Späti Paradies - Neue Bühne Senftenberg
Hier bin ich Mensch, hier geh' ich rein
7. Dezember 2025. Sie heißen Maik, Andi oder Rosi – und haben wenigstens noch diesen einen Ort: In Senftenberg wird ein Spätverkauf zum sozio-subkulturellen Zentrum. Autorin Juliane Hendes und Regisseur Mirko Böttcher gelingt ein sensibler Kommentar auf Einsamkeit und die letzten Nester des Zusammenhalts.
Von Michael Bartsch
"Späti Paradies" von Juliane Hendes an der Neuen Bühne Senftenberg © Steffen Rasche
7. Dezember 2025. Das Bundesfamilien- und Jugendministerium, nein, die komplette Bundesregierung einschließlich der Ostbeauftragten, besser noch der gesamte Bundestag sollten zu einem Besuch der Neuen Bühne Senftenberg verurteilt werden. So sie sich erkenntnisfähig zeigen, würden sie vermutlich selbst in Gelächter ausbrechen ob ihrer vollmundig erklärten "Allianz gegen Einsamkeit". Genau wie zahlreiche Besucher mit "Osterfahrung" beim Auftragswerk "Späti Paradies" – schließlich gab und gibt es ja noch ein paar dieser Orte, an denen ein zunehmend verdrängtes Milieu zusammenkommt. Nur nicht dort, wo die Politik sie erwartet.
Mit Süchten und Sehnsüchten
Der heutige "Späti" nämlich darf nicht nur als Nachfolger der DDR-Spätverkaufsstellen oder der fast verschwundenen Tante-Emma-Läden gelten. Er erfüllt heute eine ähnliche Funktion wie die Stampen damals, die beispielsweise der Dresdner Volksmund "Fresswürfel" oder "Zum dreckigen Löffel" nannte. In unserer abstraktionsverliebten Zeit sind sie am treffendsten wohl als Mikrozentren gesellschaftlichen Zusammenhalts zu bezeichnen.
Auch heute jagt man nicht nur mal schnell am Sonntag in die Nische, um wie im Theatertext das vergessene Stück Butter zu beschaffen. Man kommt hierher, um zumindest einige tausend Augenblicke zu verweilen, um Rituale zu pflegen. Wenn der krumme Maik (Roland Kurzweg) in Mütze und Regenmantel ins "Späti Paradies" hereinschlurft, seine zwei Bierbüchsen erwirbt und am nickenden Piepmatz-Automaten die gespendete Zigarette hinter das Ohr steckt, hat auch er seine stumme Szene. Hier gibt es keine Asozialen, sondern lebendige Menschen mit Süchten und Sehnsüchten, sperrig, limitiert in ihrer Ahnung vom Glück, sich im Krach und der Enttäuschung noch geliebt fühlend.
Der Spätiverkäufer als Sozialtherapeut
Rosi (Catharina Struwe) etwa, seit 27 Jahren trocken, war dennoch nie glücklicher als in ihrer Suff-Zeit. Die Späti-Gäste haben richtige Biografien und nicht nur Bewerbungs-Lebensläufe, haben sich folglich zu Typen ausgewachsen, die das durchweg hochmotivierte Ensemble expressionistisch zeichnet. Der Späti ist für sie der nicht strategisch, sondern intuitiv gesuchte Ort gegen Einsamkeit. Sogar der motivierende Ort des Aufbruchs in die entbehrte Nähe und Gemeinschaft, wie der sich wöchentlich neu fernverliebende Postbote Theo (Tom Bartels) vorführt. "Das ist keine Kundschaft, das ist Martin!", interveniert Ladeninhaber Andi (Janus Torp) zugunsten eines bei der Jobsuche glücklosen Stammgastes (Matthias Manz).
In Olesia Golovachs Späti-Bühne gibt's keine Klassenschranken © Steffen Rasche
Dieser Andi folgt seiner Lebensaufgabe wie ein Sozialtherapeut. Jeder darf anschreiben lassen, jeder verdient Zuwendung, dies ist ein Raum des Seins und nicht des Habens, und es ist keine Todsünde wie in Brechts "Mahagonny", kein Geld zu besitzen. Pikant oder sogar infam erscheint die von Autorin Juliane Hendes verlegte Zündschnur, dass es in der Vergangenheit wohl eine Liebesbeziehung zwischen Andi und der schönen Marleen gab. Die taucht wie eine überirdische Muse oder die siebente böse Dornröschen-Fee regelmäßig in einem roten Abendkleid auf. Und wird zugleich zur Richterin über dieses "Paradies", wie Andi seinen Späti genannt hat. Denn ihr gehört die angeblich baufällige Immobilie, und sie will sie abreißen lassen.
Genau getroffene Lausitz- und Ostmentalitäten
Die 1987 in Rostock geborene und aufgewachsene Juliane Hendes hat das Milieu hinreißend sympathisch und zugleich ironisch kritisch gezeichnet. Zur Premiere am Nikolaustag konnte man Rucksack und Rute gleichermaßen beobachten. Sie hat zwar meist in Düsseldorf gearbeitet, nach Ansprache durch den Senftenberger Intendanten Daniel Ris ist dies ihre erste große Ost-Arbeit. Wie genau sie die Stimmung in der Lausitz trifft, wo eben unter den heute so idyllisch aussehenden Braunkohletagebauseen "das große Loch war, das uns Arbeit gegeben hat", zeugt von Talent und Empathie. Dieser Späti ist ein Spiegelkabinett der ostdeutschen Transformationsgesellschaft.
Richterin über das Späti-Paradies: Lena Conrad als Marleen © Steffen Rasche
Der Späti auf der Bühne in anfänglich schlichter Außensicht erweist sich als flexibel umbaubares Fertigteilhaus, das immer wieder den Blick ins Innenleben eröffnet. Zur Fülle der Regieeinfälle, die für eine geradezu antizyklisch heitere Grundstimmung sorgen, zählt beispielsweise das Ertönen des Hallelujah aus Händels "Messias" bei jeder Türöffnung. Rituale eben. Hinten, an der Flachdachkante, die plötzlich doch wie eine Kanzel wirkt, kommt es gelegentlich zu Disputationen des Volkes. "Die haben gesagt, dass alles besser wird!" Eine einzige Unstimmigkeit schleicht sich ein: Die ausschließlich englische Musikauswahl meist der 1990er passt nicht zum "Milljöh". Aber Roland Kaiser oder Helene Fischer hätten sich dramaturgisch vermutlich auch schwerer integrieren lassen.
Es bleibt die Ermunterung nicht nur für Regierungsberliner, sich um Karten für die Senftenberger Studiobühne zu bemühen. Immerhin schließt das Stück optimistisch-fatalistisch: Stammkunde Martin lädt nach Abriss des Spätis wöchentlich zum Salon ein. Denn "es geht immer irgendwie weiter".
Späti Paradies
von Juliane Hendes
Regie: Mirko Böttcher, Bühne und Kostüme: Olesia Golovach, Dramaturgie: Karoline Felsmann.
Mit: Janus Torp, Catharina Struwe, Tom Bartels, Lena Conrad, Matthias Manz, Roland Kurzweg.
Uraufführung am 6. Dezember 2025
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
www.theater-senftenberg.de
Kritikenrundschau
Juliane Hendes "trifft mit ihrer deutlichen Sprache und der zurückeroberten Deutungshoheit der eigenen Geschichte den Nerv der Zuschauer", schreibt Ida Kretzschmar in der Lausitzer Rundschau (8.12.2025). Der Abend entwickele sich zu einer "bewegenden Geschichte mit viel Wahrheit, Wagemut und Wortwitz. Die Zuschauer bringt sie immer wieder zum Lachen – und den Akteuren Beifall ohne Ende. Wie von selbst entsteht eine Alternative zu dem Verlorenen und im intimen Studio ein lange vermisstes Gemeinschaftsgefühl. Da steckt viel Kitt drin, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten, die auseinanderdriftet."
Eine "Tragikomödie" mit Menschen, die "echte Transformationswunden" haben und herzeigen, hat Georg Kasch für "Fazit“ auf Deutschlandfunk Kultur (6.12.2025) gesehen. Es sei "angenehm konkretes, menschenfreundliches Theater". Die Inszenierung sei "magischer Realismus" mit "Schwung"; sie nehme die Figuren dabei "sehr ernst" und biete ein starkes Ensemble auf.
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