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Verherrlicht durch mich die Theaterfamilie!

von Guido Rademachers

Marl, 31. Mai 2011. Es muss eine Herzensangelegenheit gewesen sein. Einmal außerhalb der üblichen Produktionszwänge zu arbeiten. Und ganz ohne Regisseur. "Ein absolut befreiender und schöner Vorgang, der jedem Beteiligten eine Selbständigkeit gibt, die man nicht gewohnt ist", wird Edgar Selge in einem Vorbericht zitiert. Er selbst gönnt sich in Goethes "Iphigenie auf Tauris" vier und damit gleich alle männlichen Rollen. Seine Frau Franziska Walser begnügt sich mit der Iphigenie.

Hinter der Bühne ergänzen den kleinen Kreis der befreit Produzierenden noch eine Dramaturgin sowie zwei Bühnen- und Kostümbildner, die, wie von Selge weiter zu erfahren ist, man über den Sohn kennengelernt habe. Das Family-and-Friends-Theater ist mit seiner als Liebhaberaufführung daherkommenden Literaturpflege den bürgerlichen Bildungsvorstellungen der Goethezeit zumindest schon einmal recht nahe.

"Gewähre, wie du's fühlst!"

"Verherrlicht durch mich die Wahrheit!" Franziska Walser ist an die entscheidende Stelle des letzten Aufzugs gelangt, an der sich Iphigenie entschließt, nicht durch einen Betrug mit ihrem Bruder Orest aus Tauris zu fliehen. Anstelle dessen klärt sie den taurischen König über ihre wahren Pläne auf und appelliert an dessen Humanität. In einem ärmellosen einfachen schwarzen Kleid steht Walser da und schüttet sich eine Flasche Wasser über den Kopf. Es ist der spektakulärste körperliche Moment des Abends. Bei Walser wirkt es so, als habe sie eben mal eine erfrischende Dusche genommen.

Wirklich existenziell wird hier nichts. Munter geht es weiter im perfekt zelebrierten Theaterton: soviel emotionaler Gestaltungswille, dass der Sinn nicht verloren geht, und soviel jambengetragener Singsang, dass sich alles in höhere Kunstgefilde verflüchtigt. Selge, diesmal als Thoas, hält mit: "Du forderst...", Pause, "...viel". Walser schraubt ihre Stimme im warnend suggestiven Flüsterton nach oben: "Bedenke nicht" – und lässt ihn gleich darauf in mütterlicher Wärme verschwimmen: "Gewähre wie du's fühlst."

"Das kann jetzt etwas dauern!"

Walser und Selge wären allerdings nicht die Großschauspieler, die sie sind, würden sie sich mit ihrer Sprachakrobatik allein zufrieden geben. Immer wieder brechen sie – zum Vergnügen des Marler Publikums – die hehre Theatermesse mit allerlei Witzchen. Sie leiern demonstrativ im Blankvers. Selge klettert als Orest durch den Zuschauerraum, in dem er den Hades erkennt, und läuft hinaus. "Das kann jetzt etwas dauern", verkündet die auf der Bühne zurückbleibende Franziska Walser: "Ich hätte aber noch was aus den gestrichenen Monologen." Oder: "Sie können jetzt alle abhusten", teilt Selge nach dem 1. Aufzug dem Publikum mit und schreibt auf eine Tischplatte "2. Akt, 1. Auftritt". Eine Videokamera projiziert die Überschrift auf den Bühnenhintergrund.

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Schließlich zeigen Walser und Selge noch, was sie als TV-naturalistische Zimmerschlacht-Schauspieler alles draufhaben. Unvermittelt kippt der hohe Kunstton ins Privatissimo der Szenen einer Ehe. Selge kratzt sich am Bein und verschluckt mit Kleinem-Jungen-Charme sein Liebesgeständnis oder verzieht die schmalen Lippen zum Haifischgrinsen und poltert los, sein Gegenüber genau fixierend. Walser gibt sich gelassen und kontert mit Güte. Langsam aber sicher verschiebt sich so der Tisch mit dem daran sitzenden Paar von der sonst leeren Bühne in die Privatwohnung der beiden und gibt die Antwort auf die Frage, was denn eigentlich Anlass und Kern des Abends ist: Zwei Schauspieler, das Land der Griechen vom Küchentisch aus suchend.


Iphigenie auf Tauris
von Johann Wolfgang Goethe
Ruhrfestspiele Recklinghausen in Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater Berlin
Ein Abend von Peter Baur, Sibylle Dudek, Falko Herold, Edgar Selge und Franziska Walser; Bühne und Video: Peter Baur, Falko Herold; Kostüme: Peter Baur, Falko Herold; Dramaturgie: Sibylle Dudek.
Mit: Franziska Walser, Edgar Selge.

www.ruhrfestspiele.de
www.gorki.de


Kritikenrundschau

"Den ganzen Abend über wird das Publikum direkt angesprochen, zum Mitdenken aufgefordert. Selge und Walser schaffen eine offene, sympathische, Atmosphäre", so Stefan Keim im Deutschlandfunk Kultur heute (1.6.2011). Selge verkörpere alle männlichen Rollen, den von Rachegöttinnen gehetzten Orest, seinen Freund Pylades, den um Iphigenie werbenden König Thoas und seinen um Deeskalation bemühten Diplomaten. Er "braucht keine Kostümteile und Requisiten, um sich zu verwandeln. Seine gewaltige Spielenergie reicht völlig". Franziska Walser müsse sich in diese Form des Spiels noch einfühlen. Keims Fazit (inhaltsgleich schrieb er auch für die Welt, 3.6.2011): "Was Walser, Selge und ihre Mitstreiter hier entwickelt haben, hat Zukunft. Theater, das den Laborgedanken ernst nimmt und dennoch Zauber entfacht, mit einer überzeugenden Dramaturgie aus Verdichtung und Improvisation."

"Das ist keine 'Iphigenie', die schwer an der Last des Tragödientons zu tragen hat", schreibt Irene Stock im WAZ-Portal DerWesten (1.6.2011). Durch schnelle Wechsel zwischen Textvorlage und Kommentierung der Schauspieler verliere sich das Pathos des Textes. "Hier werden Ironie und Witz transportiert und suggeriert, dass man nicht nur als Zuschauer die Last der Jamben-Verse zu (er)tragen hat, sondern auch die Schauspieler sich quälen müssen. Ganze Passagen werden eilends herunter gerattert, um den Zuschauer auf den Stand der Dinge zu bringen. Das geht zu Lasten des Spannungsbogens, und so wartet man weniger auf den Höhepunkt des Dramas als auf Selges Darstellung."

Anlässlich der Übernahme der Produktion ans Berliner Maxim Gorki Theater schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (12.12.2011): Goethes "Iphigenie", deren Titelfigur die Taurer zivilisiert und den "Fluch des Gewaltkreislaufs" aus ihrer Familie vertreibt, sei eine "Erfolgsgeschichte, die in ihrem Optimismus natürlich sympathisch ist, doch eben auch einseitig." In der Inszenierung erscheine es, "als wollten Selge/Walser diesen ganz undialektischen Geist der Aufklärung in unsere von Widersprüchen und Zweifeln durchpflügte Spätmoderne zurück bringen." Ungewöhnlich sei der Abend in "seiner gebrochenen Form" des epischen Vortrags. Beide Akteure blieben trotz beständiger Rollenwechsel "ganz sie selbst, was im Sinne der Durchlässigkeit von Perspektiven und Zeiten gut gedacht ist, sich im Spiel aber als schwierig erweist. Denn beide changieren zu wenig, ebnen alles zu sehr ein – Selge in seinen grandios verbiesterten Zynismus, Walser in vordergründiger Direktheit." Damit bliebe Goethe letztlich "auf Distanz".

Ebenfalls zur Berliner Premiere der betont privat witzelnden "Zwei-Personen-Show" des Ehepaares Selge/Walser schreibt Andreas Schäfer im Tagesspiegel (12.12.2011): "Gegen so einen Ehepaarabend ist ja nichts einzuwenden. Aber muss man die Geschichte, die mit der Zivilisierung des Barbarenkönigs zwar versöhnlich endet, aber davor ausgiebig vom Gemetzel der Tantaliden berichtet, so spielen, als säße man daheim am Küchentisch? So kuschelig harmlos, so mokant augenzwinkernd, so süßlich unernst im Geist eines falsch verstandenen private plots?"

 
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