altUnter Kriegstreibern

von Ute Grundmann

Altenburg, 4. März 2012. Hamlet haust in einem kleinen, weißen Zelt. Wenn ihm die Welt und die Menschen am dänischen Königshof mal wieder zuwider sind, verkriecht er sich darin, stülpt es sich über den Kopf, preßt seinen Monolog "O schmölze doch dies allzu feste Fleisch" durch die Zeltwand. Die Welt um ihn herum gleicht einem Heerlager: Einen riesigen, hölzernen Wachtturm, Gitter, Soldatenbilder, ein größeres Zelt für das Königspaar hat Ausstatter York Landgraf auf die Bühne des Großen Hauses in Altenburg gebaut.

Die ganze Welt ist im Krieg, Polonius trägt Uniform und Barett, Laertes Pistolentaschen unterm Sakko. Nur Hamlet (Henning Bäcker) kommt leger und betont "anders" in Hemd, Hose, Turnschuhen daher, und wenn sich das Königspaar, Polonius und Ophelia zu einer fast rituellen Szene aufreihen, lehnt sich Hamlet lässig und aufsässig an die Wand.

hamlet3 280 stephan walzl uAlice von Lindenau als Ophelia und Henning Bäcker als Hamlet. © Stephan WalzlBlick nach vorn im Zorn

Tilman Gersch, der zum erstenmal am Theater Altenburg-Gera inszeniert, hat für diesen "Hamlet" eine sehr geschickte und gelungene Mischung aus Alt und Neu gefunden. Er verwendet die Schlegel-Übersetzung, weil er Text und Handlung nicht auf Alltagssprachniveau herunterbrechen will. Darin eingeschoben sind einige wenige Fremdtexte, mit denen sich Hamlet und Horatio (David Lukowczyk) über den Zustand der heutigen, kapitalistischen Welt ereifern und dabei in das 68er-"Macht kaputt, was euch kaputt macht"-Pathos verfallen. Dann kehren Text und Darsteller scheinbar bruchlos zum Geschehen um Hamlet zurück, der hier vor allem eines ist: zornig.

Er verzieht das Gesicht, wenn Claudius (Rüdiger Rudolph) salbungsvoll über seinen ermordeten Vater spricht; mit aufgerissenen Augen und wie mit geballten Fäusten spricht er seine Monologe ins Publikum, als wolle er Zustimmung erheischen. Für "Sein oder Nichtsein" klettert er hoch auf den Wachtturm, redet Polonius (wunderbar brummelig: Peter Prautsch) über dessen Tochter Ophelia schwindelig. Henning Bäcker spielt das stringent und eindringlich in einer Mischung aus Zorn und Auflehnung, Trauer und manchmal auch Fassungslosigkeit.

Der Geist in ihrer Mitte

Und Tilman Gersch und seinem Ensemble gelingen immer wieder eindrucksvolle Szenen. Um den Geist von Hamlets Vater (Stefan Kaminsky) wird außer ein bißchen Qualm kein Brimborium gemacht; er ist eine reale Gestalt im Soldatenmantel, die in Szenen hineinspricht und sich auch mal zwischen den Figuren bewegt, ihnen über die Schulter schaut. Wenn Ophelia (Alice von Lindenau) vom Hofstatt für das Rendezvous mit Hamlet vorbereitet wird, werden ihr Lage um Lage Jacken ausgezogen, bis sie nur noch in schwarzem Body und Highheels dasteht und so, wie in einem Nachtklub, für Hamlet tanzt und sich sichtbar unwohl dabei fühlt.

hamlet4 560 stephan walzl uStramm gestanden, im Staate Dänemark. © Stephan Walzl

Großartig gelöst auch die Schauspieler-Szene: Die von Hamlet erfundene Inszenierung, die Gertrud (Anne Keßler) und Claudius als Vater- und Königsmörder entlarven soll, wird hier nicht von einer Schauspielertruppe, sondern von König und Königin selber dargestellt, vom Blatt abgelesen, mit rituellen Gesten begleitet, im Beisein des Geistes. Und wenn Claudius dann in seinem selbstmitleidigen Brudermörder-Monolog an der Rampe kniet, stellt Hamlet einen Gipskopf hinter ihm auf, schwingt ein großes Schwert – und haut doch nur den Gips in Scherben. Das ist zugleich Claudius' Alptraum und Hamlets Zögern, Versagen vor der so gewünschten Rache.

Kritische Situation

Gersch hat Shakespeares Text auf knapp zweieinhalb Stunden gekürzt; Rosenkranz kommt ohne Güldenstern daher, die Totengräberszene ist aufs Minimum beschränkt. Und trotzdem bringt er den ganzen Hamlet, den Zweifler, Zauderer, Zornigen in einem kriegsbetonten Ambiente, in dem aber das letzte Gefecht rein verbal ausgetragen wird. Das große Duell mit vergifteten Waffen zwischen Hamlet und Laertes wird hier von den aufgereihten Protagonisten gesprochen, es gibt keine Säbel, keine Giftbecher – nur Worte.

Nach dem Schlußapplaus verlas der Laertes-Darsteller Jochen Paletschek dann eine Erklärung, einen Appell des Ensembles. Denn das Theater Altenburg-Gera ist akut bedroht: Wenn 2013 der Haustarif ausläuft, fehlen jährlich 2,1 Millionen Euro im Etat. Deshalb haben die Träger das Theater vor die Alternative gestellt, einen neuen Haustarifvertrag (mit dann 14 Prozent Gehaltsabstrichen) auszuhandeln oder aber Schauspiel und Puppenspiel zu schließen und 20 Orchesterstellen zu streichen.


Hamlet
von William Shakespeare
Deutsch von August Wilhelm Schlegel
Regie: Tilman Gersch, Austattung: Sork Landgraf, Dramaturgie: Lennart Naujoks
Mit: Henning Bäcker, Rüdiger Rudolph, Anne Keßler, Peter Prautsch, Alice von Lindenau, Jochen Paletschek, David Lukowczyk, Stefan Kaminsky.

www.tpthueringen.de

 


Kritikenrundschau

Angelika Bohn schreibt in der Ostthüringer Zeitung (6.3.2012, genauso in der Thüringischen Landeszeitung): Mehr Schauspielkunst habe man sich "an diesem Premierenabend" gewünscht. Dabei sei eigentlich alles da. Ein "schlüssiges Bühnenbild", das die Festung Helsingör als "mobiles Militärlager" in die Gegenwart hole. Die Figuren "alle dicht beieinander und schon per Kostüm auf ihre Rolle festgelegt". Hamlet als Typ Zivildienstleistender, die Königin eine "Chefsekretärin mit Marylin-Betonfrisur", Claudius der "smarte Politiker im Anzug", alles "ebenso genau wie vorhersehbar". "Irgendwie weiß man inzwischen, sobald ein Wassereimer auf der Bühne steht, wird in den nächsten Minuten eine Art Waterboarding zelebriert. Und man hasst sich, wenn es dann eintritt, dass man es vorhergesehen hat ...". Nur gespielt werde "selten oder gar nicht". Das sonst "so harmonisch agierende Ensemble" erscheine "wie ausgewechselt". Henning Bäcker könne sich "abstrampeln wie er will", für Hamlet gebe es "einfach keine Partner", alles werde "referiert und ausgestellt". Außerdem würde meistens genuschelt.

 
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