Die Tonspur der Freiheit

von Tobias Prüwer

Leipzig, 15./16. September 2012. Seit 1992 lässt das Festival "Off Europa" – früher unter dem Namen "Manöver" – freie europäische Theatergruppen in Leipzig und Dresden zusammenkommen. "Off Europa" orientiert sich am Atlas und geht nach Landesgrenzen oder Regionen vor. 2011 standen etwa Albanien und das Kosovo (unter dem Titel "univers shqiptar / Welt der Albaner") im Fokus. In diesem Jahr wird über eine Woche lang jenes Land präsentiert, das wie eine Brücke Asien und Europa verbindet.

"Türkei urban" thematisiert in den eingeladenen Sprechtheater-, Performance- und Tanz-Produktionen ebenso einen westlichen wie den östlichen Blick auf die türkische Gesellschaft. Freiheitsimpulse transportieren zwei Inszenierungen des Auftaktwochenendes im Lofft Leipzig – mit ausgemachter Spielfreude.

Subversives Kaffeekränzchen mit oyun deposu

Um die Emanzipation der Frauen kreist das Stück "Aptal, Siridan ve Suçlu / Dumm, gewöhnlich und schuldig" vom Theater oyun deposu. Drei junge Frauen in rosa, grünen und blauen Freizeitdresses sitzen auf einem Schachbrett-Karree, schlürfen Kaffee und tratschen. Aus dem Off leitet das Aufziehen einer Kinderspieluhr einen Szenenwechsel ein. Die Frauen üben sich nun in Beckenbodengymnastik und trainieren ihre Orgasmusfähigkeit. Schnitt: Wieder ratscht der Aufzugsmechanismus und bedeutet den Stellungswechsel. – "Gibt's überhaupt noch Strähnchen?" Immer wieder mal unterbricht eine Szene, weil die Frauen meinen, es habe an der Tür geklopft. Doch niemand ist dort. Was droht hineinzubrechen in die heile Welt des Kaffeekränzchens? Das Reale?

aptal 560a tuncerenkus uDas Frauenkollektiv oyun deposu © Tun Cerenkus

Das Schauspielerinnentrio legt solche Nebensächlichkeiten und Trivialitäten mit derart großer Ausdrucksstärke auf die Bühne, dass diese plötzlich subversives Potenzial gewinnen. So sehr man diese "Sex and the City"-artigen Dialoge als belanglos abtun kann, markieren sie doch ein Stück Ausbruch aus der patriarchalen Welt. Dass eine Freiheit, die lediglich zum Konsum einlädt, nicht genug sein kann, macht die Spieluhr deutlich. Ihr dudelndes "Santa Claus Is Coming To Town" ist ein Lied, das in muslimischen Ländern nicht gerade für Christi Geburt steht. Freiheit zum Shopping, das deutet sich hier an, ist dann höchstens eine kleiner Schritt Emanzipation.

Diese Doppelstrategie, die unterschwellig schleichende, nicht gewollt aufgedrückte Kritik, geht auf. Wie in einem Epilog wenden sich die drei schließlich an die Zuschauer. Alle paar Momente wechseln sie ihr Minenspiel und lachen in die Ränge. Allmählich wird klar, dass sie die Publikumsgesichter imitieren. Unter diesem Rückkopplungseffekt endet der starke Abend doppelsinniger Banalität.

Politische Soundmaschinen bei Çıplak Ayaklar Kumpanyası

Unaufdringliche, verspielte Publikumsbezogenheit bildet auch ein Element in der Inszenierung "Sen Balık Değilsin ki / You are not a fish after all". Auch hier fällt sie ironisch aus, auch wenn Subtext und Kontext ernster sind: Es schwingt Auslöschung mit. Mihran Tomasyan vom Kollektiv Çıplak Ayaklar Kumpanyası gibt in diesem Solostück einen Demiurgen, der sich seine Geräuschwelt erschafft.

senbalk 280 veranstalter uMihran Tomasyan vom Kollektiv Çıplak Ayaklar Kumpanyası © VeranstalterZunächst baut der verschmitzt lächelnde Schauspieler eine Batterie potenziellen Lärmes auf. Aus einem Koffer zaubert er verschiedene Gegenstände: Mehrere Kassettenrekorder, ein Megaphon, Mikro, Flöte, Effektmaschinchen und Trommelmännchen präsentiert er wie ein Bühnenmagier erst Richtung Zuschauer, bevor er sie um sich herum versammelt und zum Einsatz bringt. So lässt er alte Popmusikkassetten leiern und spuckt Bandsalat, schüttelt ekstatisch ein Donnerblech und tanzt zu live geloopten Sprach-Klang-Installationen, bricht unter akustischem Gewehrfeuer zusammen und zündet Konfettibomben. Währenddessen wirft eine über Kopf platzierte Videokamera ihre Projektionen hinter ihm an die Wand. Nach und nach entsteht dort eine Figurine, werden humanoide Umrisse erkennbar, wenn Tomasyan etliche Erfahrungs- oder Zeitschichten aufrichtet.

Aufhänger für das die Zuschauer intensiv anspringende Stück war die Ermordung von Hrant Dink. Der von Justiz wie nationalistischen Kreisen gleichermaßen verfolgte Journalist wurde 2007 in Istanbul auf offener Straße erschossen. Die auf der Bühne aus Fragmenten geformte Figur ist aber hierauf nicht festgelegt. Tomasyan agiert mit loserer Assoziationskette und veränderte die Inszenierung mit der Zeit. "Der Körper auf der Bühne hat in jedem Land eine andere Bedeutung", zitiert ihn das Programmheft. "Es kann ein Oppositioneller sein, oder ein Transsexueller. Jemand, der für deine Rechte eingetreten ist." So erschafft Tomasyan einen bedrückenden Ereignisraum, der auch oder gerade in seiner Ambiguität eindrücklich ist.


Türkei urban – Festival Off Europa 2012

Aptal, Siridan ve Suçlu / Dumm, gewöhnlich und schuldig
von oyun deposu
Konzept: Yelda Baskın, Gülce Uğurlu, Elif Ürse, Ceren Ercan
Regie: Maral Ceranoğlu, Dramaturgie: Ceren Ercan, Ausstattung / Licht: Cem Yılmazer.
Mit: Yelda Baskın, Elif Ürse, Maral Ceranoğlu
Dauer: 50 Minuten

Sen Balık Değilsin ki / You are not a fish after all
von Çıplak Ayaklar Kumpanyası
Konzept / Realisierung / Darsteller: Mihran Tomasyan, Ausstattung: Cem Yılmazer, Sound: Hakan Şen.
Dauer: 40 Minuten

www.bfot.de

Kritikenschau

Begeistert von oyun deposu und ihrem Stück "Aptal, Siridan ve Suçlu" zeigt sich Steffen Georgi in der Leipziger Volkszeitung (17.9.2012). Er lobt, wie bei den plaudernden drei Frauen "bald in Nuancen und Monologen die Oberfläche brüchig wird, die Schutzmaske fällt". Geschickt platzierte Verfremdungen bewahrten dabei vor der Nabelschau.

Bei Oyun Deposu gehe es nicht "um die große Konfrontation", sondern um die "kleine Freiheit", "als Frau sowohl Klischee als auch Individuum sein zu dürfen", schreibt Juliane Hanka für die Dresdner Neuesten Nachrichten (19.9.2012). Man entdecke in ihrem Stück, "dass die meisten Themen ganz banal und letztlich unseren sehr ähnlich sind; Schönheit, Unsicherheit, Selbstverwirklichung." Für eine "deutsche Produktion wäre es wenig spannend, Frauen über die Nachteile von Tampons oder über beinverlängerndes Schuhwerk reden zu hören. Kennt man ja aus deutschen Reality-Shows, die sich mit Vorliebe um die eigene Banalität drehen." Die Frage nach der Wirkung, die dieser Abend in der Türkei vielleicht als "eine Art Befreiungsschlag von tabuisierten Gesellschaftsthemen" erzielen könnte, macht das Ganze für die Kritikerin dann aber doch spannend. Frage man die Künstlerinnen, reagierten Großstadttürken auf ihre kompromittierenden Stücke allerdings nicht grundsätzlich anders als das Dresdner Publikum. "Es wäre interessant", so Hanka, "zu erfahren, wie die Reaktionen in den kleinen Städten und Dörfern gewesen wären, wo eine in der Öffentlichkeit stöhnende Frau möglicherweise noch ein Sicherheitsrisiko darstellt."

 

 
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