Die Wahlverwandten und ihr Traum von der Tribüne

von Lena Schneider

Berlin, 20. Januar 2008. Anna Langhoff arbeitet gern mit Familie. Nicht nur die "Blutsverwandten" meint sie damit, sondern vor allem "Wahlverwandte". Familie, das sind auch die, mit denen sie arbeitet. So war ihre Familie von klein an das Theater. "Eine andere gab es nicht". Langhoff wurde 1965 in Berlin geboren, ihr Vater heißt Matthias Langhoff. Der Name, sagt Anna Langhoff, sei weder Verdienst noch Schuld.

Anders als ihr ältester Sohn, der auch Autor ist, wollte sie ihn nie ablegen. Das Verhältnis zu den Großeltern hätte das gefühlsmäßig nicht erlaubt. Großvater Wolfgang Langhoff war nach seiner KZ-Haft als politischer Gefangener viele Jahre Intendant des Deutschen Theaters in Ost-Berlin. Später, in der Nachwendezeit, folgte ihm sein Sohn Thomas nach. Das ist Anna Langhoffs Onkel. Ihr Vater, der Regisseur Matthias Langhoff, leitete Anfang der neunziger Jahre kurzzeitig gemeinsam mit Heiner Müller das Berliner Ensemble. Cousin Tobias gehörte als Schauspieler lange zum Ensemble des Burgtheaters, Cousin Lukas Langhoff macht ebenfalls Theater.

Stückauftrag von Heiner Müller

Immer wieder Theater, immer wieder Berlin. "Eine Stadt, in der man leben will", sagt Anna Langhoff. Sie muss es wissen. Ende der Siebziger, sie ist dreizehn Jahre alt, verlässt die Familie die DDR. Anna Langhoff geht in Genf zur Schule, lange hält sie es dort nicht aus. Mit siebzehn zieht sie zurück nach Berlin, diesmal West, in ein besetztes Haus. Ein Jahr später kommt das erste von drei Kindern zur Welt. Ihr Buch "Herzschuss" wird 1986 auf Anhieb ein Erfolg. Leben kann sie vom Schreiben trotzdem nicht. Um ihr Kind zu ernähren, arbeitet sie als Dramaturgin am Schillertheater.

Ihr erstes Stück, "TRANSIT HEIMAT/gedeckte tische", über Heimatlosigkeit und Alltag in einem Flüchtlingsheim, sieht auch Heiner Müller, den Anna Langhoff seit der Kindheit kennt. Er motiviert sie, das nächste Stück zu schreiben und gibt ihr einen Stückauftrag. "Schmidt Deutschland. Der rosa Riese" wird am Berliner Ensemble (BE) uraufgeführt. Bald inszeniert sie auch selbst am BE und an der Volksbühne. Trotzdem sagt sie, dass "die Ecke", die Ostberliner Intelligenzija, eigentlich nicht ihre war. Ihre prägenden Jahre erlebte sie auf der anderen Seite, im Westen.

Am Uraufführungsort von TRANSIT HEIMAT, der Baracke des Deutschen Theaters, inszeniert damals auch Alexej Schipenko. Der russischstämmige Autor, Regisseur und  Schauspieler ist nicht nur der Lebensgefährte von Anna Langhoff, er ist auch Teil der Familie, mit der sie nun in die Westberliner Tribüne, nicht weit vom Schillertheater, eingezogen ist. Berlin United Theater nennt sich der lose Verband von Künstlern, die meisten nicht nur deutsch beheimatet. Das Angebot, die Tribüne künstlerisch zu leiten, nahm sie nur unter der Bedingung an, diese "Familie" – "meinen Hausregisseur" – mitbringen zu können. Das Inszenieren will sie anderen überlassen. Dabei sind neben Alexej Schipenko auch David Bennent und Patrice Luc Doumeyrou. Die Intendanz ist für sie "die Chance, einem Kreis von Leuten einen Ort zu schaffen." Der Familie ein Zuhause zu geben.

Erzählen, berühren, verändern

So sehr Langhoff familiär verstrickt ist ins Theater, an der Tribüne will sie weg von der Verkopftheit eines Theaters, das sich ständig selbst zum Thema macht. Weg vom zeitgenössischen Alles-Kacke-Genörgel, so sagt sie, auf den Bühnen. Für Langhoff ist Theater nicht da, um zu kommentieren, sondern um zu erzählen. Es soll berühren. Und verändern. "Ich glaube, dass Momente, die berühren, auch dazu führen können, dass ich plötzlich gesellschaftliche Missstände nicht mehr als hoffnungslos unveränderbar empfinde." Wohin der Versuch künstlerisch führt, ist offen. "Eine Suche eben!" Letztlich geht es darum, "ob ich den Zuschauer mit einem Gefühl entlasse, dass das Leben ein Gegenentwurf sein kann zu dem, was Krieg und Kapitalismus uns bieten. Dass es sehr wohl schön ist und ein Recht hat, verteidigt zu werden."

Bislang hatte die Tribüne nicht viel mit Anna Langhoff gemein. Wie viele andere Berliner hatte sie die Bühne nie richtig wahrgenommen. Hingegangen ist sie nur zweimal. Einmal als Besucherin, zu "Monsun" von Helmut Palitsch, dann gleich als Regisseurin von "Fräulein Julie". "Die Arbeit machte mir klar, was man am Haus machen kann. Und was nicht."

Die Tribüne am Ernst-Reuter-Platz wurde 1919 gegründet, in einer Zeit, als Theater in Berlin eine populäre Form der Massenunterhaltung war, mit der sich fett Geld verdienen ließ. Marlene Dietrich spielte hier, Heinrich George, Erwin Piscator inszenierte. Das ist lange her, aber nicht vergessen. In den letzten Jahrzehnten nistete sich der gehobene Boulevard ein, mit den Neuerungsversuchen des letzten Intendanten Helmut Palitsch konnte das Stammpublikum nichts anfangen. Der Österreicher, der im Sommer 2007 starb, hatte versucht, mit neuer Dramatik die Studenten der nahen Technischen Universität ans Haus zu locken. Und dabei die Charlottenburger verloren.

Anna Langhoff will das anders machen. Man dürfe nicht an seinem Publikum vorbeidenken. Die Trennung zwischen "gehobenem Theater" und "Privattheater", "hoher Kunst" und "doofen Musicals" findet sie ohnehin scheinheilig. Also wird es weiterhin Musicals an der Tribüne geben. In der Hoffnung, das Publikum so "abzuholen" und dann auch ein sperrigeres Programm einführen zu können.

Fluchen und beten auf Suaheli

Ob das mit der ersten Premiere gelingen wird, ist fraglich. Die Charlottenburger bleiben eigenwillig, das Haus ist in seiner Randlage und finanziellen Situation ein schwieriges Haus. Die Finanzierung für 2009 ist noch nicht gesichert. Außerdem ist "LOVE die schönste Geschichte" bei aller lebensbejahenden Thematik und bildstarken Umsetzung ein sperriges Stück Theater.

Regisseur Alexej Schipenko erzählt die Liebe von Ines de Castro und dem portugiesischen König Pedro mit einer Mischung aus leicht inszeniertem Alltagsgebrabbel und Geschirrgeklapper einerseits – und stilisiertem, steif bis melodramatischem Erzählduktus andererseits. Vorgetragen von der Rampe, mit in die Ferne schweifendem Blick mal von der verliebten Ines (Behle Zaimoglu), mal von der ungeliebten Königin Constanza (Sybille Rasmussen), mal von der Dienerin (Yvonne Yung Hee).

Schade, denn die Alltäglichkeit dazwischen, das Geklimper auf dem Klavier, das Geplantsche in der Wanne, das Fluchen, Wüten und Beten auf dänisch, koreanisch, französisch, suaheli und türkisch ist viel unterhaltsamer. Und berührender auch. Vor allem, wenn Kerzenlicht und Schneegeriesel ziemlich gefühlig von Trauer erzählen sollen, schließt das den Zuschauer eher aus als ein. Dennoch: Es wäre ein Verlust für alle Seiten, wenn die Charlottenburger und die kulturell überfütterten Berliner Bürger überhaupt Anna Langhoffs Einladung an den ungastlichen Ernst Reuter Platz einfach ausschlügen. Die gemeinsame Suche der Wahlverwandten hat ja gerade erst begonnen.

www.tribuene-berlin.de

 

 
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