Sprung in der Platte

15. Dezember 2024. Sie ist die unbestrittene Meisterin der Pointe. Ihre besten Inszenierungen vereinen schillernde Oberfläche und tiefen Abgrund. Jetzt taucht Yael Ronen in die deutsche Geschichte und reißt per Republikflucht eine Familie auseinander. Was macht das mit den Kindern – und den Zuschauer:innen?

Von Janis El-Bira

"Replay" von Yael Ronen an der Schaubühne © Ivan Kravtsov

15. Dezember 2024. Der Blick richtet sich wieder auf Deutschland. Nachdem vor gut zwei Monaten schon Robert Lepage an der Schaubühne 80 Jahre Geschichte zu einem fünfstündigen BRD-Märchen verschraubte, geht jetzt selbst die israelische Regisseurin und Dramatikerin Yael Ronen den weiten Weg zurück. Nicht 80, aber immerhin rund 40 Jahre überspannt die Handlung ihres neuesten Stücks.

Unheilvolle Leitmotivik

Vor allem aber beginnt Ronen gleich mal in jenem anderen Deutschland, das man am Kurfürstendamm (und erst recht in Lepages "Glaube, Geld, Krieg und Liebe") doch eher mit dem Fernglas als mit der Seele sucht, also in der DDR. Eine Operndiva (Ruth Rosenfeld) kehrt in den 80er Jahren nicht mehr von einem Bayreuth-Auftritt nach Dresden zurück und hinterlässt mit der Republikflucht eine junge Familie in existenzieller Bedrängnis. Der Vater (Renato Schuch) unterschreibt unter Zwang Scheidung und sozialistischen Treueschwur, die Töchter Luise (Carolin Haupt) und Lotte (Eva Meckbach) spalten sich in ihrer Nähe zum jeweils anderen Elternteil. 

Replay 2 CIvan Kravtsov uCarolin Haupt und Renato Schuch © Ivan Kravtsov

Damit dürfte Ronen zwar schon den bisherigen Saisonrekord in Sachen DDR-Bezug an der Schaubühne aufgestellt haben, mehr als ein späteres Wiederauftauchen der Motive von Ausbruch und Verrat bleibt vom alten Osten aber auch im Verlauf dieses Abends nicht übrig. Überhaupt ist "Replay" geradezu versessen auf unheilvolle Leitmotivik. Das erklärt schon ein Stand-Up-Prolog von Eva Meckbach zum Programm, gehe es im Folgenden doch um das Zyklische in Gesellschaft und individuellen Biographien: Dass also manche Erlebnisse in verwandelter Gestalt wiederzukehren scheinen wie die Jahreszeiten oder die Menstruation, nur leider nicht ganz so planbar.

Die Tonspur schiebt denn auch immer wieder die ersten Takte aus Bachs "Kunst der Fuge" vor sich her, deren Bedeutung als Ausweglosigkeitsmetapher viel später und etwas kurios in einem Ted Talk über den "Canon perpetuus" nur scheinbar erklärt wird – Musikwissenschaftler*innen dürfen hier nicht allzu pingelig sein.

Screwball-Verfinsterungen

Das klingt nun freilich alles sehr nach Schicksalsschwere und mit dem Schicksal hat's der Abend tatsächlich, nur ist er deshalb eben noch lange nicht schwer. Die Handlung, während der dieses "doppelte Lottchen" in Gestalt der beiden Töchter (Erich Kästners Buch – auch so ein Leitmotiv – geht von Hand zu Hand) erwachsen wird, die Liebe findet und verliert, formt Ronen zu einer ihrer unnachahmlich präzisen Screwball-Verfinsterungen aus knappen Szenen und kaustischen Dialogen. Kaum eine andere Dramatikerin heute kann die wörtliche Rede so auf Kante nähen, Sätze so panzerbrechend anspitzen. Dass Hollywood sie noch nicht zu Höherem verführt hat, bleibt ein Glück für das Theater.

Replay 3 CIvan Kravtsov uChristoph Gawenda und Carolin Haupt © Ivan Kravtsov

Naturgemäß braucht es dafür Menschen auf der Bühne, die dieses Tempo mitgehen können. Carolin Haupt ist so ein Mensch. Ihre minutenlangen Tobsuchtsanfälle als junge Luise, in denen sich die Geltungssucht der ungebeten ihre Wagner-Partien schmetternden Mutter spiegelt, sind genauso Momente für den Jahresrückblick wie später eine unendlich unangenehme Diskussion mit ihrem versoffenen Musiker-Ehemann Viktor (Christoph Gawenda) über die Kränkungen einer offenen Beziehung.

Haupts Luise ist eine theaterzauberhafte, warme Figur, der das kleine Mädchen vom Anfang noch als erwachsener, aus Enttäuschung und Schrecken geschliffener Frau eingeschrieben scheint. Sie ist das Herz eines Ensembles, dem überhaupt wenig Grenzen gesetzt scheinen. Toll, wie Ruth Rosenfeld die Geburtstagsfeier der Tochter zu ihrer eigenen macht. So schmerzlich dem Leben abgeschaut, wie Christoph Gawenda als Viktor eben noch alle seine Konzertverpflichtungen wegen Luises nahender Entbindung absagen will – und es im übernächsten Satz direkt wieder zurücknimmt.

Symbolgedöns

Sie alle sind so bestechend, dass man halbstundenweise glücklich vergisst, was man hier eigentlich serviert bekommt. "Replay" ist strenggenommen von einer so hochglanzpolierten Oberflächlichkeit, dass es passend gewesen wäre, der längst durchgelutschte Begriff des Netflix-Theaters wäre erst für ihn erfunden worden. Die These von der ewigen Wiederkehr der Geschichte(n) zwingt Ronens Inszenierung mitsamt Projektionen von Kreisen, Spiralen und anderem Symbolgedöns in Magda Willis schöner Rauminstallation derart besessen auf die gerade Bahn, dass man sie fast schon wieder glauben möchte.

Dabei ist es doch Quatsch und redet Fatalisten das Wort, dass Geschichte kreisrund oder in "strange loops" verlaufen soll. Und wenn sich hier schließlich auch noch eine Kette von Suiziden zum identitätsstiftenden Verständnishorizont des Ganzen aufplustert, breitet der Kitsch schwarze Schwingen aus, gegen die kein Zauber wirkt.

Replay
von Yael Ronen
In einer Übersetzung von Irina Szodruch
Regie: Yael Ronen, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Amit Epstein, Musik: Yaniv Fridel / Ofer (OJ) Shabi, Video: Stefano Di Buduo, Licht: James Farncombe, Dramaturgie: Nils Haarmann / Irina Szodruch.
Mit: Christoph Gawenda, Carolin Haupt, Eva Meckbach, Ruth Rosenfeld, Renato Schuch.
Uraufführung am 14. Dezember 2024
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schaubuehne.de 

Kritikenrundschau

"Anders als sonst bei Yael Ronen struggeln die Figuren nicht mit ihren Bestimmungen und Bedingungen und brechen in keine Seelenslapsticks aus, um sich vergebens ihre Handlungsfreiheit zu beweisen", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (16.12.2024). "In 'Replay' wird das Schicksal einfach sauber durchparodiert und runtergetanzt."

Man tauche schnell ein in Ronens Handlung, "wird mitgerissen, wie in einen Film oder eine Serie", schreibt Sophia Zessnik in der taz (16.12.2024). "Zuweilen wird es etwas albern und effekthascherisch. Doch dem Publikum scheint es zu gefallen, immer wieder wird laut gelacht, trotz der eigentlichen Tragik der Geschichte. (...) Laut der Zyklustheorie von William Strauss und Neil Howe, auf die sich Ronen stützt, steht der Winter für den Zusammenbruch, aber auch für Transformation. Ob für Letztere in 'Replay' keine Zeit mehr war – oder kein Budget? –, fragt man sich etwas ratlos am Ende."

Einen "merkwürdigen und fürs Ronen-Œuvre eher unerwarteten Abend" hat Christine Wahl erlebt und schreibt im Tagesspiegel (16.12.2024): "So viel kruder Fatalismus war tatsächlich selten bei dieser Regisseurin – und so wenig Screwball-Comedy-Appeal ebenfalls." Lässige Pointen und die Begabung zur Selbstironie gehörten auch in „Replay" zum guten Ton. "Aber im Gegensatz zu den treffsicher böshumorigen und gerade deshalb in letzter Instanz so philanthropischen Schlagabtäuschen, die man von Ronens früherem Stückpersonal kennt, scheint der „Replay"-Cast von einem vergleichsweise feierlichen Willen zur großen neuen Erzählung ergriffen – für die Personal wie Phänomene allerdings viel zu grobkörnig an der Oberfläche bleiben."

"Yael Ronen schreibt perfekt pointierte Dialoge zwischen Screwball-Komödie und Seelen-Drama", sagt Barbara Behrendt im rbb Inforadio (16.12.2024). Den hinreißenden Schauspieler:innen und ihrem genauen realistischen Spiel sei es zu verdanken, dass man sich über weite Strecken in den bewegenden Geschichten der einzelnen Figuren verlieren könne. "Doch umso länger der Abend voranschreitet, umso flacher wirkt die küchenpsychologische These, die er platt tritt."

"Trotz der handwerklich mehr als gekonnten Aufführung und den auf gewaltigen Projektionswänden atmosphärisch vorüberziehenden Vogelschwärmen und schwarz-weißen Fraktal-Mustern im Nebel, trotz der wunderbaren Schauspieler und der düsteren Familiengeschichte zweier Schwestern, die der Abend erzählt, bleibt ein ziemlich unangenehmer Nachgeschmack", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (16.12.2024) und führt das auf das Buch "Die vierte Wende" zurück, das den Abend als Leitmotiv durchziehe und auch von Rechtpopulist*innen gefeiert werde. "Ronen verweist in einem Interview dankbar auf Howes und Strauss' Buch als Inspiration für ihr neues Stück. Das Programmheft der Schaubühne druckt unkommentiert Passagen daraus ab, als handelte es sich um eine ernst zu nehmende Wissenschaft und einen interessanten Erklärungsansatz. Um es höflich zu sagen: Bei der Wahl ihrer politischen Stichwortgeber war die Schaubühne auch schon mal zurechnungsfähiger."

Anders als die Autoren William Strauss und Neil Howe untersuche Yael Ronen nicht die großen staatlich-historischen Transformationen, sondern familiäre Geschehnisse, "das macht die Sache nicht besser", schreibt Irene Bazinger in der FAZ (17.12.2024). Die Handlung sei "nichts als saurer Kitsch, obwohl er voller Freude zelebriert wird". Dass die Aufführung trotz ihres anspruchslosen Diskurses über zwischenmenschliche Probleme nicht scheitere, liege an dem fabelhaften Ensemble der Schaubühne. Fazit: "Die ästhetisch konservative Inszenierung von Yael Ronen läuft in gediegener Übersichtlichkeit ab, lässt dem Ensemble aber genug Raum für atmosphärische Pointen."

 

 

Kommentare  
Replay, Berlin: Bebildertes Thesentheater
Das Erfolgsrezept von Yael Ronen ist es, gemeinsam mit ihrem Ensemble aus dem Steinbruch autobiographischer Erlebnisse Stückentwicklungen mit schwarzem Humor zu schreiben, in denen Realität und Fiktion verschwimmen. Nach ersten Erfolgen an der Schaubühne reifte die israelische Regisseurin zum Aushängeschild des Gorki Theaters.

In ihrem zweiten Stück nach der Rückkehr an die Schaubühne firmiert als alleinige Autorin, im Programmheft betont sie, dass es sich diesmal um eine „komplett erfundene Geschichte“ handele. Ausführlich erläutert sie im Interview, welche Texte und Themen sie umtrieben: mit transgenerationalen Traumata, die in Form von Familienaufstellungen psychoanalytisch bearbeitet werden, und dem populärwissenschaftlichen Bestseller „The Fourth Turning“ von William Strauss/Neil Howe aus dem Jahr 1997, die von einem ewigen Zyklus aus Aufstieg, Krise und Disruption in der US-amerikanischen Geschichte fabulierten.

Es kam, wie es kommen musste: Ronens „Replay“ missrät zum bebilderten Thesentheater. Wir folgen dem tragikomischen Schicksal einer Familie nach der Republikflucht einer überkandidelten Opern-Diva (Ruth Rosenfeld mit blonder, hochtoupierter 80er Jahre-Mähne und gewohnt tollen Sopran-Gesangseinlagen), die eine Einladung nach Bayreuth nutzt, um sich in die BRD abzusetzen.

Während herbstliche, schwarze Vogelschwärme in den Videosequenzen von Stefano di Buduo über die Bildschirme im Hintergrund kreisen, verdüstert sich auch die Lage für die Figuren. Die Mädchen, die anfangs als an Erich Kästners Kinderbuchklassiker „Das doppelte Lottchen“ angelehnt noch einige komödiantische Momente spielen dürfen, verkümmern im Erwachsenenalter zu papiernen Thesenträgerinnen, die immer wieder an denselben Typ Mann geraten (gespielt von Christoph Gawenda und Renato Schuch).

Aus dem Kopfschütteln kommt man nicht heraus, wenn man die langen „The Fourth Turning“-Passagen liest, die Ronen so stark beeindruckten. Auch bei größtem Wohlwollen fällt es schwer, freundlichere Adjektive als rbb-Kritikerin Barbara Behrendt dafür zu finden, die sie als „hanebüchen“ und „esoterisch“ bezeichnete. Die deutsche Übersetzung erschien im FinanzBuch Verlag, in dessen Sortiment sich noch weitere nicht nur umstrittene, sondern sehr fragwürdige Autoren tummeln.

Das davon inspirierte Theaterstück ähnelt trotz mancher komödiantischen Momente mehr den Texten der Schaubühnen-Chefdramaturgin Maja Zade als den früheren Ronen-Hits. Beide Autorinnen eint, dass sie ihre Figuren mit Schicksalsschwere überfrachten und die Figuren mehr Thesen oder Meinungen transportieren als lebendige Charaktere zu sein.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/12/15/replay-schaubuehne-kritik/
Replay, Berlin: These und Variationen
Das Stück kennt klare Rollen, die Aufführung eine klare Zuordnung der Schauspieler zu ihren Rollen. Ist es nicht mehr zeitgemäß, dies im Aushang und im Programmheft anzugeben? Angst vor dem Vorwurf, dass hier „konventionelles“ Theater gespielt wird? … nun ja, die These, alles wiederhole sich [früher hiess es Schicksal / Fluch, jetzt Zyklus], im Großen wie im Kleinen, wird hier durchgespielt, Verrat kommt in jeder Generation vor, sowie Selbstmord (versuch) … aber Ronen möchte auch die Zeitenläufe skizzieren, also muss es wie ein „Epos“, von der DDR bis heute gehen, irgendwie wird vieles (ein wenig oberflächlich) abgehackt; wenn schon Oper, dann gleich Brünnhilde in Bayreuth … immerhin lässt sie Szenen ausspielen (statt wie bei Bärfuss in Basel nur skizzieren), wenn auch ein wenig (dauer)aufgeregt … vielleicht ist es deshalb eher Unterhaltung … nicht schlimm … ein halber Lepage (von der Spieldauer her …) …
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