Auf der Suche nach sich selbst und Europa

von Hartmut Krug

Kassel, 1. Februar 2013. Drei Personen, Vater, Tochter und Enkel, suchen, jeder für sich und alle füreinander, ihren Ort in einer als unbehaust empfundenen Welt. Katja Hensel hat mit "Brüssel brennt, Sorry" ein Familienstück geschrieben, in dem sie die privaten Gefühle ihrer Figuren in politischen Prozessen zu spiegeln sucht. Was ihr mal mehr, mal weniger gut gelingt.

bruesselbrennt2 560 nklinger uDrei Generationen zwischen Umzugskartons: Christoph Förster, Christina Weiser, Uwe Steinbruch  © N. Klinger

Dora will sich nicht mehr nur um bessere Transportbedingungen für Tiere kümmern, sondern auch um ihren Vater, der allmählich in die Demenz rutscht. Also hat sie ihn in eine neue Wohnung gebracht. Zwar ist die noch leer, doch die Einrichtung soll geliefert werden, während Dora für eine Woche zu ihren Aktionen einer Tierschutz-Lobbyistin nach Brüssel fährt. Erst einmal aber trudelt Doras Sohn unvorhergesehen ein. Er hat das dritte Elite-Internat geschmissen und versucht sich mit Zynismus und Ironie gegen das vorherrschende Gefühl totaler Sinnlosigkeit zu wehren. Weil er irgendwelche Nachrichten bekommen haben will, behauptet er, er werde nun wohl Papst werden. Erst einmal aber kümmert er sich um seinen Opa und macht Selbstmordspiele in einem Club, bei dessen Namen "Wald" der Opa vergeblich auf Natur hofft.

Drei Personen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Katja Hensel hat einen zugleich flüssigen wie sperrigen Text geschrieben. Der lässt sich gut lesen, aber nicht einfach spielen. Er ist keine Textfläche, sondern ein auf die drei Personen aufgeteilter Redetext für drei Personen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Hier wird nicht ge-, sondern über Europa und die eigene Identität verhandelt. Nicht in Brüssel agiert man, sondern über Brüssel wird geredet. Wobei dieses Brüssel und die politische Ebene merkwürdig unwirklich bleiben. Wirklich ist vor allem das Private, bei dem nicht nur für den dementen Opa (etwas monoton energisch: Uwe Steinbruch) die Realität ins Trudeln kommt. Auch Tochter und Enkel leiden unter einem Gefühl äußerster Sinnlosigkeit.

Der Sohn (Christoph Förster mimt einen coolen Typen, der sich in Posen und Ironie rettet) spielt mit den Vorstellungen politischer Betroffenheit. Mal klingelt er als afrikanischer Flüchtling mit der Bitte um Wasser an der Tür und treibt Vater und Tochter in einen Disput zwischen Angst vor Räubern und Klischees über selbstverständliche Hilfe, mal kommt er als Hauswart oder Lieferant. Der Zustand des Opas, der durchaus noch auf dem Boden der Realität steht, aber dann wieder in Wahrnehmungs- und Erinnerungsauflösung rutscht, wird nicht als tragische Betroffenheitsnummer gezeigt, sondern als Komik-Material genutzt. Und dass der Opa vom Krieg phantasiert und zugleich immer wieder eine Kassette mit dem Märchen vom Hühnchen und Hähnchen hört, in dem das Hähnchen lebensrettendes Wasser zu holen sucht, sind schöne Metaphern für das vom Stück umkreiste Realitätsproblem. Wenn der Opa seine Tochter um direkte, unbürokratische Hilfe für das Hühnchen bittet, kommen politische, private und erfundene Realität ironisch zusammen. Nicht nur für den Opa gerät die Realität ins Trudeln, sondern auch Mutter und Sohn leiden unter einem Gefühl äußerster Sinnlosigkeit.

Die Kaffeemaschine, die auf Zuruf liefert

Das zeigen sie allerdings weniger, als dass sie es in weitschweifigen Reden andeuten. Was ein Problem der Inszenierung von Martin Süß ist. Sie buchstabiert das Nicht-Geschehen zwischen den drei Personen allzu brav einfach als realistische Bühnenerzählerei nach. In einem Bühnenraum, der aus seiner Unbehaustheit keinerlei Spannung entwickelt. Ins TIF, der kleinen Bühne des Staatstheaters im Keller des Friedericianums, sind im leeren Raum hölzerne Pfeiler aufgestellt. Zwischen ihnen wird nun erzählt. Selbst ein Gag wie der von der Kaffeemaschine, die auf Zuruf liefert und den Vater damit in Not bringt, wird viel zu umständlich vorexerziert und um seine szenische Witz-Wirkung gebracht.

Nicht nur wenn Christina Weiser ihre Figur der Mutter Dora von der Engagiertheit einer Tierschützerin übergangslos in die resignierte Sanftmut führt, mit der sie sich nur noch ihrem Vater widmen will, bleibt der Wortwitz, mit dem die Autorin gesellschaftliche Redensarten und Haltungen auseinanderzunehmen sucht, auf dem Manuskript haften. Geradezu schrecklich ist es, wenn Dora mehrfach mit ihrem Mitstreiter in Brüssel telefoniert und dabei ihren Text engagiert ins Publikum hinein aufsagt. Statt sich in schnellen Slapstick-Nummern vorwärts zu bewegen, hoppelt die Aufführung so oft brav auf der Stelle. Das sprach- und bedeutungsspielerische Stück der jungen Autorin hat, wie man neudeutsch sagt, durchaus Potential. In Kassel ist davon leider zu wenig zu sehen.

 

Brüssel brennt, Sorry (UA)
von Katja Hensel
Regie: Martin Süß, Bühne und Kostüme: Timo von Kriegstein, Dramaturgie: Michael Volk.
Mit: Christina Weiser, Uwe Steinbruch, Christoph Förster.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-kassel.de

 

Mehr zu Katja Hensel, die 2012 beim Heidelberger Stückemarkt den Publikumspreis gewann? Hier im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Für ihr neues Stück habe sich Katja Hensel "nicht nur die Lobbyarbeit in Brüssel vorgenommen, sondern auch die Generationenfrage, ein nachhaltiges Leben und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf", schreibt Matthias Lohr in der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (4.2.2013). In der ersten Hälfte sei das Stück "eine kurzweilige Analyse einer komplexen Welt mit hübschen Pointen." Doch irgendwann sei die Geschichte "überfrachtet mit all ihren Themen und Monologen, was nicht an der Regie, sondern am Stück liegt. Bisweilen wirkt es so kompliziert wie der EU-Vertrag."

 

 
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