Held für einen Tag

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 20. November 2010. Zeit vergeht, bis der Kassierer sein erstes Wort spricht. Fünfzehn Minuten sind im Theater eine Ewigkeit, doch im Leben des Bankangestellten der kleinen Stadt W. ist es nur ein Augenblick wie so viele. Zeit vergeht – und wenig geschieht, in einem leeren, weißen Raum drumherum. Der Schaltermensch halbrechts im zwickenden Anzug wird degradiert zu einer zappelnden Zählmaschine. Im Rhythmus eines fernen monotonen Akkords sortieren, stapeln, fühlen die schmalen Kassiererhände das Geld der anderen, viele Scheine, die fremdes, wundervolles Leben verheißen, in dem diese Hände nicht losgelöst vom Kopf etwas tun, in dem der Mensch wieder ein Ganzes, Großes ist. Dann erscheint eine Schönheit aus dem Süden mit einer verdächtigen Zahlungsanweisung. Geblendet von den Brillanten und der seideknisternden Blasiertheit verlangt der Kassierer stammelnd ein Glas Wasser, plündert spontan die Bank, ruft nach dem Leben, greift durstig nach ihm mit beiden Händen, mit allen Sinnen.

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Von morgens bis mitternachts
© Sonja Rothweiler

Die Regisseurin Nina Mattenklotz interessiert an Georg Kaisers "Von morgens bis mitternachts" genau das: die Wiederbelebungsmaßnahmen am eigenen dehydrierten Langweilerkörper. Erst kommt das Wasser, dann der Schaumwein. Sie schickt Markus Lerch mit einer Plastiktüte voller Geld und großen Kindsaugen auf eine rauschhafte Ich-Suche. Auf Silke Rudolphs Bühne, die halb Treppe, halb Rutschbahn ist, verliert der Kassierer den bürgerlichen Halt und beginnt zu tänzeln. Der Schweiß spült den Puder ab, die Maske der früheren Existenz.

Selbsterfahrungstrip eines Businesstypen

Es ist der hauruckartige Abschied von einer lästigen, miefigen Privatwelt der vampiresken Knallchargen: Der Direktor (Florian von Manteuffel mit kaltheiserem Witz) ist ein fetter Sack, die Ehefrau (eine schüchterne Anne Cathrin Buhtz) ein Kotelett bratendes Muttertier, die Kinder sind ignorante Monster, die den Tannhäuser zum Mittagessen klimpern. Alle saugen an ihm, melken den Angestellten. Doch nun: aus und vorbei! Lerchs selbstbefreiter Kassierer hört sich selbst beim Flüstern und Schreien zu. Die Dame aus Florenz (eine traumwandlerische Anna Windmüller, zurückgenommen, gut) lässt ihn abblitzen, schlägt das pekuniär-erotische Angebot ab. Er tanzt trotzdem weiter, ein taumelnder Derwisch auf synthetischen Klangteppichen, ein täppischer Hero for one day. Täppisch, ja. Aber nie lächerlich.

Die Expressionisten träumten von der Menschheitsdämmerung. Von wahrer Leidenschaft und großem Weltgefühl. Was in den frühen Jahren nach 1900 noch das "Eigentliche" genannt wurde und Wuchtdramatiker wie Georg Kaiser zum Schreiben aus der programmatischen Draufsicht anleitete, wird heute mit dem allgegenwärtigen Attribut "authentisch" infiziert: die heillose Sehnsuchtsvokabel für das vermeintlich echte Leben im falschen. Auch deswegen ist das expressionistische Stationendrama "Von morgens bis mitternachts", das Georg Kaiser 1912 schrieb, zuallererst ein Selbsterfahrungstrip eines Businesstypen in Zeiten der Sinn- und eben nicht der Finanzkrise.

Auf der Bußbank der Heilsarmee

Dass das Drama immer wieder als Kommentar zur Letzteren verstanden wird, mag seinen spärlichen Anlass in ein, zwei Sätzen haben, mit dem der Kassierer den wahren Wert des Geldes taxiert: "Mit keinem Geld aus allen Bankkassen der Welt kann man sich irgendetwas von Wert kaufen. Man kauft immer weniger, als man bezahlt." Die Binse, Glück sei nicht käuflich, taugt für eine ernst zu nehmende Analyse des Fetischcharakters des Geldes und der Konsumgesellschaft nur bedingt. Aber das kapiert der egomanische Bankmensch ja auch erst, nachdem er mit den unterschlagenen sechzigtausend Mark in der großen Stadt B. wie Berlin beim Sechstagerennen die Massen zum Glühen bringen will, im Ballhaus Natursekt verspritzt und auf der Bußbank der Heilsarmee seine Seele und die Taschen lüftet, auf dass er der Schlechtigkeit der Menschheit ansichtig wird und sich selbst richtet.

In der Werkhalle des Stuttgarter Staatsschauspiels werden Adorno-Anhänger allerdings enttäuscht. Die junge Regisseurin hält wenig von einer gnostischen Weltverneinung und unternimmt einen wackeren Rettungsversuch des Individuums, der natürlich lange vor dem finalen Kopfschuss scheitern muss. Mattenklotz hegt Sympathien für den vom System deformierten Angestellten im Rausch, für seinen Wunsch nach dem intensivierten Augenblick: Von aller Schuld entlastet füllt Markus Lerch den Kaiser'schen Kassierertypus mit soviel Naivität auf, dass man es kaum aushalten mag. Statt der Kaiser'schen Totalen von einer verdammten Konsumhölle bekommt man nun die Froschperspektive eines Burn-Out-Bankers präsentiert. Jegliche Distanz geht verloren, von einer selbstironischen Geste ganz zu schweigen. Das wiederum forciert unangenehm das Sprachpathos der ohnehin tiefstschürfenden Monologe, die zuweilen einen anklagenden Ton eingehaucht bekommen. Am Ende wirft der verzweifelte Mann seine letzten Münzen in die Menge, in Richtung Publikum. Carpe diem.

 

Von morgens bis mitternachts
von Georg Kaiser
Regie: Nina Mattenklotz, Bühne: Silke Rudolph, Kostüme: Lena Hiebel, Musik: Tobias Gronau, Dramaturgie: Kekke Schmidt.
Mit: Rainer Philippi, Anne Cathrin Buhtz, Jan Krauter, Markus Lerch, Florian von Manteuffel, Anna Windmüller, Minna Wündrich.

www.staatstheater.stuttgart.de

 

Georg Kaiser ist eher selten Gast auf deutschen Bühnen. Im Dezember 2009 etwa hat Tina Lanik Von morgens bis mitternachts in München inszeniert, während Volker Lösch seine Kaiser-Pläne an der Berliner Schaubühne zugunsten von "Lulu - Die Nuttenrepublik" geändert hat.


Kritikenrundschau

Nina Mattenklotz verweigere sich einem "ins expressionistische Stück von Georg Kaiser hineininszenierten Kommentar zu Spekuklation und Bankenkrise" und interessiere sich vielmehr für den "Rausch, ein Leben jenseits aller Konventionen", meint Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (22.11.2010). Sie blicke auf den Kassierer ganz naiv: Er sei bei ihr "grundgut, deshalb auch kein cooler Macker oder Hochstapler, sondern ein von Lebensfieber bald aufgezehrter Mensch in der gesellschaftlichen Revolte." Und theoretisch sei es "womöglich eine gute Idee, den Kassierer mit einem nicht glamourös wirkenden charismatischen Schauspieler zu besetzen". Dies sei aber "eben kein Ensemblestück", und "mit maskenhafter Mimik" trage Markus Lerch keinen Abend. "Vor lauter Plateaus Hinaufhangelen, Tanzen und Hopsen und Kaviarverteilen und Geldscheinherumfuchteln bleibt Lerch kaum Energie, die stakkatohaften Gedankenfetzen über Wert und Gegenwert, Kapitalismus und Erleuchtung sprachlich so zu formen, dass sie nicht wie aufgesagt wirken." Es bleibt "interesseloses Wohlgefallen an Ausstattung und mancher Szene".

"Weder sprachlich noch inhaltlich" habe es "der hochmögende Georg Kaiser seinem Publikum je leichtgemacht", schreibt Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (22.11.2010) - "und dass man sein passagenweise eben verstiegenes Schauspiel nun trotzdem fast zwei Stunden lang mit einigem Interesse verfolgt, liegt am Stuttgarter Inszenierungsteam." Nina Mattenklotz habe nämlich "die Gewichte des Stationendramas so sachte wie klug verschoben. Nicht die tödliche Selbsterkenntnis des Kassierers steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern (...) die Frage, was der Mensch mit dem Geld und, umgekehrt, was das Geld mit dem Menschen macht. Es bringt ihn zur blinden, nicht zur dionysischen Raserei." Geld mache aus Menschen "lenkbare Marionetten, keine befreiten Ekstatiker". Mattenklotz entwerfe das "existenzielle Kleinstadtgefängnis", aus dem sich der Kassierer zu befreien versuche, "mit einem enormen handwerklichen Geschick", und letztlich gelinge es ihr nicht nur, "ein problematisches Drama wieder spielbar zu machen", sondern, "ohne aufdringliche Aktualisierungen, sogar sehenswert".

 

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