Erschlaffendes phallisches Gemüse

von Esther Slevogt

Berlin, 11. Dezember 2010. Zuerst muss man natürlich sagen: Wir haben uns köstlich amüsiert. Auch rundherum im Zuschauerraum der Schaubühne gluckste und gluckerte es vergnügt, als zum Beispiel der vor Erregung beinahe berstende Eduard Schwarz alias Sebastian Nakajew immer lauter stöhnte und die engelgleiche Laura Tratnik in ihrem fleischfarbenen Plisseekleidchen als Lulu nichts weiter tun musste, als ihm mit treuherzigem Blick die Hand sanft aufs Gemächt zu legen. Und als Schwarz dann schließlich am Höhepunkt seiner verkrampften Glücksexplosion mit brechendem Blick tarzanartige Urlaute ausstößt, da hält es die Schenkelklopfer kaum vor Zuschauervergnügen.

Was auf die Sprünge hilft

Auch, als der schmächtige Alwa in Gestalt von Nico Selbach mit nichts als einem überdimensionierten Spargel zitternd vor der angebeteten Lulu erscheint, die das erschlaffende phallische Gemüse sogleich provokativ beleckt und schnell zerbeißt. Nur der Herr neben mir blickte missvergnügt. Fühlte er sich erkannt als Mitglied der scheinbar höchst minderbemittelten Gattung Mann, deren vollkommen unzureichenden erotischen (und auch sonstigen) Horizont Volker Lösch hier einer theatralischen Untersuchung unterzog? Und Frank Wedekinds, an der Schwelle der Moderne entstandenes höchst männliches Drama über das, was er für das Ewigweibliche, Verderbliche, Abgründige, aber auch der machistisch-kapitalistischen und brutalisierten Gesellschaft heilend auf die Sprünge helfende hielt: die Monstre-Tragödie "Lulu" nämlich.

Wobei Wedekinds Lulu eine Art weiblicher Caligari ist, ein Wesen, dessen Extreme sozusagen fast beiläufig und wie in erotischer Trance die finstere Rückseite des Fortschritts und die von der Zivilisation gebändigten und in aggressive Produktionsverhältnisse umgewandelten Lüste offenlegt. Aber solche Deutungen sind hier völlig fehl am Platz. Wedekinds Drama bietet nämlich nur einen äußerst notdürftigen Rahmen für diesen Abend.

Kissenfaltiger Schutzwall gegen das Begehren

Zunächst glaubt man beim Eintritt in den Zuschauerraum in die Welt der Frau Holle geraten zu sein, denn vor uns hat die Bühnenbildnerin Carola Reuther eine weiße Wand aus (ein Kollege hats gezählt!) 1020 Kopfkissen aufgetürmt. Dreißig Reihen à vierunddreißig Kissen also, die hier wie ein Wall von Sandsäcken gegen die Flutkatastrophen des Begehrens aufgerichtet sind. Sie sind auf Stahlseile aufgefädelt, was den Mitwirkenden ermöglicht, sich sozusagen aus dem Bauch des Theaters wie in einem Geburtsprozess durch die Kissenfront auf die Bühne zu quetschen, wie aus Körperfalten zwischen den Kissen hervorzubrechen.

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"Lulu – Die Nuttenrepublik" © Heiko Schäfer

Am Anfang steht erst mal ein minderbemitteltes Männerquartett (Felix Römer, David Ruland, Nico Selbach und Sebastian Nakajew) davor, das in einer Textsuada sabbernd ein Traumbild von Frau herbeifantasiert und in Gedanken sogleich entkleidet. Alsdann bricht dieses Fantasma durch den weißen Kissenwall in Gestalt einer Reihe schick beschuhter Frauenbeine. Sie gehören den eigentlichen Protagonistinnen des Abends, (angeblich) sechzehn Berliner Sexarbeiterinnen nämlich, die uns alsbald in wesentliche Fragen ihres Berufsstands einweihen werden. Was einen erheblichen Anteil am Vergnügungspotenzial des Abends hat. Denn wer hätte keinen Spaß an Schilderungen von erotischen Tantramassagen, Managern, die sich von Dominas wie Babys wiegen und wickeln lassen. Oder dem Verständnis, das die Damen vom Gewerbe den sexunwilligen Ehefrauen und Freundinnen von Typen entgegenbringen, die sich als Kunden als erotische Analphabeten erweisen. Was wir braven Bürgerlein eben schon immer über das Milieu wissen wollten, uns aber nie zu fragen trauten.

Lulu als Rahmen

Volker Lösch leistet hier glänzende Aufklärungsarbeit. Und weil wir im Theater sind, das uns schließlich, heute mal als ganz unmoralische Anstalt, den Vorwand für diese Einblicke liefert, gibts zwischendurch im Schnelldurchlauf die wesentlichen Luluszenen, kurz und comichaft: Dr. Goll wird vom Schlag dahingerafft, Lulu macht den nächsten an, den verklemmten Schwarz (der hier kein Maler sondern Fotograf mit goldener Kamera ist – the man with the golden cameraphallus sozusagen). Jede neue Paarung der Lulu wird durch einen Balztanz vor dem Kissenwall manifestiert, bei dem die jeweils in zuckenden Verrenkungen sich übertreffenden Männer erneut ihre grundsätzliche Verklemmtheit unter Beweis stellen dürfen.

Aber es bleibt alles sehr sauber an diesem Abend, der mit der schummrigen Kehrseite unserer Moral kokettiert, sie aber nur zum Anlass für ein paar Gags und schlüpfrige Witze nimmt, die auch bei Loriot noch durchgehen dürften. Die dunkle Seite des Gewerbes kommt nicht wirklich zur Sprache, weder seine gesellschaftlichen Voraussetzungen noch seine Abgründe wie Menschenhandel, Vergewaltigung und Kinderpornografie. Und wenn, dann höchstens als spaßkompatibles Format: wenn David Ruland als Dr. Schöning aus einem der Kopfkissen eine Mega-Koksspur über die Bühne streut und sie mit einem mannshohen Rohr sich in die Nase zieht. Und da lacht es wieder herzlich, das Publikum.

Forderung nach einem befriedigten Europa

Am Ende kommt, Kenner werden es wissen, Jack the Ripper ins Spiel. Er meuchelt nicht nur die lesbische Lulu-Gespielin Gräfin Geschwitz, der in der Schaubühne Luise Wolfram etwas zeitgenössisch Berlin-Mittiges und Kunstprofilneurotisches gibt, sondern auch Lulu – um nachher ihre Geschlechtsorgane fein säuberlich herauszuschneiden und, wie Muttern die sauren Gurken, in Weckgläser einzulegen. Selbiges hatte schon Frank Wedekind sozusagen aus dem Leben gegriffen. In der Berliner Schaubühne packen nun die unterversorgten Männerabziehbilder, die Lösch uns hier als wenig ernstzunehmende Freier vorgeführt hat, die Damen allesamt brutal am Nacken, um sie zwecks Ermordung durch die Kissenspalten zu drängen und hernach mit Einmachgläsern (samt eingeweckten Organen) daraus wieder hervorzutreten.

Dumm gelaufen, denkt man noch. Da hat sich am Ende quasi doch noch die brutale, blutrünstige Wirklichkeit und damit auch Frank Wedekind gegen Volker Löschs lustiges Nutten- und fröhliches Freierparadies durchgesetzt. Aber zu früh gefreut. Mit Grandezza reißen die Seile, die die Kissen bisher ordentlich in Reih' und Glied gehalten hatten. Hervor treten noch einmal die Vertreterinnen des Gewerbes, um ein Manifest zu skandieren, in dem neben der vbm (hinter der sich die "Bewegung freier Mösen" verbirgt) auch die "Angel Guerilla" gegen dem Gewerbe verständnislos gegenüberstehende Gruppierungen wie die "u n f a k d unfucked", (laut Veranstalter die "union of non-fucking deliberate simulants & asexual desperate women" bzw. die "Vereinigung Nicht-Fickfreudiger Asexueller Kirchgängerinnen, verlassener und sonstiger zurückgebliebener Frauen"), Position bezieht und zum donnernden Applaus des Publikums den Abend in Forderungen für ein befriedigtes Deutschland, ein befriedigtes Europa, ja, eine befriedigte Welt münden lässt. Na, wenn das nicht zündendes politisches Theater ist!

 

Lulu - Die Nuttenrepublik
nach Frank Wedekind mit Texten von Berliner Sexarbeiterinnen
Textfassung von Volker Lösch und Stefan Schnabel
Inszenierung: Volker Lösch, Chorleitung: BerndFreytag, Bühne: Carola Reuther, Kostüme: Cary Gayler, Dramaturgie: Anke Mo Schäfer, Stefan Schnabel, Licht: Erich Schneider.
Mit: Laura Tratnik, Sebastian Nakajew, Felix Römer, David Ruland, Nico Selbach, Luise Wolfram und Andrea Mertz, Ankelina Möller, Anna Schröder, Anne Abendroth, Chloé, Daniela Markus, Gina-Lisa Maiwald, Goldschwanz, Jana Olschewski, Juliane, Lisa Kablan, Lolette, Malina, Nada Njiente, Susanne Ostrowicki, Valentina Repetto.

www.schaubuehne.de

 

Mehr zu Volker Lösch gibt es im nachtkritik-Archiv. Und eine "Lulu"-Aussteigerin berichtete in der aktuellen Ausgabe des Berliner Stadtmagazins tip über die Proben.

Kritikenrundschau

"Es macht Spaß, den Sexarbeiterinnen zuzuhören und zuzusehen", befindet Ines Kappert in der taz (13.12.2010). "Jede Geschichte ist anders, ihre Gesichter zeugen von Eigenwilligkeit, ihr nüchternes Vokabular ist erfahrungsgesättigt, man glaubt ihnen. Nur, warum interessiert sich der Regisseur so wenig für sie?" Lösch setze auf groben Witz und entziehe sich der ernsthaften Beschäftigung mit den Freier-Motiven: "Die Frauen sind überlegen, die Männer blöd. Zur Strafe müssen sie ständig ihre blanken Hoden und Hintern dem Publikum zeigen." Das die Frauen nur gruppenweise auftreten und sprechen, untergrabe zudem den zentralen Anspruch des Stückes, Huren eine Individualität zuzugestehen. Beim Epilog ("Steht auf für ein befriedigtes Europa, für eine befriedigte Welt!") käme schließlich "Fremdschämen auf".

"Lulu? Lösch? War da was?", fragt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (13.12.2010). Ein "größtenteils drolliger Abend" sei das gewesen: "Er ist nett, furchtbar nett. Schlimmer hätte es für das Lösch-Theater nicht kommen können: Man geht müde und achselzuckend nach Hause." Immerhin: Weder produziere der Abend ein "einheitliches, schubladenförmiges Prostituiertenbild" noch bediene er die Lust am Voyeurismus. Laura Tratnik dürfe nicht mehr als Augen und Klischees machen, die Herren seien "von der ersten bis zur letzten Sekunde polternde Schreiatrappen, was sie bestenfalls zu Comedy-Chargen werden lässt."

"Immer feste druff im Puff", konstatiert Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (13.12.2010). Lösch reduziere Lulu und ihre Männer "zu Geschlechterkampfmaschinen, die auf Selbstzerstörung programmiert" sind: "Notgeile Männer rasen an der Rampe, trampelnde Brüllaffen." Aus dem Gewerbe erfahre man auch nichts Neues. Immerhin: "Wer im Chor steht, wer sich das zutraut und den Schritt auf die Bühne wagt, als blutiger Anfänger, behält seine Würde, wird nicht verheizt – im Gegensatz zu den Schauspielprofis."

Im Gegensatz zu Löschs "Berlin Alexanderplatz"-Inszenierung an der Schaubühne haben in seiner "Lulu" haben die einzelnen Chor-Stimmen kein Gesicht, schreibt Ulrich Weinzierl in der Welt (13.12.2010), "das individuelle Schicksal wird zugunsten des kollektiven ausgeblendet. Eine anonyme Gruppe vermag leider kaum je zu interessieren, für Sexualsoziologie und Typenlehre von Freiern haben wir naturgemäß beschränktes Aufmerksamkeitspotential." Aber auch die Schauspieler blieben profillos. Und sonst? "Zum Orgasmus wird fortissimo gestöhnt, die Koks-Linie hat das Format einer Straßenmarkierung, und ein nackter Pimmel schaut im Vergleich zum vorgehaltenen Riesenspargel meist mickrig aus."

"Die Schauspieler der Schaubühne treten das Stück mit wackerem Gehampel, hohler Gestik und rotzigem Gebrüll vor sich her wie einen alten Fußball, in dem fast keine Luft mehr ist", sagt Eberhard Spreng (Deutschlandradio Kultur, 11.12. 2010). Und jedes Mal, wenn sie auf der Vorderbühne mit einer ihrer Nummern fertig seien, treten die professionellen Sexarbeiterinnen "durch die Lücken einer aus aufgestapelten Kopfkissen gebildeten Wand an die Rampe und berichten von den elenden Verhältnissen, in die sie die reale Männerwelt immer wieder stürzt". "Lulu", das "Stück über männliche Projektionen und die verstörende Macht einer ungebremsten Erotik", werde so zwar auch nicht erzählt, "aber immerhin etwas Wirklichkeit rettet sich damit in diese varietéhafte Theatershow, mit der man heute selbst hartgesottene Spießer nicht mehr erschrecken kann".

"Wie bei Wedekind, so ist auch bei Volker Lösch die ganze Welt ein skurriles Bordell, in dem alle menschlichen Beziehungen vom Marktgesetz entstellt und von der vorwiegend spießbürgerlichen Moral schöngefärbt sind", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.12.2010). Man möchte dem Chor nicht zuhören, "aber man muss es, denn die Stimmen sind zu zahlreich – und authentisch." Zusammen mit "der stets wie in höheren Regionen schwebenden Laura Tratnik" als Lulu bildeten die Sexarbeiterinnen ein distanziert anrührendes Ensemble. "Beherzt-unbekümmert" komme diese Aufführung des couragierten Regiemeisters Volker Lösch daher, und "wenn zu guter Letzt die Sexarbeiterinnen vor der zusammengekrachten Kissenmauer stehen und amüsiert-inbrünstig ein Manifest 'für eine befriedigte Welt' verkünden, scheinen die Prostituierten Wedekinds große Tragödie auf ihre Art erlöst zu haben."

"Muss es wirklich so schlicht sein?", fragt dagegen Jürgen Otten in der Frankfurter Rundschau (13.12.2010). Und "was ist die Moral von der Geschicht´ außer der, die hier lautstark postuliert wird?" Eine "Botschaft existiert schlichtweg nicht, an diesem Abend, der den Spagat zwischen einem Drama und einer politischen Behauptung wagt und sich dabei affirmativ gehörig verrenkt". Auf der einen Ebene berichte der Chor von "miserablen Zuständen", auf der anderen spielen Schauspieler Wedekinds „Lulu“, "allerdings so unernst, dass man das Stück nurmehr in Umrissen erkennt". Neu sei, dass "Lulu" eine Komödie ist. Darin werde die Männerwelt "zu einer Ansammlung von vögelsüchtigen Volltrotteln erklärt". Man komme "kaum heraus aus dem Lachen. Wenn man denn lachen kann über diesen Schmonzes, der Wedekind zerfetzt und über das wahre Leben auch nur so viel zu sagen hat, dass dieses voller ausbeuterischer Sauereien steckt".

"Die Professionellen sind an diesem Abend in jeder Hinsicht nicht die Schaubühnen-Schauspieler, sondern die fünfzehn Frauen des Chores. Ihnen kann man gespannt, wach und voller Respekt zuhören", meint Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (13.12.2010). Während erstere "alles auf einem Ton" spielten, stellte sich bei den Auftritten der Sexarbeiterinnen "genau die Mischung aus Ekel vor den Freiern und Respekt vor den Frauen ein, die das Privatfernsehen bei seinen Rotlicht-Exkursionen zugunsten lüsternen Schauders vermeidet." Dass Löschs Opfergruppenchor diesmal nicht gar so platt in Gut und Böse spalte, liege "an der Würde und dem nüchternen Selbstbewusstsein, mit dem diese Frauen über ihr Leben und ihre Arbeit berichten." Und an ihren Texten, "so vielschichtig, reflektiert, ehrlich, teilweise hilflos, teilweise trotzig und über weite Strecken sehr selbstbewusst, dass sie sich klischierten Opferzuschreibungen entziehen."

Und noch einmal meldet sich die Berliner Zeitung (15.12.2010) zu Wort, diesmal in Gestalt von Ulrich Seidler. Er geht auf die Entdeckung ein, dass es sich bei vier der Chor-Darstellerinnen nicht um echte Sexarbeiterinnen, sondern um Schauspielerinnen handelt. Lösch arbeite immer so: "Wer jetzt 'Skandal!' ruft, gibt zu, selbst unbedarft gewesen zu sein. Denn es erfordert einen hohen Grand an Professionalität und Disziplin, um auf der Bühne aus einer Ansammlung von Individuen eine Masse zu formen." Weil Lösch Fulminanz und Pathos wolle, er "gleichzeitig nicht den Eindruck der reinen Authentizität trüben wollte, hat er sich offenbar entschlossen, das Publikum im falschen Glauben darüber zu lassen, von wem es da angebrüllt wird." Wer jetzt noch "Betrug!" rufe, "gibt darüber hinaus seine voyeuristische Ader zu erkennen. Er hat ja schließlich nicht fürs Hurengucken Eintritt bezahlt, sondern für einen subventionierten Theaterabend mit gesellschaftspolitischer Funktion."

Auch Peter Laudenbach kommentiert in der Süddeutschen Zeitung (17.12.2010) den Umstand, dass vier Chor-Darstellerinnen ausgebildete Schauspielerinnen sind, zusammengefasst in der Presseschau vom 17.12. 2010.

 

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