Intensiv-Liebestäter auf freiem Fuß

von Esther Slevogt

Berlin, 17. November 2013. Das Meer ist ja immer schön. Sogar, wenn es nur als Projektion (genauer gesagt: in den Videos von Benjamin Krieg) auf verklebten Fenstern erscheint, kann es mit seinen Wellen und Schaumkronen einen engen Theaterraum wie das Studio des Maxim Gorki Theaters weiten. Und erst, wenn die drei Schauspieler am Ende diese Fenster öffnen und die kalte Novemberluft (und das kalte gelbe Licht der Straßenbeleuchtung) eindringt, taucht man auf aus diesem suggestiven Theaterabend, der dritten Eröffnungspremiere des Maxim Gorki Theaters.

"Trompe-l'oeil" – "Täuschung des Auges" heißt in der Malerei eine illusionistische Technik, mit der dem Betrachter eines Kunstwerks dreidimensionale Räume und schwelgerische Blicke in Fantasielandschaften vorgetäuscht werden. Das Stück von Marianna Salzmann, das nun auch das (von ihr geleitete) Gorki-Studio eröffnet hat, führt die ganzen kleinen großen Träume vom Leben und von der Liebe als solche Täuschungen vor, vor denen die Menschen immer erst dann zurückschrecken, wenn diese Träume drohen, wirklich zu werden.

"Schwimmen Lernen. Ein Lovesong" hat Salzmann dieses musikalische Kammerspiel (wie man das in früheren Zeiten vielleicht genannt hätte) für drei Personen überschrieben. Und Hakan Savaş Mican hat es mit drei starken Schauspielern, die mindestens so gut Musik machen können wie Theater spielen, genau so aufgeführt: als Liebeslied, von kalten, schroffen und hässlichen Worten und kleinlichen Gefühlen durchzogen, die sich in liebesgeweitete Herzen plötzlich wie Messer bohren. Von Sätzen wie "Es gibt nichts Besseres als einen angstfreien Fick | Mit einem Unbekannten". Nur: Wie soll das dann funktionieren, mit der Liebe? Und erst recht mit der Sehnsucht, irgendwo anzukommen (bei jemandem, der einen liebt zum Beispiel).

Die Liebe: immer wieder zum ersten Mal
Mit diesem Abend (der das Signallicht einer neuen Romantik auf dem Theater sein könnte) wurde das Heimat- und Identitätsthema, das die inhaltliche Klammer auch der beiden vorangegangenen Eröffnungspremieren war, auf die kleinste Einheit heruntergebrochen: die Liebe und die (natürlich vergebliche) Sehnsucht jedes einzelnen, in einem anderen diese Heimat zu finden. Denn jeder stirbt in seinem kleinen wie kleinlichen Ego-Universum für sich allein. Erzählt wird in fragmentierten und rauchzart dahingeworfenen Dialogen die Geschichte von Feli, die sich erst in einen Mann, in Pep, verliebt und nach einer Woche Beziehung heiratet ("Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich bleiben will") – um sich kurz darauf in eine Frau, in Lil zu verlieben ("Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich bleiben will") – und mit Lil dann in das Land aufzubrechen, aus dem sie gekommen ist.

Lil ist Musikerin – so wie auch die Schauspielerin Marina Frenk, die sie spielt. Sie sitzt an einem Klavier links auf der Szene und beherrscht das Instrument mit großer Virtuosität. Den herzzerreißend heiß-kalten Melodien des Münchner Indie-Musikers Enik alias Dominik Schäfer, der für die musikalische Rahmung des Abends verantwortlich ist, verpasst sie eine ebenso unverwechselbare Farbe wie den russischen (und anderen) Liedern, die immer wieder die Spielszenen unterbrechen. Mal schreit sie plötzlich kurz zwischen den Tönen auf, heult einen Satz, um dann normal weiterzusingen.

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Anastasia Gubarova und Dimitrij Schaad (u.a. als Feli und Pep) war man auch schon am Abend zuvor in Yael Ronens Inszenierung Der Russe ist einer der Birken liebt begegnet – Schaad auch hier schon als tollem Musiker. Jetzt sind sie wieder dabei, schreiben auf eine Art die Figuren des Ronen-Abends fort: zwei Intensiv-Liebestäter, die ihren Meister suchen und in dieser Suche verlorengehen. Hakan Savaş Mican, der bereits am Ballhaus Naunynstraße u.a. mit Saison der Krabben seinen Sinn für Musikalität bewies, baut den Abend zu einem suggestiven Konzert aus Worten und Tönen zusammen.

Die Spielszenen zwischen der Musik schrauben sich manchmal ins Übergroteske: wenn Anastasia Gubarova und Dimitrij Schaad (als russisches Spießerpaar) zum Beispiel ihre Körper ineinander winden, während sie die lesbische Lil nach technischen Details ihrer Liebespraxis ausfragen. Oder wenn Anastasia Gubarova schnarrend Bob Dylans "Just like a woman" persifliert. Die Schauspieler surfen zwischen den Sprachen Deutsch und Russisch, zwischen dem gesungenen und gesprochenen Wort mühelos umher wie zwischen den großen und kleinen Gefühlen, von denen dieser Abend handelt. Was für ein Können!, denkt man immer wieder auch. Und freut sich auf das, was da hoffentlich noch kommt.  

Schwimmen Lernen. Ein Lovesong
von Marianna Salzmann
Regie: Hakan Savaş Mican, Bühne und Kostüme: Sylvia Rieger, Musik: Enik, Video: Benjamin Krieger, Licht: Daniel Krawietz, Dramaturgie: Irina Szodruch.
Mit: Marina Frenk, Anastasia Gubareva, Dimitrij Schaad.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

Mehr zum neuen Gorki von Shermin Langhoff: Marianna Salzmanns Lovesong gingen voraus Der Kirschgarten in der Regie von Nurkan Erpulat und Der Russe ist einer, der Birken liebt, inszeniert von Yael Ronen.

Kritikenrundschau

Eine melancholische Dreiecksgeschichte zwischen der erneut wunderbaren Anastasia Gubareva als Feli, die erst Pep und dann Lil liebt, sah Christine Wahl im Tagesspiegel (19.11.2013). Identität im Herkunftssinne trete hier hinter der Liebesgeschichte zurück. "Ab und an switchen die Schauspieler, die auch als Musiker überzeugen, ins Russische; der viel zitierte Migrationshintergrund ist einfach ein Punkt unter vielen." Nach der programmatischen Auftakt-Umdeutung des "Kirschgartens" hat das neue Gorki mit diesen beiden Uraufführungen also auch einen Vorgeschmack auf neue Stoffe gegeben. Es war – und das betrifft genauso die Schauspieler – ein guter.

"Wie schön die alle singen! Was auf jeden Fall schon einmal Freude macht am neuen Gorki-Theater ist die Musik", so Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (19.11.2013). In "Schwimmen lernen" spiele sie sogar die Hauptrolle, "es handelt sich schließlich − so der Untertitel − um einen 'Lovesong'." Man sehe ein "schnelles, ziemlich abgebrühtes Dreieckskammerspiel über Liebesprobleme von drei Jung-Individualisten, die noch nicht in ihre Rolle gefunden haben", sich erst ine Weile ordentlich mit Worten quälen, dann aber doch zum Instrument greifen, musizieren und singen.

Peter Laudenbach schreibt in der Süddeutschen Zeitung (20.11.2013): Die kleine, überzeugende Studioproduktion liefere den Beweis, dass das deutsche Theater so tolle Schauspieler wie Marina Frenk, geboren in Moldawien, Anastasia Gubareva, geboren in Moskau und Dimitrij Schaad, geboren in Kasachstan, dringend brauche. "Unnötig zu sagen, dass sie natürlich keinen Exotenbonus nötig haben und jederzeit Kleist-Verse sprechen könnten, ohne dass einer auf die Idee käme, ihre erste Sprache wäre nicht Deutsch gewesen."

Die Dreiecksgeschichte werde als Liederabend mit eingestreuter Handlung erzählt, schreibt Jenny Hoch in der Welt (19.11.2013). "Wieder geht es um Identitätskonflikte, um Zuschreibungen und mit Klischees überhäufte Erwartungen." Dargeboten wird das zwar mit viel Leidenschaft und sängerischem Talent, aber leider ohne einen Funken Humor. Die brennende Frage "Wo ist Heimat?" werde auch diesmal nicht beantwortet. Fazit: "Wer etwas zu sagen hat, muss erst mal seine Stimme finden. Auch wenn am Gorki ab und zu noch dissonant gekrächzt wurde, so hat diese Stimme doch schon jetzt ein richtiges Gewicht."

"Wieder ein verschwitztes, gefühlssattes Spiel über fliessende Identitäten, wieder ein Theater, das weniger auf Subtilitäten und mehr auf Symbole setzt. Und auf Musik", so Dirk Pilz in der Neuen Zürcher Zeitung (19.11.2013). "Gesungen wurde in den drei ersten Gorki-Premieren sehr viel und sehr schön. Die Gefühle schreibt man hier in Grossbuchstaben, jede Botschaften wird doppelt unterstrichen – und den Zwischentönen misstraut. Dieses Haus wird noch Zeit brauchen, bis es bei sich selbst angekommen ist.

Peter Laudenbach schreibt in der Süddeutschen Zeitung (20.11.2013): Die "kleine, überzeugende Studioproduktion" liefere den Beweis, dass das deutsche Theater "so tolle Schauspieler" wie Marina Frenk, geboren in Moldawien, Anastasia Gubareva, geboren in Moskau und Dimitrij Schaad, geboren in Kasachstan, dringend brauche. "Unnötig zu sagen, dass sie natürlich keinen Exotenbonus nötig haben und jederzeit Kleist-Verse sprechen könnten, ohne dass einer auf die Idee käme, ihre erste Sprache wäre nicht Deutsch gewesen."

 

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