No More! White Money + Matrix Reinsurance - Sophiensaele Berlin
An den Grenzen des Geldes
8. November 2024. Über Finanzen spricht man nicht? In den Künsten derzeit schon. Weil Kürzungen anstehen, aber auch weil Multikrisen von Krieg bis Klimawandel Pläne und Kalkulationen zerschreddern. In Berlin dealen zwei Kollektive mit der neuen Unberechenbarkeit.
Von Christian Rakow
Flinn Works & Afra Tafri Creations mit "No More! White Money" an den Sophiensaelen Berlin © Paul Holdsworth
8. November 2024. Die Zeiten des billigen russischen Gases, das Wirtschaft und Wohlstand antrieb und auch die pralle Kunstförderung möglich gemacht hat, sind vorbei. Ab jetzt wird gekürzt: bei der Kultur zuerst, und bei den Asylanten. So sagt es Ada Mukhina in den Sophiensaelen, in "No More! White Money" von Flinn Works & Afra Tafri Creations.
Und Recht hat sie, weit über den Abend hinaus. Die Krise dauert, die Geldnot drückt. Das Thema durchzieht die Theaterarbeiten der freien Szene in diesen Tagen (die allesamt nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine entworfen und beantragt wurden). Vor Wochenfrist verscherbelten She She Pop in "Bullshit" am HAU das Theaterinventar. Freilich noch eher symbolisch, für schlappe 4,99 Euro das Stück. Bei Flinn Works & Afra Tafri Creations jetzt an den Sophiensaelen geht's mehr ans Eingemachte, also an die dicken Scheine im Portemonnaie oder auch an die Paypal-Überweisung.
Ran an die dicken Scheine
Wie viel ist euch das Kunstwerk wert? Mit dieser Frage rücken die Performer*innen ihrem Publikum auf die Pelle. Konzeptionell geht es an diesem Abend um die Macht der Kunstförderung (im internationalen Austausch). Ein nigerianisches "Tutùọlà"-Kulturinstitut soll unterstützt werden, dessen Existenz und Profil gleichwohl etwas nebulös bleibt. Der globale Norden wird vom bunten Team (aus Deutschland, Indien, Russland, Nigeria und den Niederlanden) für seinen kolonialen Reichtum angezählt. Aber so richtig in die Tiefe dringen sie nicht vor (anders als in der mir noch bestens erinnerlichen Tansania-Studie "Maji Maji Flava"). Man umkreist das eigene Dilemma: Für Kunst ist Geld nötig, klaro, aber dieses weiße Geld ist halt gar nicht blütenweiß, sondern durch Ausbeutung kontaminiert. Daher das vieldeutig durchgestrichene "No" im Stücktitel: Mehr weißes Geld her! Oder, ach …
Mäzenatentum trifft Kostenkontrolle
Immerhin das zentrale Experiment mit dem Publikum klappt verblüffend gut: Die Leute auf den Rängen rücken bereitwillig Geldscheine raus, die Abhishek Thapar alsbald in einem Mixer schreddert und zu dickem Papierbrei vermanscht. Anschließend plättet und bügelt er die Masse so lange, bis ein frisches Blatt Papier entsteht. Und dieses umgewertete Objekt wird in ein Begleitbuch zur Inszenierung geklebt, nebst Essays und weiteren Kunstwerken. Im Finale bieten sie dieses Buch auf einer Auktion feil.
Aus Geld wird Kunst: Flinn Works & Afra Tafri Creations © Paul Holdsworth
Ein landläufiges Vorurteil besagt ja, dass in der freien Szene eher arme Poeten und junge Performancekunststudent*innen anzutreffen sind, bei denen der Rubel jetzt nicht wie irre rollt. Aber in der munteren Kreislaufwirtschaft dieses Abends kamen geschlagene 365 Euro zusammen. Bei insgesamt nur etwa 60 Zuschauer*innen im Saal. Respekt (oder eher "respect", denn die Show läuft komplett auf Englisch). Da wurde der eingangs ausgegebene Aufruf "Die Kunst loszulassen!" wahrlich ernst genommen. Zwischendrin verbreitete Ada Mukhina als eine Art running gag in grüner Arbeitskluft diverse Energiesparempfehlungen fürs Theater und rechnete etwa die Watt-Zahlen und Leistungsverluste der Scheinwerfer in den Sophiensaelen durch. Ein Hauch von Antithese: Mäzenatische Subventionsspiele treffen auf die Komödie der Kostenkontrolle.
Policen machen Politik
Eine ganze Ecke instruktiver geht es in "Matrix Reinsurance" von Markus&Markus zu, das zwei Stockwerke höher Premiere feierte. Auf einer riesigen Videoleinwand wird Blockbuster-Atmosphäre in den kleinen Studioraum gepumpt (mit ihrem Stück setzen Markus&Markus ihre mehrteilige Serie zu dem Wachowski-Filmklassiker "The Matrix" fort). Dann wird es ruhiger, und die Protagonisten heben zu launigen Vorträgen an: Markus Schäfer und Markus Schmans nehmen uns als Performer in eigener Sache (gerüstet mit Textbuch in der Hand) hinein in ihre Recherchen zum Business der Rückversicherungen (englisch reinsurance).
Tiefenbohrung im Rückversicherungs-Business: Markus&Markus © Gedvile Tamošiūnaitė
Firmen vom Schlage Munich Re, Swiss Re oder Hannover Rück (die weltgrößten Rückversicherer sitzen tatsächlich alle in Europa) finanzieren lokale Versicherungen wie die Allianz gegen und tragen deren Ausfallrisiken. Sie kalkulieren globale Schadenswahrscheinlichkeiten und unterlegen sie mit verbrieftem Kapital. Und mit dieser Praxis bestimmen sie mit, was Staaten an Großinvestitionen möglich ist: nämlich das Versicherbare. "Politik wird von den Rückversicherern gemacht", heißt es einmal, "nicht in den Parlamenten, sondern in den Policen."
Klimawandel cancelt Kalkulation
Markus&Markus bereiten ihre Gespräche mit Vertreter*innen der Branche wie in einem Agentenkrimi auf (offenbar war es schwierig, überhaupt Auskunftswillige zu finden). Die Expertinnen und Experten erscheinen im Videoscreen als Computerspiel-Avatare und sprechen mit gestelzter Präzision über ihr Reich der Statistiken und Gauß'schen Kurven. Mitunter fallen memorable Sätze: "Unser Glück ist es, mit dem Unglück anderer Geld zu verdienen." Für Filmfans flechten Markus&Markus zahlreiche Anspielungen auf die "Matrix"-Filme ein, und zum Höhepunkt wird aufaddiert, welche Millionen-Kosten der legendäre Sturm aufs FBI-Gebäude durch Neo und Trinity verursacht hat.
"Matrix Reinsurance" ist ein gewitzter, kluger und dringlicher Abend. Denn mit dem Klimawandel wächst die Zahl und Intensität der Katastrophen, brechen Hurrikans, Fluten und Feuersbrünste über die Menschen und ihre Versicherer herein. Das System der Kalküle gerät ins Wanken. "Wir kommen an die Grenzen der Versicherbarkeit", heißt es im Finale. So aufgeklärt und unsentimental sprach lange kein Abend über die Klimakrise.
No More! White Money
von Flinn Works & Afra Tafri Creations
Konzept, Performance: Aderemi Adegbite, Anuja Ghosalkar, Konradin Kunze, Ada Mukhina, Sophia Stepf, Abhishek Thapar
Technische Leitung Berlin: Susana Alonso, Technik Niederlande: Ester Bernart, Produktionsleitung Berlin: Marit Buchmeier, Lisanne Grotz / xplus3 Produktionsbüro, Energiepolitische Beratung: Mathias Drücker, PR Niederlande: Mara Noto, Produzent Niederlande: Job Rietvelt, Hospitanz Berlin: Shreyan Saraswat, Produktionsleitung Niederlande: Jueliette Talakua, Künstlerische Mitarbeit Berlin: Maja Zagórska.
Premiere am 6. November 2024
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
Koproduktion von Sophiensæle, Grand Theatre Groningen, Nirdigantha, Oerol Festival, City Residency Arnhem
Matrix Reinsurance
von Markus&Markus Theaterkollektiv
Konzept, Umsetzung: Lara-Joy Bues, Katarina Eckold, Markus Schäfer, Markus Schmans, Bühne, Kostüm: Clara Hertel, Lichtdesign: Anahí Pérez, Vermittlung: Daria Bertram.
Premiere am 7. November 2024
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
sophiensaele.com
Kritikenrundschau
Von einem "erhellenden und bizarr unterhaltsamen Abend" berichtet Patrick Wildermann angesichts von "Matrix Reinsurance" im Tagesspiegel (8.11.2024, €). Die Performer Markus Schäfer und Markus Schmans hangelten sich assoziativ am Plot des Sciencefiction-Klassikers "Matrix" von 1999 entlang und erforschten "einen Kosmos der schwindelerregenden Metriken", so der Kritiker. "Immer wieder treten im Video auch Mitarbeitende von Rückversicherungen auf, die natürlich anonym bleiben wollen und deshalb zu Avataren gemacht wurden."
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