altDie Mühen der geneigten Ebene

von Matthias Schmidt

Weimar, 30. Juni 2011. Man traut sich das ja kaum zu sagen, aber was auf der Bühne des E-Werks stattfand, erinnerte auf fatale Weise an das DDR-Geschichtslehrbuch, Klasse 10. Darin war von der Zuspitzung der inneren Widersprüche im Kapitalismus die Rede, davon, dass er sterbend und parasitär sei, letztlich nur noch von Konsum zusammengehalten und davon, wie das – und zwar bald - enden würde. So oder ähnlich stand es in allen DDR-Lehrbüchern, was die Sache noch vertrackter macht.

Denn was die Personen in "Reicht es nicht zu sagen ich will leben" schildern, und was sie daraus schlussfolgern, kann man als genau das verstehen: eine "Zuspitzung der inneren Widersprüche". Es wirft es kein gutes Licht auf die uns umgebende Gesellschaftsordnung. Kapitalismuskritik pur, wenn man so will. Allerdings - dies zur Entwarnung - eine, die glücklicherweise ganz ohne Bezug auf die DDR oder andere linke Träume auskommt. Kein Marx, kein Kommunismus, keine Utopie. Nur Endzeit.

Nun zählt das beinahe schon zum guten Ton. Man könnte meinen, der gute alte Kapitalismus genießt diese Kritik im selben Maße wie der Kommunismus das Lob genoß. Doch dieses Stück geht einen Schritt weiter. Es mündet in einer Rebellion, die fast schon eine Revolution ist. Eine bürgerliche, versteht sich. Nach den wenig optimistischen Geschichten, die erzählt werden aus unterschiedlichen Perspektiven, Generationen, Berufsgruppen und sozialen Schichten, wirkt der aktive Widerstand am Ende beängstigend folgerichtig.

The Catwalk of Life

Die Bühne ist ein Laufsteg, ein Catwalk, um den die Zuschauer herum sitzen. Aber keiner, auf dem man einfach auf- und wieder abgeht. Dieser Laufsteg ist Metapher und ein großer Wurf. Auf der einen Seite wird er zur geneigten Ebene, die wahlweise als Auf- und Abstiegszone deutbar ist, auf der man sich hochquält oder runterfällt. Zugleich ist eine geneigte Ebene auch immer eine schiefe Bahn, auf die man geraten kann oder getrieben wird. Auf der anderen Seite endet der Laufsteg als eine Art Prellbock. Man kann daran abprallen, oder man kann ihn erklimmen, einnehmen wie eine Burgmauer. Dann wird er eine Barrikade. All das findet statt, und zwar viel weniger plakativ als jede Beschreibung sein kann.

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"Reicht es nicht zu sagen..."    © Thomas Aurin

Die Autorinnen Claudia Grehn und Darja Stocker haben für dieses Stück in Leipzig und Weimar zahlreiche Gespräche mit Menschen über ihre Erfahrungen und Erlebnisse geführt, dann aber glücklicherweise der Verführung widerstanden, daraus eines dieser im Trend liegenden Protokollstücke über das wirkliche Leben zu machen. Sie verdichten, was ihre Recherchen ergaben, zu einer kunstvollen Textcollage, einem Gesellschaftspanorama, das sprachlich und stilistisch weitaus besser ist, als der dröge Untertitel "Stückentwicklung" es befürchten lässt. Bildreich und pointiert, souverän zwischen Ernst und Leichtigkeit, zwischen Wut und Ironie wechselnd. Ein Text, dem man gerne folgt. Mit Figuren, die schnell zu Vertrauten werden, weil sie echt und zugleich abstrakt und archetypisch sind: die Schülerin, die Dozentin, die Asylbewerberin, der Angestellte usw.

Die filigrane Kriminalität 

Da ist Brietz, ein Wirtschaftsanwalt, der kurz vor der Pension aufbegehrt, weil er seine Vorstellungen von der Fairness des Marktes verloren gehen sieht. Er steigt aus, glaubt aber immer noch daran, dem System mit den bewährten Mitteln beizukommen, mit der dritten Gewalt. So klagt er gegen die "filigrane Kriminalität des Systems", durch alle Instanzen, natürlich vergebens und daran scheiternd wie Michael Kohlhaas.

Brietz landet in der Gosse, ausrangiertes Menschenmaterial wie aus dem eingangs erwähnten Geschichtsbuch. Markus Fennert gibt ihn ungeheuer vital und freundlich optimistisch, als einen jener tapferen Männer, die man für ihre Überzeugung mag und gleichzeitig bemitleidet, weil sie das falsche Produkt verkaufen.

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Da ist die Wärterin in einem Asylbewerberheim, die mit der unerträglichen Situation der Flüchtlinge umzugehen hat – woraus Barbara Trommer mit derber Bodenständigkeit einen zugleich komischen und tragischen Höhepunkt des Abends macht! Oder Annette, die Schülerin, die sich nicht mit dem Zynismus um sie herum abfinden will. Die Dialoge mit ihrer Freundin Elli allein sind den Abend wert, weil Linda Pöppel und Carolin Haupt daraus eine wunderbare Mischung aus großem Diskurs und Zickenkrieg machen.

Wo einem die Dinge nicht egal sind

Mehr als 20 Menschen, und am Ende steht eine gemeinsame Erkenntnis: "Meine Heimat ist da, wo mir die Dinge nicht egal sind". Mit dieser Überzeugung gehen sie auf die Straße, der Polizei entgegen, kampfbereit und wissend, dass die erlaubten Mittel nicht ausreichen werden. Da beginnt plötzlich auch das System nervös zu regieren und wehrt sich ungewöhnlich radikal …

Ein großartiger Abschied Nora Schlockers als Hausregisseurin in Weimar und ein guter Grund zur Vorfreude auf die Spielzeiteröffnung im September in der Leipziger Skala, wo die Inszenierung am 28. September an den Start geht.

 

Reicht es nicht zu sagen ich will leben
Stückentwicklung von Claudia Grehn und Darja Stocker
Eine Koproduktion von DNT Weimar/ e-werk und Centraltheater Leipzig/Skala
Regie: Nora Schlocker, Bühne: Steffi Wurster, Kostüme: Sanna Dembowski, Dramaturgie: Elisa Liepsch/Hans-Peter Frings/Johannes Kirsten.
Mit: Jeanne Devos, Markus Fennert, Carolin Haupt, Linda Pöppel, Hagen Ritschel, Barbara Trommer.

www.nationaltheater-weimar.de


Mehr zu Nora Schlocker gibt es im nachtkritik-Lexikon. Von Claudia Grehn, demnächst Hausautorin am Theaterhaus Jena, wurde hier im Dezember 2010 die Uraufführung ihres Stücks Ernte am Berliner Maxim Gorki Theater besprochen. Darja Stockers Zornig geboren wurde im Juni 2009 von Armin Petras uraufgeführt.

 

Kritikenrundschau

Insgesamt aber eine zu Recht begeistert gefeierte Uraufführung, befindet Hartmut Krug in der Sendung "Kultur heute" vom Deutschlandfunk (1.7.2011). Das auf Recherchen in Leipzig und Weimar beruhende Stück von Darja Stocker und Claudia Grehn erzähle realistische Geschichten, die von pointierter Grundsätzlichkeit seien. "Doch Sprache und Spiel sind nicht von einfachem Realismus," so Krug. Es werde keine auch lineare Geschichte erzählt, sondern hin und her gesprungen zwischen den Situationen und Figuren". Nora Schlocker arrangiere das "Gedankenspiel-Problemstück" als schwungvoll konzentriertes und ausgestelltes Spiel". Für den Kritiker ist das "so anregend wie anstrengend, weil die Szenen oft, während sie noch weiter gespielt werden, schon durch und in ihren grundsätzlichen Sprüchen zu Ende sind". Manches klingt für den Kritiker mitunter auch arg klischeehaft. Die letzte Szene entgleist Autorinnen und Regie aus seiner Sicht in Gänze. Dennoch machen besonders die pointierten Texte und das stark Ensemble den Abend für ihn grundsätzlich überzeugend und kraftvoll.

Aus der Perspektive Henryk Goldbergs (Thüringer Allgemeine, 2.7.2011) gab es am Ende "irritierend heftigen Applaus des jungen Publikums". Auf Steffi Wursters Bühnen-Catwalk träten "mehr Muster und Modelle auf als wirkliche Menschen". Die Inszenierung versuche, "Thesen bühnenfähig werden zu lassen", auch wenn sich in den "kühlen Konstruktionen" durchaus "Inseln der Berührung durch Schauspieler" fänden. Häufig habe Schlocker "mehr Strukturen als Menschen" inszeniert, sei ihr "ein Problembewusstsein wichtiger als ein Menschenbewusstsein" gewesen; auch hier gehe sie wie immer "sehr gut im Handwerk", mit "Gefühl für Rhythmus und Timing" vor. Das Problem sei "nicht die inhaltliche Radikalität des Textes, es ist sein Mangel an Vitalität". Er sei "voll hilfloser Wut (...), unreflektiert, sich in Versatzstücken artikulierend, aber doch wahr, doch ehrlich, doch wirklich. Aber ein Stück ist er nicht." Die Darsteller engagierten sich "sichtlich mit Kraft für diesen Text – doch die Arbeit gewinnt nie die Energie" wie etwa Schlockers Tine-Rahel-Völker-Inszenierung. "Der Berichterstatter, man möge es seinem Alter zuschreiben und einer Haltung zum Theater, die mehr erwartet als eine atmosphärische Materialsammlung, er also bekennt, nach einer halben dieser zwei Stunden das Ende erwartet zu haben."

"Wir sind frei", lautet die Botschaft dieser Inszenierung für Frank Quilitzsch von der Thüringischen Landeszeitung (2.7.2011). Grehn und Stocker spitzen in ihrem Stück die Konflikte "brennpunktartig" zu und zeigten, "was in unserer profit- und konsumgesteuerten Gesellschaft so alles schief läuft (...) – nicht als Doku-Drama, sondern als rasante Szenencollage". Ein "typischer Schlocker-Schocker" sei das geworden: "ehrlich, zupackend und natürlich rebellisch". Wursters rustikale Holzrampe sei "Laufsteg des Lebens" und "zugleich schiefe Bahn mit Prellbock". Das Stück zeige jedoch "nicht nur ein Dilemma - das gesellschaftliche -, sondern es produziert auch eins - ein ästhetisches: Im permanenten Wechsel der Schauplätze und Rollen hat der Zuschauer oft das Nachsehen". Zwar sei das "kein reines Thesentheater, dennoch dominiert das Demonstrieren von Haltungen. Charaktere blitzen nur gelegentlich auf. So bleibt manche Figur blutarm". Alles in allem "eine bravouröse, sportive Ensembleleistung". Viel Poetisches habe Schlocker der Vorlage allerdings nicht abgewinnen können.

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