Gefangen im Vulkan-Mantra

von Marcus Hladek

Frankfurt am Main, 18. Januar 2011. Michel Houellebecq, der den globalen Sextourismus hochleben ließ und den Islam "die bescheuertste aller Religionen" nannte, hat die Haut des Chefprovokateurs der französischen Literatur neuerdings abgestreift. Sein jüngster Roman "Karte und Gebiet", der, unter anderen realen Figuren des Kulturbetriebs, im Jahr 2035 den weltberühmten Schriftsteller "Michel Houellebecq" auftreten und zerstückelt werden lässt, soll vor allem umwerfend komisch sein. Selbst mit dem schönen Geschlecht hat ihn das für März auf Deutsch angekündigte Buch versöhnt, das dem "Plattform"- und "Elementarteilchen"-Autor bislang übelnahm, uncharmant auf seine prokreativen Organe und zugehörigen Rundungen reduziert zu werden. In "Lanzarote" (1999), dieser traurigen Reisegeschichte, ist vom neuen Houellebecq zwar noch nichts zu sehen. Michael Benthins 60-minütigem monodramatischen Auftritt von Graden in der Frankfurter Schauspiel-"Box" tut das aber keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Der namenlose Ich-Erzähler flüchtet aus seiner Silvesterdepression ins Reisebüro und – Benthins ausgebreitete Arme und tänzelnd-segelnde Flugschleifen über der behaupteten "Geomorphologie" deuten es musikbegleitet an – auf die Kanareninsel Lanzarote. Inmitten der bizarren Vulkan- und Kakteenlandschaft, an ihren "Traumstränden" und in der Happy Hour im Hotel vertreibt er sich die Zeit mit ätzenden Kommentaren auf CNN oder die nationalen Macken der Mittouristen, schließt sich erfolgreich Pam und Barbara an, einem zugänglichen Lesbenpaar aus Deutschland, tritt zuletzt der Retorten-SciFi-Religion der Azraelisten bei und beginnt das Publikum zu missionieren.

Klischierte Erhabenheitsgefühle

Bühnenbildnerin Olga Ventosa Quintana traut sich eine schick-maritime Szenerie mit drei leuchtend weißen Segeln, die über dem flachen Plateauquader mit seiner dünnen Schicht glitzernd schwarzen Vulkanstrands mit ein paar größeren Quarzkieseln aufragen. Lene Schwind steckt Benthin ganz in Weiß: Leinenhose zu kurzärmligem Hemd und abgelatschten Tennisschuhen, ergänzt um eine Handvoll Requisiten (Sonnenbrille mit Cocktailglas-Ikon, Strohhalme). Eine offen dekorative, illustrative Ausstattung ist das im Ganzen, deren Redundanz im Verhältnis zum Text ihre Vollendung im verfremdungsfreien Stil Benthins findet. Was so befremdlich und entfremdet ist wie Houellebecqs Blick auf den Anti-Alltag unseres Tourismus, kann durch Verfremdung nur verlieren.

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"Lanzarote" in Frankfurt © Birgit Hupfeld

So das Kalkül von Regisseurin Karoline Behrens, so scheints, und es hat viel für sich. Auf der Bühne belustigt Houellebecqs Prosa mit resignativ-platten Sentenzen, die mal den Norwegern ("sind durchscheinend... Der Sonne ausgesetzt, sterben sie fast sofort"), mal deutschen Frauen gelten ("Wenn man sich ihren Launen beugt, lohnt sich das meist"). Seine Sprache ist detailreich in den Sexszenen und weckt mit klischierten Erhabenheitsgefühlen ("So muss es nach dem Weltuntergang aussehen") beim Zuhörer Argwohn vor dem Touristen in ihm selbst.

Fingerschnipsen und orgelnder Pop

Benthin, dieser langjährige Thalheimer-Schauspieler, bekennt sich zur Scheu vor großen Tönen und einer Vorliebe für ein langsames, umso konzentrierteres Angehen. Wenn er beim Beschreiben und in den Dialogen seinen versonnenen Sehnsuchtston anschlägt oder sich mit in die Ferne gerichtetem Blick an den Segeln festhält, wenn er geistesabwesend Vulkansand zerkrümelt oder sich von der "Meditation" seiner Figur ("Erschaffung durch den Vulkan – Zerstörung durch den Vulkan. Erschaffung durch den Vulkan...") davontragen lässt, lullt das den Zuschauer ein und gewinnt unmerklich eine Intensität, die ihn unversehens überrascht.

Schlechtes Touri-Englisch zum Anbandeln ("You have very nice breasts" – "Thank you") und eingestreute Brocken zivilisationskritischen Menschenhasses, Wolken- und Strandprojektionen auf die Sonnensegel und eine Musik aus konfektionierter Elektronik, Fingerschnipsen und orgelndem Pop halten das Geschehen kunstvoll unterhalb der dramatischen Schwelle, die Houellebecqs Texte nicht anvisieren und der die Figur, dies fast sympathische Schweinchen unterhalb alles Transzendenten, kaum standhielte.

 

Lanzarote
von Michel Houellebecq.
Regie: Karoline Behrens, Bühne: Olga Ventosa Quintana, Kostüme: Lene Schwind.
Mit: Michael Benthin

www.schauspielfrankfurt.de

 


Kritikenrundschau

Ein "gelungenes, vergnügliches Theatersolo" gebe Michael Benthin in der Regie von Karoline Behrens in der kleinen Box des Schauspiels Frankfurt, schreibt Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (20.1.2011). Zwar passe der Sektenbeitritt, der hier dem Erzähler zugeordnet sei, inhaltlich nicht völlig zu "dessen Zynismus". Schauspielerisch aber überzeuge Michael Benthin als "famoser Nörgler und Ätzer. Ein bisschen schmierig ist sein Erzähler, selbstverliebt sowieso. Aber nicht ganz unsympathisch."

Auch Michael Hierholzer auf dem Onlineportal der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.1.2011) ist von dieser Prosaumsetzung angetan, weil Benthin "nicht nur den Worten von Michel Houellebecq einen kongenialen Ausdruck verleiht, sondern sich der von dem Schriftsteller zu Papier gebrachten Figur vollkommen anverwandelt." Er oszilliere dabei "zwischen Ego und Alter Ego des Romanciers, zwischen realer Fiktion und fiktionaler Realität." Die Reiseerlebnisse seien grundiert durch "eine Empfindung des 'ennui', wie er sich angesichts eines beginnenden Jahrtausends einstellt, in dem es keinen Glauben, keine Rettung, kein Heil mehr gibt, es sei denn in der Erfüllung erotischer Phantasien." Fazit: "Glanz und Elend des Verreisens sind selten so spürbar geworden wie in diesem Ein-Mann-Stück."

"Benthien braucht auf der kleinen Bühne nicht viele Requisiten, um den Schauplatz der Geschichte vor Augen zu führen", berichtet Björn Gauges in der Fuldaer Zeitung (19.1.2011). "Die Tristesse aus Houellebecqs Büchern lässt der souveräne Schauspieler in dieser Inszenierung weitestgehend beiseite. Stattdessen bevorzugt er die Komik der Erzählung – und die drastischen Sexszenen."

 

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