Jammernde Kopfgeburten

von Dorothea Marcus 

Duisburg, 2. Oktober 2007. Eigentlich sollte "Courasche oder Gott lass nach" ja schon vor über einem Jahr auf der Ruhrtriennale Uraufführung haben. Der Büchner-Preisträger 2006 Wilhelm Genazino hatte die Rolle der von Grimmelshausen inspirierten Soldatenhure aus dem Dreißigjährigen Krieg eigens für Veronica Ferres angelegt, doch die sagte ab, weil die Rolle sich nicht mit ihrer "künstlerischen Integrität" vereinbaren ließ. Die Uraufführung wurde verschoben.

Huren in videografierter Schneelandschaft

Nun hat sie doch das Bühnenlicht erblickt. Regisseurin Stephanie Mohr hat die Courasche in der Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg statt von einem Superweib von drei Frauen spielen lassen: Julischka Eichel, Barbara Nüsse und Anna Franziska Sma sind Spiegelungen und Gefährtinnen einer rasend Einsamen, der einzige Mann (Daniel Rohr) Staffage, dafür vielseitig eingesetzt. In der Streetworkkleidung von Straßenhuren – blonde Perücken, weiße Lackstiefel, Corsagen und Bomberjacken – tauchen sie aus einem riesigen Kleiderhaufen auf (Bühne: Andrea Uhmann). Von der Decke hängt eine Videoleinwand, auf der Schneelandschaften vorbeiziehen oder Gesichter in Großaufnahme gespiegelt werden – schön, aber nicht unbedingt zwingend.

Im Grimmelshausens "Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courasche" von etwa 1669 macht der Krieg aus Frauen Huren und Geschäftsfrauen. Brecht ließ sich davon für seine "Mutter Courage" inspirieren. Bei Wilhelm Genazino ist "Courasche" eine einsame Hure. Wenn ein Kerl auf ihr liegt, weint sie aus Mitleid, aber sie macht sich auch Sorgen um Zellulitis im Dekolleté. Seit 25 Jahren – "Kopulationsjubiläum"! - hinterlassen Männer ihre Duftmarke auf ihr, sie fühlt sich leer und doch hungrig: "gefickte Frauen riechen nach totem Mann". Mit gelangweiltem Gesicht und bewegungslos sitzt die Hauptcourasche des ersten Teils (Anna Franziska Sma) über einem, der am Boden des Kleiderbergs liegt. Vielleicht belohnt sie Gott ja für die Beglückung der traurigen Männer, hofft sie, doch wer könnte bei der profanen sexuellen Entladung von Glück sprechen?

Ein Chor bewahrt vor Schlimmerem
Wie ein ironischer Kontrast zu ihrer tierhaften Immergeilheit zieht ein entrückter, schwebender Männerchor in Strickjacken und Cordjacken an der Dreierhure vorbei und intoniert wunderschöne Weisen und Psalmen des 16. und 17. Jahrhunderts. Eine schöne und stimmige Regieidee, die Genazinos Text allerdings in den Rücken fällt – und ihn gleichzeitig vor noch Schlimmerem bewahrt.

Seine Courasche ist die weinerliche Kopfgeburt eines Mannes, der über vermeintlich missbrauchte und benutzte Huren fantasiert, sich aber heimlich dran erfreut. Männer verrichten um jeden Preis, in Eis, Schnee und Krieg ihre sexuelle Notdurft – immerhin weinen sie bei Genazino hinterher. Frauen dagegen folgen, immer lebenszugewandt auf Nahrungsmittelaufnahme bedacht, ihrem Selbsterhaltungstrieb und lassen Sex in gefrorenen Mösen passiv über sich ergehen. Danach sinnieren sie über ausgetretenes Sperma im Schlachtfeld, das auf einem Rucksack vereist.  

Pornografische Sprache
Es hört sich geschmacklos an und ist es auch: es liegt kein poetischer Mehrwert in der pornografischen Sprache, die sexuelle Körperverrichtungen kalt und äußerlich beschreibt und jedes Gefühl verneint. Obwohl sie eigentlich aus einfachen und kurzen Sätzen besteht, liegt diese Sprache den Schauspielern schief und schwer im Mund, als hätten sie nicht verstanden, worum es eigentlich geht. Aber verstehen wir es denn?

Im zweiten Teil ist Krieg, die Huren tragen nun Kopftuch und Blümchenrock, und die Hauptcourasche Barbara Nüsse überbetont ihren Text ernst und eifrig wie ein aufgeregtes Schulmädchen: Genazinos Versuch über die Mangellage Liebe bricht auf einmal restlos in sich zusammen. Nur die Ahnung einer trostlosen und allgemeingültigen menschlichen Unbehaustheit scheint im Text auf: etwa wenn die Courasche einen Monolog über eine tote Amsel hält und man erst langsam merkt, dass sie dabei ihren toten Sohn im Rucksack herumträgt und ihren Mann verloren hat. Auf der Bühne geht die Szene in manierierter Silbenbetonung unter.

Zwölf Dienstmädchenunterhosen
Im dritten Teil tragen die Couraschen schwarz-weißen Zimmermädchen-Schick – "auch eine beliebte Hurenverkleidung" – und leiden, ganz ohne Krieg, wirtschaftliche Not. Apathisch legt sich Julischka Eichel, die Genazinos Sprache noch am natürlichsten beherrscht, auf den Rücken, um vom Hausherr eine Wohnung bezahlt zu bekommen. Der Mann will schnell ans Ziel muss aber erst noch zwölf Dienstmädchenunterhosen ausziehen, ein schöner Regieeinfall, der allerdings recht allein dasteht.

Genazinos schriftstellerische Kunst liegt eigentlich in der Poetisierung des Profanen. In seinen Stücken ist ihm das bisher nicht gelungen. Stets verwechseln Genazinos Figuren Nähegefühle mit körperlichen Notdürften. Aber den Grund, warum wir uns damit auseinandersetzen müssen, bleibt er uns auf dem Theater bisher schuldig. Daran kann auch der wohlmeinende musikalische Rettungsversuch des wunderschönen Chors nichts ändern, und auch nicht die zu kleinen Munterkeiten entschlossene Regie.

  

Courasche oder Gott lass nach (UA)
von Wilhelm Genazino nach Jakob Christoph von Grimmelshausen
Regie: Stephanie Mohr, musikalische Einstudierung: Walter Zeh, Bühne, Kostüme: Andrea Uhmann, Video-Installation: Nives Widauer.
Mit: Julischka Eichel, Barbara Nüsse, Anna Franziska Srna, Daniel Rohr und dem Vokal-Ensemble des Philharmonia Chors Wien.

www.ruhrtriennale.de

Kritikenrundschau

"Genazinos Liebe zum Theater beruht auf einem Missverständnis", schreibt Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (5.10.2007). Denn die "Denkstruktur" seines Prosawerks sei "strikt monologisch". "Das Drama dagegen muss mehr sein als die Summe seiner einzelnen Ichs." Dass ihm ein solches Mehr mit seinem "Epochenstück in drei Situationen" nicht gelänge, versuche Genazino nun, mit "Maulhurerei" auszugleichen. Trotzdem blieben die Szenen "Totgeburten", die die Regisseurin beim Versuch, sie zu beleben, lediglich zusätzlich verkitsche.

Auch Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.10.2007) hält die dreifache "Courasche" für ein "literarisches Konstrukt, das sich nicht zur dramatischen Heldin emanzipiert". Der Text gebe kaum etwas zum Spielen her und ließe sich zudem "halbherziger und kunstgewerblicher" kaum inszenieren als von Stephanie Mohr. "Sätze wie 'Ich verstehe, dass eine Umarmung eine Bemitleidung ist', die in Genazinos Prosa eine verquere Wehmut ausdrücken, klingen auf der Bühne unfreiwillig komisch. Als ginge es allein darum, die 'Courasche' vom Ruch des Skandalstücks zu befreien, erhält sie als Stadttheater-Nettigkeit ein Festivalbegräbnis."

Der Redaktion der Welt (4.10.2007) war das Auftragswerk eines Büchnerpreisträgers für die Ruhrtriennale nicht Anlass genug für einen eigenen Text. Nur im Rahmen eines Porträts von Julischka Eichel darf Stefan Keim ein Quentchen "Courasche"-Kritik unterbringen. Er attestiert der Eichel "große Schauspielkunst": "Plötzlich zählt nichts anderes mehr, nur die direkte spontane Spielsituation."

Unter anderen die Ruhr-Nachrichten und der Berliner Tagesspiegel veröffentlichen in ihren Online-Ausgaben (beide vom 3.10.2007) den dpa-Bericht von Ulrich Fischer. Darin heißt es, dass Genazino ein "Feind aller Verklärung" sei und auch Stephanie Mohr die "Schlichtheit, ja Schäbigkeit" betone. Der Huren-Realismus also gefiel und diente nach Ansicht des Herrn Fischer interessanterweise dazu, darauf hinzuweisen "welche Potenziale verloren gehen, wenn Männer sich mit dieser schalen Befriedigung ihrer Sexualität zufrieden geben." Das "Elend der Bordelle" also, gegen das anzugehen das Stück auffordere, wird hier offenbar folgendermaßen verstanden: Es ist schlecht für den Mann, wenn die Hure nicht fröhlich ist.

Günther Hennecke weist in der Kölnischen Rundschau (4.10.2007) auf die Umdeutungen Genazinos hin: Aus Grimmelshausens "Ertzbetrügerlin" wurde eine Neuzeit-Hure. Das Bild der Vorlage bleibe "platt und derangiert auf der Strecke". Erst später kippe das Geschehen in Weltkriegs-Elend. "Die es zuvor gegen Bares mit kompletten Betriebsräten und Friseur-Vorständen trieben, sind zu Trümmerfrauen mutiert, die sich aus purer Not jedem hingeben …". Anders als andere hat Herr Hennecke im Spiel der Barbara Nüsse ein wenig "Tragik", "Verzweiflung" und Überlebenswillen" entdecken können.

Wo die anderen kleinlich mit Genazinos Sprache rechten geht Hans-Dieter Schütt im Neuen Deutschland (5.10.2007) aufs große Ganze: Genazinos theatralischer Impuls sei nicht "eine Dramatik, die Widersprüche gegeneinander treibt, sondern eine Melancholie, die von Widersprüchen tief traurig eingefärbt ist und der Kultur des Männliches ein entsetzliches Urteil spricht". Ein Urteil, das "auch schon sämtliche Zukünfte einschließt – in denen, wie bisher, keine Menschen vorkommen werden, sondern nur Männer. Und natürlich Krieg." In einer solchen Welt bleibe "wahre Liebe" nur "der launische, untröstliche, flüchtige Geist, dem kein Auge folgen, den keine Hand greifen kann."

Karsten Mark schreibt den eigenen Bericht der Ruhr Nachrichten (3.10.2007). Er vergibt Wertungspunkte: Mit Veronica Ferres wäre die Uraufführung, ist er sich sicher, "ausverkauft gewesen". Dennoch: die drei Schauspielerinnen sind "hervorragend". Genazino spielt "unverhohlen mit Geschlechterklischees und verschafft sich damit einen gewissen Vorrat an Komik". Stephanie Mohr inszeniert "puristisch auf den Dialog hin". Das "funktioniert, weil die Darstellerinnen und Daniel Rohr … starke Schauspieler" sind. Die Live-Videoprojektion wäre "verzichtbar".  Der Männerchor aus Wien ist "hörenswert". Die Sprache ist ordinär, "reicht aber nicht" zum Skandal.

 
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