altDen Verstand gesunden

von Eva Biringer

Potsdam, 23. März 2012. Wovon lebt der Mensch? Vom körpereigenen Natrium-Kalium-Verhältnis? Vom russischen Birkenpilz? Vom Prinzip Hoffnung oder dem Prinzip der politischen Gesinnung? Alexander Solschenizyn, 1918 geboren, gestorben 2008, handelt die Frage aller Fragen an einer Handvoll Krebskranker ab, weil diese Todgeweihten radikaler antworten als die Lebenden. Tobias Wellemeyer, Intendant des Hans-Otto-Theaters, inszeniert in Potsdam die Uraufführung der "Krebsstation", Solschenizyns in den 1960er Jahren erschienenem Roman.

Ein tiefer Raum lenkt den Blick auf ein Treppenhaus in Turnhallengrau, ausgeleuchtet von sterilen Glaskugeln, Marke Bahnhofswartehalle (Bühne: Alexander Wolf). Im Falle eines Schauplatzwechsels fährt eine zweite Wand aus dem Bühnenhimmel herunter, auf der eine rote Dreizehn prangt. Man schreibt den Frühling 1955 in Taschkent, Usbekistan. Im Zentrum der Handlung steht Pawel Nikolajewitsch Rusanow, der gegen seinen Willen auf die Station Dreizehn eingeliefert wird und sich bis zum Schluss gegen die Diagnose wehrt. Dabei wimmelt es um ihn herum nur so von Krebsgeschwüren, an Beinen, Zungen, Kehlköpfen, Brüsten. Von der Heilung träumt kaum einer mehr.

Geliebte, Kaviar und Fleischeslust

Rusanow (Jon-Kaare Koppe) hat nichts von der patriarchalen Strenge des literarischen Vorbildes. Seine Strategie lautet: Wirklichkeitsverweigerung bis zur Selbstverleugnung. So beherzt wie er das Porträt des geliebten Führers Stalin küsst, so energisch streitet er seine Krebserkrankung ab. Er ist ein Wicht im Kostüm des Macher-Typs, eine Mini-Ausgabe seiner eigenen Ideale. Einer, dessen Lebensdauer sich mit der Halbwertszeit der Einmachgläser deckt, die ihm seine Frau vorkocht.

krebsstation2 560 HLBoehme x"Krebsstation" © HL Böhme

Als sein Antipode tritt der Handlungsreisende Tschaly (Christoph Hohmann) auf. Wo Rusanow sich von seiner Gattin beim Krankenbesuch die zukünftige Inneneinrichtung vorbeten lässt, hält sich Tschaly gleich mehrere Geliebte und verteilt deren kulinarische Aufmerksamkeiten – Kaviar, Essiggurken und Wodka, vor allem Wodka – an die Stationsbewohner. Später beschert er den Zuschauern eine rasend schnelle, wie hingeschmierte Kopulationsszene mit der Pflegerin Nellja (Franziska Hayner). In Tschalys Welt regiert die Fleischeslust; auf Schinkenwürste gleichermaßen wie auf dralle Frauenhüften. Schade, dass nach der Operation nur ein in Windeln gewickeltes Männchen zurück bleibt, das nach Rusanows Telefonnummer giert und sie nur deshalb bekommt, weil Tschaly ihm ein Geschäft in Aussicht stellt. Heute nennt man so etwas "Kontaktschuld!"

Hoffnung, vor dem Tod nicht krank zu werden

Rusanow und Tschaly und die anderen Patienten erinnern manchmal an das Personal aus "Einer flog übers Kuckucksnest", dann wieder glaubt man solche seltsam schlurfenden wie Hühner gackernden, brabbelnden Käuze auch schon im Berliner Nahverkehr gesehen zu haben. Dieser kranke Haufen ist den Figuren des Romans mehr als würdig, mit diesem Teil des Ensembles hätte es sich gut leben und sterben lassen. Auch ohne den großzügigen Einsatz weißer Theaterschminke (die den Zuschauer wohl noch mal daran erinnern soll, dass alle hier mehr oder weniger dahinsiechen) erregen sie Anteilnahme, was man weder von Rusanows Frau (Marianna Linden) und Tochter (Friederike Walke) behaupten kann, noch vom Klinikpersonal, dessen Farblosigkeit dem Weiß ihrer Arztkittel in nichts nachsteht.

Andrea Thelemann als zum Burn-Out prädestinierte Leiterin der Bestrahlungsabteilung resigniert von Anfang an, Schwester Sonja (Kristin Suckow) nimmt man weder die pseudo-autoritäre Attitüde ab, noch die Tändelei mit dem Patienten Kostoglotow (Wolfgang Vogler), und den Chirurgen Leonidowitsch (Bernd Geiling) hat man schon kurz nach seinem Auftritt praktisch vergessen. Was bleibt ist lediglich seine pointierte Feststellung: "Ich habe mir vorgenommen, vor dem Tod nicht krank zu werden." Einzig Melanie Straub in der Rolle der Dr. Vera Hangart beeindruckt als hagere Schönheit. Gütig, mitfühlend, aber auch pragmatisch, wie sie den Blick von der Spritze abwendet mit der Begründung, man müsse auch mal Pause machen

Verweise auf Religion, Geschichte, Liebe

Durchweg ärgerlich ist die musikalische Untermalung, die immer dann einsetzt, wenn man sie am Wenigsten brauchen kann. Seltsame Industriesounds wechseln mit Balkanbeats und liturgischen Chorälen. Abgesehen davon fühlt man sich als Zuschauer schon ein bisschen entmündigt, wenn einem dramatische Einspielungen emotionale Tiefe suggerieren sollen. Auch hätte Wellemeyer auf religiöse Querverweise wie den Christus am Kreuz und vor allem auf Nebelmaschinen und Kerzenstummel verzichten können. Ein weiteres Problem ist schon im Original angelegt, denn Scholschenizyn verwebt seine Erzählung mit viel klassenkämpferischem Diskurs. Was am Roman schon befremden mag, muffelt in der szenischen Bearbeitung von John von Düffel durch all die hitzigen Tiraden über Schwielen an Arbeiterhänden doch sehr nach Geschichtsunterricht.

Dabei kann man die "Krebsstation" auch als Handlungsimperativ begreifen, der in schönster aufklärerischer Tradition dazu aufruft, sich seines eigenen Verstandes zu bemächtigen, das Denken weder den scheinbar unfehlbaren Ärzten zu überlassen, noch den politischen Machthabern.

Am Ende zählt doch nur die Liebe! So jedenfalls sieht es Asja, siebzehn Jahre alt, an Brustkrebs erkrankt, im pornösen Mini-Trenchcoat auf wackligen Pumps Pirouetten drehend. "Tanzt Du? Trinkst Du?", ruft sie dem adonis-haften Djomka entgegen. Als sie erfährt, dass ihre Brust entfernt werden soll, erlischt sie wie ein Kerzenstummel. Djomka, dem sie das Bein amputiert haben, soll sie als Letzter küssen. Er tut es mit dem Rücken zum Publikum.


Krebsstation
von Alexander Solschenizyn in einer Bearbeitung von John von Düffel
Regie: Tobias Wellemeyer, Bühne: Alexander Wolf, Kostüme: Ines Burisch, Musik: Gundolf Nandico.
Mit: Wolfgang Vogler, Jon-Kaare Koppe, Friedemann Eckert, Christoph Hohmann, Eddie Irle, Roland Kuchenbuch, Bernd Geiling, Raphael Rubino, Juliane Götz, Andrea Thelemann, Melanie Straub, Kristin Suckow, Marianna Linden, Friederike Walke, Franziska Hayner.

www.hansottotheater.de

Kritikenrundschau

Man müsse lange warten, bis das Geschehen in Wellemeyers "Krebsstation"-Inszenierung "ein klares politisches Profil" gewinne, schreibt Christian Rakow in der Berliner Zeitung (26.3.2012). Gegen Ende werde in einem "wunderbaren ideendramatischen Dialog" das Opportunistendasein einer Figur ausgeleuchtet: "In solchen Momenten ist man ganz weit weg von einem unspezifischen Existenzialismus, nahe bei einer echten historischen Parabel über Entscheidungen und ihre Kosten." Davor aber sei das Stück "bloßes zeitloses Krankenszenario." Weil etwa der stalinistische Parteifunktionär Rusanow "als drolliger, sächselnder Motzki-Verschnitt angelegt" sei, fehle es "an Konfliktflächen".

"Von Düffel und Wellemeyer behandeln die Romanvorlage mit Ehrfurcht und versuchen, fast alle Personen und ideologischen Debatten zu konservieren", schreibt Frank Dietschreit in der Märkischen Allgemeinen (26.3.2012). "Statt sich auf ein paar Kontroversen und die Leidensgeschichten von wenigen Krebspatienten zu konzentrieren, wird der ganze Roman in epischer Breite nacherzählt und ausgemalt." Trotzdem geschehe nichts, "was nicht schon nach einer Minute offenkundig ist: Der Sozialismus ist ein Krebsgeschwür." Es würden "Debatten aus der Sowjetunion des Jahres 1955 recycelt, die so fern wirken wie der Mond. Ein verschenkter Theaterabend."

Tobias Wellemeyers Blick ins Totenhaus sei "ein ehrlich-gnadenloser", meint hingegen Dirk Becker in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (26.3.2012). Wellemeyer setze die Zuschauer "schonungslos dem Treiben auf der Krebsstation mit der Nummer 13 aus". Man könne John von Düffel und Wellemeyer "nur dankbar dafür sein", dass sie das Wagnis, "Krebsstation" auf die Bühne zu holen, eingegangen sind. Von Düffel habe "die Vielstimmigkeit des Romans, das Sinfonische, auf kammermusikalische Größe reduziert. Das Herz der Geschichte, das sich aus dem menschlichen und dem gesellschaftlichen Drama zusammensetzt, lässt er dabei fast noch deutlicher, hörbarer und wilder schlagen." Wellemeyer vertraue "voll auf die Textarbeit von Düffels" und "auch auf seine Schauspieler. Und die spielen so beseelt wie lange nicht mehr."

Kommentar schreiben