altDer Weltuntergang ist aufgeschoben

von Marcus Hladek

Darmstadt, 24. März. Zehn Gerechte hätten Gott genügt, um Sodom und Gomorrha zu schonen, doch ach, das Strafgericht fand statt – nicht allzu viele "Genesis"-Kapitel nach der Geschichte mit Noah und der Sintflut übrigens, die trotz Happy End mit Regenbogen und Taube mit Ölzweig alle Sünder der Welt in den Abfluss spülte. Genau zehn Gerechte nebst lebender Taube boten jetzt auch der Schweizer Dramatiker Urs Widmer und sein Regisseur auf. Da Widmer starke Modelle allerdings am liebsten parodiert und süffig-surreale Spiele damit treibt, sind die Gerechten nicht wirklich gerecht, und auch die Taube wird zum Trick eines stets wie aus dem Ei gepellten Davoser Hoteldirektors (Tom Wild).

Gott ist tot in "Das Ende vom Geld", man kennt das, doch auch der "zweite Herr" der Bibel ist alles andere als wohlauf: der Mammon. Gewiss, Widmers zehn Gestalten haben auf einer Davoser Konferenz mal wieder die Welt gerettet oder glauben es zumindest. Und warten jetzt in der Nobel-Lobby des Hotels, von Achim Römer prunkend-sachlich mit Holz und Messing, Drehtür, rotem Teppich, schwarzem Leder, Treppenaufgang und goldgerahmtem Ölbild schräg ins Eck gesetzt, auf die Abreise: frotzelnd, fachsimpelnd, Machtspielchen treibend, Anrufe tätigend, mit der Geliebten, wie immer.

Lammköpfige Elends-Statisten

Weil sie und ihre elitäre Herrschaft nach der Logik des Stücks aber ein Geschmeiß sind, wohnen sie und wir mit ihnen zur Strafe einem Probelauf zum Weltuntergang bei, der ihren "Erfolg" als weiteren Schritt in den Untergang ausweist: mit Trockeneisgewabere aus den Fenstern, einem im weißen Nichts verschwundenen Parkplatz à la Stephen King und Menschen, die wie in "Warten auf Godot" an diesen Ort gebannt sind. Die dienstbaren Geister (Page, Zimmermädchen, Rezeptionistin, Portier) haben gleich eingangs, nach kurzer Pflichten-Routine, fluchtartig den Ort verlassen.

Aufgeboten in der Lobby als klassischem Nicht-Ort unserer Zeit des sinnlosen Konferenzkarussells werden der Banker und der Unternehmer, Professor und Chinese, Minister und NGO-Delegierte, Bischof und Bankers Geliebte, Hoteldirektor und Koch. Daneben eine wachsende Schar lammköpfiger Elends-Statisten, die mit Kind und Koffer wie für blöd verkaufte Finanzkrisen-Opfer ab und an über die Bühne huschen, wenn sie für Sekunden in grünes Licht getaucht ist und die souveränen Macher unter schriller Musik aus dem Spiel gedrängt sind. Sintflut, Herrschaftseliten am Rand des Abgrunds – ganz neu bei Widmer ist das nicht.

Heuchler im Ornat

Uwe Zerwer als eleganter Leitwolf und seine lämmerreißende Wolfshorde jedenfalls haben mit einer metaphysischen Bredouille zu schaffen. Natürlich sprechen er, der Banker, und die andern Geldleute in ihrer Arroganz, als hätten sie die Welt im Griff (nicht bloß in der Hand), und natürlich gibt es mit der NGO-Frau (Christina Kühnreich) eine loyale Opposition, die eine kritische Rhetorik pflegt – fehlt nur noch der Gewerkschafter, der oben mitfeiert und sich unten mit Brosamen zufriedengibt. Der Bischof (Heinz Kloss) ist ein mitpaktierender Heuchler im Ornat, der slapstickhaft just dann, als zuletzt auch er aus Not an Esssen, Wasser, Luft in der Unterwäsche dahockt, Respekt "wenn schon nicht für mich, so wenigstens für dieses Gewand" einfordert.

Diana Wolf spielt des Bankers kleine "Maus" und Geliebte, die begabt genug ist, um mit dem VR-China-Repräsentanten Chinesisch zu sprechen, nur dass sie zu ihrem Unglück an die Liebe glaubt und so erst dem Banker zum Opfer fällt und sich später, da der sie buchstäblich schlachten will, in ihren Vergewaltiger verliebt: den Professor (Matthias Kleinert). Einen Akzent setzt der Chinese aus Darmstadts Tanzabteilung, der am Scheitelpunkt des Realitätsverfalls sein Rad schlägt (Pao Su Chiang).

Sie alle vollziehen das Ende von Geld und Welt mit, und für die geduckte Menschheit weidet Widmer sich an ihrem Los. Nur zwei Figuren fallen heraus: der herbeigeholte Koch (Tobias Gondolf), der in unschweizerisch dreckstarrender Küchenjacke mit dem Messer umgeht wie eine Rächerfrau Heiner Müllers ("Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen"), und der zaubernde Hoteldirektor. Ein Greuelmärchen und Weltgedöhns aus dem Schweizer Landwassertal, das den Jüngsten Tag um neunzig Minuten aufschob.

Das Ende vom Geld (UA)
von Urs Widmer
Regie: Michael Helle, Bühne und Kostüme: Achim Römer, Dramaturgie: Reinar Ortmann.
Mit: Uwe Zerwer, Diana Wolf, Gerd K. Wölfle, Matthias Kleinert, Pao Su Chiang, Hubert Schlemmer, Christina Kühnreich, Heinz Kloss, Tom Wild, Tobias Gondolf.

www.staatstheater-darmstadt.de


Kritikenrundschau

Im surrealen Klima des geschlossenen Raumes lasse Widmer den Druck steigen, und in Michael Helle habe er einen zielstrebig operierenden Partner. "Ansteigender Hunger und abnehmende Atemluft führen zum gemeinschaftlichen Kontrollverlust", beschreibt Johannes Breckner im Darmstädter Echo (25.3.2012). Helles Regie beobachte die Figuren genau und gelange zum finsteren Kern des Dramas: der apokalyptisch ausgemalten Vision des Weltuntergangs, der von den Banken ausgeht und alles andere mit sich nimmt. "Widmer wünschte sich in dieser Szene 'größte Heftigkeit' und wollte auch den Chor der Lämmer in diese Steigerung einbeziehen", weiß der Rezensent zu berichten. Helle aber gehe darüber hinaus und zeige einen leisen, entrückten Fiebertraum, während eine raffinierte Lichtprojektion den Raum unwirklich zittern lasse. "So könnte man sich im Horrorfilm das Sterben nach der Atomkatastrophe vorstellen." Aber Widmer habe keine Gnade mit seinen Figuren, "er schickt sie zurück in ihre Wirklichkeit".

Urs Widmers unterhaltsames Spiel mit Originalzitaten und wiedererkennbaren Haltungen mache es den Zuschauern allzu leicht, meint Matthias Bischoff in der Rhein-Main-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (26.3.2012). Natürlich könne man von einem Theaterabend dieser Länge die umfassende Analyse ohnehin schwer durchschaubarer Strukturen nicht verlangen. "Ein bisschen mehr aber darf man doch erwarten als nur die Wiederholung dessen, was mittlerweile bequemer Common Sense ist: Die da oben sind korrupt, gierig und verlogen und haben sich dazu verbündet, die Welt und ihre geknechteten Bewohner bis aufs Letzte auszubeuten." Während die Grundkonstellation des Stücks Anklänge an „Warten auf Godot" oder Buñuels „Würgeengel" erkennen lasse, erreiche „Das Ende vom Geld" in keinem Augenblick etwas von der parabolischen Gesellschaftsanamnese jener Stücke.

Als "illustres Panoptikum zeitgenössischer Eitelkeiten wie auf einem mittelalterlichen Totentanz, bei dem an die Stelle der einstigen Ständevertreter mit den eingezeichneten Spruchbändern die Stützen unserer heutigen Gesellschaft treten mit ihren aus Talkshows hinlänglich bekannten Sprechblasen und Verhaltensweisen" beschreibt Michael Grus den Abend in der Frankfurter Rundschau (26.3.2012). Zwischen Oratorium und Farce schwanke Michael Helle in seiner Uraufführungsinszenierung dem Widmerschen Gattungsmix aus Farce und Typengroteske hinterher. Neben den Schauspielern tritt eine "perfekt dressierte weiße Brieftaube" auf – zum Schluss der Premiere, so berichtet Michael Grus, "ließ sie etwas fallen und erwies sich damit als effektsicherste Nestbeschmutzerin in einem an Längen nicht armen Stück."

 
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