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Im autopoetischen Elysium

von Tobias Prüwer

Leipzig, 20. Juni 2011. "Ist das noch Boheme oder schon die Unterschicht?" – Die Zeile der Band Britta steht als unausgesprochene Frage über diesem Abend im Leipziger Lofft. Der Ort der Kunst in einer von Warenströmen dirigierten Gesellschaft ist das Thema von "Lesbische Nacktszenen auf dem Rücken eines braunen Ponys", einer Inszenierung des Vereins FRO_Theaterproduktionen in Zusammenarbeit mit den Werkstattmachern e.V. und der Spielstätte Lofft, alle in und aus Leipzig.

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Auch dieses Konglomerat ist bereits bezeichnend, denn ohne Koproduktionen lässt sich außerhalb des noch etwas geschützteren Kulturraums Stadttheater nicht viel reißen. Die Produktion von Regisseurin Barbara Friedrich nimmt Klaus Manns frühes Theaterstück "Anja und Esther" als Prisma, um ein Künstlertum zu beleuchten, dem Flexibilität und Mobilsein – ergo: Selbstausbeutung – längst zur zweiten Natur geworden sind.

Klaus Manns "Märchenstück"

"Der 'Vorwärts' hat geschrieben, [...] die Jugend liebte mich, kämpfte aber nicht um mich. Und Herbert Ihering meinte halt, 'A. und E.' sei ein dramatisierter Marlitt-Roman auf homosexuell. Es ist aber ein schönes Märchenstück", fasste Klaus Mann die Theaterkritik an "Anja und Esther" in einem Brief zusammen. Das konservative, von den lesbischen Anspielungen angewiderte Feuilleton sparte er aus, im Ganzen war die Kritik bestenfalls verhalten. Dafür liebte das junge Publikum das 1925 uraufgeführte Stück, Mann hatte mit seiner Geschichte von den Heimschülern Anja, Esther, Jakob und Kaspar wohl einen Zeitgeist getroffen. Die vier leben in einem abgelegenen Heim (deutlich die Anklänge an die Odenwaldschule, die Klaus Mann besucht hatte), das von einem prophetischen Alten geleitet wird. Sie wälzen, bedeutungsvoll raunend wie damals üblich, Zukunftspläne, bis das Erscheinen des Tänzers Erik alles durcheinander bringt.

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© Thomas Puschmann
... in der Kunst-Welt von heute

Anklagen der Jugend gegen die ältere Generation finden sich auch in Friedrichs Bearbeitung, nur wandelt sie Manns "Märchenstück" zur Parabel auf die Bedingungen der Möglichkeit eines jungen Künstlers in der Kunst- und (Hoch-)Kultur-Welt. Bei ihr wird das ominöse "Erholungsheim für gefallene Kinder" – bei Mann juveniles Bollwerk gegen die Bourgeoisie – zur nicht minder vagen Kunst-Institution, in der die vier kulturschaffenden Protagonisten Obdach gefunden haben.

Das Publikum sitzt in nur einreihiger Bestuhlung mittendrin in der schutzgebenden Einrichtung: Schwarz ausgekleidet ist der Raum. Ein neon-weiß illuminiertes Kreuz hängt an der Wand, weiße Würfel bilden einen Altar. In der linken Ecke steht ein Holzpony. Ganz in weißer Schale aus Balletttrikotage, Höschen und Shirts treten die Heimkinder Anja und Esther, Jakob und Kaspar in einem tänzerischen Probenspiel auf. Die Künstler fiebern am Vortag einer Premiere dem Auftritt entgegen. Die wichtige wie suspekte Öffentlichkeit kommt: Wird sie es mögen? Aus der Publikumsreihe heraus betritt plötzlich der (nicht mehr Tänzer, sondern nun) Handwerker Erik das Asyl – und stellt ganz in Schwarz alles auf den Kopf. Esther kann von ihrer Freundin und Liebesgespielin Anja nun doch ganz gut lassen und will mit Erik in die weite Welt. Allen Warnungen vor dem null-acht-fünfzehn-Alltag zum Trotz wird Anjas Bruder Jakob sie begleiten. Finis im Refugium.

Libidinöses Fleisch

Der nach verkapptem Porno klingende Titel – je nach Lesart selbst reißerisch oder das Reißerische der Pop-Kultur ironisierend –, ist lediglich die Beschreibung der Eingangszene: In einer semi-transparenten Nacktszene geben sich Anja und Esther einander hin. Begehren auf allen Sinnebenen beherrscht allerdings thematisch das körperbetonte Spiel, in das erotische Intarsien eingelassen sind. Momenthaft verfallen die Spieler in exaltierte Gestik aus Stummfilmzeiten, lassen das Pathos aber sofort wieder fallen. Im dosierten Expressionismus, der Schübe von Bewegungstheater bis zu leichten Tanzausflügen (Choreografie: Heike Hennig) enthält, gewinnt das Sprechtheater stets die Oberhand.

Gelegentlicher Musikeinsatz unterstützt den nahtlosen Übergang der ineinanderfließenden Szenen. Tempo und Beat sind durchgängig stimmig. Absolut lobenswert fällt die schauspielerische Leistung der fünf Darstellenden aus, die für so eine Low-Budget-Produktion keineswegs selbstverständlich ist. Bis auf manchmal zu schrilles Schreien zeigen sie sich im Sprechen wie in den intimen Körperspielen trotz aller Halbnacktheit keine Blöße, was man in der direkten Zuschauersituation doppelt Respekt gebührt.

... und zartes Streicheln

Natürlich bleibt es ein Spiel ohne Antworten, findet die Verhandlung von Künstlertum und Gesellschaft zwar mit einer final in Szene gesetzten Verurteilung, aber ohne Urteil statt. Die binäre, in den Farben Schwarz und Weiß vorgenommene Aufteilung zwischen Drinnen und Draußen schreit nach einem drittem Weg. Dem banalen Alltag steht eine sterile Künstlerenklave gegenüber, in der Gefühle eher fürs Publikum ästhetisiert ausgespielt, denn persönlich erlebt werden.

Das am Rande stehende Pony im vermeintlichen Kirschgarten, der schon laubt und welkt, erinnert eher an einen Spanischen Reiter aus dem Folterkeller denn an ein Liebesgestühl. Ein Lustgerüst jedenfalls sieht anders aus. Das naive Abfeiern einer Bohème, die sich in irgendwelchen Institutionen vor dem Einbruch des Realen eingebunkert hat, glücklicherweise auch. Denn dieser zarte Abend des Streitens fürs und Streichelns des freien Künstlertums bleibt in der Summe unentschieden. Wenn schon das libidinöse Fleisch des Trockenmaurers Erik das autopoetische Elysium bis in die Grundfesten erschüttert, mag man kaum ans schöpferische Korrektiv Kunst glauben.

 

Lesbische Nacktszenen auf dem Rücken eines braunen Ponys
nach Klaus Manns Anja und Esther
Regie: Barbara Friedrich, Musik: Konrad Fischer, Choreographie: Heike Hennig, WERKSTATTMACHERINNEN Sarah Peglow, Anna Wille.
Mit: Carmen Orschinski, Hanin Tischner, Ronny Eckert, Daniel Reichelt, Max Schaufuß.
Eine Produktion von FRO_theaterproduktionen in Zusammenarbeit mit Werkstattmacher e.V. und LOFFT.Leipzig.

www.FRO_theaterproduktionen.de

www.werkstatt-lofft.de

www.lofft.de

 

Kritikenrundschau

Bei der Uraufführung habe Klaus Manns "Anja und Esther" "wegen seiner homoerotischen Andeutungen öffentliches Aufsehen" erregt, heute dagegen "dürfte das kein Publikum mehr empören", schreibt Verena Lutter in der Leipziger Volkszeitung (22.6.2011). Die "Identitätskonflikte von Künstlern jedoch" seien "zeitlos, weil sie die Frage nach der Verwertbarkeit kreativer Fähigkeiten aufwerfen." Ansonsten zeigt sich Frau Lutter zufrieden, dass "sich die Figuren nie ganz ausziehen", das sei "gut so, weil Raum für die eigene Phantasie bleibt." Barbara Friedrichs Figuren dürften "oft herrlich ironisch überspitzt lamentieren, so dass die Inszenierung nicht allzu pathetisch gerät." Allerdings müssten sich die weiblichen Darsteller "in der Choreografie von Heike Hennig leider viel zu häufig verführerisch verrenken."

 
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