Ende der Demütigungen

21. Juni 2014. Das Malta-Festival im polnischen Poznan hat ein geplantes Gastspiel der Inszenierung "Golgóta Picnic" von Rodrigo Garcia (hier die Nachtkritik der Premiere beim Streirischen Herbst in Graz im September 2011) auf Grund massiver Drohungen abgesagt. Das teilte Michał Merczyński, der Leiter des Festivals, mit. Die Erklärung ist auch auf der Webseite des Festivals nachzulesen. Als Grund für die Absage wird eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit genannt.

golgotapicnic2 davirruanoSzenenfoto von der Grazer Premiere
© Davir Ruano
Im Vorfeld des geplanten Gastspiels am 27. und 28. Juni hatte es Proteste christlicher und fundamentalistischer Gruppierungen gegeben, die Stück und Inszenierung vorwarfen, das Christentum und seine Werte zu beschmutzen.

Stanisław Gądecki, der Erzbischof von Posen, hat sein Verständnis für die Proteste gegen die Aufführung zum Ausdruck gebracht: Man müsse sich nicht nur damit befassen, was in der Verfassung stehe, sondern auch mit den Verzweifelten, deren religiöse Gefühle verletzt würden und die keinen anderen Weg sähen, um ein Ende der Demütigung dessen zu erreichen, was für sie der größte Wert und heilig sei, schrieb Gądecki in der vergangenen Woche an die Organisatoren des Festivals (Quelle: Poznan Gazetta). Im Kontext dieser Proteste waren Mitarbeiter des Festivals in den vergangenen Wochen immer wieder massiven, meist anonymen Drohungen ausgesetzt.

Dieses bedrohliche Klima hatte bereits in der vergangenen Woche zur Veröffentlichung eines vom europäischen Theater- und Festivalnetzwerk House on Fire initiierten Offenen Briefes geführt, der für Meinungsfreiheit und Toleranz in Polen warb. Kernthema von Garcias Stück sei die Verfassung der in Konsum und Hedonismus untergegangenen europäischen Gesellschaften sowie der Kampf gegen eine überwältigende spirituelle Leere, heißt es dort unter anderem. Unter seinen Unterzeichnern waren der polnische Regisseur Andrzej Waida, der legendäre Dissident und Publizist Adam Michnik, der britische Autor und Theatermacher Tim Etchels und der Regisseur Jan Klata, der in Krakau selbst von Rechten für seine Arbeit angegriffen wird (mehr dazu hier).

Für die Tage der beiden Gastspiele, teilte nun das Malta Festival in Poznan mit, seien Demonstrationen geplant, um die Vorstellungen zu verhindern, an denen nach Einschätzung der Behörden etwa 30.000 Menschen teilnehmen wollten, darunter auch gewaltbereite Fußball-Fans. Die öffentliche Sicherheit könne von der Polzei nicht mehr garantiert werden und als Festival könne man nicht verantworten, diese Warnung zu ignorieren.

Im Vorfeld des 25. Jahrestages der neuen Demokratie und der 24. Festivalausgabe würden diese Ereignisse ein besonders bedenkliches Licht auf die gegenwärtigen Verhältnisse in Polen werfen, so Festivalcef Michał Merczyński. Das Festival habe sich von Anfang an für Kreativität und Pluralismus eingesetzt. Diese Freiheitswerte träten radikale Gruppierungen nun mit Füßen. "Wir wünschen uns, dass die Absage des Gastspiels nicht das Ende sondern der Beginn einer Debatte über den elementaren Wert der Freiheit ist."

(Malta-Festival Poznan / sle)

 

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Garcia-Gastspiel abgesagt: ohne Christentum großWeckherlin 2014-06-22 23:32
Undenkbar in Deutschland! Jedenfalls 2014. Wer weiß, ob wir nicht auch so spießig werden wie die Polen. Rom und Griechenland ist jedenfalls ohne das Christentum groß geworden !!
#2 Garcia-Gastspiel abgesagt: Grenzen der DekadenzHerbert 2014-06-23 02:41
Endlich hat jemand der westlichen dekadenten "kultur" Grenzen gesetzt. Es geht also! Bravo mutige Polen!!!
#3 Garcia-Gastspiel abgesagt: Erstarken der RechtenBesucher 2014-06-23 13:56
In Ungarn ist die Kultur sowieso unter Druck, jetzt gibt es auch in Polen Zensur von Fundamentalisten - und irgendwie scheint niemand eine Antwort auf das Erstarken der Rechten zu finden. Und man fragt sich nur mehr, wann es kracht ...
#4 Garcia-Gastspiel abgesagt: ein KomplimentHans Uwe Zisch 2014-06-23 15:01
na letztlich ist das doch ein Kompliment für einen Theaterabend, der andernorts schon vielfach gesittet über die Bühne gegangen ist: "Gefährdung der öffentlichen Sicherheit".

fragt sich, wer hier wen gefährdet.

und warum schützt die Polizei die Vorstellung nicht? so war es doch in Hamburg, wenn ich recht erinnere.

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