Verdammter Zirkus Krieg

6. Februar 2025. Bombardierte Theater und Künstler, die Soldaten wurden oder ins Exil gegangen sind: die Ukraine geht in ihr viertes Kriegsjahr. Was ist aus der Theaterszene geworden, seit das Land am 24. Februar 2022 von Russland überfallen wurde? Ein Long-Read aus gegebenem Anlass.

Von Olena Myhashko

Exiltheater: "Fucking Truffaut" von Roza Sarkisian und Bliadski Circus Queelective © Karolina Jozwiak

6. Februar 2025. Können wir Schauspieler*innen, Performer*innen und Regisseur*innen, die an die Front gegangen sind, noch als Protagonist*innen des ukrainischen Theaters betrachten? Müssen wir nicht auch Theater in Hamburg oder Berlin mit einbeziehen oder unsere Vorstellung auf die Schützengräben ausdehnen, um zu bestimmen, was ukrainisches Theater am Beginn des Jahres 2025 ausmacht?

Diese Fragen stellen sich dringend im dritten Kriegsjahr, denn sowohl die Front als auch deutsche Theaterhäuser haben zwischen einen erheblichen Teil der ukrainischen Szene aufgesogen. Während ich also darüber nachdenke, was in den letzten drei Jahren mit dem ukrainischen Theater geschehen ist, wird mir klar, dass ich gar nicht mehr so genau weiß, was ukrainisches Theater eigentlich ist.

Theater unter Kriegsrecht

Der alles beherrschende Krieg gegen Russland und die Veränderungen in der Weltpolitik haben Themen und Grenzen des Theaters in der Ukraine neu formatiert, und die gesamte Branche stark verändert. Auf der einen Seite gab es in den Jahren 2022 und 2023 einen deutlichen Anstieg von Fördermitteln für ukrainische Projekte im Ausland. Dadurch konnten vermehrt mittelgroße Projekte entstehen und auf Tournee gehen. Der ukrainische Pavillon der Zukunft im Rahmen des Off-Programms des Festivals von Avignon sowie GAIA-24 von opera aperta im Rahmen der Biennale von Venedig (Ukrainischer Pavillon) sind hier wohl die bekanntesten Beispiele.

Andererseits gab es angesichts des durch die Kriegswirtschaft bedingten ökonomischen Abschwungs des Landes massive Budgetkürzungen in der Kultur.  Das führte dazu, das nicht wenige Theater (wie das Charkiwer Puppentheater) stark unterfinanziert waren oder sogar aufgelöst wurden. Die Situation hat sich nach der Inauguration des neuen US-Präsidenten Donald Trump noch einmal verschäft, der sofort alle Gelder der USAID gestrichen hat.

Inzwischen gibt es eine große Gruppe von Theatermacher*innen, Darsteller*innen und Regisseur*innen, die im Ausland leben und arbeiten, ohne dass in absehbarer Zeit eine Aussicht auf ihre Rückkehr in die Ukraine besteht, darunter die die Regisseure Stas Zhyrkov (Vilniaus mažasis teatras, mehrere Projekte in Deutschland) oder Andrii May (Schauspiel Köln, etc.).

Ungewisse Perspektiven

Der Theatersektor in der Ukraine wird aktuell aber nicht nur durch die Notwendigkeit (oder Entscheidung) einiger seiner Protagonist*innen geprägt, vor dem Krieg zu fliehen, sondern auch von der landesweiten Mobilisierung, die nun in fast jedem Antrag auf Projektförderung als Risiko für dessen jeweilige Realisierung genannt wird. Da das Kriegsrecht besonders für Männer im wehrpflichtigen Alter eine Rolle im Militär verpflichtend vorschreibt, haben sich einige Theatermacher dafür entschieden, nicht wieder aus dem Ausland zurückzukehren. Sie bilden nun das, was man die ukrainische Diaspora oder ukrainisches Theater im Exil nennen könnte.

Doch gibt es auch viele Theatermacher*innen, die ins Militär eingezogen wurden, anderweitige Verträge mit den Streitkräften unterschrieben haben und für die daher inzwischen das Militär zur Hauptbeschäftigung geworden ist: Darunter ist die Regisseurin und ehemalige Theatertreffen-Kuratorin Olena Apchel, der Kritiker und Nachtkritik-Autor Oleksii Palyanychka oder die non-binäre Performerin Antonina Romanova. Im Augenblick ist unklar, ob sie angesichts der ungewissen Kriegsdauer jemals zum Theater zurückkehren werden.

Performer*in, LGTBI-Aktvist*in und trans Soldat*in Antonina Romanova © Privat

In diesem Zusammenhang muss man wahrscheinlich erwähnen, dass sich längst nicht alle, die eingezogen wurden, freiwillig gemeldet haben. Die allgemeine Wehrpflicht hat in den Theatern zu massiven Veränderungen der Arbeitsabläufe geführt – auch, was die überhaupt für das Theater noch verfügbaren Arbeitskräfte betrifft. So sind inzwischen fast alle Schauspieler des im August 2023 durch einen russischen Raketenangriff schwer beschädigten Nationalen Dramatheaters in Tschernihiv ebenso beim Militär, wie die etwa fünfundzwanzig Mitarbeiter des Nationaltheaters Lesya Ukrainka in Kyiv und viele weitere Theaterschaffende im ganzen Land, darunter auch ein wesentlicher Teil des technischen Bühnenpersonals.

Im Foyer des 2023 von einer russischen Rakete getroffenen Nationalen Drama Theaters in Tschernihiv  © teatr.cn.ua

Ein befreundeter Regisseur (der namentlich nicht genannt werden möchte) hat mir erzählt, dass er nur zwei Inszenierungen in Kyiv rechtzeitig auf die Bühne bringen konnte. Eine davon fand in einem Theater statt, das juristische Unterstützung anbieten konnte. Denn um zu verhindern, dass eine Premiere abgesagt werden muss, kann ein Theater manchmal einen Anwalt beauftragen, der einzelnen Schauspielern dabei hilft, ihre Mobilisierung rechtmäßig aufzuschieben oder gar eine Befreiung zu erwirken

Theater als Fundraiser für das Militär

Der kriegsbedingte Rückgang der Kulturförderung im Land geht mit einem wachsenden Interesse der Bevölkerung an kulturellen Veranstaltungen einher – was mit der Trostlosigkeit des Kriegsalltags erklärt werden könnte. In den Medien ist von einem regelrechten Kulturboom die Rede: Es gibt viele Aufführungen, die die Themen der aktuellen Politik oder des Krieges ausblenden, die auf eine Art ästhetisches Vergessen abzielen und dennoch (oder gerade deswegen) eine enorme Publikumsnachfrage produzieren. Kurze (von Zuschauer*innen gemachte) Videoclips von Produktionen wie "Die Hexe von Konotop" (Nationales Ivan-Franko-Theater, Kyiv) oder "Cabaret" (Molodyi-Theater, Kyiv) gingen in sozialen Medien (wie TikTok) viral wie sonst nur Hollywood-Blockbuster. Manche Clips hatten fast eine Million Aufrufe, der Hashtag #KonotopWitch wurde bei Tiktok ungefähr 20 Millionen mal aufgerufen. Das führte dazu, dass gehobene Marken Werbe-Kooperationen mit den Theatern eingingen oder Tickets illegal auf dem Schwarzmarkt zu Wucherpreisen gehandelt wurden.

Szenenfoto aus dem Theaterblockbuster "Die Hexe von Konotop" © Courtesy National Ivan Franko Theatre, Kyiv

"Die Hexe von Konotop" ist ein satirisches Musical-Märchen für Erwachsene. Die Geschichte basiert auf einem populären Roman des ukrainischen Schriftstellers Hryhorii Kvitka-Osnovyanenko aus dem 19. Jahrhundert, als die Ukraine eine Provinz des russischen Zarenreiches war. Aufgrund seines vielfältigen Folklorematerials ist das Buch in der Ukraine Stoff in jeder weiterführenden Schule. Bei "Cabaret" handelt es sich um eine an die ukrainischen Verhältnisse angepasste Adaption des gleichnamigen Broadway-Musicals von 1966.

Am anderen Ende des Spekturms

Diese Theaterproduktionen haben durch ihre Popularität eine Sichtbarkeit erreicht, die ihnen auf einmal auch ermöglicht, andere gesellschaftliche Aufgaben zu erfüllen. Iwan Urywskijs Musicalhit "Die Hexe von Konotop" etwa hat erst kürzlich mit zwei Benefizvorstellungen vier Millionen Griwna für Ausbildungszentren der ukrainischen Streitkräfte einsammeln können – als Teil eines umfassenden Fundrainsing-Programms des Ivan-Franko-Nationaltheaters für die ukrainischen Verteidigung.

Am anderen Ende dieses Spektrums gibt es sehr selbstbewusstes, (post)dokumentarisches, performatives oder sogar queeres Theater, das sich explizit mit heikleren Fragen und Themen auseinandersetzt, die der russische Krieg gegen die Ukraine aktuell aufwirft: etwa die Rolle von Künstler*innen in Kriegszeiten, der Verblendung und Abgehobenheit westlicher liberaler Demokratien oder die Gewalt, in die man sich begibt, wenn man als Soldat an die Front kommt.

All diese Entwicklungen machen das ukrainische Theater aktuell verletzlicher und anfälliger für Spaltungen als je zuvor: Es ist von externen Geldern abhängig, bietet unterschiedliche Karrieremöglichkeiten für unterschiedliche soziale Gruppen (und Geschlechter) in und außerhalb der Ukraine. So wird die Kluft zwischen denjenigen, die an der Front waren und sind, und denjenigen, die in Sicherheit arbeiten konnten und können, immer größer. Antworten auf die Frage nach dem Umgang damit müssen erst noch gefunden werden.

Traumatische Erfahrungen

In ihrem Stück "Ha*l*t", das eine Hamlet-Premiere zum Thema hat, die im Februar 2022 nicht stattfinden konnte, weil damals statt der Proben der Krieg begann, führt Tamara Trunova mit einer Reihe von Monologen Schauspieler*innen ein, die erzählen, wie der Krieg ihr Leben verändert hat. Das Stück, wie es nun durch den Krieg geworden ist, zerstört die Vorstellung davon, wie es ohne Krieg hätte werden können. Dieser Kunstgriff macht es den Beteiligten möglich, feinstoffliche Beobachtungen zu teilen: zu ihrer Arbeit im Theater und den Veränderungen in ihrem persönlichen Leben, die die traumatische Erfahrung des russischen Überfalls auf das Land mit sich gebracht hat. 

Für den Schauspieler Oleh Stefan führte der Krieg dazu, dass er im Berliner Exil Thomas Ostermeier kennenlernen konnte und seine Karriere abrupt vorankam. Die in der Ukraine gebliebene Iryna Tkachenko dagegen, die die Ophelia spielen sollte, nahm aus Angst vor dem Krieg zehn Kilo zu. Probleme wie dieses mögen auf den ersten Blick wie banale Alltagssorgen wirken – im Vergleich zu den größeren Zerstörungen, die der Krieg mit sich bringt. Es gibt sogar einen ukrainischen Begriff dafür, der inzwischen zu einer Art Meme geworden ist: "ne na chasi" / "gerade nicht aktuell". Trotzdem erzählen solche Symptome etwas.

Cabaret photo by Molodyi Theatre IIHärten des Krieges: Die ukrainische Adaption des Musicals "Cabaret" © Molodyi Theatre Kyiv

Das Stück wurde beim Festival Radar Ost 2023 als Koproduktion mit dem Deutschen Theater uraufgeführt und gehört inzwischen zum Repertoire des Kyiver Left-Bank-Theaters. Der Zusammenprall von öffentlichen Erzählungen vom Krieg und seinen sehr persönlichen Realitäten, die Kluft zwischen der medial gepriesenen Unbesiegbarkeit der Ukraine und dem individuellen Schmerz, der Küchen und Wohnungen trifft, wird in dieser Inszenierung sehr deutlich.

Die Gewalt und ihr Gegenbild

Andere Produktionen erkennen die Notwendigkeit, das Wesen der Gewalt zu untersuchen, von der die Gesellschaft durch den Krieg gegenwärtig dauernd umgeben ist. Eine genauere Betrachtung persönlicher Traumata unternimmt aktuell in "Othello" von Oksana Dmitrieva das Kyiver Left-Bank-Theater und in einer weiteren Othello-Variation von David Petrosyan auch das National Lesya Ukrainka Theater. Beide Stücke zeigen den Titelhelden jeweils als PTBS-geplagten Soldaten, der Gewalt nicht nur erlitten hat, sondern auch ausübt. Mit gebrochenen Figuren wie diesen wird nicht nur ein Gegenbild zur öffentlichen Heroisierung der Soldaten (etwa in Fernsehshows) gezeichnet, sondern implizit auch die Frage aufgeworfen, wie die ukrainische Gesellschaft mit dieser Art Kriegsfolgen künftig überhaupt umgehen kann. (Nach Angaben des Ministeriums für Veteranenangelegenheiten wird es nach der Beendigung der Militäroperationen in der Ukraine schätzungsweise 6 Millionen Kriegsveteranen geben).

Otello by Oksana Dmitrieva courtesy of the Kyiv Drama and Comedy Left Bank TheatrePosttraumatisch belastet: "Othello" von Oksana Dmitrieva © Courtesy Kyiv Drama and Comedy Left Bank Theatre

Während sich das Theater in der Ukraine jedoch erst langsam an Themen heranzutasten beginnt, die sich mit den Auswirkungen des Krieges auf die Gesellschaft befassen, tut sich das sogenannte Diaspora-Theater außerhalb der Ukraine schwer damit, seinem in der Regel westlichen Publikum eine wirkliche Vorstellung von diesem Krieg zu vermitteln. Dafür wagt es sich manchmal an Fragen, die der Szene im Land selbst zu heikel sind. Denn das westliche Publikum ist ein anderes als das heimische, und damit verschieben sich auch Grenzen von (Selbst)zensur, die in Zeiten des Krieges aus den unterschiedlichsten Gründen das Denken und Theatermachen beschränken.

Auf sicheren Bühnen im Ausland

Produktionen wie "Fucking Truffaut" von Roza Sarkisian oder "II also want to learn how to kill people, please help me, or violence is also ok" von Max Nowotarski könnten hier stellvertretend für viele genannt werden. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Stücke in nächster Zeit auf ukrainischem Boden und damit vor einheimischem Publikum aufgeführt werden.

Max Novotarskyis performance photo by Piotr Kubic"Fucking Truffaut" © Karolina Jozwiak 

In "I also want to learn how to kill people, please help me, or violence is also ok" spielt der 1994 in der Ukraine geborenen Dichter, Medienkünstler und Regisseur Max Nowotarski durch, was es bedeuten würde, wenn er nach dem Regiestudium in Brünn und Krakau wieder nach Hause zurückkehren und ins Militär eingezogen würde. Sein Problem: Er kann weder grundsätzlich etwas mit Gewalt und männlichem Kraftgehabe anfangen, noch hat er Lust zu töten. Befindlichkeiten wie diese lassen sich zwar gut auf sicheren Bühnen im Ausland erörtern. In der Ukraine würde die Realität des Krieges diesen Humanismus untergraben: Wer nicht tötet, wird getötet.

Patriotische Floskeln

Nowotarskis Stück wurde beim Boska Komedia Festival 2024 (dem Forum für junge Regisseure) in Krakau mit drei Preisen ausgezeichnet und wird voraussichtlich in diesem Frühjahr in Warschau zu sehen sein. Es ist kaum vorstellbar, denjenigen, die in Sicherheit sind, die Grausamkeit des Krieges auf direktere und emotionalere Weise näherzubringen, als dieses Stück es tut. Trotzdem würde es in der Ukraine heftige Debatten auslösen: Denn die Reflexion der Gewalt, die der Krieg der Gesellschaft aufgezwungen hat, ist für viele viel zu schmerzhaft und unerträglich – insbesondere für die, die durch den Krieg gezwungen waren, sie auszuüben.

Max Nowotarskis Stück wirft auch die wichtige Frage auf, die für die, die ich hier Diaspora-Theatermacher*innen nenne, vielleicht entscheidend ist: nämlich ob es überhaupt möglich ist, dem Thema Krieg zu entgehen. Und wenn er thematisiert wird: welche Art von Sprechen darüber kann Theater überhaupt leisten, ohne das Publikum mit patriotischen Floskeln und Haltungen zu bombardieren?

Max Novotarskyis performance photo by Piotr KubicSzenenfotos aus ""I also want to learn how to kill people .... " von Max Nowotarski © Piotr Kubic

Weit entfernt von einer Viktimisierung, Heroisierung oder gar Glamourisierung des Krieges ist die Arbeit "Fucking Truffaut" von Roza Sarkisian und der Gruppe "Bliadski Circus Queelective". Das Stück kam 2023 am Berliner Maxim Gorki Theater heraus, wo sich auch die Gruppe mit dem manifestartigen Namen damals auch formierte. In einem Interview hat die Regisseurin die Entstehung des Namens, den sich die Truppe gab – "Bliadski Circus Queelective" – seinerseits folgendermaßen geschildert: beim Auspacken von Paketen aus dem Ausland, die als humanitäre Hilfe in die Ukraine geschickt worden waren, hatten freiwillige Helfer*innen in einem Paket allen Ernstes ein Karnevalskostüm gefunden, das gespendet worden war: "als würden sie denken, dass der Krieg ein verdammter Zirkus ist".

Nur noch 60 Sekunden

In "Fucking Truffaut" befragen "Bliadski Circus Queelective" ein berühmtes Zitat des französischen Regisseurs François Truffaut: "Jeder Film über den Krieg ist am Ende ein Pro-Kriegsfilm". Es geht um den Status von Künstler*innen in Kriegszeiten, in denen sie oft gezwungen sind, sich dem Diskurs der Regierung unterzuordnen. Kann man in Kriegszeiten überhaupt kritische Kunst machen? Und wie entkommt man dem Kreislauf der künstlerischen Reproduktion des militaristischen Diskurses und seinen Ausdrucksformen?

Als Kontrast zu den improvisierten Bühnenaktionen ist im Video Antonina Romanova zu sehen - die* non-binäre Künstler*in, freiwillige Kämpfer*in und trans Soldatin, von der* anfangs schon einmal die Rede war und die* sich hier im Stück nun an der Front selbst filmt. Romanovas bloßes Erscheinen katapultiert eine Art Realitätsprinzip ohne jede moralisierende Wertung des Krieges direkt in die Aufführung: Wenn Romanova dem Publikum vorschlägt, sich vorzustellen, dass sie* nur noch 60 Sekunden zu leben hat, fällt es nicht schwer zu glauben, dass dies tatsächlich so sein könnte.

Richtlinien für Theaterbesuche in Kriegszeiten

Um ein realistisches Bild vom Theater in Zeiten des Krieges zu zeichnen, reicht es im Grunde schon, sich die bloße Routine eines Theaterbesuchs in der Ukraine vorzustellen. Die Sicherheitsrichtlinien sind von Region zu Region unterschiedlich und hängen stark von der Art der Waffen ab, mit denen ein bestimmtes Gebiet ausgestattet ist. Dies wiederum hängt von der Entfernung des jeweiligen Gebiets zur russischen Grenze – oder dem Frontverlauf ab.

In Kyiv aber auch in Lviv laufen Theatervorstellungen nachfolgenden Regeln ab. Erstens sind fast alle Aufführungen schon für 16 Uhr oder 18 Uhr angesetzt, da ab 24 Uhr Ausgangssperre herrscht. Sobald das Publikum die Plätze eingenommen hat, ertönt die Ansage, dass die Vorstellung im Fall eines Luftalarms unterbrochen wird. Außerdem wird die genaue Adresse des nächstgelegenen Schutzraums angegeben (der sich im Gebäude befinden kann, aber nicht muss). In den großen nationalen Theatern oder Opernhäusern wird aus diesem Grund in der Regel auch kein Garderobenservice mehr angeboten – damit die Leute ihre Kleidung bei Luftalarm nicht erst noch abholen müssen, bevor sie sich in Sicherheit bringen.

Geld zurück bei Bombenalarm

Im Fall, dass die Vorstellung durch einen Alarm unterbrochen wird, wartet das Ensemble der jeweiligen Produktion dann bis zu einer Stunde auf die offizielle Aufhebung des Alarms. Danach können die Zuschauer in den Saal zurückkehren und der Abend wird an der Stelle fortgesetzt, wo er unterbrochen wurde. Dauert der Alarm länger, wird das Eintrittsgeld zurückerstattet.

Je weiter man nach Osten kommt, desto komplizierter wird es. In Charkiv zum Beispiel eröffneten viele Theater Anfang 2023 nach einer längeren Pause wieder. Nur wenig später verbot die Stadtverwaltung Aufführungen mit mehr als 50 Personen, wenn sie nicht in einem ordnungsgemäß ausgestatteten Schutzraum stattfinden. Denn die Region wird täglich mehrmals aus der Luft angegriffen und je mehr Personen sich zeitgleich an einem Ort befinden, desto mehr könnten auch von einem Bombenangriff betroffen werden. Seitdem haben sich einige (meist kleine, unabhängige) Theater entweder bunkerähnliche Räumlichkeiten zugelegt oder ihre Vorstellungen an sicheren Orten wie dem Jermilov-Zentrum, in der U-Bahn oder sogar auf Parkplätzen abgehalten.

Anders als in Kyiv hört man vor Vorstellungsbeginn in Charkiv nur einen Disclaimer: die Vorstellung werde lediglich im Falle einer Raketenwarnung unterbrochen – bei Drohnen jedoch fortgesetzt. Da kann das Publikum dann selbst entscheiden, ob es das Risiko für die Kunst eingehen möchte – oder lieber nicht.

 

LenaMygashko facebook LenaMygashko uOlena Myhashko ist Kulturjournalistin. Sie war mehrere Jahre Redakteurin der Zeitschrift "Ukrainian Theatre" und für die Ukrainische Kulturstiftung tätig. 2023 wurde sie Chevening-Stipendiatin. Aktuell arbeitet sie an der Kyiv Media School als Projektmanagerin. Dies ist ihr 4. Theaterbrief aus der Ukraine. Foto: Privat

Übersetzung aus dem Englischen: Esther Slevogt

Kommentare  
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Wir fragen einmal bei der Autorin nach.
Viele Grüsse aus der Redaktion.
Theaterbrief Ukraine: Bemerkenswert
Bemerkenswert auch: Trotz Kriegszustand erlebt die ukrainische Theaterszene derzeit eine große #metoo-Bewegung: So wurde der Intendant des Kyiv Molodyi Theaters gerade entlassen, nachdem ihm viele (junge) Mitarbeiterinnen und Studentinnen sexuelle Belästigung vorgeworfen hatten.
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