Hex, hex, Gewissen bekleckst

15. Juli 2025. Schlimm, wenn die Schuld im Theater zirkuliert. Noch schlimmer, wenn die Schulden zirkulieren. Folge 7 der Serie über Feinde der Dramaturgie widmet sich heute der Verwaltung.

Von Wolfgang Behrens

15. Juli 2025. Als Gott die Welt erschuf, da hat er möglicherweise eine Menge Mist gebaut, aber immerhin hat er kurz darauf etwas Wesentliches erkannt – dass es nämlich immer gut ist, wenn man jemandem die Schuld geben kann. Gottes Rechnung war offenbar simpel: Gibt man jemandem die Schuld, entsteht im günstigen Fall ein schlechtes Gewissen, und das schlechte Gewissen wiederum eignet sich hervorragend, um den Betreffenden in Abhängigkeit zu halten und ihn zu unterdrücken.

Als Gott sah, dass ein schlechtes Gewissen gut war, war er sogar listig genug, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Indem er einen völlig überflüssigen Baum in seinen Garten pflanzte und den ersten Menschen von seinen Früchten zu essen verbot, lud er natürlich förmlich dazu ein, dies doch zu tun. Auf diese Weise konnte er a) dem Menschen die Schuld geben und ihn gleich mal mit so etwas Garstigem wie der Erbsünde behängen, die der Kirche dann eine Jahrtausende währende Macht über ihre Schäfchen sicherte. Und da es b) eine Frau war, die auf Gottes billigen Trick zuerst hereinfiel, konnte der Mann auch noch die Hauptschuld auf die Frau abwälzen, die ihn, den im Grunde Herzenslauteren, doch nur verführt habe. Für Gott ist es also super gelaufen: Schuld hat immer der Mensch, und eigentlich sogar die Frau. Daraus lassen sich leicht ein paar Äonen Unterdrückung stricken.

Das Sündenbock-Prinzip

Das Prinzip, jemanden zum Sündenbock zu machen, um ihn dann zu beherrschen, wurde in der Weltgeschichte oft kopiert. Interessanterweise aber – und damit kehren wir in die Sphäre dieser Kolumnenserie zurück – funktioniert dieser Kniff am Theater oft gar nicht so gut. Was daran liegt, dass die Schuld hier meist in rasender Schnelligkeit zirkuliert.

Um ein läppisches Beispiel zu nennen: Fehlt auf der Premierenfeier das Mikrofon, ist natürlich der Ton (eine am Theater geläufige Metonymie für Tonabteilung) schuld, der es nicht hingestellt hat. Der Ton, vom Dramaturgen auf sein Versagen angesprochen, erklärt, es habe ja auch nicht auf dem Tagesplan gestanden, dass ein Mikrofon benötigt werde, das KBB (das Künstlerische Betriebsbüro) sei also schuld (was grundsätzlich – siehe Vol. 4 – schon mal immer stimmt). Das KBB indes moniert zu Recht, dass ihm niemand gesagt habe, dass es ein Mikrofon auf den Tagesplan schreiben solle und fingerzeigt, die Schuld souverän weiterreichend, auf die Dramaturgie. Der Dramaturg wiederum führt an, dass der Ton sehr wohl wisse, dass bei einer Premierenfeier immer, wirklich immer ein Mikrofon zum Einsatz komme und folglich allein schuld sei. Die Schuld dreht sich so fröhlich im Kreis, ohne je anzukommen oder nur im Ansatz bei irgendjemandem ein schlechtes Wissen zu erzeugen. Derweil verhallt die Premierenrede der Intendantin ungehört, weil unmikrofoniert, im Foyer.

Allerdings kommt auch am Theater die Schuldzirkulation flugs an ihr Ende, sobald es ums Geld geht. Erklärt etwa der Verwaltungsleiter eines Theaters, das Geld werde knapp (und womöglich springt ihm die Politik bei), dann drehen sich schnell alle Köpfe vorwurfsvollen Blickes in Richtung der Kunst (eine am Theater geläufige Metonymie für die künstlerisch arbeitenden Abteilungen). Es gibt dann kein Entrinnen: Schon die Behauptung eines finanziellen Engpasses genügt, um der Kunst ein schlechtes Gewissen anzuhexen – im Nu steht der Verdacht der Geldverschwendung seitens der künstlerischen Leitung im Raum, und in der Öffentlichkeit wird lanciert, die Kunst sei am Ende des Geldes angekommen.

Sie reden sich um Kopf und Kragen!

Wenn die künstlerische Leitung, zu der sich auch die Dramaturgie zählen darf, nun zu argumentieren beginnt – etwa in dem Sinne, dass der künstlerische Etat eingehalten wurde, dieser ohnehin nur einen kleinen Teil der Gesamtkosten ausmache, dass der Fehlbetrag womöglich gar nicht verifiziert sei oder zumindest doch an anderer Stelle entstehe –, wird eine geschickte Verwaltung diese Selbstverteidigung in ein Schuldgeständnis ummünzen. "Seht ihr? Sie haben ein schlechtes Gewissen und reden sich um Kopf und Kragen!", heißt es dann, und ehe man sich's versieht, wird die Kunst ausgehungert und am Ende vom Verwaltungsapparat aufgefressen.

Ein Zerrbild? Vielleicht. Doch fragt man den Dramaturgen, wer am Theater sein potentiell größter Feind sei, so bleiben überraschenderweise Marketing, Regisseur:innen, Schauspieler:innen und sogar das KBB außen vor, und er muss wohl die Verwaltung nennen. Denn wenn es dieser nach Macht gelüstet und sie mit Schuldzuweisungen beginnt, dann wird im Staate Dänemark rasch etwas faul, Holland gerät in Not, Polen ist auch bald verloren – und die Kunst sowieso.

Glücklicherweise gilt die Umkehrung ebenfalls: Denn die Verwaltung kann auch der potentiell größte Freund der künstlerischen Leitung sein und ihr diskret den Rücken freihalten. Es gibt immer eine Wahl. Kein Verwaltungsleiter muss von den verbotenen Früchten am Baum der Machtausübung durch Schuldzuweisung essen.

Er steht allerdings da, dieser Baum, mitten im Paradies des Theaters. Da hat Gott bei der Erschaffung des Theaters wohl eine Menge Mist gebaut.

Kolumne: Als ich noch ein Kritiker war

Wolfgang Behrens

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist Chefdramaturg der Komischen Oper Berlin. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik an der FU Berlin. Von 2017 bis 2024 war er am Staatstheater Wiesbaden tätig, erst als Dramaturg, dann als Schauspieldirektor. Zuvor war er zehn Jahre lang Kritiker und Redakteur bei nachtkritik.de. Für seine Kolumne wühlt er in seinem reichen Theateranekdotenschatz.

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Kommentare  
Kolumne Behrens: Weiterführung
Vielen Dank für die pointierte Zusammenfassung eines in der erlebten Praxis immer häufiger vorkommenden Ablaufes, ob mit Verwaltungsleitung oder Kaufmännischer Geschäftsführung. Der logische nächste Schritt in dieser Machtsystematik ist - ganz unschuldig - eine erweiterte Einflussnahme der sogenannten "Feinde" mit dem Totschlaghammer Auslastung: Wenn (angeblich) die Deckungsbeiträge sinken, geht das auf Kosten des künstlerischen Budgets, Akzeptanz hin oder her. Meist reicht schon die Drohgebärde und Kauffrau*mann nimmt Einfluss auf den Spielplan. Dass bei diesem Mächtespiel mitunter auch die künstlerische Intendanz/ Gf ins Strudeln kommt, u.U. weil sie die Proportionen und Dynamiken eines Gesamtbudgets nicht versteht, und die*der Kauffrau*mann vor übergeordneten Aufsichtsgremien per definitionem höhere Glaubwürdigkeit genießt, ist keine Science Fiction. Mit aus dem Profit-Bereich unkreativ und unpräzise übernommenen Kennzahlen findet man nicht nur schnell die Schuldigen, sondern fachfremde Personen schreien erfolgreich nach Komödie! Klassiker! Titel! - hex, hex.
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