Schwarze Hostien zum ersten Date

7. September 2025. Jens Harzer ist da! Neu im Ensemble des BE. Seinen Einstand feiert er mit einem düsteren Text von Oscar Wilde. In der Regie von BE-Intendant Oliver Reese. Ein schmerzhaft schönes Ereignis.

Von Janis El-Bira

Oscar Wildes "De Profundis" mit Jens Harzer am Berliner Ensemble © Jörg Brüggemann

7. September 2025. Das Wesentliche bleibt den Augen erst einmal unsichtbar. Der Königstransfer des Theatersommers, Jens Harzer, Ifflandring-Träger und nun so etwas wie das Meissener Porzellan im Kabinett des Berliner Ensembles, hält sich gut versteckt im Bühnenschwarz. Nur die Stimme ist schon angekommen, diese unverkennbare: Eine hohe Glocke, aber mit Sprung. Nah am Wasser gebaut, doch über sichere Stege geführt. So kommt sie auch diesmal aus dem Stockdunklen daher, trägt, feiert – Harzer ist ja der König der gebrochenen Feierlichkeit! – die ersten Textzeilen dieses Abends. Es werde "von sehr vielem die Rede sein" und der Adressat des so Gesagten, es ist Oscar Wildes Ex-Geliebter Alfred Douglas, solle wirklich all dies lesen, auch wenn jedes Wort "zum Feuer oder Messer des Wundarztes" werde, "sodass das zarte Fleisch brennt oder blutet". Wer könnte zu dieser Einladung schon nein sagen? Licht an.

Jens Harzer debütiert am Berliner Ensemble

Wilde schrieb den als "De Profundis" bekannt gewordenen Brief in den zwei Jahren seiner Haft im Gefängnis von Reading. Eine öffentliche Szene des Vaters von Alfred Douglas hatte ihn der "Unzucht" ruchbar werden lassen. Der Text von fast 50.000 Wörtern Länge gilt als einer der bedeutendsten Liebesbriefe der englischen Literatur, ist teils wütende Klageschrift gegen den exzesssüchtigen und oberflächlichen Ex, teils philosophische Abhandlung über radikale Individuation und das seelenbrechende Bestrafungsmodell Zuchthaus. Leicht ist darin kaum etwas. "De Profundis" trägt gewaltig an den extremen Mentalitäten des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Alles ist bis zum Bersten angespannt, der Autor tödlich schwer verletzt an Herz und Hirn. Ein ungeheures Schmerzenszeugnis aus der Talsohle eines Dichterlebens.

Eingezwängt in eine Zelle: Jens Harzer im Bühnenbild von Hansjörg Hartung © Jörg Brüggemann

Regisseur Oliver Reese und Bühnenbildner Hansjörg Hartung haben es dem solistischen Wanderer durch dieses Tal nun nicht eben einfacher gemacht. Auf wahrscheinlich kaum zwei mal zwei Metern Grundfläche erhebt sich ein schachtartiges Gebilde. Wie aus einem offenen Tabernakel reicht Jens Harzer darin die schwarzen Hostien dieses Abends dar, seine Mitspieler sind Hocker, Plastiktüte, ein Stück Kreide. Man denkt natürlich an die Zelle Oscar Wildes, aber auch an Menschenzoos, Ausstellungsvitrinen und heutige politische Gefangene in Isolationshaft. Ein Entwurf, so monströs wie konsequent. Und einer, der doch erhebliche Zwiespalte mit sich bringt.

Auf der Streckbank

Alles nämlich wirkt in diesem Zwinger wie unter dem Vergrößerungsglas. Im Guten: Jens Harzer spielt den Autor als Vorläufer einer Kafka-Figur mit Schlips und dunklem Anzug. Ein aufgekratzter Prokurist der eigenen, nach einer Neuauslegung verlangenden Biografie. Es bleibt unverändert ein süchtig machender Vorgang, wie dieser Schauspieler sich und uns Texte transparent zu machen versteht. Wie er momentweise fast aus dem Tritt zu kommen scheint, sich tatsächlich aber genau neben einen Satz stellt, um dessen rätselhafte Zeichen noch beim Sprechen verdutzt anzuschauen. Wort um Wort, als ginge ihm all das just eben zum ersten Mal durch den Kopf, während die Hände jene schönen Bewegungen unsicherer Redner vollführen, die ihre selbstgebauten Wortschlaufen in der Luft mitzeichnen. Das Premierenpublikum wird Harzer dafür am Ende fest und lautstark ins Herz schließen.

De Profundis 4 C Joerg Brueggemann uVor gläsernen Wänden: Jens Harzer im Kostüm von Elina Schnizler © Jörg Brüggemann

"Alles muss ich aus mir selbst holen", lautet mit Oscar Wilde auch die mehrmals wiederholte, individualistische Beschwörungsformel. Als Theater wird sie – das ist die Kehrseite des Lupeneffekts in dieser erbarmungslos verengten Setzung – aber eben auch als einsame, strapaziöse Arbeit sichtbar, der entschieden ein milderndes, wenigstens perspektivierendes Gegenüber fehlt. Einmal beißt Harzer sich die Pulsadern auf, kratzt in der blutigen Wunde. Ein Apfel wird am Stuhl zermantscht, ein kleiner Vogel aus der Plastiktüte gezogen und verspeist. Es wirkt, als schlage sich hier ein Schmerzensmann zwei Stunden lang und von aller Welt verlassen an gläsernen Wänden den Schädel wund. Zuschauen erwünscht, helfen verboten. Das Solo als Streckbank-Performance. Wer kann das schon (er)tragen?

Leiden wie Jesus Christus

Vermutlich ist das alles aber gar kein Vergehen an einem Text, der die eigene Verwundung, Bloßstellung und Züchtigung als Chance auf – heute würde man wohl sagen – posttraumatisches Wachstum sublimiert. Geistig fühlte sich Oscar Wilde bei seiner Haftentlassung, die er gesundheitlich schwer angeschlagen nur um wenige Jahre überlebte, nämlich erneuert. Gar wie Jesus Christus wolle er fortan das Leiden als etwas "an sich Schönes und Heiliges" begreifen. Niemand wird behaupten können, dass dieser Abend ihm darin nicht gefolgt wäre.

De Profundis
von Oscar Wilde
Deutsch von Mirko Bonné, Fassung von Oliver Reese
Regie: Oliver Reese, Bühne: Hansjörg Hartung, Kostüme: Elina Schnizler, Musik: Jörg Gollasch, Licht: Steffen Heinke, Dramaturgie: Johannes Nölting.
Mit: Jens Harzer.
Premiere am 6. September 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.berliner-ensemble.de

Kritikenrundschau

"Das Publikum jubelt, die Menschen in Parkett erheben sich. Ein Triumph!" So berichtet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (7.9.2025) und schließt sich dem Jubel an: "Die Inszenierung von BE-Intendant Oliver Reese gibt sich äußerst sparsam in ihren Mitteln und Effekten. (…) Jens Harzer und Oliver Reese setzen alles auf das Wort. Es ist ja fast eine Sensation, einen Abend lang sich auf die Sprache, das Gesprochene konzentrieren zu können. Harzer trifft den hohen Ton, segelt auf einer Klagemelodie ins Offene, in einer Tonalität, die man in einer griechischen Tragödie erwarten würde, früher jedenfalls."

Harzer spiele "so fiebrig wie analytisch klar – kein Star, der souverän seine reichen schauspielerischen Mittel vorführt (obwohl Harzer das natürlich auch macht), sondern ein Schauspieler, der bei der Seelendurchleuchtung seiner Figur mit atemberaubender Durchlässigkeit und zum Zerreißen gespannten Nerven ins Risiko geht", zeigt sich Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (8.9.2025) fasziniert. "Die kostbare Sprachbehandlung, die fein nuancierten oder abrupt kippenden Gefühlszustände, der Rückzug nach innen, die Sehnsucht, die Explosion der Bitterkeit und das somnambule Wegträumen, das sind hier nicht so sehr Virtuositätsdemonstrationen, sondern lauter Anläufe, Wilde von innen heraus zu verstehen und zum Leuchten zu bringen."

Das "Berliner Premierenpublikum begrüßt seinen Neuzugang glücklich staunend wie einen zu ihnen herabgestürzten Engel", berichtet Simon Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.9.2025) und widmet sich empathisch dem Spiel des Solisten: "Souverän zutraulich, nicht verzweifelt spricht Harzer dem eingesperrten Dichter aus der Seele, die Augen kneift er dabei angestrengt zu, mal, um sich zu konzentrieren, mal, um sich zu erinnern an all die Bilder der gemeinsam verbrachten Zeit (…)."

Etwas reservierter bleibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (8.9.2025): "Zweifellos ist das das Interessante dieses durchaus besonderen, aber auch sehr vorhersehbaren Erfolgsabends: dass Harzer Wildes Text gegen sich selbst zerrt und wendet. Und trotzdem hängt dieser funkelnde Nervenakt so solipsistisch im Hier und Jetzt, wie die kleine Kammerbühne in der dunklen Luft."

"Drastisch reduzierte Mittel, Minimalismus pur", sah Peter Zander für die Berliner Morgenpost (8.9.2025) und würdigt den Solisten: "Was für eine Rolle. Was für ein Ritt. Was für ein Textkonvolut. Und was für eine Aufgabe, diesen zu stemmen und zunehmend aus sich herauszupressen. Dafür wird Harzer nach erschöpfenden 100 Minuten zu recht frenetisch gefeiert. Mehr als ein geglückter Einstand. Ein fulminanter Triumph."

Einen Schauspieler, der "märtyrerhaft vor uns leidet auf der Bühne", sah Tobi Müller für "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (6.9.2025). Die Darstellung von Jens Harzer warf für ihn Fragen auf: "Was ist eigentlich virtuoses Schauspiel?" Harzer changiere, spreche den Text mitunter wie frisch gefunden ("Das ist natürlich die hohe Schule"), mitunter aber auch, als lerne er den Text gerade auswendig. "Ich gucke einem Schauspieler zu, der mit diesem Text ringt, und einem, der ihn gestalten will." Und Müller setzt Fragezeichen: "Ob das dann wirklich gutes Schauspiel ist, ist genauso Glaubenssache wie das, was Oscar Wilde in seinem Brief versucht zu erzählen."

Kommentare  
De Profundis, Berlin: Kunstfertig und mit Längen
Die für Oscar Wilde-Stücke so charakteristische Ironie und Spottlust wird man in diesem „De Profundis“-Brief vergeblich suchen. Er konzentriert sich auf die zerbrochene Liebe, die wütende Anklage und den tiefen Schmerz. In der gekürzten Theater-Fassung ist dieser Eindruck noch stärker, da die essayistischen Ausführungen zur Kunsttheorie weitgehend gestrichen sind.

Mit seinem unverkennbaren sanften, melodischen Singsang setzt Harzer zunächst noch in völliger Dunkelheit zu seiner Abrechnung mit dem Ex an. Langsam gibt Steffen Heinkes Lichtregie den Blick auf Hansjörg Hartungs Bühne frei. Der Protagonist steht in einem schmalen Kasten, der seine Gefängniszelle symbolisiert, und konfrontiert das Publikum mit seinem fast zweistündigen Lamento.

Anders als z.B. Lina Beckmann in ihrem „Laios“-Solo wechselt Jens Harzer nicht zwischen den Figuren und auch kaum zwischen den Gefühlslagen. Der stille Schmerz wird zwischendurch verzweifelter und wütender, weicht wieder resignativen und abgeklärten Momenten. Aber während der kompletten fast zwei Stunden bleibt der Text bei der einen Perspektive des gequälten, ins Gefängnis verstoßenen, seiner Liebe beraubten Dichters, der vom Dandy zum Häftling abstürzte.

Trotz aller Kunstfertigkeit hat das deutliche Längen. Der Kopf eines prominenten Vordermanns senkte sich mehrfach minutenlang für ein Nickerchen, bis er wieder hochschreckte. Szenisch bleibt der Monolog minimalistisch, Harzer konzentriert sich ganz auf das Wort, bis auf den Biss in einen Plastik-Vogel oder eine Farbtube, die sich der Star in die Haare schmiert, soll nichts von der Schmerzens-Arie ablenken.

Vor allem einige ältere Zuschauerinnen sprangen begeistert zum Schlussapplaus auf. Nach und nach, anfangs noch zögernd, erhob sich auch der ganz überwiegende Rest des Saals zu einem langen Applaus-Bad, das der Intendant und sein neuer Star sichtlich genossen.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/09/07/de-profundis-berliner-ensemble-kritik/
De Profundis, Berlin: Sprachgenie
Ich habe die Vorstellung am Sonntag kurzfristig sehen können. Einfach Sensationell war Jens Harzer als Wilde. Sehr beklemmend in diesem Gefängnis. Intensiv und ausgeliefert. Ein absolutes Sprachgenie. Herzlich Willkommen in Berlin, wir freuen uns sehr.
De Profundis, Berlin: Tapetenwechsel
Ich konnte Jens Harzer viele Jahre in Hamburg bewundern. Hier war er in den letzten Jahren leider etwas unterfordert. Aber ein Tapetenwechsel scheint auch sich künstlerisch auszuzahlen, wenn man der Kritik in der Zeit und Ihren Zeilen hier glauben darf. Ein Berlin Besuch scheint sich offenbar zu lohnen.
De Profundis, Berlin: Herausragend, aber ...
Jens Harzer ragt heraus. Aber was genau erzählt uns dieser Text (auf der Bühne)?
De Profundis, Berlin: Kritiken
Es gibt übrigens noch weitere Kritiken für Ihre Rundschau in "Die Welt", im Rbb oder in der "Zeit".
De Profundis, Berlin: Ratlos leiden
Ich mag Jens Harzer sehr und habe mich über sein nunmehriges Engagement in Berlin sehr gefreut. Dieser Abend lässt mich allerdings ratlos zurück. Das liegt nicht an Jens Harzer, es ist auch nicht die Inszenierung selbst. Es ist der vor allem der Text. Nun bin ich wahrlich kein Kenner des Werks von Oskar Wilde. Und somit musste ich mich ein wenig einlesen, die Literaturgeschichte spricht von einem der bewegendsten Liebesbriefe derselben.

Ich sehe also ein sehr langes Klagelied - eines alten Liebenden, über den Abschied/Verlust/Verrat des sehr viel jüngeren Geliebten. Ein Drehen und Wenden, immer und immer wieder. Was will dieser Text - darüber hinaus? Warum wird dieser Text auf die Bühne gebracht? 2025. Keine Ahnung. Mir bleibt er gänzlich fremd, ich finde keinerlei Zugang, von jeglichen Mitleiden gar nicht zu reden. Ein außerordentlich ermüdender Abend.

Bleibt die Frage, wie würde man mit solcher Literatur verfahren, sie einordnen und wertschätzen, handelte es sich statt des sehr viel Jüngeren Geliebten um eine Geliebte?
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