Presseschau vom 17. Februar 2011 – Peter Kümmels Reise zu den "Quellen der komischen Kunst" in der Wochenzeitung Die Zeit

Der Zorn, der in uns allen wohnt

Der Zorn, der in uns allen wohnt

17. Februar 2011. "Das ganze Theater ist heute Pallenberg-haft geworden", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (17.2.2011). Kümmel ist nach Wien, Leipzig und Frankfurt gereist, zu den "Quellen der komischen Kunst" und stellt nun fest: "Wir brauchen die Komödie, denn sie lacht über den Zorn, der unter uns allen wütet."

Für einen Mann, der jetzt losfährt, um sich Komödien in deutschen Theatern anzusehen, so Kümmel, liefere Polgars Pallenberg-Beschreibung so etwas wie eine Gebrauchsanweisung: "Kommen heutige Spieler da ran? Kann man über Pallenberg hinauskommen? Wie stellt man den Menschen heute dar, 89 höllenabgrundtief-lächerliche Jahre später?"

Im Wiener Burgtheater, in Andrea Breths "Zwischenfälle" sah Kümmel "pralle Situationen, in welche harsch die Nadel sticht: Dann platzt eine Welt. Oder genauer: Es wird die eine, immergleiche Welt variiert; es ist so, als sähe man einen Meister beim dauernden Korrigieren einer Skizze; als sähe man den Radiergummi des HERRN über die Szenen hinfegen." Das Explosionsgeräusch sei ein Lieblingsmittel der Regisseurin, ihre Szenen an ein Ende zu bringen: der Gegen-Urknall. Das sei auch das Pallenberghafte, "eine ganze Welt klappt hoch, reißt die Augen auf, entblößt sich, versinkt. In jedem Schöpfungsakt ist das Verschwinden angelegt." Breths Komik ist allerdings weder heiß noch wild, sondern bleikammerartig dunkel.

Dass sich die Komödie von heute an der Mechanik eines Zorns delektiert, der nahezu unpersönlich unter uns allen wütet, überlegt Kümmel angesichts von Sebastian Hartmann "Pension Schöller," die er in Leipzig sah. "Hartmann führt uns in die Ardennen des Entertainments, in ein Stalingrad des Spaßes." Grimmig will der Regisseur mit seinem Cremetortenporno auf folgendes hinaus. "Die Normalen, die Spießer, die Bürger, im Vorurteil lebend, sind unfähig zu jeder Beziehung. Man könnte sogar den Umkehrschluss ziehen: Die Beziehungen sind leer, gerade weil sie funktionieren. Was funktioniert, beruht auf Irrtum, Anmaßung, Missachtung und ist also hohl." Im Lichte dieser Annahme sei unter Menschen gar nichts anderes möglich als: Klamotte.

Wo man in Wien und in Leipzig den Untergang von Welten miterlebe, da sehe man in Frankfurt in Oliver Reeses Inszenierung von "Der nackte Wahnsinnn" das komplette Programm, "nämlich die Erschaffung (1. Akt: Probe), schrittweise Demontage (2. Akt: Tourneealltag) und schließliche Zerstörung (3. Akt: letzte Vorstellung) einer Welt." Die Frankfurter Spieler (und die Figuren, die sie darstellen) verausgabten sich in einem wahren Pallenberg-Festspiel: "Beim Versuch, Kunst und Leben in Harmonie zu bringen, zermürben sich beide gegenseitig. Alle Spieler verwandeln sich in Marionetten der Lüge, man camoufliert die Pannen und Katastrophen und produziert immer neue, und die Schauspielerin Anita Vulesica macht aus ihrem Spiel einen Veitstanz der Vertuschung."

Kümmels Fazit: "Wo einst der geniale Schauspieler Max Pallenberg gezeigt hat, wie höllenabgrundtief-lächerlich es ist, ein Mensch zu sein, da verlacht heute das Theater die eigene abgespielte Mechanik: Wie lächerlich ist es, auf die Bühne zu gehen und einem völlig fremden Publikum die Last der Peinlichkeit und Vergänglichkeit abnehmen zu wollen! Jedoch, es wimmelt von Leuten, die tollkühn genug sind, es trotzdem zu tun. Sie sind die wahren Helden unserer Zeit. Sie tun alles für ein bisschen Gelächter. Wie leer wären unsere Städte ohne sie."

 

Kommentare

Kommentar schreiben