Migration in den Möglichkeitsraum

von Jan Fischer

Braunschweig, 12. September 2013. Draußen zieht die niedersächsische Ebene vorbei. Es ist dunkel. Vorhin, in Braunschweig, dachte ich zum ersten Mal in diesem Jahr: Herbst. Die ersten Blätter kleben auf dem nassen Beton.
Der Zug rollt, und während ich diese ersten Sätze schreibe, sehe ich schon die ersten Kommentare unter diesem Artikel vor mir: Was soll das? Was geht uns die Befindlichkeit des Kritikers an? Wo ist die Kritik?

Nur die Ruhe, liebe Kommentarschreiber. "Apathisch für Anfänger" ist ein Stück, das man erst einmal in Ruhe auseinanderschälen muss. Ein Stück, das sich erst auffalten muss, in einem anderen, freieren Raum.
Die niedersächsische Ebene hat viel Platz. Flachland. Zuckerrüben. Kaum Handyempfang. Draußen ist es dunkel. Als sei der Zug eine Röhre im Nichts. Im Fenster gibt es nur mein eigenes Spiegelbild.

Der Vorfall

Beginnen wir mir Fakten. Das Stück beginnt auch mit Fakten. Erleuchtete Sätze, die auf den eisernen Vorhang projiziert werden und sofort wieder verpuffen. Mitte der 2000er Jahre, behauptet der verpuffende Text, erkrankten Kinder, deren nach Schweden geflohene Eltern eine Aufenthaltsgenehmigung beantragt hatten, an einer seltsamen Apathie. Sie konnten nicht essen, nicht trinken, bewegten sie sich nicht.

apathisch1 560 volker beinhorn u"Ein leicht verlotterter Reporter alter Schule, halb Truman Capote und halb Straßenpenner": Mattias Schamberger  © Volker Beinhorn Eine öffentliche Debatte entspann sich: Simulanten, die ihre Kinder nur wegen einer Aufenthaltsgenehmigung quälen, schrien die einen. Posttraumatisches Stress-Syndrom, sind ja schließlich Flüchtlinge, sagten die anderen. Mittenrein in die Debatte grätschte noch ein anerkannter Journalist namens Gellert Tamas mit einem Buch, in dem er Rassismus witterte, Verschwörungen der Regierung oder beides, und musste sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er keine Ahnung hätte von einer Debatte, in der es ja wohl vorwiegend um medizinische Probleme ginge. Aus Tamas' Buch wiederum baute der schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri das Stück "Apathisch für Anfänger" zusammen.

Was habe ich gesehen?

Hin und wieder flackern aus dem Dunkel vor dem Fenster Lichter auf, ein Hof, vielleicht, oder ein weit entferntes Dorf. Von Zeit zu Zeit gibt es Bahnhöfe, kaum einer steigt aus, alle steigen nur ein. Ich bin müde, der Zug schaukelt, und lullt mich ein wenig ein.
Da auf der Bühne, was habe ich gesehen? Es war einmal ein Ereignis, dann war es ein Buch, dann war es Theaterstück dann wurde es übersetzt, dann hat die Regisseurin – Mina Salehpour heißt sie und wurde gerade für den Theaterpreis Faust nominiert – es inszeniert. Wie viel bleibt da noch von den apathischen Kindern übrig? Auf der Bühne steht ein grandios riesiger Aktenschrank, der bis nach oben in die Beleuchtung reicht.

apathisch4 280h volker beinhorn uAlle stecken in der Metafeedbackschleife ...
© Volker Beinhorn
Man muss sich vielleicht von dem Gedanken befreien, in "Apathisch für Anfänger" ginge es irgendwie um Rassismus, der in der schwedischen, in wahrscheinlich jeder Gesellschaft mehr oder weniger verborgen liegt. Unmenschliche Asylverfahren, Sachbearbeiter in innerer Kündigung, politische Verfolgung, den Unsinn offener und geschlossener Grenzen. Darum geht es auch, aber das ist nur ein Absprungbrett.

Schicksale in Schubladen

In Braunschweig rutscht ein leicht verlotterter Reporter alter Schule, halb Truman Capote und halb Straßenpenner – gespielt von Mattias Schamberger – mehr zufällig in den Fall mit den apathischen Kindern hinein. Er wühlt in dem Aktenschrank, der zuerst nur ein Symbol für die Erinnerung ist, befragt Menschen, die mit den Kindern zu tun hatten: Freunde, die Sachbearbeiterin des Asylverfahrens der Familie, Bekannte der zuständigen Ministerin. Dazu kommen seine eigenen Erinnerungen, die Stimmen in seinem Kopf.

Alle diese Figuren werden in wechselnden Rollen gespielt von Hans-Werner Leupelt, Oliver Simon, Ursula Hobmair und Rika Weniger, sie alle wuseln über diesen gigantischen Aktenschrank, bauen Treppen daraus, finden versteckte Türen und alles Mögliche, und haben sichtlich Spaß an der ganzen Sache. Denn: In aller Ernsthaftigkeit ist "Apathisch für Anfänger" auch eine Komödie, die stellenweise den Klamauk und die Tragik nicht ganz sauber ausbalanciert, dann aber doch immer wieder ins Gleichgewicht ... -

Grade, als ich nach einem Verb für den Satz suche, steigen ein paar Jungs aus dem Zug aus, in welcher Sprache sprechen sie? Kann sein Russisch. "Digger, mach ein Foto von mir", sagt der eine, und der andere hält ein iPhone hoch, im ganzen Abteil spiegelt sich der Blitz in den Scheiben. Der Zug rollt noch kurz an ihnen vorbei, dieses gelbe Licht, sie umarmen sich zum Abschied. In dem Dorf, in dem sie wohnen, müssen sie in unterschiedliche Richtungen. Ich würde sie zum Abschied gerne nach dem passenden Verb fragen. Schaukelt? Nein. Kommt.

Geschichten, keine Wahrheit

Die ganzen Fächer in den Aktenschränken, und das ist das Problem, überlagern sich irgendwann: Einer erzählt eine Geschichte, der nächste eine andere, jeder hat eine Meinung zu den apathischen Kindern, was die Wahrheit ist, weiß niemand, am wenigsten der von Zeuge zu Zeuge rasende Reporter selbst. Er dokumentiert alles, eine eigene Version der Geschichte hat er auch, aber je tiefer er eintaucht, desto komplizierter wird alles: Wer lügt? Die Regierung? Die Eltern? Die Sachbearbeiterin? Vielleicht lügt niemand? Und so wird aus einem Stück, das so tut, als sei es eines über Rassismus ein Stück über Sprache als Möglichkeitsraum der Sprache, und der Aktenschrank wird zum Symbol dafür: Ein unendlich hoher, weiter Möglichkeitsraum mit viel Platz zum Verstauen – der Reporter zeichnet keine Fakten auf, sondern den Weg und die Mutationen von Geschichten, die ihm selbstironisch, als Komödie überspitzt mit vielen poetischen Textschichten erzählt werden. Es ist ein Stück über Sprachmacht und Sprachmanipulation.

Das geht so lange, bis der Reporter und seine inneren Stimmen sich in abstruse Metaphern flüchten müssen, weil nichts anderes mehr hilft: Immer, wenn die Ministerin den Raum betritt, schreibt er beispielsweise, riecht es nach Schwefel, und sie röstet Migrantenkinder über dem Feuer. Er träumt laut davon, wie sein Buch als Theaterstück aussähe, und sagt: "Das wäre doch ein tolles Bild".

Und das ist das Ende vom Lied: Niemand ist sich mehr sicher, was eigentlich geschehen ist, alle stecken in der Metafeedbackschleife. Die Frage ist nicht, was für eine Geschichte das ist, sondern wie und von wem sie erzählt wird.

Jemand sagt: "Toll wäre das Stück auch als Musical". Dann singen sie, zum großen Finale noch das "Lied des Volkes" aus "Les Misérables", weil sich dieser ganze Gedankenwust nur noch in assoziativen Brüchen auflösen lässt, jemand anderes sagt: "Ausstieg in Fahrtrichtung links". Und ich steige aus.

 

Apathisch für Anfänger (DEA)
von Jonas Hassen Khemiri
Regie: Mina Salehpour, Bühne: Jorge Enrique Caro, Kostüme: Maria Anderski, Dramaturgie: Katrin Breschke.
Mit: Hans-Werner Leupelt, Oliver Simon, Ursula Hobmair, Rika Weniger, Mattias Schamberger.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-braunschweig.de

 


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Kritikenrundschau

"Wie hier ein ernstes Thema mit Witz, aber auch mit analytischer Ernsthaftigkeit von fünf famosen, von Rolle zu Rolle springenden Schauspielern angegangen wird, das nimmt das Publikum von der ersten Szene an gefangen", berichtet Hartmut Krug in der Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (13.9.2013). In einer "bewegten Inszenierung" voll Fantasie und Spielfreude werde Khemiris "bewegliches Stück" präsentiert: "Konfliktlagen werden aufgeblättert und als so nicht lösbar erkennbar. Eine Fülle von Wahrnehmungen, Tatsachen und Meinungen wird ausgestellt."

Alexander Kohlmann findet im Gespräch auf Deutschlandradio (13.9.2013) Khemiris Beitrag "nicht so stark", weil sein Stück eher auf Stimmen denn auf identifikationsförderliche Szenen baue. Das Ensemble unter Leitung von Mina Salehpour verlege sich darauf, sich "in Späßen zu ergehen", womit es sich das Thema letztlich "vom Leibe hält". Allerdings ironisiere auch schon Khemiri in seinem Text die "gängigen Migrationsthemen" in einer Weise, dass man sich frage, warum er sie denn eigentlich aufgreife.

"Ein ernstes Thema – verspielt", sagt Andreas Berger von der Braunschweiger Zeitung (14.9.2013) bereits im ersten Satz seiner Besprechung klipp und klar. Khemiri biete mit seinem Stück "Hörbuchtheater"; und Regisseurin Mina Salehpour "zieht anhand der dünnen Textvorlage alle Register der Schauspielschuletüden. Da werden grausame Ereignisse mit Püppchen vorgespielt, man trinkt aus Turnschuhen mit Strohhalm und zum Stichwort, man hätte wohl einen Kater davongetragen, maunzt die Schauspielerin wie ein Kätzchen. Mancher Zuschauer lacht denn auch von Anfang bis Ende durch. Tja."

 

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