Das Arschloch als Sympathieträger

27. September 2025. Ayad Akhtars well made play über einen mit stattlicher Hybris gesegneten Literaturnobelpreisträger, der sich an fremder Humankreativität ebenso bedient wie an Künstlicher Intelligenz, wird zurzeit landauf, landab gespielt. András Dömötörs Inszenierung am Berliner DT ist nun in einer ganz spezifischen Weise zeitgemäß. 

Von Sophie Diesselhorst

"Der Fall McNeal" in der Regie von András Dömötör am DT Berlin © Thomas Aurin

27. September 2025. Theater und Künstliche Intelligenz, das ist schon eine reizvolle Kombination. Denn die KI wirkt im Kontext einer Theaterinszenierung ja tatsächlich, anders als im Alltag, den sie schon komplett durchdrungen hat, immer noch so herrlich künstlich. So dass die Lacher aus dem Publikum beinahe erleichtert klingen, als gleich zu Beginn der Inszenierung "Der Fall McNeal" im Deutschen Theater Berlin ChatGPT konsultiert wird. Normalerweise stellt man solche Suchanfragen in vermeintlicher Privatheit an seinem Endgerät, hier wird's vor Zeugen groß ans Portal projiziert: Wer wird der nächste Literaturnobelpreisträger?

Da wird auch schon Ulrich Matthes auf der Drehbühne herbeigedreht, und der Zombiedackelblick, mit dem er als Jacob McNeal aus der Wäsche guckt, ist unverwechselbar. Kein Hologramm könnte so gucken! The real Matthes fragt also ChatGPT weiter nach möglichen Kandidaten und stellt schließlich die eigentliche Frage nach den Chancen auf einen Literaturnobelpreis-Gewinn seiner eigenen Person. Und da klingelt auch schon das Telefon, es ist Stockholm, herzlichen Glückwunsch.

Gut gepromptet

Wenn man dem Theaterhitproduzenten Ayad Akhtar ("Geächtet") eines lassen muss: Das Prinzip Verdichtung beherrscht er meisterlich – oder er hat die KI, die er beim Schreiben nach eigenen Angaben durchaus zu Rate gezogen hat, sehr gut gepromptet. "Der Fall McNeal" schreitet temporeich voran, fast gleichzeitig mit dem Nobelpreis kommt die Diagnose, dass McNeal demnächst an Leberversagen sterben wird (Alkohol), es kommt im Folgenden zu mehreren Zweierszenen mit McNeals Agentin, einer Journalistin, einer ehemaligen Geliebten und seinem Sohn.

Die Szenen dienen vor allem der raschen Informationsvermittlung, wir besichtigen Ereignisse aus McNeals Biografie, die immer wieder geschickt in ein neues Licht gerückt werden. Hat McNeals Frau sich umgebracht, weil er ihren Roman nicht mochte, oder weil sie herausgefunden hat, dass er sich in eine andere verliebt hatte? Es ist komplex. Ulrich Matthes kostet alle Nuancen aus und macht das Arschloch für knapp zwei Stunden zum Sympathieträger.

Der Fall McNeal 2Thomas AurinVater und Sohn: Ulrich Matthes als Jacob und Andri Schenardi als Harlan McNeal © Thomas Aurin

Die Frauen im Stück sind entweder tot oder fasziniert von McNeal. Kann sein, dass wir uns bei Akhtar eigentlich im Kopf des Protagonisten befinden, aber Regisseur András Dömötör breitet das Szenario so realistisch aus, als gäbe es die Frauen wirklich so. Sie dürfen McNeal durchaus in Frage stellen – müssen sie ja, als bodenständige, patente, fürsorgliche Wesen, die sie im Grunde alle sind. Aber das Wasser kann ihm keine von ihnen reichen (er trinkt sowieso nur Bourbon, obwohl seine Agentin ihn ihm immer wegnimmt!). Die einzige, die es versucht hat – seine Frau, die sich anmaßte, selbst ein Buch zu schreiben – ist verrückt geworden oder war's schon vorher. Die Inszenierung hat, wie schon Dömötörs "Das Dinner", einen äußerst unangenehmen frauenfeindlichen Unterton.

Über die Lüge zur Wahrheit 

Passt natürlich zur Mission: Hand in Hand schreiten Autor und Regisseur zur Ehrenrettung des Alten Weißen Mannes, der es schelmenhaft aufnimmt mit der neuen Gottheit und sich zum Schluss von ihr (im Stil des Schlussmonologs von Prospero in Shakespeares "Sturm") die letzten Worte schreiben lässt, in denen er sich nochmal ganz ungebrochen präsentiert als Verfechter einer Literatur, die über die Lüge zur Wahrheit weist. Er selbst scheint immer noch daran zu glauben, dass er eine Orientierung hat. Und weil er in den vorigen Szenen so schön zum Unbequeme-Wahrheiten-Aussprecher hochstilisiert wurde, nimmt man ihm dieses Selbstvertrauen ab, obwohl man ja eigentlich weiß, dass er sich durch Alkohol und Lebenslügen längst so gründlich den Realitätsboden unter den Füßen weggezogen hat, dass die KI da gar nicht mehr viel mehr kaputtmachen konnte.

Von der Fast-Alles-Wisserin zur Pointenlieferantin

So wird sie dann auch im Laufe der Inszenierung von der charmanten Fast-Alles-Wisserin zur Pointenlieferantin reduziert und ist zunehmend vor allem für visuelle Effekte zuständig in Form von Bildergewittern, die zum Beispiel einmal einen peinlichen Traum von McNeal illustrieren, oder Realitäts-Glitches, wenn sein Sohn ihm droht, ihn auffliegen zu lassen (McNeal gibt Texte seiner toten Frau als seine aus) und die Bücherregale im holzgetäfelten rustikalen Wohnzimmer auf einmal komisch flackern.

Es ist ein unterhaltsamer, nicht besonders erkenntnisreicher Abend im Deutschen Theater, ganz zeitgemäß in seiner unreflektierten Bias, die ja auch ein großes Problem der (von weißen Männern gemachten) KI ist.

Der Fall McNeal
von Ayad Akhtar
Deutsch von Daniel Kehlmann
Regie: András Dömötör, Bühne: Julia Plickat, Ann-Christine Müller, Kostüm: Almut Eppinger, Musik: Tamás Matkó, Video: Zsombor Czeglédi, Licht: Matthias Vogel, Dramaturgie: Karla Mäder.
Mit: Ulrich Matthes, Julia Gräfner, Anja Schneider, Andri Schenardi, Mercy Dorcas Otieno, Evamaria Salcher, Veniamin Itskovich (Live-Kamera).
Premiere am 26. September 2025
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de


Kritikenrundschau

Ulrich Matthes gebe zwar "alles, um den Zynismus Jacobs … aufzubrechen und auch Liebesbedürfnis und Todesangst unterzubringen", doch stets lande das Stück "wieder beim Boulevard", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (27.9.2025). Die Inszenierung halte sich "in funktionaler Künstlichkeit" zurück. "Brillant umgesetzte Störungen lassen das Geschehen virtuell und vom echten Leben unterscheidbar erscheinen." Das vermittelt dem Kritiker "das beruhigende Gefühl, nur ein KI-Produkt vorgesetzt bekommen zu haben".

"Ulrich Matthes dabei zusehen, wie er einen narzisstischen Künstler-Kotzbrocken in der Lebenskrise spielt, ist natürlich ein Vergnügen – schon, weil Matthes ein unbedingt gerechter Schauspieler ist, der sich nie über seine Figuren lustig machen würde", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (29.9.2025). “Leider hat McNeal nicht nur das Glück, am Deutschen Theater von Ulrich Matthes gespielt zu werden. Er hat auch das Pech, eine Erfindung des amerikanischen Erfolgsdramatikers Ayad Akthar zu sein." Die Figuren in dessen neuem Stück seien “nicht viel mehr als Klischees, Thesen-Verkörperungen und Plot-Dienstleister", so Laudenbach. “Dem kann selbst Ulrich Mathes nur mühsam und um den Preis der Unschärfe und Charakterfigur-Vortäuschung den Anschein von Bühnenleben einhauchen. Die anderen Figuren, McNeals coole Agentin (Anja Schneider), sein überdrehter Sohn (Andri Schenardi) oder seine Ex-Geliebte (Evamaria Salcher) treten in András Dömötörs arg schwerfälliger Regie als flach gezeichnete Karikaturen vom Problemboulevard auf."

“Ein solches well made play schreibt hierzulande niemand", schreibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (29.9.2025). “Die Bühnen sind gut beraten, sich danach umzuschauen, das Geschichtenerzählen soll man nicht den elektronischen Medien überlassen." Auch wenn sich das Stück am Deutschen Theater zu well abspule. “Die Regie folgt brav dem Text, es gibt keine Atempause, die Szenen starten von null auf Hundert durch, jedes Mal derselbe Rhythmus." Immerhin: „Der Fall McNeal“ sei ein Angebot an einen großen Schauspieler. “Ulrich Matthes nimmt es dankend an." 

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Fall McNeal, Berlin: Trendthema an dünner Suppe
Wenn ChatGPT einen Abend für Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel schreiben müsste, wäre das Ergebnis wohl ziemlich nah an dieser Theater-Premiere: In kompakten knapp 100 Minuten bekommt sie ganz, ganz viel von ihrem Lieblingsschauspieler Ulrich Matthes zu sehen. Er fehlt in keiner der sieben Szenen, in dem ihm wechselnde Stichwortgeber an die Seite gestellt werden. Dazu kommt noch eine große Prise Naturwissenschaft und Computer-Technologie, die den ansonsten zu dünnsuppigen Stücktext über den Literaturbetrieb etwas bekömmlicher machen.

Matthes spielt den fiktiven, frisch mit dem Nobelpreis gekürten Starautor Jacob McNeal: im Original ein breitbeinig auftretendes, toxisches Ekelpaket, dessen Weg Leichen pflastern. Besser als zum feingliedrigen Star des Deutschen Theaters Berlin passt diese Rolle jedoch zu Joachim Meyerhoff, der im März in Jan Bosses deutschsprachiger Erstaufführung am Wiener Burgtheater auf der Bühne stand.

Hin und wieder werden Fragen angerissen, was ein Kunstwerk ausmache und ob die Maschinen, wenn man sie gut genug füttere, nicht auch ein Meisterwerk schaffen könnten, wie es Shakespeare mit dem „Lear“ gelang.

Die Inszenierung bleibt in der Komfortzone stecken, da sie sich zu sehr auf die Zugkraft des Stars verlässt, der als narzisstischer Stinkstiefel-Autor nicht ganz typgerecht besetzt ist, mit ein paar Häppchen zum Trendthema KI garniert.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2025/09/26/der-fall-mcneal-deutsches-theater-berlin-kritik
Fall McNeal, Berlin: Enttäuschend
Ein insgesamt enttäuschender Abend. Dömötör, nach wie vor mit dem „Biss“ eines Verwaltungsfachangestellten, verleiht der Inszenierung den Charme eines Stadttheaters, obschon der Text anderes hergäbe.
Unter Iris Laufenberg reiht sich an renommierter Adresse eine Plattitüde an die andere , gelegentlich von einem Ausreißer nach oben oder auch unten unterbrochen.
Ende offen.
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