Die Lage ist festgefahren

13. April 2026. Endspiel forever? Nicht unbedingt. In György Kurtágs Operneinakter nach Samuel Beckett findet mindestens eine Figur unter der Regie von David Marton einen Ausweg – wenn auch keinen guten.

Von Jürgen Reuß

"Fin de Partie" in der Regie von David Marton am Theater Basel © Ingo Höhn

13. April 2026. In einem Brief an das Basler Publikum und Theater bedauert Komponist György Kurtág, der kürzlich seinen hundertsten Geburtstag feierte, dass er aufgrund seines Alters nicht persönlich zur Premiere seiner einzigen Oper auf der Großen Bühne erscheinen kann. "'Fin de partie' ist das Ergebnis eines langen Weges, der mich seit mehr als 60 Jahren mit der Welt Samuel Becketts verbindet", schreibt er aus Budapest. Mit 85 Jahren begann er, an "Fin de partie" zu arbeiten, bei der Uraufführung an der Mailänder Scala war er 93. Und nun fällt die Schweizer Erstaufführung auch noch auf den Tag, an dem Europas dienstältester Apokalyptiker an der Spitze eines Staates grandios abgewählt wurde.

Apokalypse en miniature

Insofern ist es vielleicht eine freundliche Fügung, dass Bühnen- und Kostümbildner Márton Ágh das Basler Endspiel unter der Regie von David Marton aus dem Beckett'schen klaustrophobischen Unterschlupf mit zwei Fenstern herausgeholt hat, aus denen nach der Apokalypse nichts mehr zu sehen ist. Die Bühne ist eher eine heruntergekommene Dachlandschaft, die nach hinten den Blick auf ein durchaus lebendig wirkendes Stadtpanorama öffnet, über das gelegentlich auch projizierte Vogelscharen flattern. Und wenn das Bühnenlicht angeht, ist das wie ein Tagesanbruch. Die Apokalypse, die hier stattgefunden hat, muss wohl eine kleinere, auf die beteiligten Personage bezogene Dimension gehabt haben.

Fin de Partie 2 CIngo Hoehn uApokalypse mit Ausblick: Nathan Berg, Ursula Hesse von den Steinen und Ronan Caillet auf Márton Ághs Bühne © Ingo Höhn

Das passt auch zur zwar werkgetreuen, aber eher auf eine familiäre Deutung zugeschnittenen Textauswahl, die Kurtág für seine Oper gewählt hat und die durch den Prolog sogar noch eine tendenziell helle Vorgeschichte bekommt, in der die "Mutter" Nell (Ursula Hesse von den Steinen) auf den Dachfirsten balancierend Becketts Gedicht "Roundelay" über den Klang von Fußspuren am Strand vorträgt. Während "Sohn" Clov geschäftig über die Bühne wuselt und nostalgisch in alten Fotos und Dias wühlt, die er später auch projiziert, taucht der blinde Hamm (Nathan Berg) – als "Vater" und "Sohn" Zwischenglied der Genrationen – aus einem Lumpenberg auf und thront fortan herrisch auf seinem Sofa über der Figurenkonstellation.

Im Endspiel nichts Neues

Wie eng dieses Personal aneinandergekoppelt ist, zeigt der schöne Einfall, "(Groß-)Vater" Nagg (Ronan Caillet) und "(Groß-)Mutter" Nell als Köpfe neben ihm aus den Polstern auftauchen zu lassen. Dass diese sich in diesem Endspiel nichts Neues zu erzählen haben und Zuhören durch Versprechen auf Pralinen erkauft werden muss, betont der weitgehende Verzicht Kurtágs auf die dialogischen Parts aus Becketts Vorlage. Die Lage ist festgefahren, außer Clov bewegt sich niemand, mit Ausnahme von Nell, die anders als in der Vorlage nicht einfach zu atmen aufhört, sondern vom Dachfirst springt. Kein schöner, aber immerhin ein Ausweg.

Fin de Partie 1 CIngo Hoehn uStatik mit wechselnder Personnage: Nathan Berg als Hamm und Michael Borth als Clov in David Martons Inszenierung © Ingo Höhn

Überhaupt ist die Statik in dieser Oper auf Positionen verteilt, die Personen können wechseln. Wenn am Ende Hamm seinen Diener-Sohn Clov entlässt, verschwindet nicht er, sondern Hamm in seinem Sofa. Und zur Verdeutlichung, dass Clov der neue Hamm wird, kommt über die Dachfirste zum Schluss noch ein kleiner Junge hereinspaziert. Das Elend in diesem Endspiel ist nicht die Apokalypse der Menschheit, sondern die zu auswegloser Wiederholung verdammte Vererbung privaten menschlichen Elends.

Wimmelbild des Elends

Die Musik bietet dazu einen interessanten Kontrast. Jede einzelne Note scheint in diesem Wimmelbild des Elends auf Entdeckungsreise zu gehen. Ein perkussive Pointierung hier, eine ungewohnte Klangfärbung da, mal einzeln akzentuierte Instrumente, dann Instrumentengruppen, von Gábor Káli hervorragend mit dem Sinfonieorchester umgesetzt. Beste Grundlage für die Gesangseinsätze des sehr guten Sangesquartetts von Bassbariton Berg, Bariton Borth, Mezzosopran Hesse von den Steinen und Tenor Caillet, darüber auch mal zu brummen, zu kichern oder rezitativ zu monologisieren, in der Sicherheit von der Partitur nie in Monotonie versenkt zu werden. Eine sehr ansprechende Gesamtleistung unter der Regie von David Marton.

Fin de partie
von György Kurtág nach Samuel Beckett
Musikalische Leitung: Gábor Káli, Regie: David Marton, Bühne und Kostüme: Márton Ágh, Lichtdesign: Thomas Kleinstück, Dramaturgie: Elise Boch.
Mit: Nathan Berg, Michael Borth, Ursula Hesse von den Steinen, Ronan Caillet, Sinfonieorchester Basel und Statisterie Theater Basel.
Premiere am 12. April 2026
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theater-basel.ch

Kritikenrundschau

"Eine solche Produktion funktioniert in der Deutschschweiz wohl nur in Basel: Eine Oper ohne Chöre und bekannte Gassenhauer, keine Romanze und keine Geschichte, ja eigentlich Musiktheater ohne Handlung mit nur vier Protagonisten", so Peter König in der Baz Basel (14.4.2026). Beckett wie Kurtág geben sehr genau vor, wie das Bühnenbild auszusehen hätte. Marton und Ágh weichen bewusst davon ab. "Die sorgfältige Regie von David Marton führt die vier Personen wie an der Hand, überlässt nichts dem Zufall und bringt die vielen Facetten der Charaktere gut zur Geltung." Fazit: "Es ist fast nicht möglich, diese reichhaltige Oper in nur einem Besuch begreifen zu wollen. Es ist viel und viel aufs Mal – das aber von ausgesuchter Qualität." 

Das Theater Basel sorgte nun für die überfällige Schweizer Erstaufführung des Stücks "– und ließ en passant die dafür eigentlich prädestinierten Operntanker in Genf oder Zürich ziemlich mutlos wirken", so Christian Wildenhagen in der NZZ (14.4.2026). In Basel spiegele die Oper nun gewissermassen die Folgen wider, "die das Wirken und Wüten solcher Herrschertypen wie Trump in der Welt hinterlässt". Bei dem ungarischen Regisseur David Marton spiele das Stück nicht in Becketts abstraktem Innenraum, sondern auf der Terrasse eines nicht fertiggestellten Hochhauses. Die Botschaft des Abends: "In extremen Momenten bestimmen nicht Nützlichkeitserwägungen den Wert eines Menschen; was zählt, ist dessen Zuneigung. Kurtágs Oper entlässt uns mit diesem schlichten, aber wirkmächtigen Gedanken in den Abend."  

Kommentare  
Fin de Partie, Basel: Dienstälterer in Belarus
Bei aller Sympathie für die Aussage zum Ausgang der gestrigen Ungarn-Wahl, es gibt den noch dienstälteren Lukaschenko in Weißrussland, der nach wie vor an der Spitze eines europäischen Staates firmiert und sich noch nicht einmal um soetwas wie eine Abwahl schert.
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