Vom Streichen des Füllworts

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 19. Mai 2013. Was für ein erfreulicher Abend draußen in Recklinghausen-Süd, in einem aufgelassenen Industrie-Areal, das sich ausgerechnet nach dem bayerischen König Ludwig nennt und wie eine heruntergekommene Filmkulisse wirkt; verwitterte Schilder werden nie abmontiert werden ("Warenannahme", "Verwaltung"), an Kränen und Zuleitungen frisst der Rost – eine neue Spielstätte der Ruhrfestspiele. Doch in unmittelbarer Nähe haben sie nach dem Krieg überhaupt zum erstenmal für Kohle Kunst gemacht.

Wenn die Sprache ins Klappern kommt

Hier also: ein "Sprachmusikabend" im Schweizer Stil, über den ein Christoph Marthaler im Geist seine schützende Hand halten mag. Und doch etwas ganz Eigenes. Die Schweizer Autorin Laura de Weck und der ebenfalls aus der Schweiz stammende Regisseur Thom Luz haben am Staatstheater Oldenburg mit fünf Schauspielern und etlichen Musikinstrumenten eine Partitur entwickelt, die unsere gewöhnliche Sprache auf ihre Lücken, ihre Defizite, ihre Leerstellen hin abklopft, empfindlich gegen Phrasen, empfänglich für die Musik von Bach (vor allem), Schubert, Arthur Honegger, Charles Ives und, ja, auch von Freddy Quinn. Die Musik und insbesondere der Gesang setzen ein (und setzen wunderschön ein), wenn die Sprache ins Klappern kommt. Nicht weil Laura de Weck eine schlechte Autorin wäre, sondern im Gegenteil, weil sie ein Ohr hat für die Aporien, mit denen wir es zu tun haben, wenn wir uns sprachlich verständlich machen wollen.

Was meinen Sie mit "Liebe" genau?

Jemand sagt: "Ich liebe dich", aber was bezeichnet er damit, einen "Sachverhalt" oder bloß einen "Denkvorgang"? Einen Zustand oder eine Absicht? Etwas Genaues oder etwas eher Ungenaues? Da man im Alltag solche Sätze meistens nicht hinterfragt (weil man sich freut – oder sich ekelt), braucht man das Theater und dieses "Archiv des Unvollständigen", in dem fünf Leute ständig etwas untersuchen, ansehen, ausprobieren – und das dann auch wieder abbrechen. Der Titel ist genau durchdacht. Es gibt hier keine zu Ende gespielten Theaterszenen. Wohl aber gibt es eine Reflexion darüber, was zu einem regelrechten Theaterstück gehört: soundsoviele Personen mit konträren Interessen, ein äußerer und ein innerer Konflikt, eine Waffe, unbedingt ein Brief, eine Überraschung, ein Liebespaar – oder zwei, "wenn das Budget es erlaubt" (unvollständig).

archiv4 560 andreas j  etter uSprachmusik hinter Glas: "Archiv des Unvollständigen" aus Oldenburg bei den Ruhrfestspielen. 
© Andreas J. Etter
Das Schöne an diesem Abend ist, wie hier eins ins andere greift: die Texte und ihr Humor, ihre Poesie, eine präzise Regie, die ausnahmslos wundervolle Energie der fünf Schauspieler (drei Frauen, zwei Männer), die ja nicht zu Einfühlungs- und Ausdrucksekstasen veranlasst werden, sondern nur zu einer stimmigen Interpretation einer anspruchsvollen Partitur mit X Miniaturszenen. Die Inszenierung ist von einer mechanischen Präzision, die Lebendigkeit ihrer Umsetzung aber verdankt sich der Präsenz jedes einzelnen Spielers.

Hüten Sie sich vor Adjektiven!

"Hier fehlt noch ein Text", heißt es, oder: "Hier fehlt eine Musik". Der eine Mann, anscheinend eine Art Chef, sagt zum anderen: "Du hast es selbst gemerkt." Was? Sprechen wir nicht in Rätseln, gerade dann, wenn wir meinen, uns auf Offensichtliches zu berufen? Und umgekehrt, lassen wir die Sprache nicht unnötig anschwellen, wie Puristen uns klarmachen? Streichen wir doch jedes Füllwort, jedes "irgendwie", "gewissermaßen", jedes Adverb – nicht: "Ich rege mich furchtbar auf", "Ich rege mich auf" ist viel klarer; dass Adjektive überflüssig sind, weiß jedes Kind. Am Ende heißt es nur noch: "Der – die – das." Aber lassen wir doch auch die Ironie.

Man sieht die Schauspieler oft hinter Glas, in Kabinen wie Dolmetscher (Ausstattung: Lisa Maline Busse), mal sind sie akustisch verständlich, mal nicht. Es gibt ein Knöpfchen, das man drücken muss. Eine der Frauen gibt verzweifelte Zeichen, sie steht da, alleingelassen mit ihrem Kontrabass. Endlich erbarmt sich jemand: "Hast du noch ein anderes Instrument, ein kleineres?" Es ist eine Mandoline. Und dann findet sie das Knöpfchen.

Sterben hinter Glas

Am Schluss "stirbt" der eine der Männer hinter Glas, die Vier stehen bekümmert um ihn herum. So starb der amerikanische Komponist Charles Ives, der eine "Universe Symphony" komponieren wollte, eine Sinfonie, in der die ganze Welt enthalten sein sollte. Vollständig. Dann kam etwas dazwischen, und dann starb er. Bei seinem Tod waren eine Menge Leute zugegen, alle waren voller Pietät, aber im Stockwerk drüber wurde eine laute Party gefeiert. Man musste sich dagegen zur Wehr setzen, kraft der Pietät am Sterbebett. So schließt dieser Sprachmusikabend: eine Reflexion über Störgeräusche.

 

Archiv des Unvollständigen (UA)
von Laura de Weck und Thom Luz. Ein Sprachmusikabend
Regie: Thom Luz, Text: Laura de Weck, Ausstattung: Lisa Maline Busse, Musikalische Leitung: Mathias Weibel, Licht: Arne Waldl, Dramaturgie: Jörg Vorhaben.
Mit: Sarah Bauerett, Hanna Franck, Caroline Nagel, Eike Jon Ahrens, Vincent Doddema.
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, ohne Pause

www.ruhrfestspiele.de

 

Kritikenrundschau

Als "pures Bühnengold, ein Kleinod!", feiert Ulrich Fischer diese Inszenierung in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (19.5.2013). Die "Bühnencollage, in der das Theater gegen seine eigenen dramaturgischen Gesetze anspielt und absurde Züge annimmt" sei "glänzend inszeniert" und "glänzend gespielt". Ohne epigonal zu sein, erinnere das Stück "mitunter an Samuel Beckett, dann wieder an Botho Strauß", denn Laura de Weck und Thom Luz würden "die Erwartungen der Zuschauer systematisch enttäuschen (wollen)", wobei sie sich an Gesetze des absurden Dramas hielten. "Ihren Glanz" bekomme die Inszenierung durch die Schauspieler. "Sie haben bei der Inszenierungsarbeit und beim Entstehen des Stücks tatkräftig mitgeholfen, zumindest steht es so im Programmheft – und das ist glaubhaft, denn die Uraufführung wirkt wie aus einem Guss."

"Jedes Theaterstück braucht eine Waffe, einen Brief, einen Narr. Das Theaterstück 'Archiv des Unvollständigen' selbst erfüllt von all diesen Forderungen exakt – gar keine", schreibt Tobias Becker auf Spiegel Online (22.5.2013). "Es bietet keine Figuren, keine Geschichte, nicht einmal eine Waffe. Und doch ist es ein Schuss ins Herz der Zuschauer."

"Gefühlte Stunden verstreichen in der 100 Minuten währenden zähen Inszenierung", schreibt Bernd Aulich auf derwesten.de (23.5.2013). "Es gibt keine Handlung und folglich keine Rollen." Die These sprachlichen Unvermögens falle in dieser szenischen Verweigerung auf die Autorin zurück.

"Die sinnfrei geschäftige Atmosphäre erinnert an Regie-Altmeister Christoph Marthaler, aber das junge Team kreiert etwas eigenwillig Neues", schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (1.6.2013). "Dass manche Sound-Schnipsel am Ende noch mal zur schlüssigen Geschichte arrangiert werden, ist unnötig redundant. Doch das kann dem präzise komponierten, provokant in sich ruhenden 'Sprachmusikabend' nicht viel anhaben, er bleibt ein Moment ungewöhnlichen Theaterglücks."

 

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