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Gewalt ist eine Schönheit

von Katrin Ullmann

Hamburg, 19. März 2011. Zwei Tote, die Projektion unzähliger (Atom)Explosionen auf einer rechtzeitig heruntergelassenen Leinwand und ein teilnahmslos abgehender Nikolai Stawrogin: Das ist das Ende, das Ende von Kornél Mundruczós "Dämonen"-Bearbeitung am Thalia in der Gaußstraße. Im Original, in Dostojewskis Roman von 1871/72, gibt es ebenfalls ein paar Tote, darunter auch Stawrogin: Er erhängt sich an einer Seidenschnur.

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©Kraft Angerer

Dieser Stawrogin ist Teil und Kopf einer revolutionären Gruppe, der auch Pjotr Stepanowitsch Werchowenski und Iwan Pawlowitsch Schatow angehören. Gewalt, Nihilismus und brutale Willkür sind die treibende Kräfte dieser amoralischen Gruppe. Ihre Geschichte spielt irgendwo tief in der russischen Provinz und zeichnet das Bild einer sich selbst zerstörenden Welt, in der unterschiedliche Ideologien aufeinanderprallen.

Irgendwo in der abgewrackten amerikanischen Provinz

Der heftig umstrittene Roman zählt zu Dostojewskis Hauptwerken. Mit "Böse Geister", "Die Teufel" oder auch "Die Besessenen" wurde der Titel übersetzt. Mundruczo also macht daraus "Die Zeit der Besessenen". In knapp drei Stunden Bühnenfassung erzählt der ungarische Regisseur seine Version. Es ist eine sehr freie Fassung, eine Anlehnung, eine die irgendwo in der amerikanischen Provinz spielt. Auch wenn Márton Aghs höchst atmosphärisches Bühnenbild die bröckelnden Überreste eines leer stehenden Flughafens zeigt, der mit seinem abgewracktem Charme der 50er Jahre, knöcheltiefen Schnee, verwaistem Holzschlitten, einigen russischen Ikonen, verrosteten Wasserfässern und funzlig glimmenden Straßenlaternen starke Assoziationen zum ehemaligen Ostblock auslöst, behauptet wird: Amerika.

Hier also im Irgendwo treffen sich die revolutionären, russischen Zellen im allertiefsten amerikanischen Winter bei jenem Stawrogin (Tilo Werner). Dieser haust in einem abgebrochenen Kontrollturm und organisiert für die ankommenden Terroristen Pjotr (Bruno Cathomas) und Schatow (André Szymanski) – Cathomas nölt ihn meist lautstark "Shut off!" an – ein paar Flugstunden. Lisa (Franziska Hartmann), Stawrogins ehemalige oder Immer-noch-Geliebte soll diese durchführen – das macht die Sache, "die Aktion" nicht unbedingt einfacher. Vermutlich ist eine Flugzeugentführung geplant, vermutlich. Genaueres erfährt man nicht, denn "die Aktion" ist streng geheim, manchmal nur wird an ihr weiter geplant, meist jedoch knistert aus dem Plattenspieler nostalgische Musik, wird getanzt, mit dem Flugsimulator gespielt und oder getrunken.

Tote Katze im Arm

Der bei Dostojewski romanprägende "Schlagabtausch der Ideologien" taucht nur noch im Programmzetteltext auf, in der Inszenierung versickert er in Wodka und gelegentlichen Ausrufen wie "Ich bin ein Geisteskrieger", "Gewalt ist eine Schönheit, ein edler Protest" und "Wir sind die vierte Generation". Zwischendurch verwirrt ein mysteriös umherstreifendes Mädchen (Lenneke Eisenbarth/ Lilian Toase) in rosa Kapuzenjacke die Runde, obwohl es nicht viel mehr macht, als eine tote Katze im Arm zu halten, spitze Schreie auszustoßen und hin und wieder mit erhobenem Zeigefinger die Zukunft vorherzusagen. Vermutlich soll sie jenes elfjährige Mädchen darstellen, das Stawrogin einst vergewaltigte.

Ansonsten wird Pizza bestellt und über Jack Bauer gescherzt, von Kondensmilch und schicken Sonnenbrillen geschwärmt, kurz auch mal über den freien Willen und leere Herzen nachgedacht, da wird geboxt, gedroht, geliebt und geschossen. Irgendwann schaukelt das stille Mädchen in Stawrogins Hängematte, knutschen Lisa und Schatow im Schnee und heiratet Stawrogin deren zurückgebliebene dickliche Schwester Maria (Gabriela Maria Schmeide).

Mit einer freundlichen Prise Tarkowski

In zum Teil sehr schönen, weil sehr filmischen Bildern erzählt Mundruczó von Männerbünden und unklaren Plänen, von Liebe Hoffnungen und Enttäuschungen und er erzählt davon, dass eigentlich nichts passiert. Dass sich die terroristischen Revolutionäre über Eifersüchteleien und unerfüllte Lieben zerstreiten, sich irgendwann von Maria verraten fühlen und unverrichteter Dinge wieder in die Stadt zurückkehren.

Regisseur und Bühnenbildner bauen dafür immer wieder großartig surreal anmutende Bilder. Oft liegen diese nah an der Kitschgrenze und retten sich doch mit einer freundlichen Prise Tarkowski. Die Bach-Suiten für das Wohltemperierte Klavier passen bestens zu dem sanft rieselnden, großflächig projizierten Schnee, fröhlich verstreute Rosenblätter stecken schließlich im Watteschnee wie überdimensionale Blutstropfen und der von innen vergilbt-gelblich leuchtende Kontrollturm braucht nicht viel mehr als eine Schneelandschaft drumherum, durch die eine hasserfüllte Lisa mit gezückter Waffe schleicht.

Mundruczó macht in seiner Inszenierung das Politische zum Privaten, steckt alles Dämonische ins Kind. Das ist streckenweise (dank der großartigen Schauspieler) sehr unterhaltsam, streckenweise (aufgrund der handlungsarmen Zusammenhangslosigkeit) recht langatmig. Vor allem am Schluss schwingt er eine extraschwere Moralkeule: Wenn jenes vergewaltige Mädchen, das nun vom Teufel "besessen" scheint, zur alles vernichtenden, nuklearen Mörderin wird.

 

Die Zeit der Besessenen
nach dem Roman Die Dämonen von Fjodor M. Dostojewski
in einer Bearbeitung von Kornél Mundruczó, Yvette Biro, Viktória Petranyl, Eva Zabezsinskij
Regie: Kornél Mundruczó, Ausstattung: Márton Agh, Musi: Ahser Goldschmidt, Dramaturgie: Viktoria Petrányl, Sandra Küpper.
Mit: Tilo Werner, Bruno Cathomas, André Szymanski, Franziska Hartmann, Gabriela Maria Schmeide, Matthias Leja, Leneke Eisenbarth/ Lilian Toase.

www.thalia-theater.de

 

Mehr von Kornél Mundruczó: Wir besprachen zuletzt Eszter Solymosi von Tiszaeszlár, das er im September 2010 in Hannover inszeniert hat. Und im Thalia Theater in der Gaußstraße inszenierte er im September 2009 Judasevangelium.


Kritikenrundschau

Kein gutes Haar lässt Stefan Grund auf Welt online (21.3.2011) an dieser Dostojewki-Adaption. Auf der Studiobühne Altona, die von Intendant Joachim Lux als "Hinrichtungsstätte für Weltliteratur" (sic!) genutzt werde, zeige Kornél Mundruczó, "welche Zutaten für schlechtes Regietheater unabdingbar sind": "Erstens: Die Inszenierung muss so anmuten, dass sie in den Siebzigerjahren als avantgardistisch durchgegangen wäre." Entsprechend redeten alle aneinander vorbei, würde das Publikum unentwegt mit Rauch eingenebelt, müssten sich "viele Schauspieler nackt ausziehen und schreien" etc. "Zweitens: Das Stück darf nichts mehr mit dem Roman zu tun haben, schon gar nicht mit dessen Qualität. (…) Drittens: Aktualität ist krampfhaft zu suggerieren.", das heißt: "Anstelle von Haaren werden mindestens Atome gespalten, das sorgt für knalligen Aktionismus in Videoeinspielungen von Atombomben-Detonationen."



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