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Die Stunde der Komödianten

von Harald Raab

Karlsruhe, 9. Oktober 2011. Leichte Schläge auf den Hinterkopf sollen ja das Denkvermögen befördern – im vorliegenden Fall: alles völlig ungefährlich, da mit der Narrenpritsche ausgeteilt. Wolfram Lotz ist der tolldreiste Held, das Schlaginstrument sein mit dem Kleist-Förderpreis ausgezeichnetes Stück "Der große Marsch". Und weil die Groteske allein nicht ausreicht, die Fiktion über die Wirklichkeit ins Recht zu setzen, musste das verehrte Publikum gleich dazu noch Lessings "Minna von Barnhelm" absolvieren. Theaterlehrstunde im Doppelpack? Das auch, aber vor allem ein spannender, umwerfend unterhaltsam-pointenreicher und obendrein auch geistreicher Abend.

Pappkameraden

Peter Spuhler, der neue Generalintendant, will dem als konservativ geltenden Karlsruhern signalisieren, dass jetzt Schluss ist mit dem bildungsbürgerlichen Amüsierbetrieb in der Stadt der Richter, Beamten und Technikfreaks. Aufklärung ist angesagt. "Du musst dein Leben ändern", Sloterdijks Wälzer, wurde zu diesem Zweck nicht nur dramatisiert und uraufgeführt, er dient auch als Parole für die Eröffnungsspielzeit der Ära des neuen Impresarios. Dabei geht es den Helden an den Kragen, die im Theater halt allesamt nur Pappkameraden sind.

Preisfrage: Was hat Lotzes "Großer Marsch" mit Lessings "Minna" gemein? Doch, sie haben. Auch die "Minna" ist bei der Uraufführung mehr oder weniger durchgefallen. Nun muss "Der große Marsch" nur noch langen Atem haben.

Die Zweitinszenierung in Karlsruhe ist jedenfalls dazu angetan, den "Großen Marsch" zum Publikumserfolg zu machen. Surreales, Parodistisches mit Momenten des Hintersinnigen: Lotz entzaubert Theater-Gutmenschentum und den verlogenen Bühnenkampf um Recht und Freiheit.

Was in Theaterstücken zu fordern ist

Der Autor legt die Messlatte hoch. O-Ton Lotz: "Was also haben wir zu fordern in unseren Theaterstücken: Dass die Bäume blühen im Winter, dass die Straße nicht aufhört, wo das Feld beginnt." Die Phantasie soll sich wenigstens auf der Bühne nicht kleinkriegen lassen. Sein Text im Marschgepäck ist eiserne Ration, knapp und lakonisch. Und doch blitzt da Poesie auf. Unverkennbar ist Lotz Adorno-Jünger. Der Meister lehrt, dass die Aufgabe des Theaters nicht Kommunikation, sondern Widerstand sei, Widerstand gegen die Zwänge der Realität.

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Josef Ackermann in Gestalt des Schauspielers Ronald Funke.    © Jochen Klenk

Simone Blattner inszeniert mit konsequenter Hand dieses "unmögliche Theater". Sie hat den Text verschlankt, lässt trotzig frech den ganzen Theaterkosmos zwischen Kinderspielplatz und Tingeltangel-Revue in einer knappen Stunde durchtoben (Bühne: Anna Rudolph, Kostüme: Claudia Gonzalez Espindola). Einziges Dekorationsteil: ein Glitzervorhang, aus dem eine Kinderrutsche ragt, von der die Figuren in das witzig-böse Spiel auf den eng bemessenen Bühnenboden purzeln. Pausenlos Action, überdreht und schrill.

Das Moderatoren-Blondchen im goldenen Pailletten-Minikleidchen (Johanna Kitzl) reitet wie eine Domina den Autor Lotz (Matthias Lamp). Banker Josef Ackermann (Ronald Funke) tänzelt als Boxer kampfbereit, Anarchist Bakunin (Frank Wiegard) fordert guttural den Tod in die Schranken. Eine Regie-Kommandeuse (Sophia Löffler) scheucht mit einem Druck auf einen Klingelknopf die Protagonisten immer wieder von der Bühne.

Die Speisung der Hartz-IV-Empfänger erfolgt in der Pause im Foyer, für fünf Euro. Der Generalintendant reichte dazu ein Glas Sekt gratis. Was zu beweisen war: Man soll nie ein Stück nur nach der Uraufführung beurteilen. Die Karlsruher Inszenierung hat es zum Bild- und Sprachfeuerwerk gemacht, das auch anderswo noch gezündet werden wird.

Minna von Bernhard im Graben

Lessings Meisterwerk "Minna von Barnhelm" inszeniert Simone Blattner im Anschluss wie ein Stück von Thomas Bernhard, burlesk und kompakt, die Figuren zu überdrehten Typen eingedampft. In 90 Power-Minuten landet die ganze Chose vom Liebesglück des Soldaten im Graben. Kein Happyend wie bei Lessing. Simone Blattners Minna (Johanna Kitzl) steht am Ende wie ein begossener Pudel da, zwei Ringe an ihren Fingern. Sie hat ihr Spiel zu weit getrieben. Tellheim (Jonas Riemer) trollt sich von dannen, wohl wieder in den nächsten Krieg. Nur die Kammerjungfer Franziska (Sophia Löffler) und ihr Zinnsoldat, der Wachtmeister Werner (Matthias Lamp), dürfen sich stückgerecht in die Arme fallen, freilich mit der Option, dass sie in zehn Jahren Generalin oder eben Witwe sei.

Eine kirschholzfarbene Wand mit vielen Türen (Bühne: Anna Rudolph) erlaubt das gängige Lustspielklischee von Irrungen und Wirrungen – Tür auf, Tür zu. Minna und Franziska - mal zickige Weibchen, mal durchtriebene Luder – heizen den Mannsbildern ein, immer für eine schrille Szene gut (Kostüme: Claudia Gonzalez Espindola). Just (Frank Wiegand) und der geriebene Wirt (Ronald Funke) singen ihre Texte streckenweise als Couplets und Franziska und Werner schmachten sich zum Musicalsound an.

Furioser Parforceritt

Respektlosigkeit gegenüber dem klassischen Text? Im Gegenteil: Komik schafft Freiraum für die Passagen, auf die es wirklich ankommt. Die Regisseurin und ihre Darsteller nehmen es mit der Sprache Lessings sehr genau, sie nehmen sie ernst. Übrigens: Schüler, die ja pflichtgemäß zur "Minna von Barnhelm" geführt werden, haben bestimmt ihren Mordsspaß daran – ihre Lehrer vermutlich weniger.

Wolfram Lotz bekundete in einem Video im Foyer, dass ihm die Zwangsehe zwischen seinem "Großen Marsch" und Lessings "Minna von Barnhelm" eher peinlich sei. Nach der Doppelpremiere dürfte er sicher seine Meinung geändert haben. Simone Blattner hat einen kongenialen komödiantisch-spielwitzigen Bogen gespannt und einen furiosen Parforceritt zwischen zwei Polen der Bühnenliteratur hingelegt. Eine beglückende Erfahrung für ein geradezu begeistertes Publikum.

Der große Marsch/ Minna von Barnhelm
von Wolfram Lotz und Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Simone Blattner, Bühne: Anna Rudolph, Kostüme: Claudia Gonzalez Espindola, Musik: Christopher Brandt, Dramaturgie: Tobias Schuster.
Mit: Eva Derleder, Ronald Funke, Johanna Kitzl, Matthias Lamp, Sophia Löffler, Jonas Riemer und Frank Wiegard.

www.staatstheater.karlsruhe.de

 

Mehr zur ambitionierten Eröffnung der Intendanz Spuhler in Karlsruhe schrieb Anfang Oktober 2011 Otto Paul Burkhardt.

Kritikenrundschau

Hier sei ein Ensemble zu erleben, schreibt Andreas Jüttner, in den Badischen Neuesten Nachrichten (11.10.2011), "das mit ansteckender Spielfreude, enormer Wucht, hoher Präsenz und viel Präzision über die Bühne wirbelt." Und mehr noch: die so "virtuos Spottenden" könnten zudem Figuren spielen, die einen anrühren und interessieren, weil sie sperrig sind". In der "Minna" etwa spielten Jonas Riemer als Tellheim und Frank Wiegard als Just zwei "gebrochene Männer, die ihre Verletzung hinter Aggression und Abweisung verbergen, die genau wissen, dass sie ohne einander verloren wären und es doch nicht sagen können." Und so wenig man diesen Kerlen im Dunkeln begegnen wollte, "so eindrücklich vermittelt sich ihr Not". Allerdings bedauert Jüttner, dass die intimen Momente durch folgende Ironisierungs-Nummern wieder aufgehoben werden. Was nicht recht einleuchte. "Wenn aber Szenen nur aufeinanderfolgen statt einander hervorzubringen, dann wird Theater zur reinen Nummernrevue." Beim "Großen Marsch" hingegen passe dieses Arbeitsprinzip "perfekt", sei doch bereits das Stück als Revue "angelegt".

 
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