächlich das Zeug zur Kulturoase, die nicht nur in die unmittelbare Umgebung ausstrahlt, sondern auch Ausgehwillige aus anderen Bezirken anlockt.

Neben Eigenproduktionen stehen Gastspiele verschiedenster Couleur auf dem Heimathafen-Spielplan: Kabarett, Comedy, Lesungen, Konzerte und Partys. Demnächst soll es ein Stück auf Türkisch mit deutschen Untertiteln geben, Comedians wie Murat Topal treten auf. Das Programm ist eine bunte Wundertüte, in der fast jeder fündig werden oder sogar selbst die Bühne erobern kann: etwa bei der Open Stage "Avanti Dilettanti" oder beim "Saalslam". Auf die eine oder andere Weise fühlt man sich eingeladen hier. Und möchte den Heimathafen schon jetzt nicht mehr aus der Berliner Theaterlandschaft wegdenken, geschweige denn aus Neukölln.

 

www.heimathafen-neukoelln.de

Zuerst erschienen in BerlinBlock 10/2009, in leicht veränderter Fassung.

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