Viehische Völlerei

von Stefan Schmidt

Essen, 29. Dezember 2013. Geiz ist geil, Geld ist geil, Armut ist geil, Geilheit ist geil. Auf irgendwas oder irgendwen sind sie fast alle tierisch scharf in Jasper Brandis' Inszenierung von Molières Finanzfetischkomödie am Essener Grillo-Theater. Von den Zeitgenossen des Autors ist überliefert, dass sie die zur Schau gestellte Verkommenheit in "Der Geizige" alles andere als witzig fanden: In einer legendär gewordenen Aufführung im Paris des 17. Jahrhunderts soll gar nur ein einziger Zuschauer überhaupt mal gelacht haben. Knapp 350 Jahre später im Ruhrgebiet ist das völlig anders – und das, obwohl der Regisseur die Figuren in ihrer dümmlich-verzweifelten Egomanie noch stärker bloßstellt, als es die Vorlage nahelegt.

Appetitliche Totsünde

Da ist der geizige Vater Harpagon noch nicht einmal der Schlimmste von allen. Gut, er will seinen Sohn Cléante und seine Tochter Élise so unter die Haube bringen, dass er finanziell am meisten davon hat, egal was die die beiden davon halten. Gut, er selbst will die junge Mariane trotz kaum verhohlener Altersgeilheit nur dann heiraten, wenn deren Mitgift stimmt. Gut, er nimmt sittenwidrige Wucherzinsen bei fragwürdigen Finanzgeschäften. Gut, er hungert sogar noch den Haushahn zu Tode. Harpagon zeigt aber immerhin noch Restbestände genuin menschlicher Gefühlsregungen – wenn auch nur seinem Geld gegenüber: Das hortet er nicht nur zu Hause in einem Schuhkarton, nein, er liebt es ehrlich und aufrichtig. Als es gestohlen, für immer verloren zu sein scheint, tobt, weint und fleht er bitterlich, steigt gar von der Bühne hinab und droht den Zuschauern Kollektivfolter an. Fast möchte man dem restlichen Personal wünschen, zu solchen Emotionen, zu so einer tiefen Trauer fähig zu sein.

dergeizige2 560 martinkaufhold uMan hat ja sonst nichts vom Leben: die geilen Geizigen © Martin Kaufhold

Stattdessen heucheln, manipulieren und schmeicheln sie, um an ihren persönlichen Vorteil zu kommen. Schließlich will hier jeder was haben vom Leben, und das scheint nur oder zumindest am bequemsten erreichbar zu sein über das Geld. Mit Glück hat das nur am Rande zu tun. Wie gierig sie sich zum Beispiel auf die Leckereien stürzen, die Cléante in einer Szene ohne Wissen des Vaters, aber auf dessen Kosten am (im Wortsinn) laufenden (Fließ-)Band auffahren lässt! Im Vergleich zu dieser viehischen Völlerei ist Habgier noch die appetitlichere Todsünde. Nachdem etwa Mariane alles in sich hineingestopft hat, was in der Kürze der Zeit möglich war, wischt sie sich genüsslich die versauten Hände in ihrem Schritt ab; der weiße Rock verfärbt sich an der Stelle dauerhaft bräunlich.

Mir wirt schläscht - oh nää!

Ohnehin haben wir es nicht mit einer Unschuld aus verarmten Verhältnissen zu tun, sondern mit einer Prolltusse von Rhein und Ruhr. Darstellerisch gehört einiges dazu, mit diesem Ansatz die gängige Comedyerwartung des Publikums zu bedienen, ohne die Figur zu verraten und zum wandelnden Klischee zu machen. Anne Schirmacher gelingt das: sie gibt das Objekt der Begierde genial derb, produziert einen Lacher nach dem anderen – und trotzdem scheint immer wieder durch, was die junge Frau, die sie spielt, antreibt, was sie bewegt, ob in den Worten Molières oder in denen der Asibraut: "Mir wirt schläscht" und "oh nää", kotzt es aus ihr heraus bei dem Gedanken, Harpagon heiraten zu sollen, aber irgendwo muss die Kohle schließlich herkommen. Scharf ist sie dagegen auf Cléante. Der kann an ihr aber wiederum höchstens die Titten attraktiv finden. Besonders gut kennt er sie jedenfalls nicht, und wenn er mit seinem Vater um sie streitet, nennen sie Mariane der Einfachheit halber gleich "es".

In diesem Konflikt offenbart sich nicht nur chauvinistische Frauenverachtung, sondern auch, was für ein Weichei Harpagons Sohn in dieser Inszenierung ist: Als ihn sich der Vater auf die Knie legt und ihm eine Tracht Prügel verpasst, jault Cléante nur noch ins Publikum: "Sehen Sie das?! Das ist so gemein!" Hunde, die bellen, beißen eben nicht. Das erweist sich an diesem Abend immer wieder, wenn der Regisseur lautes Gekläffe vom Band einblenden lässt – als Kommentar zum wiederkehrenden Wortgekeife.

dergeizige1 560 martin kaufhold uEine Showtreppe für das Auf und Ab des Lebens © Martin Kaufhold

Falltüren und Schächte

So gelingt es der Inszenierung mit einfachen Mitteln, Molières bösartige Komödie zu straffen, zuzuspitzen und neu zu akzentuieren. Witzig, temporeich und klug. Überzeugend vor allem dann, wenn es nicht um einzelne geht (dann wirken Dialoge manchmal etwas hölzern), sondern wenn mehrere miteinander ihre Spielchen treiben: Statt des Geizigen rücken die Figuren ins Zentrum, deren Suche nach individueller Ersatzbefriedigung uns heute, in Zeiten des virtuellen Geldes, näher ist.

Für das Auf und Ab im entmenschlichten Tanz um die Verheißung eines irgendwie besseren Lebens haben die Belgierin Katrijn Baeten und die Niederländerin Saskia Louwaard eine einfache wie multifunktional wirkungsvolle Bühne gebaut: eine riesige Treppe, die vom Zuschauerraum weg nach hinten ansteigt, mit Falltüren und Schächten für Auftritte, Abgänge und Übelkeitsanfälle, eine oft von unten beleuchtete Showkulisse, auf der es sich in Helligkeit und Schatten vortrefflich umeinander herum schleichen lässt. Zum Ende hin ziehen darauf alle außer dem erschütterten Harpagon in einer gruseligen Polonaise hinter dem geschlossenen Finanzfetischkarton von dannen. Um dessen Inhalt scheint es da höchstens noch abstrakt zu gehen. Einfalt siegt über Geiz, Selbstverliebtheit siegt über die Liebe zum Geld.

 

Der Geizige
von Molière in der deutschen Fassung von Wilfried Minks und Thomas Körner
Regie: Jasper Brandis, Bühne und Kostüme: Katrijn Baeten, Saskia Louwaard, Licht: Eduard Ollinger, Dramaturgie: Carola Hannusch.
Mit: Thomas Büchel, Ingrid Domann, Stefan Diekmann, Tom Gerber, Floriane Kleinpaß, Jens Ochlast, Jan Pröhl, Anne Schirmacher, Rezo Tschchikwischwili, Jens Winterstein.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-essen.de

 

Kritikenrundschau

Von einer "temporeichen, durchweg gut besetzten und angenehm unbarocken Inszenierung" spricht Martina Schürmann auf dem WAZ-Portal Der Westen (31.12.2013). Jan Brandis' "kurzweilige-kluge Inszenierung", die Molières egomanische Figuren bis zur Kenntlichkeit überzeichne, erzähle "wie die Liebe in Zeiten finanzieller Abhängigkeiten funktioniert". Getragen werde der Abend von einem "tollen Typenkabinett", allen voran Thomas Büchel in der Titelriolle, ein "grandioser Geizhals", "bebender Sturkopf und Parade-Paranoiker". Die komische Entdeckung des Abends ist aus Sicht der Kritikerin Anne Schirmachers Mariane. "Als naiv-nassforsche Proll-Blondine gelingt es ihr, zwischen Tussi-Klischee und Katzenberger-Karikatur noch eine echte Figur herauszuschälen."

 

 
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