Seitensprünge ohne Risiken

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 14. Dezember 2013. Er war einer der größten Theaterskandale aller Zeiten: Arthur Schnitzlers 1920 in Berlin uraufgeführter "Reigen", der zehn Menschen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten in einem erotischen Bäumchen-wechsel-dich-Spiel paarweise aufeinandertreffen und die sozialen Unterschiede unter der Gewalt des Sexus verschwinden lässt. Es ging Schnitzler um die "unerbittliche Mechanik des Beischlafs". Hure trifft auf Soldat. Soldat trifft auf Dienstmädchen. Dienstmädchen trifft auf bürgerlich-wohlhabenden Jungspund undsoweiter. Wobei der eigentliche Geschlechtsakt immer ausgespart bleibt. Es geht ums Davor und Danach. Kleider machen Leute, aber legt man die Hüllen ab, fällt mit ihnen auch der Stand. Wie beim Sterben. Anspielungen auf Totentanz-Darstellungen sind im "Reigen" omnipräsent, die Sehnsucht nach dem, was der Autor bewusst ausklammerte, nach der wahren Liebe und dem wahren Leben nämlich, ebenso. Der "Reigen" ist ein starkes Stück.

Szenen einer Ehe

Am Stuttgarter Staatsschauspiel läuft "Reigen" in der Regie von Bastian Kraft als Zweipersonendrama. Edgar Selge spielt die männlichen Partien, Franziska Walser die weiblichen. Bis sich der Kreis schließt. Von Anfang an ist da eine intime körperliche Nähe auf der Bühne, die verblüfft. Wer bis jetzt noch nicht wusste, dass Walser und Selge im realen Leben ein Paar sind, erlebt es nun live. Gibt es zwischen einem Soldaten und einer Hure eine solche körperliche Vertrautheit? Es handelt sich schließlich um einen One-Night-Stand. Man ist sich fremd. Das Verhältnis birgt Risiken. Walser und Selge spielen die Szene beinahe schon in geschwisterlicher Eintracht. Können sie nicht anders, oder ist das Regieidee? Gemäß dem Motto: Zwei verheiratete Schauspieler improvisieren über den "Reigen" in Form von Rollenspielen, oder: die Bühne als Swingerclub darstellerischer oder ehelicher Selbstreflektion?

reigen2 560 bettina stoess uZwei sind genug: das Ehepaar Edgar Selge und Franziska Walser in diversen Rollen
© Bettina Stöß

So gelingt den beiden wohl nicht von ungefähr jene Szene am eindringlichsten, in der die "junge Frau" – gerade ehebrüchig geworden – von ihrem "Ehegatten" in Bettgeflüster-Dialoge verwickelt wird: Sichtbar genervt vom angeberischen Gelabere des werten Gemahls über voreheliche Liebesgeschichten, erzwingt sie beim Rollenwechsel die Travestie. Soll der Mann doch mal am eigenen Leib erfahren, wie nervend es ist, wie eine Vollidiotin behandelt zu werden. Selge, jetzt mit Zöpfchenperücke und im rosa Tutu, gibt zwitschernd das "süße Mädel": das Dummchen, dem nun Walser als vollbärtiger, fremdgehender "Ehegatte" burschikos an die Wäsche geht. Albern bis zum Gehtnichtmehr. Und weil die beiden schnell merken, dass der Rollentausch keinen Mehrwert bringt, wechseln sie wieder flugs die Seiten. Jetzt spielt Walser das "süße Mädel" noch einmal richtig – oder auch nicht. Wir tun halt mal so, als ob ... Gähn!

Die Stuttgarter Drehbühne ist wieder mal heimlicher Star. Dort drehen zehn kopflose Schaufensterpuppen ihre Runden und halten die Rollenkostüme parat, in die Walser und Selge vor den Augen der Zuschauer immer wieder schlüpfen: von fleischfarbener, denkbar unerotischer Unterwäsche flugs in den Dienstmädchen-Look oder die Dichterkluft. Klopfklopfklopf, Jalousie hoch. Dann geht's ab.

reigen4 280h bettina stoess uDie Kunst der Eroberung: Edgar Selge
und Franziska Walser © Bettina Stöß

Es quietscht und rauscht

Der visuelle Ringelpiez ist eine gute Idee, die penetrante Betonung des Artifiziellen erfolgt im Geiste des epischen Theaters. Aber der junge Regisseur Bastian Kraft macht den Fehler, den epischen Ansatz gleich wieder zu vercomedysieren. Wie es eben landauf, landab und besonders in Stuttgart derzeit en vogue ist. Walser und Selge sprechen auch die Bühnenanweisungen ironisch mit, die zum Teil durch Geräuschsynchronisation untermalt werden. Tür auf: es knarrt. Wasserhahn auf: es quietscht und rauscht. Nun ja.

Selge als "junger Mann" trägt eine bekloppte Perücke, als "Dichter" einen Dalí-Schnurrbart. Das "Stubenmädchen" im Schürzchen gibt sich karikaturenhaft devot. Die "Schauspielerin" mit weißer Pelzstola verkörpert die zickige Diva par excellence. Abziehbilder. Bald setzt die allgemein bekannte Videoprojektionsverdopplungssinnlosigkeit ein: unten Selge und Walser, oben Selge und Walser. Erst als das Verkleidungsspektakel, wohl um Ödnis zu vermeiden, zurückgefahren wird, zeigt sich Inhalt auf der Videoleinwand, präsentiert sich das Finale stellenweise als Fotoroman. Was recht witzig ist.

Brillant sind Walser und Selge in den Rollenbrüchen. Wenn sie die Jungmädchen- oder Jungherrenperücke mitten in der Szene plötzlich abstreifen und das alternde Ehepaar aufscheint. Dann wird es rührend. Am Ende versöhnt gar ein stiller, zärtlicher Kuss den empfindsamen Grafen mit der ebenso empfindsamen Hure. Mit dem "Reigen" hat ein solch friedliches Ende freilich wenig zu tun. Es geht darin um soziale Unterschiede, um Gewalt und um eine Sexualität, vor deren Übermacht die Liebe auf der Strecke bleibt. Was zurückbleibt, ist nur Leere und Einsamkeit. Und eine unstillbare Sehnsucht.


Reigen
von Arthur Schnitzler
Regie: Bastian Kraft, Bühne / Video: Peter Baur, Kostüme: Dagmar Bald, Musik: Björn SC Deigner, Dramaturgie: Carmen Wolfram.
Mit: Franziska Walser, Edgar Selge.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

"Ein Erlebnis, dabei zuzuschauen, wie beide Schauspieler in Feinabstufung steuern, wie lässig und entspannt Virtuosentum sich ausdrücken kann", findet Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (17.12.2013). Wenn sie zwischendurch ihre jeweiligen Perücken abnehmen und die Unterhaltungsebene wechseln, vom "Gespielten" zum "Nicht-Gespielten", dann könne man den Eindruck gewinnen, "das sei der eigentliche Blick durchs Schlafzimmerschlüsselloch". Walser und Edgar breiten das Gegenteil eines Abgrunds aus: "eine bisweilen geradezu behagliche, höchstens leicht melancholische Ebene der Vertrautheit".

"Zusammen mit dem jungen, im Aufstreben begriffenen Regisseur Bastian Kraft geht das Darstellerpaar auf ironische Distanz zu Schnitzlers 'Reigen'", schreibt Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (16.12.2013). "Zu redselig scheint ihnen das Stück zu sein, zu verschmockt und von den Zeitläufen überholt sein einst brisanter Stoff." Emotion, Psychologie, Innigkeit würden durch äußerliche Posen ersetzt – und Schnitzlers Figuren verkämen zu Sachwaltern des Sex. "Selten ist mit der Koketterie und Zärtlichkeit, mit der Frivolität und Melancholie, mit der Lüsternheit und dem Zynismus, kurzum: mit dem ganzen verflixten Liebesding in Arthur Schnitzlers 'Reigen' gründlicher aufgeräumt worden als in dieser von Theorie und Konzept ausgekühlten Spielanordnung", meint Müller. "Handwerklich virtuos, gewiss, aber atmosphärisch doch so trist wie die Handbewegungen, die sich leitmotivisch durch die Kostümshow der seelenlosen Gesellschaftspuppen ziehen."

"Die sich immer wieder trennenden Figuren müssen sich mit dem vorübergehenden Rausch begnügen, den Künstlern auf der Bühne gelinge aber das große Glück", freut sich Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (16.12.2013). Besonders starke Szenen würden sich ergeben, "wenn man den Subtext erkennt, wenn das spielende Paar hinter den gerade erst angenommenen Rollen sichtbar wird". Neben hochkomischen Rollen- und Kostümspäßen sei auch der Mittelteil klug interpretiert.

Es geht gar nicht um 'Das Eine' bei Schnitzler, sondern um das Davor und das Danach, schreibt Wolfgang Bager im Südkurier (16.12.2013). "Gezeichnet werden die Psychogramme der zehn handelnden Personen, ihre Moralvorstellungen, ihre Bedürfnisse, ihre soziale Stellung und wie es überhaupt zur sexuellen Annäherung kommt." Und genau diese Fragen würden in Stuttgart intensiv herausgearbeitet. Langweilig würde es zum einen deshalb nicht, weil Bastian Kraft und sein Bühnenbildner Peter Baur ihrem Karussell einige Überraschungen mitgäben – zum anderen, "weil da Edgar Segle und Franziska Walser auf der Bühne stehen". "Ihnen zuzusehen wäre eigentlich schon Theater genug." Seinen Höhepunkt erreiche das Verwirrspiel, wenn die beiden im Inneren des Karussells die Puppen neu zuordnen und alle erdenklichen Paarungen ersinnen. "Jetzt wird aus dem großartigen Schauspieler-Theater auch richtig großes Theater."

Christine Dössel schildert Krafts "Reigen" in der Süddeutschen Zeitung (18.12.2013) als lieblich, spielerisch, heiter verkopft. "Hübsch ironisiert und gendermäßig korrekt durchdacht", sei der Abend "eher harmlos, brav, streckenweise auch mal fad. Ein ausgesprochenes Konzept-Ding." Sehenswert sei er allerdings durch das Bühnenbild von Peter Baur und natürlich Walser und Selge. Die beiden argierten "uneitel bis an die Grenze zur Lächerlichkeit – und manchmal auch Hässlichkeit – in Unterwäsche" und jonglierten "keck mit Klischees". "Lustvoll zitieren und ironisieren sie Rollenmuster", ihr Spiel sei "immer zeichenhaft und metatextuell konnotiert, das kann auch nerven". "Schauspielerisch ist auf die beiden absolut Verlass. Inhaltlich werden sie in Stuttgart in Zukunft hoffentlich noch weiter gehen."

Kommentar schreiben