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Sitzen zwei auf dem Meeresgrund

von André Mumot

Göttingen, 30. April 2011. Ein Goldfisch müsste man sein. Findet Ida. So ein Goldfisch lebt nämlich ausschließlich im Augenblick und schwimmt wieder und wieder gegen sein Goldfischglas, weil er sich nicht erinnern kann, das ihm das schon so oft passiert ist. Den Menschen aber geht es genauso – und das, obwohl sie sich erinnern. Eigentlich eine verlockende Stück-Prämisse, dieses trotzige Nicht-Klug-Werden. Ließe sich durchaus auf die Bühne bringen, gibt ja genug alltägliche Beispiele. Sollte man meinen.

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In ihrer Auftragsarbeit für das Deutsche Theater in Göttingen aber wählt die Stückemarkt- und Albert-Chamisso-Förderpreisträgerin Nino Haratischwili einen denkbar umständlichen Weg. Am Anfang nämlich sitzen zwei Fische, Halli und Hanno, auf dem Meeresgrund, das heißt auf einem ziemlich großen, kantigen Sofa. Angelika Fornell und Andreas Jeßing tragen knautschige Makrelenganzkörperkostüme und spielen "die Wächter der Prophezeiung im Land der untergegangenen Worte".

Die Ertrinkenden und die Überlebenden

Man muss das jetzt irgendwie zusammenfassen, aber es ist nicht ganz leicht: Auf jeden Fall finden sie, dass das "Leben im allgemeinen auf der objektiv-kollektiven Wahrnehmung basiert", die durchbrochen werden sollte. Auf einen Engel warten diese Geschöpfe seit 1070 Jahren, auf einen Ertrinkenden, den sie dann wiederbeleben und, mittels ihrer göttlichen Macht, in die Lage versetzen, sein Leben so lange neu zu leben bis "die Spielregeln sich ändern ... Keine Opfergaben, keine Schuld, keine Reue mehr, wir wollen die neue Weltordnung. Wenn das Gute und das Schlechte aufgehoben sind – dann geht alles." Kurzum: Es ist ein Tiefsee-Schmarrn.

Ida (Marie-Isabel Walke) sinkt nun also vom Schnürboden herab, ertrinkt und erlebt erneut ihre keineswegs unkomplizierte Geschichte. Weil sie Geld braucht für ihren drogenabhängigen Freund (Karl Miller), übernimmt sie  von der mit roter Perücke und Domina-Mantel gar schauerlich kostümierten Dana (Angelika Fornell) den Auftrag, deren verflossenen Liebhaber, einen ehemaligen Erfolgsschriftsteller (Andreas Jeßing), auszuspionieren. In Wirklichkeit aber – das erfährt man gegen Ende – wird sie nur dazu benutzt, dem Schreibblockierten Inspiration für sein neues Buch zu verschaffen. Als sie das merkt, ist sie dann aber auch ordentlich enttäuscht, setzt ihrem Freund den goldenen Schuss und geht ins Wasser – sodass der Autor in auftrumpfendem Selbstekel verkünden kann: "Sie war kein Motiv. Sie ist ein Mädchen, ein trauriges Mädchen, das glücklich werden wollte."

Kunst, Leben, Künstlichkeit

Es ist schon Haratischwilis zweites Göttinger Stück. In "Zorn", das in der Spielzeit 2009/10 Premiere hatte, ging es um Terrorismus-Panik, Familientragödien und Medienschelte, diesmal wird in eigentümlich pathetischen Volten das ach so wahre Leben gegen die ach so unwahre Kunst ausgespielt. Auf der einen Seite die "beschissenen Kastraten, Herzamputierten, Marmorstatuen" – auf der anderen das Mädchen aus der Gosse, das von einem Segelboot träumt, vom Reisen und von einem kleinen Schuppen mit Hühnern davor.

Und weil die Autorin ihr Werk diesmal selber inszeniert, steht all das auch ohne große Ironisierung im Raum, wickelt sich schwülstig ab und klingt sehr oft nach ungebremst überspannter Telenovela. Die Figuren bewegen sich geheimnistuerisch über drei karge Treppen vor dunklem Vorhang. Hin und wieder spielt einer von ihnen auf dem Klavier oder singt, und Angelika Fornell bewegt die Lippen zu Shirley Basseys "I'm A Fool To Want You". Weil sie eben so künstlich ist, die fiese Intrigantin, und nicht, wie es sich gehört, vom Leben auf dem Bauernhof träumt.

Erstaunlich ist, mit welcher Wärme und Überzeugungskraft, auch mit wie viel Humor und Abstufungsgabe die Schauspieler durch diesen sprachlich und inhaltlich hoch problematischen Text gehen, wie sie halbgare Phrasen über das Leben und die Liebe ganz unprätentiös und ohne Verlegenheit anpacken. Wie Ida sagt: "Die Liebe, diese verdammte Liebe, weißt du, wie sie ist? Wie ein unbeschriebenes Blatt. Das kann man verschieden beschreiben. Jeder, wie er es kann. Du hast einfach seine Handschrift nicht entziffern können, Dana, tja, Pech!"

Doch noch ein Mensch im Matrosenkleid

Überhaupt: Marie-Isabel Walke scheint zu genießen, was sie tut, weigert sich, die ordinäre Rotzgören-Eliza-Doolittle zu geben, der man erklären muss, was "präzise" bedeutet und was "plebejisch". Stattdessen ist sie ganz Herz und Würde im Matrosenkleidchen, eine fiebrig entschlossene Tragödin, die sich, inmitten einer kruden Seifenoper, verzweifelt in die Strickjacke ihres Junkies wickelt und aus einer herbeikonstruierten Figur einen Menschen macht.

An ihr kann man sich erfreuen, während man sich den Kopf wundstößt an der Moral des Abends. Und doch will man es nur halten wie die Fische in ihrer Tiefsee und sich baldiges Vergessen wünschen. Noch einmal die Würfel werfen und von vorn anfangen. Mit einem anderen Stück zum Beispiel.


Das Leben der Fische (UA)
von Nino Haratischwili
Regie: Nino Haratischwili, Bühne: Silke Rudolph, Kostüme: Gunna Meyer, Musikalische Mitarbeit: Hans Kaul, Dramaturgie: Winnie Karnofka.
Mit: Angelika Fornell, Marie-Isabel Walke, Karl Miller, Andreas Jeßing.

www.dt-goettingen.de

 

Mehr zu Nino Haratischwili: zuletzt besprachen wir ihr Stück Radio Universe, das Nina Mattenklotz im April 2010 auf Kampnagel Hamburg uraufgeführt hat.

 

Kritikenrundschau

Eida Koheil scheint sowohl Haratischwilis Stück als auch ihre Inszenierung gefallen zu haben. Im Göttinger Tageblatt (2.5.2011) schreibt sie von einem effektvollen Beginn: "Zwei glitschige Fische (Angelika Fornell und Andreas Jessing) sitzen auf einem riesigen Sofa, tief unten im Ozean und spielen eine Partie Backgammon." Was genau dieser erste Unterwasser-Teil mit dem "lebensnahen" zweiten Teil zu tun hat, vermag sie zwar auch nicht recht zu erklären. Aber: "Haratischwili hat das Stück mit Gegensätzen und Überraschungseffekten ausgestattet. Auch musikalisch. Karl Millers Playback zu Nick Caves 'Little Water Song' ist amüsant, ebenso Angelika Fornell bei ihrer Live-Playback-Version von 'The Boulevard of Broken Dreams'. Genauso unvermittelt und faszinierend wie das Stück begonnen hat, endet es auch. Die Fische tauchen nocheinmal kurz auf und sind dann wieder weg - 1070 Jahre."

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