Medienschau: Süddeutsche Zeitung – Christine Dössel über die Krise der Münchner Kammerspiele
"Langweilig, vordergründig, sofort durchschaubar."
"Langweilig, vordergründig, sofort durchschaubar."
8. April 2023. Die Münchner Kammerspielen können im Zeitraum Oktober bis Ende Februar nur 55 Prozent Auslastung vorweisen. Miserable Zahlen, die die Frage provozieren: Wieso steckt das legendäre Haus in der Krise?
Christine Dössel hakt in der bayrischen Landeshauptstadt nach und kommt in der Süddeutschen Zeitung schnell zur Diagnose: Die alamierende Situation des Hauses hänge an Barbara Mundels Programm. Die Intendantin fahre "mit ihrem Ansatz von Diversität, Inklusion und Artivismus einen Kurs woker politischer Theaterkorrektheit, der kaum ankommt".
Ein Aufpasser soll es richten
München reagiere auf die schwierige Situation mit einem "Kammer-Rat". Aufgrund der schlechten Auslastungen und der damit verbundenen wirtschaftlichen Defizite werde den Kammerspielen eine Art Aufpasser der Stadtregierung zur Seite gestellt: "ein Novum in der deutschen Theaterlandschaft", stellt Dössel fest. Die Autorin sieht den Vorgang kritisch und erinnert an Mundels Vorgänger: "Als Matthias Lilienthal in seiner Zeit an den Kammerspielen Schwierigkeiten hatte, gab es in der Stadt wenigstens hitzige Debatten, Kämpfe zwischen Fans und Feinden. Es ging um was. Jetzt zucken viele nur noch mit den Achseln."
Dieses Desinteresse sei für die Münchner Kammerspiele schlimmer als die Frontenbildung, die durch Lilienthals Intendanz gewachsen seien. Und Dössel findet in ihrem Text klare Worte für den aktuellen Fahrplan des Hauses unter Barbara Mundel: "Die Abkehr von Sprache, Literatur und klassischen Stücken zugunsten einer sozio- und diskurspolitischen Agenda mit Interventionen, Themenfestivals, 'Sisterhoods' geht am Kerngeschäft des Theaters vorbei – auch an der Stadt." Darunter falle auch die "Antigone"-Inszenierung vom Februar, die nach inklusiven Theater strebe aber letztendlich nur krampfhafte Positivität produziere.
Politisch korrekt aber ohne künstlerische Vision
Christine Dössel fehlt zwischen all den wichtigen und ehrenwerten Versuchen der Kammerspiele ein entscheidender Punkt: die Kunst. Wie eine Vision aussehen könnte und wie sich Barabara Mundel zu den Vorwürfen verhält, ist in der Süddeutschen Zeitung (€) nachlesbar.
(Süddeutsche Zeitung / ska)
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Der „Kammer-Rat“ des Stadtrats ist tatsächlich eine peinliche Demütigung der Kammerspiele.
Christine Dössel vermisst "die Kunst". Aber was ist denn diese "Kunst"? "Kunst" ist etwas, das man nicht messen kann. Es ist gelebte Praxis, und sobald man versucht, Kunst zu messen, wird Kunst automatisch zum "Kunstmarkt". Und durch die jetzigen Aufsichts- und Regulierungsfunktionen findet eindeutig eine "Messung" statt, wodurch Kunst zu einem Kunstmarkt wird. Daher sprechen wir hier nun über eine Debatte über den "Kunstmarkt" und nicht über "Kunst". Es gibt den "Dössel"-Kunstmarkt, der Quote will und "Kunst".
Und gibt einen von Gemeinden und Ländern durchfinanzierten und kuratierten "Kunstmarkt", der auf kommunale Leitbilder wie "Inklusion, Diversität und kulturelle Teilhabe" setzt. Dort setzen sich (manchmal) jene CEOs oder Chefplaner:innen durch, die möglichst "marktschlau" diese Leitbilder antizipieren und beflissen und hübsch umsetzen. Es ist durchaus denkbar, dass München nun Blomberg oder Nicolas Stemann aus Zürich zu sich holt und Zürich sich Barbara Mundel holt. Vielleicht sitzen da in ein/zwei Jahren schon wieder andere in der Politik, die wieder schöne Spielzeithefte sehen wollen, unabhängig von dem, was dann wirklich passiert, und die auch nichts wissen, was vorher war. Diejenigen, die immer unter diesem Systen leiden, sind aber die Spielerinnen und Spieler - kurz gesagt, die MENSCHEN, die die Leitbilder umsetzen. Wie können sie sich aus der Macht dieser willkürlichen und vom Bürgertum dominierten Kunstmärkte befreien? Vielleicht, indem der Druck gezielt abgebaut wird, der auf einem Theater lastet, um immer pünktlich um 20 Uhr (Sonntags auch mal um 16 Uhr) eine straff inszenierte Militärparade abzuhalten, zu der Künstlerinnen, Künstler und Publikum "hingepeitscht" werden müssen? Es gab während der Pandemie hoffnungsvolle Formate, die diese Tyrannei von Gleichzeitigkeit von Raum, Zeit und Publikum - kurz das "Aufmerksamkeitsregime" - abbauten. Es gab hoffnungsvolle Ansätze wie das Harvard-Manifest, siehe Link unten. Aber wer an diesen Vorstellungen von einem straff durchorganisierten Stadttheater festhält, wird in Zukunft immer wieder mit Krisen konfrontiert werden (oder den Rückfall in die Hackordnungen des guten alten Stadttheaters erleben, das eher wie eine geschmierte Musical-Bühne funktioniert). Ganz sicher wird es wenig nützen, neue Versuche (wie in München/Zürich aktuell zu sehen) ideologisch zu bekämpfen. Es ist notwendig, die Theaterleitungen noch mehr zu ermächtigen, um diese noch mehr Häuser zu leeren.
"Gute Auslastung" wird masslos überschätzt. Der Erfolg eines Theaters zeigt sich heute eher an der Leere der Ränge. Ja, man muss diese Theater ermächtigen, Radio/Podcasts/Filme/Streams zu machen, Stadtbespielungen, Forschungen etc. Die Welt erkunden, die innere und die äußere. Aber nicht die alten Geigerzähler nutzen, um zu messen und dann wegen der Messungen Fortschritte abzubauen und dieses Stadttheater aus dem 20. Jahrhundert zu reinstallieren. Diese Art von Stadttheater ist tot, genauso wie "das Kino" des 20. Jahrhunderts. Es ist an der Zeit, dies zu akzeptieren und endlich zu neuen Ufern aufzubrechen. Alles andere ist Ideologie.
(Quelle: nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=20469:theaterbrief-aus-harvard&catid=448&Itemid=99)
ich komme da nicht mehr mit. Das Stadttheater ist nicht tot. Mit guten Schauspielern und Schauspielerinnen, viel Phantasie und Können, Vitalität und Vielseitigkeit, Humor und Leichtigkeit, Gegenwartsbewusstsein und Zukunftskühnheit schaffen es auch die ollen Stadttheater, das Publikum zu amüsieren. Das erfordert auch eine kluge Dramaturgie, die nicht verkniffen ist und mit dem Theaterapparat die Welt retten will. Denn den Gestus der Weltrettung gebe ich gern an das Publikum ab. Da gehört er hin.
Nur sind die scheinbar erfolglosen Häuser in Zürich und München stärker mit dieser Wiederauferstehung verbunden, als dies die Kritiker:innen wünschen. Viele der da lancierten Innovationen sind - wie auch Benjamin von Blomberg meinte - unverhandelbar. Auch dann, wenn diese Teams nun dafür büssen müssten als Überbringer:innen dieser frohen Kunde. Brechts Versionen von 'Das Leben des Galilei' und seine 'Antigone' galten 1940 in Kalifornien, New York, Chur und Zürich als 'woke' Flops. Zwar gab es dieses Wort damals noch nicht, doch die Herablassung des bürgerlichen Betriebs war in etwa die gleiche. Das Resultat kennen wir und den Einfluss dieser Prototypen.
Man muss Christine Dössel nicht mögen (siehe Kusej), aber ihr Artikel trifft - zumindest für uns - die Münchner Stadtlage doch sehr genau. Wir (mit Lühr, Holzmann, Stein, Griem, Selge, etc. über Dorn "theatersozialisiert", dann Baumbauer, Simons und Lilienthal allemal mitgetragen) sind ob des "hohlen" Theaterstils auf die andere Straßenseite abgewandert, wo allemal spannenderes Theater (insbesondere Antigone) und schauspielermäßig besseres Theater geboten wird. Eine Entwicklung, die uns mehr als traurig stimmt.
#4 "Der Erfolg eines Theaters zeigt sich heute eher an der Leere der Ränge" - merkwürdige Auffassung - umstrittene Aufführungen haben sich on the long run immer durchgesetzt - z.B. eben Othello an den Kammerspielen; aber derzeit ist rein gar nichts umstritten, sondern nur noch performativ, immersiv, inklusiv oder mit englisch-sprachigem Titel (siehe SZ), wo kaum einer weiß, was das soll - nur neun besetzte Reihen bei einer Premiere spricht derzeit Bände, darf aber einen nicht kalt lassen, einfach nur traurig. Das Ganze hat aber auch nichts mit der Situation in Zürich zu tun.
nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=22100:anti-gone-muenchner-kammerspiele-nele-jahnke-erzaehlt-die-sophokles-tragoedie-der-rebellischen-oedipus-tochter-in-leichter-sprache&catid=99:muenchner-kammerspiele&Itemid=40
"Solche Aufführungen", "so muss es sein" - einfach Paar Kritiken gelesen, schon kann Samuel Schwarz kraftvoll über eine Aufführung urteilen? (...)
Das war kein ausbalancierter Streit von Meinungen, sondern eine extrem aggressive Kampagne gegen dieses Theater, nein, gegen die Idee von öffentlich finanziertem Theater überhaupt. Verbunden mit massiven Forderungen nach allgemeiner Subventionskürzungen. Es geht hier nun einen "Stil"-Streit, sondern um viel viel mehr, um einen grundsätzlicher Angriff auf die Institutionen. Welcher Scherbenhaufen hier in Zürich hinterlassen wurde - nach dem Schauspielhaus-Gate - wird erst nach der kommenden Gemeinderatsdebatte klar werden. Dass sich Theaterkünstler:innen gegen diese von ultrarechten initierten Kampagnen ( "Woke-Wahnsinn", "Gender"-Wahnsinn, "Das will doch niemand sehen", "politisch korrektes Belehrungstheater" etc) mit etwas Teflon einzuschmieren, ist aktuell nicht das dümmste. Der Theaterstadt München kann man nur empfehlen, mit Synergien und gemeinsamer Solidarität auf diese Attacken zu reagieren. Der Tsunami von Häme, der heute die Münchner Kammerspiele trifft, wird morgen das Resi treffen. Mein Vorschlag nach solidarischen und theaterdokussierten und glamourösen Antigone-Festspielen ist also kein Witz, sondern eine aus der kollektiven Praxis gewonnener Ratschlag, sich nicht entsolidarisieren zu lassen und die Häuser gemeinsam leuchten zu lassen. Diese Entsoldarisierung ist nämlich in Zürich passiert. Die freie Szene (aber auch das Neumarkt-Theater und das Theaterpektakel) hat - aus Angst vor Nachteilen, die aus systemischen Gründen aktuell allen drohen - das Schauspielhaus zu grossen Teilen im Stich gelassen. Eine müder offener Brief - nicht mal von allen unterschrieben - als nichts mehr zu retten war - machte man dann nur, um das Gesicht zu wahren. Vorher liess man sich instrumentalisieren - und schwieg - strategisch "klug", langfristig "dumm".
Gekürzt wird aber bald bei ALLEN werden, der Neid und die geschürte Konkurrenz sind das süsse Gift, das die Entsolidarisierung zwischen den Theatern vorantreibt. Und wenn mal gekürzt wird, ohne nennenwerten Widerstand auszulösen bei den "Grossen", dann wird klar, dass man bei den "Kleinen" sowieso kürzen kann. Und was diese "Quoten" angeht, es ist immer extrem relevant, dann und wie gemessen wird. Diese scheinbar schlechte Auslastung war ja schon Lilienthal vorgeworfen worden. Deshalb: Fallt nicht auf diese Lügen hinein. Lasst euch nicht entsolidarisieren.
Frau Dössel trifft mit ihrem Artikel voll ins Schwarze. Und es gibt einen großen Unterschied zwischen Barbara Mundel und der Zeit von Matthias Lilienthal: Was ML machte, war streitbar, aber es gab eine Substanz, über die es sich streiten ließ und es sich zu streiten lohnte. Zur Zeit gibt es in den Kammerspielen nichts als heiße Luft. Nicht der Mühe wert darüber zu diskutieren. Oder gar dafür Eintritt zu bezahlen.
Sie haben Recht. Mit dieser Aussage mache ich mir ganz sicher keine Freunde. Aber vielleicht Freund:innen? Ich weise ja nur auf das ideologische Feld hin, auf dem Christine Dössel mit ihrem Artikel spielt. Die Intendantin fahre "mit ihrem Ansatz von Diversität, Inklusion und Artivismus einen Kurs woker politischer Theaterkorrektheit, der kaum ankommt". Das ist "ideologisch", weil sie damit die Anliegen von Minderheiten negativ bewertet. Man kann Anliegen von Minderheiten natürlich punktuell hinterfragen - aber es wäre ein Akt der Fairness, hier viel klarer zu sein, für welche scheinbare Mehrheit genau man sich dann mit solchen Aussagen einsetzt. Wenn Dössel aber auf diese Weise Anliegen und Themen von Minderheiten sehr negativ bewertet, dann wird vielleicht versucht die Anliegen der Mehrheitsgesellschaft als wichtiger zu bewerten, als die Anliegen dieser Minderheiten? Das ist durchaus erlaubt, ist aber eben "ideologisch". Es ist wiederum auch möglich, dass auch diese Publikumsschichten, die Christine Dössel mehr angesprochen haben möchte, letztlich auch eine "Minderheit" sind- im Verhältnis zu der Gesamtgesellschaft sein könnte. Einfach eine mit einer gewissen Bildungshintergrund, verbunden mit gewissen Privilegien? Für welche Mehrheit/Minderheit spricht also Frau Dössel? Darauf eine Antwort zu bekommen, wäre für den Diskurs hilfreich. Aber vielleicht weiss ja jemand hier eine Antwort? Aus meiner Sicht ist beispielsweise die "Positivität" der Antigone - die aus Sicht von Dössel "kramphaft" sei - eine durchaus interessante Kategorie, gerade auch in Hinsicht auf die Inhalte des "Antigone"-Stoffs. Diese "Antigone" auf "leichte Weise" zu erzählen ist ja nicht neue Idee, man lese dazu das gute alte "kleine Organon" von Brecht. Die Kategorie "leicht" ist da sehr "positiv" besetzt. Natürlich ist die (deutsche) Theaterpraxis tendenziell oft eher dunkel und düster - und sucht nach "Spannungen", und solche Spannungen, also "Kunst" vermisst scheinbar Frau Dössel. Die Worte, die für die Verteidigung dieser "Kunst" nutzt, sind aber allesamt aus dem Baukasten gewisser ideologischer Bewegungen, die eben auch "woke" und "politisch korrekt" und "Artivismus" negativ bewerten. Auf diese Wahl dieser Worte hinzuweisen und sie politisch einzuordnen - ist nicht zwangsläufig selber "ideologisch" - resp da müsste der Beweis schon noch erbracht werden, zumindest von jenen, die da einfach die Kammerspiele ingesamt negativ abwerten und deren Versuche. Auch "Son of Sam" wertet da einfach einfach kategorisch "alles" ab, ohne ins Detail zu gehen und auch klarer zu benennen , wen er selber vertritt (nebst sich selbst) und wen genau (auf dieser Kammerspiel-Bühne) ihn denn so stört.
zum "schnell verlorenen Publikum": Das Theater verliert ja so nicht sein Publikum, sondern verrät es als Theater - unbestimmt - liebendes. Und es spielt darüber hinaus mit solchen Argumenten das vergaulte "alte" gegen das nicht so einfach zu gewinnende "neue" als offenbar ökonomisch nötigen Ersatz für das "alte" aus. Es will offenbar "altes" UND "neues" Publikum nicht gemeinsam partizipierend im Theater wissen. Das ist dann Verrat an der demokratischen Gesellschaft überhaupt, die ja insgesamt IMMER aus dem realen UND dem potentiellen Publikum besteht. - Jut. Dann darf es sich halt nicht wundern, wenn es den Verrat entsprechend quittiert bekommt. Besser: Es darf schon, sollte aber dies im eigenen Interesse ausschließlich mit KÜNSTLERISCHEN Mitteln tun und nicht politaktionistisch...
Ich vermag die konkrete Situation in München nicht einzuschätzen, muss aber zugeben, dass ich Mundel es zugetraut hätte, nach Lilienthal spannungsvolles Münchner Kammerspiel-Theater für "alle" zu machen. Da habe ich mich scheinbar geirrt. (?)
Der Text, der in der Aufführung verwendet wird, ist nicht in 'einfacher Sprache', sondern in 'leichter Sprache' verfasst. 'Leichte Sprache' ist eine speziell geregelte, sehr leicht verständliche Sprache, deren Regelwerk 2006 vom Verein 'Netzwerk Leichte Sprache' publiziert wurde. 'Leichte Sprache' richtet sich an Menschen mit geringer deutscher Sprachkompetenz, z.B. an Menschen mit geistiger Beeinträchtigung bzw. Behinderung.
Es geht bei dieser Arbeit also um Barrierefreiheit und Inklusion und um eine Ansprache von Menschen (meinetwegen: Zielgruppen), die im regulären Theaterbetrieb - zumal bei der Inszenierung von griechischen Klassikern - kaum (nie?) angesprochen werden - da kann man als halbwegs empathischer Mensch doch nichts dagegen haben, oder?
Mit 'sprach-historischer Unterbelichtung' hat das absolut nichts zu tun. Es darf doch bitte Arbeiten geben, die sich explizit nicht / nur unter anderem an ein bildungsbürgerliches Stammpublikum richten. - Damit ist natürlich nicht gesagt, ob die konkrete Arbeit gelungen ist oder nicht. Das wäre zu diskutieren und liegt ja eh im Auge des*der Betrachter*in.
Stichwort Bildungsbürgertum: Ich wundere mich schon sehr (oder auch nicht) über diese ganze Diskussion hier (und anderorts). Es scheint mir, als ginge es weniger um 'die Kunst', sondern um Privilegien - v.a. um das Privileg des 'kulturellen Kapitals', das jetzt plötzlich - oh Schreck! - mit Menschen geteilt werden soll, die dieses kulturelle Kapital sonst nicht haben / hatten. (...)
Neben der von Samuel Schwarz ins Spiel gebrachten Ideologie wäre das Stichwort 'Klassismus' jedefalls eine weitere Ebene, mit der sich diese ganze Posse trefflich analysieren ließe.
Mir scheinen übrigens zu solchem Verständnis unter den Menschen mit geringer deutscher Sprachkompetenz gerade jene mit "geistiger Beeinträchtigung bzw.Behinderung" besonders geeignet. Ich habe jedenfalls als halbwegs empathischer Mensch nicht das Gefühl, dass man Menschen mit geistiger Beeinträchtigung oder Behinderung mit extra "leichter" Sprache ansprechen bzw. unterhalten müsse, weil ich die irgendwie für nicht weniger und nicht mehr geistig beeinträchtigt und behindert halte, als mich in dieser Welt selbst. (Oh Schreck - als, wie mir scheint, Kulturkapitalist plötzlich das Gefühl von landläufig als Unterpriviliertsein bezeichneter geistiger Behinderung oder Beeinträchtigung teilen zu müssen!)
Etwas anderes ist es, wenn solche Menschen selbst interpretieren. Dann kann man sich auf genau die Sprache verlassen, die sie ganz allein für eine Figur, eine Situation und ein darzustellendes Macht-Verhältnis finden... Ging es in dieser hier thematisierten Antigone um solche "inklusiven" Arbeitsweisen an einem Stoff?
Für mich bleiben zwei - leichte - Fragen nach dem Lesen Ihres Kommentars:
Ist dieses Ganze tatsächlich eine "Posse"? Und wenn ja, muss man was analysieren, bloß weil es analysiert werden könnte?
unüberprüfbar. Und genau hier setzt meine Kritik an der Plattform Nachtkritik und ihren Redakteurinnen und Redakteuren an.
Wenn man sich alle Ergüsse einmal genau durchliest, gibt es eine Fülle von unüberprüfbaren Behauptungen, die Nachtkritik einfach durchwinkt. Nachtkritik behauptet ja immer konsequent unüberprüfbare Behauptungen zu streichen. Samuel Schwarz schreibt ja, er hätte sich seit Jahren nicht auf Nachtkritik geäußert. Ob er das selber glaubt?
---
Lieber Chris P.,
wir haben eine von Ihnen zurecht beanstandete Stelle in einem vorherigen Kommentar gestrichen und darüber hinaus Ihren Hinweis zu dieser aus Ihrem Kommentar herausgekürzt, damit die Formulierung nicht wiederholt wird.
Herzliche Grüße,
Die Redaktion
Also das ist nun wirklich Quatsch .
Nun sind fünf bis sieben Prozent keine besonders große gesellschaftliche Gruppe, könnte man meinen. Aber ist das wirklich ein Grund, solche inklusiven Ansätze zu delegitimieren (siehe: 'wokeness' als Standardbegriff rechten Framings)? Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Gruppe derjenigen, die regelmäßig ins Theater geht, nicht recht viel größer sein düfte ...
Ob der Versuch der Kammerspiele geglückt ist - nicht nur künstlerisch, sondern auch im Hinblick auf ein neues, für Theater neu begeistertes Publikum -, weiß ich nicht. Aber einen Verrat (welch dramatisches Wort) kann ich nicht erkennen ...
die Diskussion hat sich vom eigentlichen Thema entfernt und ist ins Persönliche abgedriftet. Lassen Sie uns doch bitte wieder zu mehr Sachlichkeit zurückkehren.
Viele Grüße aus der Redaktion!
miwo
Wenn es also wirklich gleich ums Ganze geht, dann fehlt mir im Moment noch die eine oder andere Perspektive mehr. So drängt sich mir der Eindruck auf, daß die Stadt München immer wieder mutig vorangehen will, um dann aber ganz schnell Platz zu machen für (...) Frau Dössel, die dann (...) urteilt. Wenn dem so ist, würde ich auch hier gerne mal für etwas Abwechslung im "Spielplan" plädieren und ein paar andere Autor:innen lesen wollen.
Mir gehen Aspekte der Debatte inzwischen gehörig auf die Nerven. Beispiel "Antigone" - dieses Stück kann man andauernd irgendwo sehen, und das seit Jahrhunderten. Es ist doch sowas von völlig in Ordnung, wenn ein Regieteam sich entschließt, an der Sprachschraube zu drehen. Das ist sogar sehr interessant! Warum sich da gewisse Theaterfreund*innen schleunigst in die selbst gegrabenen Schützengräben begeben, ist mir schleierhaft.
Der Doppelabend „Nora“ & „Die Freiheit einer Frau“ (Regie: Felicitas Brucker, Dramaturgie Tobias Schuster) zur aktuellen Spielzeiteröffnung hat mich begeistert. Vgl. unter #1 meiner Kritik:
nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=21508:nora-die-freiheit-einer-frau-muenchner-kammerspiele-felicitas-brucker-erzaehlt-mit-henrik-ibsen-und-edouard-louis-vom-leiden-an-haus-und-ehe&catid=99:muenchner-kammerspiele&Itemid=40
Diese „Nora“-Inszenierung ist zum Berliner Theatertreffen 2023 als eine der 10 bemerkenswertesten Inszenierungen eingeladen, leider nicht als besonders beeindruckende Doppelinszenierung.
Politisch korrekt oder genauer politisch bemüht, doch kaum inszeniert erschienen mir drei der letzten Kammerspiel-Arbeiten im Schauspielhaus:
„Das Erbe“ (Regie: Pınar Karabulut, Dramaturgie von Mehdi Moradpourwar) war für mich ein Ärgernis:
Vgl. unter #4:
www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=21722:das-erbe-muenchner-kammerspiele-pinar-karabulut-nuran-david-calis&catid=99:muenchner-kammerspiele&Itemid=40
„Göttersimualtion“ (Text und Regie: Emre Akal, Dramaturgie: Olivia Ebert) bleibt bei der Nutzung der digitalen Medien in Klischees von alt und jung und verpasst eine Erkundung der Wirklichkeitskonstruktionen junger Menschen mit und in der digitalen Welt. Die eingesetzten Kinder und Jugendlichen sagen weitgehend starr Sätze auf und erscheinen eher als bewegte Theaterobjekte denn als Subjekte mit ihrer je eigenen digitalen Lebenspraxis. Eine Auseinandersetzung zwischen einem Leben in der analogen und einem in der digitalen Welt sowie ihren Wechselbeziehungen findet leider nahezu nicht statt.
„Anti War Women“ ist aus meiner Sicht ein bemühter Geschichtsunterricht (Regie: Jessica Glause, Dramaturgie: Olivia Ebert)
Vgl. unter #1:
nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=22265:anti-war-women-muenchner-kammerspiele-jessica-glause-und-ensemble-erzaehlen-von-dem-frauenfriedenskongress-aus-dem-jahr-1915-den-zwei-muenchnerinnern-initiierten&catid=99:muenchner-kammerspiele&Itemid=40
Die Münchner Kammerspiele sind jedoch weder Volkshochschule, Schulunterricht in Politik und Gesellschaftskunde noch Selbsthilfegruppe! Auch wenn ich Volkshochschule, Schulunterricht und Selbsthilfegruppen schätze, erwarte ich von einem Theater etwas anderes: Die Münchner Kammerspiele haben als Theater der Stadt den Auftrag, sich als Theater mit seinen künstlerischen Mitteln kritisch mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen und hierzu die Theatergänger:innen mit theatralischen Mitteln einzuladen. Daher stellt sich für mich – wie in meiner Kritik zu das „Das Erbe“ bereits geschrieben – die Frage einer wirksamen künstlerischen Qualitätssicherung an den Münchner Kammerspielen. Aus meiner Sicht sollte diese jedoch innerhalb des Theaters und nicht durch einen externen „Kammer-Rat“ erfolgen.
Theaterkunst und politische Positionierung sind kein Gegensatz, sondern können sich anregend ergänzen. „Das Oktoberfestattentat“ von Christine Umpfenbach aus 2020 ist ein Beispiel für gelungenes Dokumentartheater. „Eine Jugend in Deutschland“ auch aus 2020, hat mich als politisch engagiertes UND kunstvoll spielfreudiges THEATER berührt, unmittelbar und auch reflektierend im Nachgang (Regie: Jan-Christoph Gockel, Dramaturgie: Viola Hasselberg). Vgl. meine Kritik auf Nachtkritik.
Als leidenschaftlicher und zur Zeit der Intendanz von Frank Baumbauer und Johan Simons oft begeisterter Theatergänger gehe ich aus den mir aktuell angebotenen Aufführungen meines Premierenabos an den MK zu häufig enttäuscht und genervt raus. Für mich ist es ein großer Verlust.
Im Unterschied zur Kammerspiel-Inszenierung des älteren Stücks von Sivan Ben Yishai „LIEBE / Eine argumentative Übung“ konnte ich bei der Regiearbeit von Pınar Karabulut für „Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)“ keine überzeugende Inszenierungsidee erkennen. Mir erschienen die Tanzeinlagen – ich mag sie nicht Choreografie nennen – beliebig, die Songs anbiedernd unterhaltend. „Bekanntes soll Erkanntes werden“, schrieb Brecht. Dies wäre eine Erforschungsperspektive für diesen sicher nicht leicht zu inszenierenden Text gewesen. Leider gefällt sich diese Aufführung in Oberflächlichkeiten und verpasst es, den anspruchsvollen und herausfordernden Text mit den Mitteln des Theaters und einer überzeugenden dramaturgischen Idee in seiner Tiefe umzusetzen. Um so bedauerlicher, dass es die Uraufführung dieses neuen Textes von Sivan Ben Yishai war.
Auch die Eröffnungsinszenierung der Kammerspiele unter der neuen Intendanz von Barbara Mundel „Touch“ – jetzt wieder aufgenommen – mit einem Text und der Regie von Falk Richter sowie der Choreographie von Anouk van Dijk (Dramaturgie: Tobias Schuster) erschien mir oberflächig und effekthascherisch. Die gezeigten biographischen Beschreibungen, welche Folgen die Covid-19 Kontaktbegrenzungen auf die individuelle Lebensführung haben, wiederholen das, was wir schon allzu oft gelesen oder gehört haben. Anders als auf der Homepage angepriesen, werden leider keine „ungehörten Geschichten“ erzählt. Vor allem Tiefgang und erhellende, erforschende Untersuchungen habe ich bei dem von Falk Richter verantworteten Text vermisst. Der Tanz von Anouk von Dijk und ihren Tänzer:innen in der entwickelten „Countertechnique“ hat mich phasenweise berührt.
Vgl. unter #3:
www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=18676:touch-muenchner-kammerspiele-falk-richter-und-anouk-van-dijk-lassen-sich-von-den-corona-beschraenkungen-in-den-szenischen-aktionismus-treiben&catid=99&Itemid=84
Hingegen hat der Abend „Wer immer hofft, stirbt singend“ für mich einen ganz eigenen Charme und theatralischen Ausdruck (Regie von Jan-Christoph Gockel, Dramaturgie von Viola Hasselberg und Claus Philipp)
Im besten Sinne unterhaltend war für mich „Jeeps“, eine Produktion aus 2021 (Text und Regie: Nora Abdel-Maksoud, Dramaturgie von Olivia Ebert und Nora Haakh)
Selbst noch nicht gesehen habe ich „Green Corridors“ von Natalia Vorozhbyt in der Regie von Jan-Christoph Gockel. Diese Inszenierung kletterte aktuell „an die Spitze der nachtkritik.de-Hitliste“, auf Platz 1 der dort bei Kritik und Publikum in der deutschsprachigen Schweiz, Österreich und Deutschland gerade für verstärkte Aufmerksamkeit sorgenden Inszenierungen.
Vgl.: nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=5301:die-nachtkritik-charts&catid=609&Itemid=100079
Nachtkritiker Martin Jost findet: "So etwas hat München noch nicht gesehen."
interessant, wie unterschiedlich Wahrnehmungen sein können. Ich fand z.b. Nora einen Abend wie er auch hätte auf einer normalen Staatstheaterbühne stattfinden können. Nicht besonders originell und eher langweilig. Den zweiten Teil, der nicht eingeladen wurde, fand ich viel interessanter, da ich darin einen Wahnsinn erspürt habe, der viel mit mir gemacht hat! Großartig! Hingegen Göttersimulation fand ich künstlerisch gerade deshalb so toll, da es eben nicht in die Bemühung gegangen ist, Erlebniswelten zu erzählen und damit in eine soziologische Falle zu tappen, sondern im Gegenteil einen künstlerischen Raum geöffnet hat, den man nicht im Inhalt, sondern im Draufschauen begreifen kann: Die absolute Überflutung mit Bildern und Momenten - die meiner Meinung nach ein großartiges Bild unserer Gegenwart war. Ein Abend der überfordernd war und ich schätze genau das sollte ich erleben! Daher mochte ich es sehr! Green Corridors mochte ich auch sehr gerne, da ich den Zugriff und die Bilder mochte und die Umsetzung, die einen zum Lachen brachte, bei diesem schweren Thema, das ganze zu etwas ganz Besonderem machte.
Es ist eben viel dabei für jeden. Ich denke, man muss offen sein in seinen Seegewohnheiten und der Frage, was Theater ist und soll.
die Inszenierung: „Die Freiheit einer Frau“ hat mich inhaltlich und vor allem künstlerisch deutlich mehr beeindruckt. Ich bin ganz Ihrer Meinung: Großartig! So habe ich es in meiner ursprünglichen Kritik nur zum Doppelabend auch zum Ausdruck bringen wollen, siehe Link. Deshalb fand ich es ja so schade, dass zum Theatertreffen in Berlin „nur“ „Nora“ und nicht der zweite Teil, „Die Freiheit einer Frau“, eingeladen worden ist.
Danke, für Ihre Sicht auf „Göttersimulation“, auch wenn ich Ihnen hier nicht folgen kann. Mich hat dieser Abend in seinen Klischees eher gelangweilt. Doch fein, wenn es für Sie ein anderes Erleben dieser Inszenierung gab.
Mit theaterliebenden Grüßen, Andreas Peteranderl
Ah, dann habe ich das nicht ganz rauslesen können, Freiheit einer Frau, ja, großartig! Zum anderen Stück: Aber genau darum ging es doch, um die reine bunte Oberfläche der Gegenwart, die ganz gewiss überfordert. Am schönsten fand ich die Versöhnlichkeit zu erkennen, dass junge Menschen und ältere Generationen im Grunde in der gleichen Situation stecken und somit sich gar nicht so fremd sind. Meine Tochter mit 17 Jahren hat sich extrem damit verbinden können und ist gleich mit 10 ihrer Freundinnen nochmal hineingegangen. Außerdem habe ich das Stück Antigone gesehen und mochte viele Anteile daran, ich fand es vor allem mutig, mit so einem Stoff umzugehen. Das alles widerspricht natürlich den Erwartungshaltungen - allerdings ist es eben auch mutig für ein Theater.
Vielmehr bewundere ich den Mut, mit dem das Haus konsequent neue Wege geht, Theater als Experimentierfeld versteht, Grenzen zwischen sog. freier Szene und institutionalisiertem Theater aufhebt, immer wieder Expert*innen des Alltags als integralen Bestandteil der eigenen Arbeit versteht und sich so auch die Chance auf ein produktives Scheitern nicht nehmen lässt.
Dass diese Arbeit sehr wohl anerkannt wird, zeigt sich u.a. an der schon erwähnten Einladung zum Berliner Theatertreffen und wer die Chance hat, Nora und Die Freiheit einer Frau im Doppelpack zu sehen, sollte sie sich nicht entgehen lassen, spinnt doch Felicitas Brucker die in Nora aufgenommen Fäden in der Freiheit weiter und dies mit einer Dringlichkeit und ästhetischen Präsenz, die seinesgleichen sucht. Nicht umsonst setzen sich fast alle theaterwissenschaftlichen Kurse mit eben dieser Inszenierung auseinander. Auch bei den Salzburger Festspielen sind die Kammerspiele vertreten mit einer Inszenierung von Karin Henkel (Liebe) nach einem Film von Michael Haneke.
Unbedingt auch zu erwähnen ist die grandiose Umsetzung von Wolfram Lotz‘ Langgedicht Die Politiker (Regie: Felicitas Brucker), in der sich die Spieler*innen auf intensive Sprachkaskaden einlassen, sie in eine Körpersprache überführen und ihren ganz eigenen Sprachrhythmus finden. Während hier mit klaren Bildern und einer Ästhetik der Reduktion gearbeitet wird, kann man bei der Uraufführung von Thomas Köcks Eure Paläste sind leer durch Christoph Gockel die ganze Fülle des theatralen Raums bestaunen und nicht zuletzt das einzigartige Puppenspiel von Michael Pietsch. Die Kammerspiele verbinden sich immer wieder mit den Arbeiten junger Dramatiker*innen und Regisseur*innen und geben damit einer neuen Sprache und Ästhetik Raum. Dazu gehört auch die Uraufführung der Göttersimulation von Emre Akal, die bereits in den Kommentaren angesprochen wurde. Weit entfernt von „Klischeehaftigkeit“ schafft Akal (Autor und Regisseur) hier ein vielschichtiges Gesamtkunstwerk von Text, Bild und Sprache und überführt damit den Theaterraum in einen mehrdimensionalen Sinnenraum. Die Auseinandersetzung mit analogen und digitalen Welten ist dabei nur ein Faden, der sich durch das Stück zieht. Es geht auch um die Frage der Schuld, den Konflikt zwischen den Generationen und letztlich die Frage, wie kann (Zusammen)Leben stattfinden in einer sich verändernden Welt. Dabei setzt Akal weniger auf Antworten und hebt an keiner Stelle den moralischen Zeigefinger, vielmehr werden Fragen gestellt und die Zuschauer*innen mit einer Ästhetik der Überforderung konfrontiert, die absolut stimmig inhaltliche Aspekte in der Form widerspiegelt. Die chorischen Elemente erinnern an einen antiken Chor, in denen die Spieler*innen keinesfalls zu „Theaterobjekten“ werden, sondern vielmehr ihrer Wut und Verzweiflung Ausdruck verleihen, gegen das Moment der Entindividualisierung ankämpfen, das Geschehen zuweilen auch kommentieren und sich selbst und ihre Sicht auf die Dinge immer wieder in Frage stellend. Aufgebrochen werden diese Elemente mit fast leisen Szenen, die einen Kontrapunkt zu der Wucht der Inszenierung setzen, es finden Begegnungen statt, fragile, rührende Annäherungen. Und nicht zuletzt: Immer wieder wird auf der Bühne über Möglichkeiten und Grenzen der Sprache und letztlich des theatralen Raums reflektiert. Akals Text macht damit vor allem eine Metaebene auf, mit der es sich lohnt, mehrfach auseinanderzusetzen. Stoff dazu gibt es allemal und es arbeitet weiter, wenn man nach Hause geht. Was will Theater mehr?
„Frau Schmid fährt über die Oder“ hat mir jedenfalls einige tiefergehende Fragen offeriert. Vgl. unter #1:
nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=20087:frau-schmidt-faehrt-ueber-die-oder-muenchner-kammerspiele-anne-habermehl-bringt-ihr-neues-stueck-selbst-zur-urauffuehrung&catid=99:muenchner-kammerspiele&Itemid=40